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5. Einmal ausgebrochen lässt die Krankheit selbst bei beti acht lieber Temperaturerniedrigung erst langsam nach, bö'rt oft erst nach ernstem Froste anf, ja es werden Fälle berichtet, in denen die anscheinend schon erloschene Krankheit bei erneutem Eintritt höherer Wärme wieder ausbrach.

6. Ob ein bestimmter Grad der Luftfeuchtigkeit für den Ausbruch des Gelb6ebers erforderlich sei und welcher, ist noch nicht entschieden.

7. Das Gelbfieber herrscht, abgesehen von vereinzelten erheblichen Ausnahmen (Spanien), ausschliesslich an den Meeresküsten und den Ufern grösserer Ströme, soweit in diese die Wassercommunication mit der See sich erstreckt, und mit besonderer Vorliebe auf den Schiffen selbst.

8. Es werden vorzugsweise die Städte befallen, während das platte Land selbst in nächster Nähe in der Regel verschon bleibt.

9. In den Städten werden die hygieinisch ungünstigst situirten Quartiere, die engen schmutzigen Gassen mit überfüllten Wohnungen, Matrosenkneipen etc., wie sie in der Nähe des Wassers in den grösseren Hafenplätzen zu liegen pflegen, besonders heimgesucht.

10. Fremde sind der Infection ganz besonders ausgesetzt. Erschreckende Beispiele bieten für diese Thatsache die europäischen nach Westindien gebrachten Truppen (z. B. Ende des vorigen Jahrhunderts auf St. Domingo, 1862 in Mexico, 1872 auf Cuba). Ebenso verheerend ist die Seuche, wenn sie auf bisher verschonte Orte fällt*). Nur der längere Aufenthalt in einer inzwischen von Gelbfieber heimgesuchten Stadt, sowie ein früheres Ueber

*) Die folgenden Beispiele aus diesem Jahrhundert sind Matthaei und Leidesdorf entnommen.

1800. Cadix Von 71,000 Einwohnern wanderten 14,000 aus. 48,500 wurden befallen, 9,977 starben. 10. August bis Ende November. — Sevilla. Von 90,000 Einwohnern flohen 4,000. 76,000 erkrankten, von denen 20,000 starben. — Xeres de la Frontera. 42,000 Einwohner. 30,000 Erkrankungen und 14,000 Todte.

1804. Gibraltar. Anfang September bis Ende December. Von 14,000 Einwohnern blieben nnr 21 frei. Von diesen hatten 12 früher das Fieber überstanden. Es starben 5,946.

1821. Barcelona. 60,000 nicht ausgewanderte Einwohner: 18,000 bis 20,000 Todte. — Tortosa. 5,000 nicht ausgewanderte Einwohner: 4,500 Todte. — Palma. Von 30,000 Einwohnern 18,000 in der Stadt geblieben. 7,400 Erkrankungen, 5,341 Todte.

1871. Buenos- Ayres. Von 30,000 zurückgebliebenen Einwohnern 26,200 Todte. Am Ostermontage wurden 1,000 beerdigt. „Da diese Veröffentlichungen nicht dazu angethan sind, die Einwanderung zu begünstigen", wird unterm 4. Mai 1871 das Abonnement auf das englische Blatt „Standard", das dieselben gebracht, verboten. Nach den officiellen Angaben waren von 180,000 Einwohnern 90,000 geflohen, in der Zeit vom 27. Januar bis 28. Mai 13,689 gestorben, mit 503 Todten am 10. April als höchster Todeszahl für einen Tag.

stehen der Krankheit gewähren eine die Dauer des Aufenthalts nicht sehr lange überdauernde Immunität*!.

11. Die Incubation dauert 1 bis 6 Tage.

12. Eine directe Uebertragung von Person zu Person findet nicht statt. Gesunde und Kranke, die aus einer befallenen Stadt auf's Land fliehen, verbreiten die Krankheit nicht").

13. Dagegen verschleppen Gesunde, Kranke und Effecten aus einem Gelbfieberorte die Seuche nach anderen Orten oder auf'Schiffe, wenn dort die örtlichen, zeitlichen und individuellen Dispositionen vorbanden sind***).

14. Die Reproduction des Krankheitsgiftes findet ausserhalb des menschlichen Organismus statt, ob jedoch derselbe bei der Verschleppung ganz unbetheiligt sei, ist noeh nicht entschieden.

15. Die Krankheit folgt in ihrer Verbreitung so gut wie ausschliesslich dem Schiffsverkehr. Die unter 2. geschilderte Ausbreitung geht parallel mit der Entwicklung der Schifffahrt, namentlich der Dampfschifffahrt.

16. Das Gelbfieber ist im prägnantesten Sinne eine Krankheit der Schiffe. Keine andere Krankheit tritt dort so oft und so verheerend auf wie diese. Auch hier werden wieder die hvgieinisch ungünstigsten Localitäten besonders heimgesucht; die Überfüllten Räume, die den Gerüchen des faulenden Bilschwassersf), der Ladung, der Küchenabfälle ausgesetzt sind, die Kojen der Maschinisten und Matrosen gegenüber den häufig verschonten Kajüten der Officiere und Passagiere.

*) Inwieweit die Immunität der Eingeborenen durch früheres Uebersteheu leichter Abortivformen der Krankheit bedingt sei, ist nicht entschieden, (cf. Viichow-Hirsch Jahresbericht 1870. II. p. 222; auch Bergholz, Die Fieber. Hamburg, 1872.)

**) Viele Daten im Second report on quarantine, 1852. Anlässlich der Lissaboner Epidemie 1857 ward diese Thatsache in 182 Fällen amtlich constatirt. (cf. John Simon, 8. report 1. c. p. 45.)

***) Diese vermittelnde, aus den erbitterten Kämpfen der Contagionisten und Anticontagionisten hervorgegangene Ansicht findet immer mehr Anhänger. Dieselben sind Mühry, 1. c. p. 145; Hirsch, Die Verbreitungsart von Gelbfieber, 1. c; Pettenko/er, Ueber den gegenwärtigen Stand der Cholerafrage, h C. p. 10; John Simon, 8. report 1. C. p. 45, 46; Nott und Stone, Virchow-Hirsch Jahresber. 1871. II. p. 208, 209.

t) Durch die gesammte deutsche Literatur über das Gelbfieber geht das Wort „Kielwasser" zur Bezeichnung des im Grunde der Schiffe zwischen den Füllungen angesammelten Wassers. Es beruht dies auf einer durchaus falschen üebersetznng des englischen „bilgewater", die freilich von unseren Philologen durch die gleiche Uebersetzung des lateinischen „sentina" vorgemacht ist. — In Bobrick'a Allgemeinem nautischen Wörterbuch, Leipzig 1850, heisst es beim Artikel Kielwasser: „Der Strich oder Streif von schäumendem oder wirbelndem Wasser, den das Schiff bei seiner Fahrt hinter sich lässt. Es entsteht aus den beiden Seitenwasserlinien, die hinter dem Die Punkte unter 1. und 2. rufen einige weitere Betrachtungen wach.

Offenbar befindet sich das Gelbfieber in einer Periode steigender Ausbreitung. Während bis vor 30 Jahren Europa sich nur gegen Sierra Leona, Westindien und einzelne Häfen der Vereinigten Staaten zn schützen hatte,

Schiff zusammenstossen, um den von dem durchsegelnden Schiff gemachten leeren Raum wieder auszufüllen. Das Kielwasser ist 2— 3 Schiffslängen weit bemerklieb, und um so stärker, je schneller das Schiff segelt Der Winkel, den das Kielwasser mit der Richtung des Schiffes macht, zeigt die Grösse der Abtrifft.u — Nur in diesem und nie in einem anderen Sinne benutzen unsere Seeleute das Wort Kielwasser. Für „sentina", „bilgewater" gebrauchen sie allgemein das Wort Bilschwasser, muthmasslich ein gutes deutsches Wort, dessen Stamm in dem plattdeutschen „putschen, schülpen* (überpülschen, übersebülpen, verpülschen, Putsche, Schülp) wiederkehrt; Verben, die transitiv und intransitiv von der Bewegung von Flüssigkeiten in Gefässen gebraucht werden. Freilich habe ich bei verschiedenen Philologen und in Büchern vergeblich nach näherer Auskunft geforscht Die in Wörterbüchern häufig für „bilgewater" angegebenen Worte „ Schlagwasser" und „Lenzwasser" decken den Begriff nicht genau.

Das Bilschwasser nun findet sich in jedem Schiff, ja wenn das letztere so dicht gefugt ist, dass es kein „Wasser macht", wird solches absichtlich hineingegossen, um den .trockenen Brand' des Bolzes zu hindern, namentlich bei Reisen nach den Tropen.

Jeder Capitain weiss, wie viel auf den Wechsel des durch hineingerathene Küchenabfälle, todte Ratten, Spül- und Wascbwasser etc. verunreinigten Bilschwassers ankommt. Zu dem Ende wird dasselbe durch gleichzeitiges Ausleeren mit der einen Pumpe und Nachfüllen durch die andere in geeigneten Zwischenräumen erneuert. Oft aber wird diese Absicht vereitelt. Es können Theile der Ladung in den untersten Raum gerathen und die Saugöffnungen der Pumpen (Brausen) verstopfen; dann ist nicht allein ein Wechsel des Wassers unmöglich, sondern auch der Fäulniss jener Ladungstheile ein besonderer Vorschub geleistet. Dann kann unerträglicher Gestank das Schiff für die ganze Reise verpesten, die Schwefelwasserstoff-Entwicklung so stark werden, dass der Bleiweiss-Anstrich der Kajüten etc.*sich schwärzt. Besonders verrufen sind in dieser Beziehung Korn- und Reisladungen, da das Korn aus den geplatzten Säcken „wie Wasser" in den Kielraum hinabrinnt, und ebenso Zucker, der unter der Tropensonne schmilzt und ähnliche Zufälle verursacht.

Auf eisernen Schiffen entstehen andere Schwierigkeiten. Bei manchen Ladungen, z. B. durch auslaufende Häringslake, wird das Bilschwasser „sauer" und greift das Eisen an, andererseits kann man dasselbe durch die Pumpen nie so vollständig entleeren, nm diesen Nachtheil ganz zu beseitigen. Es kommt daher darauf an, durch fortdauernde Verdünnung und nachfolgendes Auspumpen die Gefahr möglichst zu verkleinern. Um dies aber von dem guten Willen des Kapitains und der Mannschaft möglichst wenig abhängig zu machen, bringen die Schiffsbauer von vornherein absichtlich einen kleinen Leck an den Schiffen an, der zum häufigen Pumpen erscheint jetzt fast die ganze langgestreckte Ostküste des westlichen Continents verdächtig. Und Hand in Hand mit dieser Ausbreitung wächst die Gelegenheit der Verschleppung. Wenn auch schon seit einigen Decennien*) Dampfschiffe den Ocean durchkreuzen, so beginnt doch erst seit den letzten Jahren jener colossale Aufschwung der transmarinen Dampfschifffahrt, der noch gar keine Grenzen absehen lässt. Ist unter diesen Umständen nicht eine noch viel gefahrdrohendere Ausbreitung der Krankheit zu fürchten? Noch ist St. Francisco, von dem alle Dampferlinien des stillen Oceans ausgehen, nicht befallen; aber die Stadt steht in häufigem Verkehr mit dem schon öfters heimgesuchten Panama und liegt noch nicht unter 38° N.B.; Lallemant berichtet sogar, dass schon einmal ein Dampfschiff auf der Fahrt von Panama nach St. Francisco 200 Menschen am Gelbfieber verloren habe. Ist da eine Verschleppung der Krankheit nach Ostindien eine so fern liegende Möglichkeit? Und wie wird die Gefahr sich steigern, wenn der noch in den Windeln liegende transpaeifische Dampfschiffsverkehr sich weiter entwickelt, ganz zn schweigen von der noch ferneren Zeit, wenn der Isthmus von Darien durchstochen sein wird.

Wie aber wird das Gelbfieber in den Tropen der alten Welt sich verhalten, nachdem die erste Einschleppung stattgehabt hat? Wird es ihm hier ergehen wie der Cholera in Westindien, d. h.

nöthigt. Zu dem Ende wird in der Nähe des Kieles in ein Loch des Eisens ein durchbohrter Metallbolzen fest eingekeilt, der eine sichere Garantie gegen eine allmähliche Vergrösserung des Bohrloches bietet.

Etwas anders gestalten sich die Verhältnisse bei eisernen Dampfschiffen. Hier pflegt der Kielraum abgetheilt zu sein in eine Reihe hintereinander liegender „corapartments". Ueber einem solchen liegt die Maschine. Hier rinnt beständig direct von aussen Seewasser hinein zum Kühlen der Wellenlager und wird ebenso ueunterbrochen sofort wieder hinausgepumpt. Das Wasser kann also nie stagniren. Die übrigen Abtheilungen sind von einander abgeschlossen, können aber sowohl einzeln wie insgesammt mit dem „coropartment" unter der Maschine in Verbindung gebracht werden. Alle 4 Stunden wird jedes derselben für sich gepeilt, um aus der Höhe des Wasserstandes auf die Dichtigkeit des Schiffes zu schliessen.

Diesem Bilschwasser ist von vielen Autoren eine viel zu generelle Bedeutung bei der Gelbfieber-Aetiologie auf Seeschiffen beigelegt worden. Bei mancher Schiffsepidemie ist dasselbe sicher unbetheiligt und die Schädlichkeit an einem ganz beschränkten Theile des Schiffes zu suchen. Wie es auf dem Lande Zimmerepidemien neben Hausepidemien giebt, so giebt es auch Cajütenepidemien neben Schiffsepidemien, (cf. Dutroulon 1. c. p 332.)

*) 1819 fuhr die Savannah als erster Dampfer von New-York nach Liverpool über den Ocean, später folgten vereinzelte zum Theil missglückte Versuche, bis 1840 die Cunard Line zuerst regelmässige Fahrten in Betrieb setzte, 1850 als erste directe Linie nach Westindien die Royal Mail Steam Ship Company folgte. {Meyers Conversationslexicon, Art. Dampfschiff.)

Vierteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXII. 1. t)

ein Fremdling bleiben, der wohl verheerende Epidemien verursacht, aber immer wieder verschwindet, zum neuen Auftreten einer neuen Einführung aus der alten Heimath am Ganges bedarf, oder wird es sich an den asiatischen und australischen Ufern des stillen und indischen Oceans eine zweite Heimath gründen, wie es dasselbe schon an der Westküste Afrika's gethan hat?*) Steht Europa in ernster Gefahr, mit der Zeit auch gegen Süden sich gegen das Gelbfieber schützen zu müssen, auch wegen dieser Krankheit den Verkehr durch den Suezcanal controliren zu müssen? Wohl mögen diese Gefahren fern liegen, die Sorgen weit hergeholt erscheinen, andererseits bleibt zu erwägen, dass wir es noch in unseren Händen haben uns zu schützen. Wie bald vielleicht nicht mehr? **)

Uns näher liegt eine zweite Frage: ob nämlich seit Eröftnung der directen Dampferlinien nach Westindien für den Norden Europa's die Gefahr einer Gelbfieber-Einschleppung wesentlich gesteigert, ob in unserem Klima überhaupt eine epidemische Ausbreitung der Krankheit je möglich sei. Ich glaube ja!

Während Segelschiffe einen Hafen nach dem andern anlaufend nach längerer Abwesenheit erst wiederkehren, gehen die Dampfschiffe auf den kürzesten Wegen ohne viel Aufenthalt hin und wieder fahrend zwischen den Continenten. Selbst bei directer Fahrt waren Segelschiffe durchschnittlich 6 Wochen zwischen Amerika und Europa unterwegs, jetzt trennt uns eine kaum 14tägige Ueberfahrt von verrufenen Gelbfieberplätzen; während jene in schlechter Jahreszeit Gelbfieberhäfen gern mieden, kennt das Geschlecht der Eisenbahnen und Dampfschiffe solch sentimentale Rücksichten nicht mehr; wenn jene die Havanna oder New-Orleans im Juli und August verliessen, trafen sie hier zur kühleren Jahreszeit ein, diese dagegen begleitet in warmen Sommern die Hitze der Tropen bis in die Heimath.

Aus statistischen Nacbweisungen ergiebt sieb, dass monatlich in Europa etwa 59 Dampfschiffe aus dauernd oder zeitweilig des Gelbfiebers verdächtigen Orten eintreffen und zwar weitaus die grössere Mehrzahl in Häfen

*) Reine der Nachrichten Ober das Vorkommen von Gelbfieber auf den Sunda-Inseln etc. ist beglaubigt

**) Die Niederlande haben 1872 in ihren indischen Besitzungen Schutzmassregeln gegen Gelbfieber eingeführt, cf. Preussisches Bandeisarchiv, 1872. II. p. 610; ebenso England, cf. die Quarantaine-Vorschriften vom 11. Septbr. 1872 für Madras. Leudeadorf 1. c. 6. Uft. p. 23.

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