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ein Fremdling bleiben, der wohl verheerende Epidemien verursacht, aber immer wieder verschwindet, zum neuen Auftreten einer neuen Einführung aus der alten Heimath am Ganges bedarf, oder wird es sich an den asiatischen und australischen Ufern des stillen und indischen Oceans eine zweite Heimath gründen, wie es dasselbe schon an der Westküste Afrika's gethau hat?*) Steht Europa in ernster Gefahr, mit der Zeit auch gegen Süden sich gegen das Gelbfieber schützen zu müssen, auch wegen dieser Krankheit den Verkehr durch den Suezcanal controliren zu müssen? Wohl mögen diese Gefahren fern liegen, die Sorgen weit hergeholt erscheinen, andererseits bleibt zu erwägen, dass wir es noch in unseren Händen haben uns zu schützen. Wie bald vielleicht nicht mehr? **)

Uns näher liegt eine zweite Frage: ob nämlich seit Eröffnung der directen Dampferlinien nach Westindien für den Norden Europa's die Gefahr einer Gelbfieber-Einschleppung wesentlich gesteigert, ob in unserem Klima überhaupt eine epidemische Ausbreitung der Krankheit je möglich sei. Ich glaube ja!

Während Segelschiffe einen Hafen nach dem andern anlaufend nach längerer Abwesenheit erst wiederkehren, gehen die Dampfschiffe auf den kürzesten Wegen ohne viel Aufenthalt hin und wieder fahrend zwischen den Continenten. Selbst bei directer Fahrt waren Segelschiffe durchschnittlich 6 Wochen zwischen Amerika und Europa unterwegs, jetzt brennt uns eine kaum 14tägige Ueberfahrt von verrufenen Gelbfieberplätzen; während jene in schlechter Jahreszeit Gelbfieberhäfen gern mieden, kennt das Geschlecht der Eisenbahnen und Dampfschiffe solch sentimentale Rücksichten nicht mehr; wenn jene die Havanna oder New-Orleans im Juli und August verliessen, trafen sie hier zur kühleren Jahreszeit ein, diese dagegen begleitet in warmen Sommern die Hitze der Tropen bis in die Heimath.

Aus statistischen Nachweisungen ergiebt sich, dass monatlich in Europa etwa 59 Dampfschiffe aus dauernd oder zeitweilig des Gelbfiebers verdächtigen Orten eintreffen und zwar weitaus die grössere Mehrzahl in Häfen

*) Keine der Nachrichten über das Vorkommen von Gelbfieber auf den Sunda-Iuseln etc. ist beglaubigt

**) Die Niederlande haben 1872 in ihren indischen Besitzungen Schutzmassregeln gegen Gelbfieber eingeführt, cf. Preussisches Handelsarchiv, 1872. II. p. 610; ebenso England, cf. die Quarantaine-Vorschriften vom 11. Septbr. 1872 für Madras. Leudeadorf 1. c. 6. Hft. p. 23.

des nördlichen Europas, dass Deutschland dabei zur Zeit mit 7 Schiffen im Monat betheiligt ist. Nachrichten über den Schiffsverkehr Hamburgs und Bremens zeigen ans;ordern, in wie raschen Progressionen derselbe wächst, wie namentlich der transatlantische Dampfverkehr eine steigende Zunahme erwarten lässt.

Verfolgt man den Cours der von der Havanna und New-Orleans kommenden Schiffe, so ersieht man, dass sie sehr rasch nördliche Breiten nnd damit kühleres Wasser*) und kühlere Luft aufsuchen, dass dagegen die von den kleinen Antillen kommenden Dampfer und natürlich ebenso die aus Brasilien und den La-Plata-Staaten selbst in den Jahren wo die Temperatur der Luft und des Oceans das Mittel nicht übersteigt, in den Sommermonaten bis sie den 30° W.L. erreichen, also während des grösseren Theils ihrer Reise in einer Umgebung von über 20"C. bleiben, — ganz abgesehen von der durch die Maschine gesetzten Wärme —, dass kaum 8 Tage andauernder Sommerwärme dazu gehören, um das Schiff bis zu seiner Ankunft in Deutschland unter allen für die Entwicklung des Gelbfiebers günstigen Bedingungen zu erhalten.

Diesen Betrachtungen entsprechen die Erfahrungen. Unter den 33 bekannt gewordenen Eiuschleppungen in nördliche Theile Europas finden sich einige Importationen durch Segelschiffe auch schon aus früheren Jahren — sogar die beiden einzigen, wenn auch sehr beschränkten Epidemien in St. Nazaire 1861 und in Swansea 1865 danken wir Segelschiffen —, aber doch bei Weitem die grössere Zahl (20) stammt aus der Zeit der directen Dampferlinien aus den letzten 20 Jahren (seit 1852). Gehört es da zu den grossen Unwabrscheinlichkeiten, dass unsere deutschen Dampfer aus Westindien und Brasilien eines Tages auf der Elbe und Weser mit dem Gelbfieber an Bord erscheinen?**) Sollen wir dieselben dann im Vertrauen auf unser Klima anstandslos in die Häfen lassen zwischen Hunderte anderer Schiffe, den Verkehr freigeben mit unserer Hafenbevölkerung und deren insalubren Wohnungen?

Wenn in Southampton bisher keine Epidemie ausbrach, so ist neben der jedesmal streng durchgeführten Quarantaine die kühle Jahreszeit zu beachten in der die meisten unreinen Ankünfte erfolgten; wie aber würde sich die Sache gestalten ohne Quarantaine im Juli oder August eines besonders heissen Jahres?

Nach freundlichen Mittheüungen des Directors der deutschen Seewarte, des Herrn von Freden, stimmen die mittleren Temperaturen Hamburgs wesentlich mit den von Dave für verschiedene Orte unserer Nordseeküste aus dem 20jährigen Mittel genommen überein. Hiernach liegt allerdings auch in den Sommermonaten

•) Doch gehen sie immerhin im warmen Golfstrom. **) Auf dem Dampfschiff der Hamburg-Südamerikanischen Gesellschaft „Brasilien", Kpt. von Holten, ist im Frühling 1873 in Rio fast die gesummte Mannschaft erkrankt.

bei uns das Mittel unter 20" C, die zum Ausbruch des Gelbfiebers erforderlich sind. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen Jahren das Thermometer nicht auf längere Zeit wesentlich höher stiege. — Vergleicht man die mittleren Tagestemperaturen und Tagesmaxima der Sommermonate von Hamburg und Elsfleth a. d. W. in einzelnen wärmeren Jahren mit denen, wie sie während der Lissaboner Epidemie des Jahres 1857 geherrscht haben, so wird man sich nicht der Einsicht verschliessen können, dass in den Sommermonaten einzelner heisser Jahre auch für die deutschen Küsten die Gefahr einer Gelbfieber-Einschleppung besteht, und dass wir allen Grund haben uns gegen dieselbe zu schützen.

Schon aulässlich der Epidemie vou Livorno im Jahre 1804 haben in Deutschland vielfach ähnliche Erörterungen*) stattgefunden, die sich in der späteren Literatur fortsetzen. Fast alle kommen mit mehr oder weniger Bestimmtheit zu dem Resultat, dass die Möglichkeit eines solchen Ereignisses nicht zu bestreiten sei; ich glaube gezeigt zu haben, dass seit Eröffnung der directen Dampferlinien diese Möglichkeit zu einer Wahrscheinlichkeit geworden.

Nun hat aber die preussische Regierung im Jahre 1863**) alle bestehenden Scbutzmassregeln gegen Gelbfieber aufgehoben; damals allerdings mit vollem Recht, wo der Staat nur Ostseehäfen besass, die mit Westindien keinen Danipfschiffsverkehr unterhalten. Im Jahre 1868 aber haben Preussen, Bremen und Oldenburg in dem Uebereinkommen wegen Errichtung einer Quarautaine-Anstalt an der Unterweser gleichfalls ausdrücklich von Quarantäne-Massregeln gegen das Gelbfieber Abstand genommen, und auch in Cuxhaven werden Ankünfte von Westindien keiner Controle unterworfen.

Gerade die Weser nnd Elbe sind aber die durch ihre Dampfschiffsverbindungen einzig gefährdeten Punkte der deutschen Küste, und sollten daher im Juli und August die vor den Flüssen eintreffenden Dampfschiffe einer Revision unterzogen werden, ehe man dieselben in die Häfen hineinlässt.

Die Gelbfieber-Quarantänen.

Die Erfahrungen der englischen Kriegsmarine, der englischen und französischen Postdampfschiffe zeigen, wie man durch überlegte Massregeln sowohl die Infection der Schiffe wesentlich er

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*) Langemann kommt zu dem Schluss. „dass das Gelbfieber — auch für Europa und Deutschland — keine wahre Pest sei", und bekämpft die ergriffenen Schutzmassregeln, die nach unseren jetzigen Kenntnissen allerdings auch an den Landgrenzen überflüssig waren.

**) Durch § 13. der Verordnung vom 3. Juli 1863 zur Verhütung der Einschleppung der orientalischen Pest. cf. Eulenberg 1. c. p. 190.

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schweren*), eine einmal ausgebrochene Schiffs-Epidemie wirksam beschränken, selbst unterdrücken könne. Eine rationelle SchiffsHygieine und strenge Bestimmungen für den Aufenthalt in Gelbfieberplätzen bilden daher die Hauptaufgabe gegen eine Verbreitung der Krankheit.

Trotzdem werden immer einzelne inficirte Schiffe in den Häfen eintreffen und dauernd Quarantainen nothwendig machen.

Um diese Gelbfieber-Quarantainen ist der früher erwähnte Kampf der Contagionisten und Anticontagionisten ganz besonders lebhaft entbrannt gewesen. In der Praxis freilich haben diese Differenzen nicht die Bedeutung erlangt, wie man es nach der Heftigkeit des Streites und nach dem Gewicht der betheiligten Stimmen wohl hätte erwarten können. Wohl hat es nicht an Beispielen gefehlt, dass unter der Herrschaft der Nichtcontagionslehre bestehende Quarantaine-Gesetze zum Theil zum grossen Schaden des betroffenen Landes sehr nachlässig gehandhabt wurden, nie ist es aber meines Wissens zu einer vollständigen Aufhebung derselben irgendwo gekommen. Zur Zeit sind solche in allen den Ländern in Kraft, die einer ernstlichen Gefahr durch die Krankheit ausgesetzt sind, freilich grossentheils noch auf Grund der irrthümlichen Lehre von der Contagiosität der Krankheit.

Für die Berechtigung der Gelbfieber-Quarantainen spricht neben allen theoretischen Betrachtungen vor Allem eine ansehnliche Reihe zweifelloser und segensreicher Erfolge.

New-York, das bis zum Jahre 1809 häufig schwer von der Krankheit heimgesucht wurde [in den 34 Jahren vor 1809 17mal]**), hat seit diesem Jahre, wo eine strenge Quaiantaine eingerichtet ward, bis jetzt nur 3 Epidemien (1822, 1856, 1870) wieder gesehen. Und doch hat es in der Zwischenzeit an Gelegenheiten zur Einschleppung nicht gefehlt. In dem Report on quarantine laws von 1846 findet sich eine tabellarische Zusammenstellung aller Gelbfieber- Ankfinfte in New-York von den Jahren 1806 — 1844,

*) In verschiedenen transatlantischen Plätzen werden ganz bestimmte Theile der Häfen als einer Infection der Schiffe besonders günstig bezeichnet, so in Rio Tcf. Leudesdorf 1. c. p. 1, 7), in St. Thomas; ebenso kehrt unendlich häufig die Angabe wieder, dass die Schiffe beim Kohleneinnehraen inficirt seien. Bei Anrechnung einer 6tägigen Incubation würde dies auch die Infectionsgelegenheit gewesen sein für die deutsche Corvette Arcona (cf. Haeniach 1. C.).

**) Griscom in den Proceedings of the third national quarantine Convention, 1. e. p. 74.

im Ganzen 101 inficirte Schiffe umfassend. Für die spateren Jahre fehlen mir die specielleren Daten, doch ersieht man leicht, in wie hohem Grade mit dem steigenden Verkehr die Gefahr gewachsen ans der Angabe, dass im Jahre 1856 gleichzeitig etwa 80 Schiffe wegen Gelbfieber in Quarantaine gelegen hätten, dass 1867 75 Schiffe mit 390 Kranken, von denen 112 gestorben, in den Hafen eingelaufen seien*).

Für die 3 Epidemien ist aber jedesmal eine Verletzung der Quarantaine nachgewiesen. Im Jahre 1822 erschien die Krankheit am 10. Juli in der Rector Street, w1 in der Zeit vom 28. Jnni bis zum 9. Juli die Zuckerladung inficirter aus der Havanna gekommener Schiffe ausgeladen war**); während ich für die beiden Epidemien der Jahre 1856 und 1870, die sich auf die Nähe des Quarantainegrundes beschränkten, allerdings nur die kurze Angabe finde: both instances being plainly traced to an evasion of the quarantine law***).

Philadelphia, das früher die schwersten Epidemien überstanden, hat sich durch Quarantainen 50 Jahre frei gehalten, mit Ausnahme des Jahres 1853, „when the barque Mandarin was improperly allowed to pass the

quarantine" f).

Halifax wird regelmässig von den Schiffen der westindisch - nordamerikanischen Stati1n der englischen Kriegsflotte aufgesucht, wenn Gelbfieber auf denselben ausgebrochen ist um hier gereinigt zu werden. Im Juli 1861 kamen kurz nacheinander 5 Schiffe dort an mit 855 Mann Besatzung, von denen 499 erkrankten und 162 starben. Viele Erkrankungen traten noch in der Quarantaine ein; aber weder diesmal, noch je sonst hat die Stadt von der Krankheit zu leiden gehabt.

Aus Baltim1re nnd vielen nordamerikanischen Städten liegen ähnliche Beispiele vor, doch würde es zu weit führen dieselben sämmtlich zusammenzustellen, und will ich daher nur noch von Spanien berichten, dass dasselbe von 1821 an unter der Herrschaft eines strengen Quarantaine-Systems vor der Krankheit bewahrt blieb, bis im August 1870 ein inficirtes Schiff ungehindert in den Hafen von Barcelona einlief.

Ich wende mich jetzt zu den Quarantaine-Massregeln selbst unter Uebergehung aller im allgemeinen Theil schon motivirten Punkte; nur möchte ich es noch einmal urgiren, dass die Gelbfieber-Quarantainen nur dann erforderlich sind, wenn im Ankunftshafen zur Zeit die Möglichkeit einer andauernd höheren Tempe

*) Second report of the metropolitan board of health. 1867. p. 296. Für das Jahr 1869 findet sich im 4. report des board of health 1. c. p. 29 die Angabe: Vessels from the West-Indies frequently brought yellow fever into port during the summer month, but the care taken at quarantine to cleane and desinfect them was to efficient, that the public healtb suffered no detriment from this source.

**) Rep1rt on quarantine laws 1846. p. 13.

***) Medical Times and Gazette 1873. I. Febr. 15. p. 169. Quarantine. t) ibid.

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