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nicht im Stande waren, sie zu beantworten. Um die geeigneten Organe zu schaffen, muss man Cardinalfragen finden nnd genau wissen, von welchem arbeitsfähigen Organ man sie beantwortet haben will. Unsere Gesellschaft wolle sich deshalb auf diese Frage concentriren. Wenn die Vorschläge vielleicht auch noch ntopisch sind, so kann doch die Forderung nach Errichtung geeigneter Organe gestellt werden; die zu fordernden Ausgaben dürfen nicht abschreckend wirken. Eine Zweckmässigkeitsfrage ist die nach der Combination der am ersten zu fordernden Sanitäts-Ansprüche. Als einer der ersten drängt sich eine geordnete Leichenschau in den Vordergrund; jeder Bundesstaat könnte genöthigt werden, diese einzuführen; haben wir erst eine statistische Notiz über jeden Todesfall, so lassen sich an die Leichenschauer auch noch andere statistische Anforderungen stellen; man könnte sie als unabhängige Beamte hinstellen und als eine Art ärztlichen Beirath consolidiren.

Herr Hirsch: Das Reichskanzler - Amt wird gern Vorschläge aus unserer Mitte entgegennehmen, was von

Herrn Meitzen bestätigt wird. Es sind auf diese Anregung schon wichtige Dinge zum Beschluss erhoben worden. Die ans dem Publicum gestellten Ansprüche haben grosse Berücksichtigung gefunden.

Herr Hirsch: Demnach frage ich Herrn Meitzen, ob er eine hierher zielende Vorlage bearbeiten will?

Herr Meitzen: Ja.

Herr Müller: Die Todtenschau ist ein unerlässliches Mittel für die Mortalitätsstatistik; sie ist aber verlässlich nur durch den behandelnden Arzt; man kann sonst nichts über Krankheit und Todesursache erfahren. Die Fortschritte in der Mortalitäts-Statistik scheitern an dem Mangel behandelnder Aerzte.

Herr Hirsch: Dies kann ich aus den Erfahrungen meiner Reise in Preussen zum Zweck der Ermittelung der Meningitis bestätigen. Die Kirchenbücher sind ganz unzuverlässig.

Herr Müller: So unzuverlässig, dass man Wassersucht als Wasserscheu in einem Kirchenbuche längere Zeit geführt hat.

Herr Meitzen: Die Leichenschau muss angemessen honorirt werden.

Herr Eulenberg: In Stettin ist früher stets eine ärztliche Leichenschau gehandhabt worden. Man hat dieselbe wegen vieler Unbequemkeiten abgeschafft und den Berliner Todtenschein eingeführt. Nur Berlin Königsberg, Danzig, Breslau, Potsdam haben die Einrichtung der Todtenscheine. — In Sachsen sind die Leichenschauer aus den Leichenwäscherinnen hervorgegangen und die letzteren als Leichenschauer auf dem Lande noch durch ein Gesetz von 1871 bestätigt worden. — Man mache den Anfang einer Mortalitäts-Statistik mit Städten von über 5000 Einwohnern und halte sich an das Erreichbare.

Herr Meitzen: Wenn ein sicherer Todtenschein nur durch den behandelnden Arzt zu erhalten ist, so ist das Verlangen nach einer Mortalitäts-Statistik fast illusorisch.

Herr Müller: Die Todtenscheine der anderen Aerzte stehen nicht sicherer da, als die Leichendiagnose der Prediger: etc.

Herr Kanzow: Es haben sogar fremde Aerzte Todtenscheine für noch Lebende ausgestellt. — Man sollte trotzdem Schemata ähnlich unseren Todtenscheinen überall ausfüllen lassen.

Herr Meitzen: In Baden ist die Todtenschau consequent durchgeführt; Todtengräber und Barbiere besorgen sie. Der statistische Nutzen ist allerdings sehr fraglich. — —

Schliesslich fragt Herr Hirsch Herrn Sonnenschein, ob dieser über Trink- oder Flusswässer aus Weichselmünde, die durch Rieselwasser verunreinigt sein sollten, Untersuchungen angestellt habe?

Herr Sonnenschein verneint dies. Die Regierung hat nur acht verschiedene Wassersorten mit unbestimmten Bezeichnungen zugeschickt, deren Untersuchungsresultate ich mittheilen werde.

Herr Hirsch: Es knüpfen sich diese Untersuchungen wohl an die Frage nach Cholera-hnfection in Weichselmünde.

(Sitzung vom 21. April 1874.)

Herr Börner:

„Ueber die amtliche Stellung und den Wirkungskreis des Medical Officer of Health in England."

Der Redner leitet seinen Vortrag durch einige Bemerkungen darüber ein, dass aller Orten und überall über die Fragen der öffentlichen Gesundheitspflege zur Zeit discutirt werde. Es lasse sich aber nicht leugnen, dass man von einer Vereinbarung selbst über die Fundamentalfragen sich ferner befinde als je vorher. Es fehle insbesondere zu sehr an bestimmten Vorschlägen, so dass die Debatten der Gefahr nicht entgingen, durch ihre Allgemeinheit feste Resultate zu verhindern. Es sei erforderlich, die Vorschläge aus dieser allgemeinen Sphäre zu erheben und womöglich in Form von Gesetzen bestimmte Organisationen vorzuschlagen. Ohne diesen Weg einzuschlagen werden Missverständnisse nicht ausbleiben, beruht doch nach der Ansicht des Vortragenden die bekannte Differenz zwischen Virchow und Varrentrapp wesentlich auf einem solchen Missverständniss. Virchow's Forderung war an sich keine ungerechte, während Varrentrapp andererseits sich auf den bisherigen Gang der Reichsgesetzgebung berufen konnte, der es unzweifelhaft nicht geschadet hat, dass sie keineswegs sofort alle Details feststellte, vielmehr sehr Vieles der weiteren Entwicklung überliess. Es sind in dieser Beziehung z. B. die Gesetze über das Eisenbahnwesen, die Freizügigkeit, den Impfzwang u. s. w. hervorzuheben. Wenn bei letzterer Gelegenheit der Präsident des Reichskanzler-Amtes, Herr Delbrück, sich mit einer gewissen Emphase dagegen verwahrte, als solle durch die Einrichtung eines ReichsGesundheits - Amtes eine neue bureaukratische Zwischenbehörde geschaffen werden, so beruhte das auf einem an dieser Stelle schwer erklärbaren Missverständnisse, da in der That bei den Petitionen um ein solches Amt nichts Anders verlangt und vorausgesetzt wurde, als was auf anderen Gebieten längst besteht, nämlich die Einrichtung einer Centralbehörde, der die Vorbereitung der Gesetze obliegt und die für eine Reihe von Angelegenheiten als höchste Beschwerde-Instanz zu fungiren und die Organisation der medicinischen Statistik zu leiten hat.

Aehnlichen Missverständnissen begegnet man bei den Communen. Sie halten ihre Selbstbestimmung, ihr Selfgovernment für gefährdet, besonders dann, wenn die Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege nicht lediglich von ihnen abhängig gemacht wird. Die vermittelnde Stellang, welche ein Theil der Hygieiniker einnimmt, indem sie ein besonderes Gewicht auf die Schöpfung von Ortsgesundheitsräthen mit weiten Befugnissen legen, erklärt sich aas diesem Misstrauen. Unter allen Umständen können derartige Differenzen nur noch mehr dahin führen, dass allerseits die Notwendigkeit klar wird, für die gesammte Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege zu einer umfassenden, gesetzlich festgestellten Basis zu gelangen. Dio stückweise Gesetzgebung, zu der wir in Deutschland augenblicklich gezwangen sind, bringt vor Allem den Uebelstand mit sich, dass selbst das schon Erreichte immer wieder in Frage gestellt werden kann. Immer von Neuem werden Fragen der öffentlichen Gesundheitspflege ihres doch wesentlich technischen Charakters entkleidet und zum Spiel des Parteigetriebes gemacht. Uebrigens besteht das Bedürfniss einer durchgreifenden Regelung der öffentlichen Gesundheitspflege keineswegs nur für die grossen Städte, wie häufig vorausgesetzt wird. Der Reisebericht des Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. Hirsch, aus der Weichselgegend enthüllt in dieser Beziehung ganz unerhörte Zustande, die einer Abhülfe auf das Dringendste bedürftig sind, einer Abhülfe, die nur möglich ist, wenn der Staat selbst sie in die Hand nimmt. Um nun zu einer sicheren Stellung diesen Missverständnissen gegenüber und zu einem festen Plan zu gelangen, ist es vor Allem nothwendig, festzustellen, welche Einrichtungen für die öffentliche Gesundheitspflege bei uns getroffen sind, dann aber auch, wie sich das Ausland in dieser Beziehung verhält. Gerade letzteres ist von besonderer Wichtigkeit, will man zu einem objectiven Urtheile gelangen. Dabei wäre es nun im höchsten Grade wünschenswerth, könnte man über die allgemeineren Umrisse hinausgehen und die Wirksamkeit der Gesundheitsbeamten, die ganze Praxis der betreffenden Gesetzgebung im Einzelnen kennen lernen. Nach dieser Richtung hin sind besonders lehrreich natürlich die Erfahrungen über die untersten Stufen der Gesundheitsbeamten. Denn auch bei uns wird die Schwierigkeit einer verständigen Regelung der öffentlichen Gesundheitspflege viel weniger darin liegen, wie die oberen Instanzen und Behörden sich ausbilden, sondern ungleich mehr in der Aufgabe, die unteren Beamten in den Organismas der Behörden and der Organe der Selbstregierung einzufügen. Man wird, was das Ausland anbetrifft, die vorwiegende Exemplification auf England für gerechtfertigt halten müssen, weil die Entwicklung dort bekanntlich von langer Zeit her datirt and weil sie ans auch insofern am sympathischsten ist, als sie wesentlich auf der Grundlage der Selbstregierung sich aufgebaut hat. Zu diesem Zweck soll über den Medical Officer of Health ge

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sprechen werden, and zwar mit möglichstem Eingehen auf die Details seiner Stellung und seiner Thätigkeit. Schon Sander und Varrentrapp haben in dieser Beziehung sehr werthvolle Beiträge geliefert, indessen handelt es sich bei ihnen um besonders hervorragende Persönlichkeiten, um exceptionelle Verhältnisse, die schwerlich geeignet sind, einen Durchschnittsmassstab zu geben. Indessen es ist unmöglich, ein vollständigeres Verständniss der Thätigkeit auch nur des Medical Officer of Health zu bekommen, wenn man nicht die allgemeinen Grundsätze, nach denen die öffentliche Gesundheitspflege sich entwickelt hat, wenigstens in kurzen Zügen sich klar macht. Die drei Culturvölkcr Europas vertreten in der öffentlichen Gesundheitspflege, wie L. von Stein, dessen allgemeinen Ausführungen demnächst gefolgt werden soll, hervorhebt, ihrer sonstigen Richtung entsprechend im Grossen und Ganzen die drei verschiedenen Systeme, nach denen jene gehandhabt wurde, England, Frankreich und Deutschland. Auch in dieser Beziehung ist kein grösserer Gegensatz zu denken, als der zwischen England und Frankreich. Ueberall freilich hat sich das öffentliche Recht des Gesundheitswesens aus der Annahme des Grundsatzes entwickelt, „dass das Gesammtinteresse eine Begrenzung der individuellen Freiheit in Bezug auf alles dasjenige fordert, was auf die öffentliche Gesundheit Einfluss hat."

Erst später dringt die Ueberzeugung durch, dass diese Negation nicht genügt, „dass die allgemeine Gesundheit positiver Anstalten bedarf, welche nur der Staat herstellen kann." Die Bestimmungen darüber gehören dann gleichfalls dem öffentlichen Recht an. Die Entwicklung geschieht, indem sich die öffentliche Gesundheitspflege trennt von der Jurisprudenz, die Sanitätswissenschaft von der gerichtlichen Medicin. Ausgangspunkt war die letztere durchweg, indem bei ihr zuerst der Gedanke zur Geltung kam, dass die Verwaltung der medicinischen Wissenschaft auch für ihre Aufgaben bedürfe, und das öffentliche Recht des Gesundheitswesens beginnt nicht mit dem Sanitätswesen, sondern dem Medicinalwesen, mit den Arztund Apotheker-Ordnungen, mit der rechtlichen Organisation des Heilwesens und ihrer Aufnahme in das System der Verwaltung oder der Polizei, und aus dieser Gesetzgebung gehen die grossen Polizei-Ordnungen des vorigen Jahrhunderts hervor, „mit der Grundvorstellung, dass die Function des Heilpersonals eine amtliche und öffentliche sei", so die preussische von 1725 und die österreichische von 1770, während gleichzeitig die Abtrennung der forensischen Medicin schon durch Polizei-Bemerk verlangt wird. — Lange freilich dauert auf dem Continent in der neuen Rechtsbildung die Beschränkung auf das Heilwesen fort, und erst das 19. Jahrhundert hat dem Wesen nach den grossen Fortschritt gethan, dass auch das zweite Gebiet in das Verwaltungsrecht aufgenommen wird. Dazu kommt neben dem Antheil, den die Fortschritte der Medicin gerade für die viel grössere Werthschätzung der öffentlichen Gesundheitspflege hatten, dass sich auch der Staatsverwaltung immer unabweisbarer die Ueberzeugung aufdrängt, „dass die Gesundheitszustände der verschiedenen Stände miteinander in gegenseitig bedingendem Verhältniss stehen, dass keine Gesundheit der höheren Klassen ohne eine Gesundheit der niederen bestehe." Die Idee der Identität aller Interessen der gesellschaftlichen Ordnungen und Zustände bricht sich auch hier Bahn, und gerade im Gesundheitswesen wird am ersten und klarsten in der Sorge für die niederen Klassen der Schutz der höheren erkannt.

Man giebt die Versuche der Codifikation auch auf dem Continent auf und widmet sich der Gesetzgebung über die einzelnen Gebiete. Bald indessen bethätigt es sich als wahr, „dass namentlich in der Gesundheitspflege sich die besten Gesetze nicht selber vollziehen", sondern ihren Werth erst in der energischen Mitwirkung der Selbstverwaltung finden.

Was nun Frankreich anbetrifft, so bemerkt Stein mit Recht, dass von einer allgemeinen ärztlichen Bildung dort nicht die Rede ist und dass seine ganze innere Entwickelung eine wahre Selbstverwaltung nicht hat aufkommen lassen. Allerdings besitzt Frankreich auch in gesundheitspolizeilicher Beziehung bedeutende Specialitäten und vermöge des Einflusses dieser Spitzen der Medicin wird das Gesundheitswesen als ein notwendiger und organischer Theil der Staatsverwaltung anerkannt. Aber das öffentliche Gesundheitsrecht ist fast wesentlich Recht der Maires, denen berathende Commissions sanitaires zur Seite stehen. Die Theilnahme der Aerzte ist ausnahmsweise. Ebenso steht dem Präfekten das Conseil d'hygiene zur Seite, — einberufen werden jene wie diese nach dem Ermessen der Behörden. Natürlich steht dem Ministerium ebenfalls eine Commission consultative d'hygiene de France zur Seite ohne Macht, von der man wenig hört, während die Commission des logements insalubres (Paris) facultativ für das ganze Land mehr geleistet hat. Die Symmetrie des Planes, sagt die englische Untersuchungs-Commission, ist gefasst, „aber er versagt in der Praxis, weil er einzig und allein auf der Centralgewalt beruht und gänzlich des Geistes entbehrt, welcher allein lokale Energie und nationales Leben schafft", und es fehlt den Räthen jedes Gefühl der Verantwortlichkeit. Der Charakter der das Gesundheitswesen betreffenden Gesetze ist daher durchgreifend der der Vorschriften für Beamtete, wie die Gesundheitspflege lediglich die Ausführung derselben. Dabei besteht eine durchgreifende Verschmelzung von medecine legale und hygiene publique in der Literatur. Die strenge Beziehung der forensischen Gesetzgebung auf die amtliche Function ist besonders hervorzuheben.

Indem ich Italien, das, allerdings mit vielen Verbesserungen, auf dem Boden des französischen Systems steht, die Schweiz, Holland, Belgien und die vereinigten Staaten, welche die Gesundheitspflege auf die Gemeindefreiheit zu basiren bestrebt sind, nur nenne, gehe ich sofort auf England über, mit dem Vorbehalt, wenn es die Zeit erlaubt, zum Schlusse noch die deutschen und speciell preussischen Verhältnisse zu berühren.

Es ist Ihnen Allen bekannt, einen wie grossen Einfluss auch auf diesem Gebiete die innere Entwickelung Englands auf Deutschland ausgeübt hat. Seit der ältere Vincke die Selbstverwaltung dort für uns gewissermassen entdeckte, hat man dahin geblickt als dem Paradiese innerer Freiheit und selbstständiger Entwickelung, — doch war wenig Verständniss

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