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vollkommen entsprechen würden, — um so mehr, als die grossen Wanderungen der Seuchen wie der Menschen wesentlich in die wärmeren Jahreszeiten fallen, — die ebenso leicht oder schwer zu isoliren sind wie jede andere Anstalt, die allen hygieinischen Anforderungen ebenso gut wenn nicht besser genügen können als jene.

Während in den meisten türkischen Quarantaine-Anstalten 1865 vielfache Cholera-Erkrankungen vorkamen, blieben die Anstalten von Candia und Rhodus fast ganz verschont, wo man die Internirten in Zelten und Baracken untergebracht hatte. Gerade diese Anlagen mit vielen isolirten kleinen Räumen gestatten besonders leicht eine durchgreifende Trennung der Gesunden und Kranken, sowie der zeitlich getrennten Ankünfte, während sonst nur zu oft die Leute, die fast das Ende ihrer Gefangenschaft erreicht, durch die Ankunft neuer Genossen auf's Neue gefährdet, vielleicht sogar zu einer Prolongation ihrer Quarantaine genöthigt wurden. Je öfter dies geschieht, je mehr die Menschen sich häufen, desto leichter entwickelt sich die Epidemie, desto leichter überschreitet dieselbe die Grenzen der Anstalt.

Solche Betrachtungen haben Lecadre zu ähnlichen, aber das Ziel weit überschiessenden Vorschlägen Anlass gegeben. Er will alle gesunden Passagiere nach Desinfection der Effecten freigeben und für eine möglichst rasche Vertheilung derselben sorgen („le debarquement des passagers ou marins sera precipete\ leur dissemination sera favorisee par tous les moyens possibles"), weil er die ausschliessliche Gefahr in der Anhäufung des Giftes sieht, von der Verstreuung eine solche Verdünnung desselben hofft, dass es unwirksam wird. So kommt er zu dem paradoxen Satze, dass er durch eine möglichste Verstreuung der Menschen dieselben isolire. Die Kranken will er jeden für sich in einem Zelte ausserhalb der Stadt behandeln, zum mindesten jeden in einem isolirten Zimmer eines Krankenhauses.

Schliesslich ist noch eine nicht immer befolgte Forderung im Interesse der ankommenden Gesunden zu stellen, nämlich die, dass dieselben unter keinen Umständen die Quarantaine auf dem Schiffe, mit dem sie eingetroffen, abhalten dürfen, wenn auf diesem Erkrankungsfälle oder gar eine Epidemie vorgekommen.

Das Beispiel des „Eclair" habe ich schon angeführt, ein anderes sehr lehrreiches theilt Melier mit:

Auf dem Kriegsschiffe „Le Duperre", das Kranke aus der Krim nach Frankreich brachte, brach auf der Fahrt von Eupatoria nach Toulon (10. April bis 2. Mai) Fleckfieber aus und dauerte trotz energischer Reinigung des Schiffes fort, da man in Toulon die 450 Mann starke Besatzung an Bord liess. Schon bis zum 13. Mai waren 23 neue Erkrankungen eingetreten und über einen Monat hinaus folgten immer neue, bis mit der Entfernung der Mannschaften vom Schiffe bie Seuche erlosch. Als aber das Schiff von einer neuen Besatzung bezogen ward, brach unter dieser die Krankheit wieder aus. Der Admiral Dubourdieu sagte: »C'est le navire qui est malade."

So steht es aber auch mit Choleraschiffen, wie dem „Franklin", dem „Leibnitz", dem „Lord Brougham", mit Pestschiffen und vor Allem mit jedem Gelbfieberschiffe, selbst dann wenn die Krankheit schon längere Zeit erloschen ist. Wie auf der „Anne Marie" im Hafen von St. Nazaire beim Löschen der Waaren die scheinbar längst überstandene Epidemie auf's Neue ausbrach, so ist es in Amerika vielfach beobachtet.

Werden die Quarantänen in der angedeuteten Richtung reformirt, dann zweifle ich nicht an grösseren Erfolgen. Mit diesen wird das Vertrauen zu denselben steigen, der Antrieb zu Umgehungen nachlassen.

Ehe ich mich nun zum speciellen Theil wende, ist noch die oft ventilirte Frage zu erörtern, ob die Quarantänen auch dann noch aufrecht erhalten werden sollen, wenn eine Einschleppung schon stattgefunden hat. Mir scheint eine principielle Entscheidung der Frage unmöglich. Nach Wunderliches Bericht kam es 1866 in Leipzig erst im Anfang August zur Verbreitung der Cholera in der Stadt, obgleich seit dem 23. Juni fortdauernd Einschleppungen durch preussische Truppenzüge stattgefunden hatten. Erst als ein inficirtes schwarzes Husaren-Regiment eintraf und in einem besonders ungünstig gelegenen Stadttheile einquartirt ward, breitete sich von hier die Epidemie aus. Hätte die letzte Einschleppung ferngehalten werden können, so wäre die Stadt verschont geblieben trotz der wiederholten vorhergehenden Importationen. Hätte New-York, nachdem 1856 und 1870 in Fort Hamilton und auf Governor's Island Gelbfieber ausgebrochen, von allen weiteren Quarantaine-Massregeln abstehen sollen? Gewiss nicht. Auf der anderen Seite wird kein Mensch fordern, dass 1871 Buenos-Ayres oder 1873 Rio de Janeiro ihre GelbfieberQuarantainen hätten aufrecht erhalten sollen. Ich meine, dass diese Frage in jedem einzelnen Falle nach Massgabe aller örtlichen in Betracht kommenden Verhältnisse gelöst werden müsse.

Ich resümire das in den letzten Abschnitten Besprochene in folgenden Sätzen:

13. Je weniger die Quarantainen den Handel beeinträchtigen, je wirksamer sie sich andererseits erweisen, desto geringer wird der Antrieb zu Umgehungen.

14. Darum sollen die Quarantainen möglichst von Abgaben befreit werden.

15. Die Quarantainen haben nur in Kraft zu treten zur Zeit einer wirklichen Gefahr.

16. Um vom Eintritt der Gefahr rechtzeitig unterrichtet zu sein, sollen die Staaten durch telegraphische Berichte ihrer Consuln und Gesandtschafts-Aerzte sich in fortlaufender Kcnntniss von dem Gesundheitszustande fremder Länder erhalten.

17. An den einzelnen Ankunftsorten sollen die Quarantainen auch dann nur eintreten, wenn die Art des Seeverkehrs eine Einschleppung überhaupt möglich macht, andererseits die Art desselben oder gleichzeitige Landcommunicationen nicht den Erfolg von vornherein aussichtslos erscheinen lassen.

• 18. Die Hauptaufmerksamkeit soll auf die Knotenpunkte des Verkehrs gerichtet werden.

19. Die Quarantaine-Massregeln gegen einzelne Schiffe sollen in keiner Weise präjudicirt werden durch ein reines Gesundheitspatent vom Abfahrtshafen, noch durch die Aussagen des Capitains, sondern ausschliesslich abhängig sein vom Befunde am Ankunftsorte.

20. Die Quarantaine-Anstalten sollen in möglichster Entfernung von den Häfen und grossen Städten liegen, sie sollen den höchsten Anforderungen der Hygieine entsprechen und eine ausgiebige Trennung der Gesunden und Kranken wie der verschiedenen Ankünfte gestatten.

21. Zu diesen Zwecken empfehlen sich schwimmende und Baracken-Quarantainen.

22. Gesunde sollen nie auf demselben Schiffe, mit dem sie eingetroffen, die Quarantaine abhalten, wenn auf diesem während der Fahrt verdächtige Krankheitsfälle vorgekommen sind.

23. Die Frage, ob nach stattgehabter Einschleppung in einem Ort die Quarantaine-Massregeln noch aufrecht zu erhalten seien, kann nie principiell, sondern nur nach Massgabe aller örtlichen in Betracht kommenden Verhältnisse entschieden werden.

Im speciellen Theile, zu dem ich mich jetzt wende, werde ich mich auf das Gelbfieber, die Cholera und die Pest beschränken und jedem einzelnen Capitel eine summarische Darstellung der Krankheit und ihrer Verbreitungsart vorausschicken, soweit dies für unsere Frage in Betracht kommt". Wenn ich dabei dem Gelbfieber eine besondere Aufmerksamkeit schenke, hoffe ich durch den Inhalt gerechtfertigt zu werden.

Specieller Theil.
Das Gelbfieber.

1. Das Gelbfieber, seit Anfang des 17. Jahrhunderts uns bekannt,, herrscht endemisch auf der Mehrzahl der westindischen Inseln, an den mexikanischen Küsten, vielleicht auch an den südlichen Küsten der Vereinigten Staaten. Von hier aus verbreitet es sich epidemisch über die Ostküsten fast des ganzen amerikanischen Continents und erreichte dabei im Norden Quebec*) (46° 80 N.ß.) im Jahre 1805, im Süden Buenos- Ayres (34° 36 S.B.) in den Jahren 1850 und 1871. An der Westküste hat sich die Krankheit nach Süden bis nach Valparaiso (33° 2 S.B.) im Jahre 1856 erstreckt, während ich über die nördliche Grenze keine genaue Angabe finde, jedoch scheint die Krankheit an dieser Küste bisher nicht 20°N.B. überschritten zu haben.

Auf der östlichen Hemisphäre herrscht das Gelbfieber von 0 bis 20° N.B. an der Westküste Afrikas, besonders an der Sierra-Leona-Küste, ohne dass bisher die Frage über den genetischen Zusammenhang dieses Krankheitsgebietes mit dem in Westindien definitiv gelöst wäre. Jedenfalls

*) Matthaei 1. c. II. p. 46 u. 47. — Hirsch (Handb. 1. c. I. p. 71) giebt Porthmouth (N. Hamp.) unter 43° 4 als den nördlichsten bisher erreichten Punkt an im Juli 1798.

sind am Ende des vorigen Jahrhunderts von hier schwere Epidemien nach Amerika eingeschleppt.

Von Amerika wieder eingeschleppt hat das Gelbfieber in Europa Spanien in 3 Perioden schwer heimgesucht (1800—1804, 1810-1813, 1819-1821), in isolirten Epidemien die Orte Livorno 1804, Palma 1821, Passages 1823, Gibraltar 1828, Lissabon 1857, Barcelona*) und Valencia 1871.

Einschleppungen einzelner Fälle und ganz kleine Epidemien sind auch im nördlichen Europa mehrfach vorgekommen und haben hier bis jetzt in Swansea (186ü) unter 51°,38 N.B. ihre nördliche Grenze erreicht.

2. Das Gelbfieber ist bis vor etwa 30 Jahren mit Ausnahme der nordamerikanischen und spanischen Epidemien fast ganz auf sein endemisches Gebiet beschränkt gewesen. Erst seit 1849 ist Brasilien befallen; die Westküste Amerikas war bis 1842 vom Gelbfieber frei, seit 1857 drang die Krankheit nach Süden bis in die La Plata Staaten einerseits, andererseits bis Valparaiso vor, erst seit den 40ger bis 50ger Jahren datiren die häufigen Verschleppungen derselben in englische Häfen.

3. Während die Krankheit im endemischen Gebiete zu allen Jahreszeiten herrscht, erscheint sie ausserhalb desselben nur in den heissen Monaten**). In Spanien erschien sie stets zwischen Juli und September**"'). Es erlöschen die Epidemien im endemischen Gebiete ebenso wie sie begonnen ohne Abhängigkeit von der Jahreszeit, im epidemischen Gebiete dagegen gegen Jahresende f).

4. Der Ausbruch der Krankheit erfolgt nie, wenn die Lufttemperatur unter 20°C. = 16°R. = 62°F. hinunterreicht; doch ist zu bemerken, dass vor noch nicht langen Jahren die Minimal-Temperatur für das Auftreten derselben um einige Grade höher angegeben ward als jetztff), nämlich 22°,2 — 25°,5C. = 72° — 80°F. Wer weiss also, ob wir nicht mit der Zeit Epidemien bei noch geringerer Wärme kennen lernen werden?

*) Vielleicht von hier aus bat Buenos -Ayres seine schwere Seuche erhalten, (cf. Leudesdorf 1. c. 3. Folge, p. XVIII.) **) Hirsch, Handb. 1 c. I. p. 85. Die Krankheit brach ans im Mai, Juni, Juli, August, Septbr., Octbr. in den südlichen Staaten Nordamerikas in 83 Epidemien ... 5 7 21 28 20 2 mal io den mittleren Staaten Nordamerika'» in 32 Epidemien ... — 6 9 12 15 — in New-York und Neu-England in

27 Epidemien — 4 9 13 1 —

5 17 39 53 36 2 mal

***) Doch verbreitete sie sich in einzelnen Fällen bis Ende October. (27. October 1804. Ximenes de la Frontera.)

f) In Nordamerika hörten von 91 Epidemien 10 im September, 37 im October, 36 im November, 8 im December auf. (Hirsch, Handb. I. 1. c.) tt) Hirsch, Handb. 1. c. I. p. 86. 1860.

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