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möglich auf dem Schiffe zu lüften und an der Oberfläche zu reinigen resp. zu desinficiren, nachher durch offene Leichter in den Hafen zu schaffen.

12. Ein Schiff, auf dem die Krankheit während der Fahrt geherrscht, aber bei der Ankunft erloschen, ist ebenso zu behandeln wie ein Schiff das noch Kranke am Bord hat.

13. Schiffe, die auf einer längeren als 6tägigen Reise vollkommen frei geblieben, können in wenig gefährdeten Orten sofort frei gegeben werden.

Die Cholera.

1. Die Cholera hat ihr endemisches Gebiet in Indien. Seit 1817 ist allmählich fast die ganze bewohnte Erde in den Bereich des epidemischen Gebiets gezogen.

2. Auf Jahre lange Perioden kann die Krankheit in grossen Theilen des epidemischen Gebiets endemisch werden.

3. In der Regel erlöschen die Cholera-Epidemien im Winter, zum mindesten pflegt in dieser Jahreszeit ein Stillstand in der Wanderung der Seuche einzutreten.

4. Für den Ausbruch einer Epidemie genügt nicht blos die Einschleppung des Giftes, vielmehr sind örtliche und zeitliche Dispositionen von entscheidendem Einfluss.

5. Die Durchseuchung einer Bevölkerung, einer Truppe etc. gewährt eine vorübergehende Immunität.

6. Die Angaben über die Incubationsdauer variiren zwischen 1 bis 2 Tagen und 3 bis 4 Wochen.

7. Eine directe Uebertragung von Person zu Person findet nicht statt.

8. Die Reproduction des Giftes wird von der Mehrsahl der Forscher [Sander]*) an den Organismus des Erkrankten geknüpft und angenommen, dass dasselbe mit den Dejectionen entleert werde, in denen es nach einigen Tagen zur vollen Wirkungsfähigkeit gelange, während Andere [Pelie?ikofer]**) die Reproduction ausserhalb des Menschen vor sich gehen lassen und die Verschleppung durch ein „transportfähiges Miasma" erklären.

*) Sander 1. C. p. 24 ff.
**) In sämmtlichen neueren Schriften des genannten Gelehrten.

9. Beide erkennen die Verschleppbarkeit durch Choleradiarrhoe-Kranke an, wobei aber für Pettenkofer selbstverständlich diese keine andere Bedeutung haben wie jeder Mensch oder leblose Gegenstand, der aus einer „giftstaubigen" Atmosphäre kommt.

10. Für eine Verschleppung durch Effecten liegen vielfache Beispiele vor, während aber Sander und Genossen diese Möglichkeit wesentlich auf die mit Cholera-Dejectionen beschmutzte Wäsche zurückführen, lässt Pettenkofer diese für die verschiedensten Gegenstände (z. B. Kuhfüsse) zu. In Koffern etc. verschlossene Effecten bewahren das Gift in wirksamer Form auf lange Zeit.

11. Für eine Verschleppung der Krankheit durch Handelswaaren und frei gebliebene Schiffe fehlen entscheidende Beweise. Vielleicht ist auf diesem Wege im Jahre 1865 die Cholera aus Marseille nach Guadeloupe eingeführt, wo an der Krankheit ein Neuntheil der Bevölkerung starb.

12. Die Verbreitung der Cholera ist ausschliesslich an den menschlichen Verkehr gebunden und folgt demselben zu Lande und zu Wasser nach allen Kichtungen*).

13. Die Häufigkeit der Epidemien und die Geschwindigkeit der Verbreitung hat mit der Beschleunigung und Steigerung des menschlichen Verkehrs durch Eisenbahnen und Dampfschiffe und mit der Eröffnung neuer Verkehrswege zugenommen**).

14. Der Schiffsverkehr hat bei der letzten grossen CholeraInvasion von 1865 ganz besonders zur schnellen Verbreitung der Krankheit beigetragen.

Nachdem Alexandria von den vom Beiramfeste zurückkehrenden Pilgern inficirt war, erschien die Krankheit kurz nachher fast gleichzeitig in Beirut, Smyrna, Constantinopel, Malta, Ancona, Marseille und Southampton (in England zum ersten Mal auf diesem Wege). Eine Einschleppung der Cholera in die Häfen der deutschen Nordseeküste auf dem Seewege ist bisher nicht vorgekommen, doch ist diese Möglichkeit seit den Erfahrungen des Jahres 1865 näher gerückt. An den Ostseeküsten haben mehrfach Einschleppungen durch Seeschiffe stattgehabt, doch gehören dieselben zu den Seltenheiten gegenüber dem häufigen Eindringen der Krankheit auf dem Landwege.

*) 1854 von Marseille in den Orient; 1855 von der Havanna nach Vigo. Heber den Ursprung der Cholera 1. c. p. 36.

**) Cholera in Europa 1. c. First report of the local government board 1. c. p. LVI. lieber die Eröffnung einer neuen Verbindung zwischen Persien und Russland.

15. Auf Seeschiffen pflegt die Cholera gewöhnlich zu erlöschen sobald das Schiff die hohe See aufsucht, doch giebt es zahlreiche Beispiele von sehr heftigen Schiffs-Epidemien.

Bei einem Theile der letzteren erklärt sich diese Thatsache durch eine Infection der Befallenen am Lande, so auf der englischen und französischen Flotte im schwarzen Meere im Jahre 1854, so auf den Schiffen die 1869 von Zanzibar ausliefen und wegen Verlustes an Mannschaften umkehren mussteu, während in anderen Fällen die Ursachen der epidemischen Ausbreitung der Krankheit nur auf den Schiffen selbst gesucht werden können. So auf dem viel besprochenen Apollo, der auf der Fahrt von Cork nach Hongkong im Jahre 1849 eine 56 Tage andauernde Epidemie erlitt, auf dem Franklin, der 1871 auf der Fahrt von der Ostsee nach Amerika und in der New-Yorker Quarantaine 43 Personen an Cholera verloren bei gegen 250 Erkrankungen unter 611 Passagieren, auf der Franciska*), wo auf der Fahrt von Hamburg nach Rio im Jahre 1855 von 220 Zwischendecks-Passagieren 53 erkrankten und 16 starben, auf dem Lord Brougham, der auf der Fahrt von Hamburg nach New-York

1867 von 383 Passagieren 75 verlor, auf dem LeibniU"), der 1867 auf der Fahrt von Hamburg nach NewYork vom 2. November bis 11. Januar von 565 Menschen 96 an der Cholera verlor unter mehreren hundert Erkrankten, auf der Helvetia, welche am 8. October 1866 nach 20tägiger üeberfahrt in New-York ankam, nachdem sie unterwegs 11 Menschen verloren und während der Zeit, wo sie wegen Sturmes vor der QuarantaineAnstalt liegen musste, weitere 30 Todesfälle erlitt, auf der Virginia, die am 18. October 1866 in New-York aus Liverpool ankam, auf der die Krankheit ausgebrochen, nachdem sie den halben Weg zurückgelegt, ,1t was found that the disease appeared in a malignant form and that its virulence rather increased from day to day up to the time of the inspection." — und auf manchen anderen.

Der Unterschied in dem Verhalten der Schiffe kann nicht darin gesucht werden, dass die Schiffe auf denen die Cholera erlischt nur durchseuchte Passagiere führen, während die Ausnahmefälle heftiger Cholera-Epidemien auf Schiffen sich dadurch erklären sollen, dass die Passagiere dieser Schiffe aus Cholera

*) Kupfer 1. c. p. 85. In der Zeit von Ende Juni bis Anfang Outober 1855 erkrankten in Hamburg 353 Personen an der Cholera, von denen 204 starben. Da die Franciska Ende September abfuhr, bedarf es keiner besonderen und künstlichen Erklärung für die Infection des Schiffes.

**) Obergerichtliches Erkenntniss 1. c. Pettenkofer (Ueber die Verbreitungsart der Cholera in Indien p. 71) erklärt die Krankheit irrthümlich für eine »Art Hungertyphus".

freien Orten kommen wie es die internationale Conferenz in Constantinopel annimmt, sonst würde wohl kaum die Epidemie sich auf bestimmte Theile des Schiffes beschränkeu, wie es fast bei sämmtlichen der oben angeführten Schifte angegeben ist, auch in den Fällen, wo die Personen in den verschiedenen Kajüten vor der Einschiffung den gleichen Bedingungen ausgesetzt waren. Ebenso stimmen alle Berichte darin überein, dass die blosse Reinlichkeit ohne Einfluss sei, während fast in allen Nachrichten über schwere Epidemien auf Schilfen die Bemerkung wiederkehrt, dass zur Zeit Sturm geherrscht habe mit allen seinen üblen Folgen für die Bereitung der Speisen, für die Ventilation und Reinlichkeit und für den psychischen Zustand der Passagiere.

Die Cholera - Quarantainen.

Die wenigen vorhergehenden Sätze zeigen schon zur Genüge, wie viel weniger die Quarantainen der Cholera gewachsen sein können als dem Gelbfieber. Hier haben wir eine Krankheit, die zu Lande ebenso gut fortschreitet wie zu Wasser, von Klima und Jahreszeit wenig abhängig ist, in vielen Orten überwintert (d. h. zeitweise endemisch wird), die nur an wenigen Stellen einen unempfänglichen Boden trifft und ohne eine rechte Krankheit der Seeschiffe zu sein doch noch nie vor dem Ocean stillgestanden hat. Während wir bei den Gelbfieber-Quarantainen mit Sicherheit das Schiff selbst als Hauptobject der Behandlung kennen, schwanken wir bei der Cholera noch unsicher zwischen weit auseinander liegenden Möglichkeiten, wohin wir unsere Aufmerksamkeit besonders zu richten; während wir dort die Incubation selten 6 Tage überschreiten sehen, müssten wir hier zu einer vollkommenen Quarantäne bis 4 Wochen lang die verdächtigen Menschen zurückhalten; während unter dem Misserfolge einer Gelbfieber - Quarantäne nur der betroffene Hafen leidet, setzt der Durchbruch der Cholera nur an einer Stelle das ganze Land in Gefahr trotz der sorgfältigsten Sperren an allen anderen Punkten der Küste.

Wie ist es da zu verwundern, dass der Erfolg der CholeraQuarantainen ein so geringer ist, dass unter diesen Eindrücken beim grossen Publikum — das von Gelbfieber und Pest hinten weit in der Türkei nur an Sonn- und Feiertagen redet — die Quarantainen überhaupt allen Credit eingebüsst haben.

Einigen seltenen Erfolgen — in Griechenland und Sicilien 1865, in Kopenhagen uud Dominica 1866, auf den Seychellen, Mayotta, Nos-Beh in den Jahren 1869 und Anfang 1870 — werden Misserfolge der allerstrengsten Quarantänen gegenübergestellt, so für Malta und Gibraltar 1865, für die Türkei 1871. Jene Erfolge aber werden für nur scheinbar erklärt. Es wird behauptet, dass jenen frei gebliebenen Ländern und Städten die örtliche und zeitliche Disposition für die Aufnahme des Giftes gefehlt habe, dass dieselben auch ohne alle Sperren ebenso frei geblieben sein würden wie Lyon, Würzburg und andere Orte, die trotz der häufigsten Einschleppungen stets ihre Immunität gegen Cholera bewahrt hätten.

Aber nur ein einseitiger Parteistandpunkt kann so reden. Als im Herbst 1866 der Aufstand in Palermo dazu nöthigte, aus dem inficirten Neapel und Genua rasch Truppen nach Sicilien zu schaffen brach dort sofort die Cholera aus; ein Zeichen, dass die bisherige Immunität nicht den günstigen zeitlichen und örtlichen Dispositionen zu danken gewesen, sondern allerdings den bis dahin mit äusserster Strenge geübten Quarantainen; wenn in Nos-Beh 1870 schliesslich doch die Cholera auftrat, so fiel dies Ereigniss mit einem notorischen Quarantainebruch zusammen.

Freilich aber zeigen auf der anderen Seite die wenigen glücklichen Resultate, dass dieselben nur bei äusserst harten Massnahmen zu erreichen seien, die im Bereiche des grossen Weltverkehrs platterdings unausführbar sind. So sind denn auch am Mittelmeere, wo in den Jahren 1865 bis 1867 noch 14, 17, ja 30tägige Quarantainen vom Tage der Ankunft an geübt wurden, dieselben auf eine lOtägige und kürzere Dauer zusammengeschrumpft*), bei der oft noch die Ueberfahrtszeit mit in Anrechnung gebracht wird. Aber auch diese Praxis ist nur durchführbar bei einer Bavölkerung, die den Quarantainen ein blindes Vertrauen schenkt, die von jeher durch die Pest an derartige Störungen des Verkehrs gewöhnt ist, die Angesichts der grösseren Nähe der Gefahr leichter ein Opfer bringt als die erst in zweiter Linie bedrohten Länder. Im ganzen Norden Europas übertreffen denn auch nirgends die Cholera-Quarantainen die Dauer von 5 Tagen, wo überhaupt noch von denselben die Rede ist**).

Wie kann man denn auch von lötägigen nnd längeren Seesperren Erfolg hoffen, wenn gleichzeitig der Landweg vollkommen offen bleibt, ja wenn durch die Erschwerung des Seeweges aller Verkehr auf jenen hingedrängt wird. Es sind daher auch Inseln, die die glücklichen Erfolge aufweisen und die langen Quarantainen nur dort berechtigt, wo die Einführung auf einem Landwege unmöglich oder unwahrscheinlich ist.

*) Sigmund 1. c.; nur Italien hat 1870 wieder eine 15tägige Quarantäne eingerichtet.

**) Ueber die Bestimmungen in Preussen cf. Eulenberg 1. c. p. 190.

Vierteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXII. 1. \Q

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