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Mit Recht übt man daher in Amerika wieder strengere Massregeln. Leider habe ich die gegenwärtigen dortigen Quarantainegesetze nicht erhalten können, doch entnehme ich aus den mündlichen Mittheilungen eines Capitains der in New-York mit seinem Auswandererschiffe eine Cholera-Quarantaine überstanden Folgendes: Nach der Visitation durch den Arzt werden die Kranken ins Lazareth geschafft, während die sämmtlichen Gesunden auf Deck ihre Effecten selbst waschen und lüften mussten, um dann einer längeren Quarantaine zu unterliegen, die auch für das Schiff selbst eintrat.

In der That kann auch beim gegenwärtigen Stande unseres Wissens eine Cholera-Quarantaine nur dann mit einiger Sicherheit etwas leisten, wenn sie mutatis mutandis in ähnlicher Weise gehandhabt wird, wie wir es bei den Gelbfieber-Quarantainen kennen gelernt haben. Die wesentlichen Unterschiede beider liegen darin, dass ausser bei einzelnen Schiffen auf denen es wirklich zu einer Cholera - Epidemie gekommen bei dieser Krankheit die Sorge für das Schiff und die Waaren geringer sein kann, während die Menschen und deren Effecten eine viel gründlichere (tägliche Examination nach Diarrhoekranken) und längere Beobachtung erfordern.

Selbstverständlich ist dies nur möglich in Häfen, deren Ankünfte eine längere Ueberfahrtsdauer hinter sich haben, wie z. B. in den amerikanischen, wo kein Schiff aus dem inficirten Europa eintrifft, das nicht eine mindestens 10 tägige Reise zurückgelegt hätte. Durch die Vorkommnisse während dieser Reise ist von vornherein selbst bei grossem Andrange eine gewisse Sichtung des Materials möglich gemacht und einer Ueberfüllung der Anstalten vorgebeugt, umsomehr da mit nur einzelnen Ausnahmen der Abhaltung der Quarantainen auf den Schiffen selbst keine Bedenken entgegenstehen.

Dass derartige Massregeln am Mittelmeer je allgemein ausführbar seien, um einer ähnlichen Ausbreitung der Krankheit durch den Schiffsverkehr wie im Jahre 1865 vorzubeugen, halte ich für unmöglich, dagegen wohl in Suez, und darf man hoffen, dass die Bemühungen die Wanderung der Krankheit schon hier zu unterbrechen vorkommenden Falls mit Erfolg gekrönt sein werden.

Sind aber jene unvollkommenen 10-, 5- und weniger tägigen Quarantainen ohne allen Werth? – Pettenkofer klagt, dass wir

mit denselben nutzlos Kräfte und Geld vergeuden, die besser für wissenschaftliche Forschung verwendet würden, und hofft von ihnen höchstens wissenschaftlichen, keinen praktischen Erfolg.

Nun hat gerade England, das so sehr allen Quarantainen abhold, neuerdings *) solche gegen Cholera eingeführt. Gerade dies Quarantaine - Gesetz müsste Pettenkofer’s Anschauungen ganz besonders entsprechen, da es alle Gesunden nach stattgehabter Revision sofort freigiebt, dagegen alle Effecten einer sehr strengen Behandlung resp. Vernichtung unterwirft. Sollte ein solcher Versuch nicht der Mühe werth sein?

Freilich stehen die englischen Gesetzgeber nicht auf Pettenkofer’schem Standpunkte, vielmehr gehen sie, wie auch die Gesetzgeber anderer Länder, von der Voraussetzung aus, dass der Mensch bei der Verschleppung betheiligt sei, und wie wir oben sahen mit vollem Rechte, sie sehen von Quarantainen für Personen nur ab, weil sie dieselben nicht würden durchführen können. Gewiss aber sind alle Pettenkofer dankbar, wenn er mit gewichtigen Gründen die Aufmerksamkeit auch auf andere Objecte als die Dejectionen und die mit diesen beschmutzten Effecten gelenkt hat.

Aus dieser Betrachtung ergiebt sich, dass wo Quarantainen für die Personen ausführbar sind, dieselben auch durchgeführt werden sollen. Freilich sind für die Dauer von 4, 6, 10 oder mehr Tagen nicht medicinische Gründe entscheidend, sondern ausschliesslich die Verkehrsverbältnisse des betreffenden Ortes.

Eine volle Sicherheit kann nur eine Quarantaine bieten, die die Incubationsdauer um einige Zeit übertrifft; mit jeder Verkürzung dieser Frist sinken im gleichen Verhältniss die Garantien für den Erfolg.

Zweifellos liegt nun aber der Misserfolg der meisten CholeraQuarantainen nicht in der zu grossen Kürze derselben, sondern darin, dass man zu sehr das Gift an den Leib der Personen gebunden erachtete, dass man durch eine blosse Zurückhaltung derselben (an einzelnen Orten sogar mit den Kranken) etwas zu erreichen hoffte.

Sollen diese abgekürzten Cholera-Quarantainen nicht zu einer

*) und allem Anschein nach nicht aus commercial reasons und nur ceremonial.

unnützen Quälerei des Publikums werden, dann sind folgende Forderungen unbedingt zu stellen:

Trennung der Gesunden und Kranken, tägliche Examination der Gesunden auf Diarrhoe, Desinfection aller Effecten der Verstorbenen, Kranken und Gesunden.

Das alles ist aber ohne grosse Apparate durchzuführen, um so leichter da bei uns in Europa keine Auswandererschiffe eintreffen, da bei unseren Entfernungen Schiffsepidemien nicht zu erwarten sind.

Gewiss bieten solche Einrichtungen manche Lücken. Wie will man sich zuverlässig davon unterrichten, ob nicht unter den Gesunden eine Zahl Diarrhoekranker sich befinde? wie will man eine wirksame Desinfection der Effecten Gesunder vornehmen? Wer einmal eine Räucherung an einem Cholera- oder RinderpestCordon durchgemacht hat wird eingestehen, dass dieselbe in der Regel nur für symbolisch gelten kann. Da werden die Kleider bis an den Hals zugeknöpft, Bart, Haupthaar und Ueberrock mit Chlorgestank erfüllt, während das Zeug dicht am Leibe, die Wäsche, der Schmutz unter den Füssen (bei Rinderpest!) vollständig unbetroffen bleibt. Darum braucht man aber mit Küchenmeister noch nicht gleich alles zu verbrennen, vielmehr scheint mir jene in New-York geübte Wäsche, resp. Lüftung der Effecten hinreichend zu sein, wenn selbst diese praktisch ausführbar ist.

Wer von den oben besprochenen Massregeln freilich Erfolge erwartet wie Amerika und Spanien sie für ihre Gelbfieber - Quarantainen aufweisen können, befindet sich im Irrthum. Aber ist es denn nicht schon ein Gewinn, wenn wir einer Stadt oder einem Lande auch nur auf ein Jahr die Cholera fern halten, wenn wir die Einschleppung in so späte Jahreszeit hinausschieben, dass der Ausbruch einer schweren Epidemie, der Fortschritt in der Wanderung der Seuche immer unwahrscheinlicher wird. Wir sind durch die immer häufigere Begegnung mit der Gefahr allmählich gleichgültiger gegen dieselbe geworden wie der Soldat in einem langdauernden Kriege, sollen darum aber die Berufenen nicht immer auf's Neue versuchen, die Gefahren abzuwenden wenn auch bisherige Versuche missglückten? Ich meine, dass gerade Pettenkofer’s neueste Forschungen uns manchen Wink geboten

hätten, es in Zukunft besser zu machen als bisher, dass fortgesetzte Cholera - Quarantainen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch praktische Erfolge versprechen.

Von sicheren Erfolgen bei den Cholera - wie bei allen anderen Quarantainen kann aber erst die Rede sein, wenn uns das betreffende Gift nach allen Seiten so bekannt ist, wie die Trichinen. Zu diesem Ziele würden wir aber meiner Ansicht nach sicherer gelangen durch Forschungen, die direct auf dieses Ziel gerichtet sind als durch Herbeischaffung immer neuer Daten für die Verbreitungsart der Krankheit, über ihr Verhalten in Quarantainen und auf Schiffen. Wir haben hiervon mehr Material als wir wissen. Nur die Herrschaft wechselnder theoretischer Anschauungen hat bald die eine, bald die andere Reihe der Beobachtungen der Vergessenheit anheim gegeben.

Will man aber dem Choleragifte auf den Grund kommen, so möge man endlich einmal anfangen anderwärts zu suchen als nur im Darm und in den Dejectionen, auch einmal andere Versuche anzustellen als die beständig wiederholten Thier’schen Experimente; Pettenkofer hat dazu ja Fingerzeige genug gegeben. Zwar hat der Wettlauf nach der Priorität, den „Cholerapilz“ gefunden zu haben, manch wunderbare Blasen aufgeworfen, aber dennoch kann ich nur von mit grösserer Sachkenntniss fortgesetzten Bestrebungen in dieser Richtung einen entscheidenden Fortschritt erwarten und damit feste rationelle Grundlagen für die CholeraQuarantainen.

Für die Cholera - Quarantainen gelten daher folgende Sätze:

1. Beim gegenwärtigen Stande unseres Wissens müssen vollkommene Cholera - Quarantainen die Gesunden bis zu 4 Wochen zurückhalten und mit einer Reinigung aller Effecten eventuell auch des Schiffes verbunden sein.

2. Solche Quarantainen können nur dort von Nutzen sein und durchgeführt werden, wo der Landweg keine schnellere Communication gestattet und der Verkehr eine solche Unterbrechung ertragen kann und möglich macht.

3. Demnach sind dieselben höchstens auf einigen Inseln möglich und an solchen Stellen, deren Lage eine Importation auf dem Landwege unmöglich macht, so in Suez, in Amerika etc., hier aber auch gerechtfertigt.

4. Alle abgekürzten Quarantainen können nur dann einige Aussicht auf Erfolg bieten, wenn mit denselben ausser der Zurückhaltung der Kranken eine Desinfection aller Effecten verbunden ist.

Die Pest. 1. Die Pest hat zur Zeit ihr endemisches Gebiet im Orient. Dasselbe ist anscheinend in Verkleinerung begriffen; doch ist die Meinung resp. die Hoffnung, dass dasselbe ausschliesslich auf Egypten bescbränkt sei, nicht bestätigt worden, da wir nach dem scheinbaren Erlöschen der Seuche im Jabre 1842 dieselbe 1858 in dem tunesischen Hafen Tripolis gesehen haben, 1867 in Mesopotamien eine schwere Epidemie erlebten, die schon seit 1856 an Ort und Stelle Vorläufer gezeigt hatte, im Jahre 1871 eine noch verheerendere Epidemie in Persien.

2. Die von der oben besprochenen Beulenpest wahrscheinlich verschiedene indische oder Pali. Pest bat ibr endemisches Gebiet an dem Südabhange des Himalaya und ist möglicherweise identisch mit dem schwarzen Tode, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Asien und Europa entvölkerte. Da jedoch diese Fragen noch nicht definitiv erledigt sind, beschränke ich mich in der Folge auf die Besprechung der ersteren um so mebr, da die Quarantaine - Massregeln vorkommenden Falles die gleichen sein würden.

3. Die Pest, die im Jabre 543 als „Justinianische Pest“ zum ersten Male Europa überzogen, hat in den folgenden Jahrtausenden in häufigen schweren langdauernden Epidemienzügen den Continent beimgesucht, bis dieselbe seit der Mitts des 17. Jahrhundert allmählich immer mehr auf ihr ursprüngliches endemisches Gebiet eingeschränkt worden.

In den Jabren 1720 und 1721 erschien dieselbe zum letzten Male in grösserer Ausdehnung im westlichen Europa in der Provence, während sie von der Türkei aus deren europäische Nachbarländer bis in die 30ger Jahre unseres Jahrhunderts bäufig besuchte. (1828 Siebenbürgen, 1834 Silistria, 1829 Griechenland, 1815 Malta, 1820 Noja in Italien, 1820 Majorka). In der europäischen und asiatischen Türkei und an den Meeres küsten Afrikas bis Algier (1837) hat sich die Krankheit bis 1842 gehalten.

4. In Egypten erlöschen die Epidemien regelmässig im Hochsommer, ebenso hat sich die Krankheit noch nie in die eigentlichen Tropen erstreckt. Andererseits hat dieselbe in Europa zu allen Jahreszeiten geherrscht. Wie es scheint, ist bei diesem verschiedenen Verhalten ein bestimmter Grad von Luftfeuchtigkeit entscheidend.

5. Die hygieinisch besser situirten Bevölkerungsklassen bleiben oft auf

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