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Wie stellt man nun das Bediirfniss fest, wie ermittelt man die von Hartmann am Schluss gewünschten Normativzahlen? Nach meinem Dafürhalten am besten so, dass man folgende Momente in Rechnung bringt:

1) Dichtigkeit der Bevölkerung;

2) Wohlhabenheit der Bevölkerung, festgesetzt nach der StaatsEinkommen- und Klassensteuer pro Kopf.

Dies sind die Hauptpunkte, um welche es sich in erster Linie handelt, um vor allen Dingen durch Vergleich der einzelnen Landestheile unter sich zu con: statiren, wie die Vertheilung der Apotheken in Preussen bis dahin stattgefunden hat. Mag man dann noch die Verhältnisse von Stadt und Land für jeden einzelnen District bei neuen Anlagen besonders berücksichtigen, wie Bartmuim will, die Vertheilung im Ganzen, wie die Befriedigung des Arznei - Bedürfnisses ist schon gegeben. Dispensir-Anstalten und Haus-Apotheken der Aerzte spielen eine sehr unbedeutende Rolle. Die letzteren sollten eigentlich gar nicht geduldet werden; viele Haus-Apotheken sind ein Zeichen, dass mit den Concessions - Ertheilungen sparsam umgegangen ist.

In der beifolgonden Tabelle habe ich für sämmtliche Regierungsbezirke des preussischen Staats in seinem heutigen Bestände zusammengestellt*) No. 1. Grösse nach Quadratmeilen,

- 2. Zahl der Einwohner nach der Volkszählung pro 1871,

- 3. Dichtigkeit der Bevölkerung,

- 4. Summe der Klassen- und Einkommensteuer, event. statt der Klassen

steuer der aufgebrachten Mahl- und Schlachtsteuer nach Abzug der Quote, welche den Communen zufällt, sowie der in den Rheinlanden zur Erhebung gekommenen Beischläge zu den Justizkosten, i 5. Kopfsteuer nach Mark, sowie nach Groschen und Pfennigen berechnet,

- 6. Zahl der Apotheken nach dem Medicinal-Kalender.

- 7. Wie viel Einwohner kommen auf eine Apotheke im Regierungsbezirk?

- 8. Wie viel Quadratmeilen gehören zu einer Apotheke?

- 9. Wie viel Apotheken kommen auf 100 Quadratmeilen?

Um die Wohlhabenheit eines Districts abzuschätzen, ist nur die pro Kopf gezahlte directe Staatssteuer massgebend; diese allein ist durch den ganzen Staat nach demselben Princip bemessen. Die Mahl- und Schlachtsteuer musste jetzt noch zu Hülfe genommen werden, um den Ausfall an Klassensteuer zu decken. Später fällt diese Aushülfe fort und das Resultat wird noch genauer. — Statt für die Provinzen habe ich die Zahlen für die einzelnen Rsgierungsbezirke aufgestellt, weil die einzelnen Bezirke oft zu wesentlich differiren in Wohlhabenheit, in Vertheilung der Apotheken, in Volksdichtigkeit. — Die Markrechming wurde bei der Kopfsteuer der besseren Uebersichtlichkeit halber gewählt.

*) Für Hannover sind nach der Lage der Bezirks - Haupt - Cassen je zwei Drosteien zu einem Bezirk vereinigt, weil die Angabe der Steuern dazu nöthigte. Die Steuersummeu pro 1873 beruhen auf amtlicher Angabe aus dem Finanzministerium.

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13667
17291
12811
15173
16202
10549
10893
12423
16738

9055
13742
14168
14580
13110
19241
11099
9994
9474
10593
7126
6735

1079724
743485
525239
789012
826341
1002206
1034914
670863
552369

208276
1016954

566700 1414205

983278 1309661 854692 879466 369497 995753 812499 686925 458183 435895 473732 865752 767304 632807 613500 1328065 555361 490730 491308

248
251
243
210
189

62
315
198

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19,36
14,43
26,97
16,30
25,57
25,00
26,99
22,59
12,79
28,75
23,00
15,09
39,11
29,88
28,40
36,67
46,57
62,9
29,84
57,58
30,82
49,10
50,76
61,46
77,86
60,87

84,85
100,00
142,86
52,68
69,74
35,11

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114

331

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167
132

96
140
184
99

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12

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1,97 1,63 1,29 1,64 1,18 1,00 0,7 1,9 1,45

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Wirft man nun einen Blick auf die Tabelle, so fällt zunächst, auf, dass die neuen Provinzen, das wohlhabende und dicht bevölkerte Hessen-Nassau, sowie das theilweise dürftige und dünn bevölkerte Hannover, viel reichlicher mit Apotheken versorgt sind, als die alten Provinzen, selbst das Rheinland mit eingerechnet.

Bei einer Volksdichtigkeit von 2744 auf die Quadratmeile und einer Kopfsteuer von 2.72 Mark hat der Bezirk Osnabrück-Aurich 1 Apotheke auf 5588 Einwohner, während

Coblenz bei 2.61 Kopfsteuer und 4951 Dichtigkeit für 9413 Einwohner

1 Apotheke giebt, Liegnitz bei 2.71 Kopfsteuer 3927 Dichtigkeit für 1 Apotheke 13,110 Einwohner reservirt hat. Noch eclatanter aber wird dieser Gegensatz, wenn man die Summen der Staatssteuern vergleicht, welche von der zu einer Apotheke gehörenden Durchschnittszahl der Einwohner in den verschiedenen Bezirken aufgebracht werden. — Auch hier habe ich die Markrechnung der besseren Uebersicht halber zu Grunde

In dem meist dicht bevölkerten Oppeln zahlt die zu einer Apotheke gehörende Durchschnittsbevölkerung von 19,241 Seelen, die bei Einrechnung sämmtlicher Dispensir- Anstalten und Haus-Apotheken, welche ja doch nur einen sehr engen Kreis von Arznei-Consumenten, die ersten nämlich die Insassen des betreffenden Krankenhauses und mit einer sehr beschränkten Zahl von Mitteln, die zweiten auch einen abgegrenzten Kreis versorgen, vielleicht auf 18,500 herabzusetzen wäre, die Summe von 39,828.87 Mark,

in Liegnitz 35,528.10 M.,

in Schleswig 38,028.87 M.,

in dem dünn bevölkerten Lüneburg-Stade 19,868.25 M.,

in Osnabrück-Aurich 15,209.36 M.

Aus diesen Beispielen, wie noch mehr aus der ganzen Tabelle, erhellt klar die ungleichmässige Vertheilung der Apotheken im jetzigen Preussen; es geht daraus zur Genüge hervor, dass in den neuen Provinzen unter demselben System der Limitirung der Anlage neuer Apotheken, aber bei leitenden Grundsätzen anderer Art, eine bessere Vertheilang über Stadt und Land sowohl in dem dicht bevölkerten und meist reichen Hessen-Nassau, wie in dem grösstenteils dünn bevölkerten und theilweise weniger begüterten Hannover herbeigeführt ist.

Mit der Wohlhabenheit der Bevölkerung wächst die Neigung, die Gesundheit wieder herzustellen, das gefährdete Leben zu erhalten, mit der Wohlhabenheit wächst auch die Bildung im Allgemeinen, es treten mehr und grössere Bedürfnisse an die Menschen heran, und was der Arme und Ungebildete für Luxus erachtet, z. B. sein Kind durch ärztlichen Rath und Arznei zu er

VierteMahrsaehr. f. gor. Med- N. F. XXII. 1. 8

halten, das ist dem Wohlhabenden Bedürfniss, der Gebildete hält es für seine Pflicht.

Je grösser also die Wohlhabenheit einer Gegend, desto grösser der Bedarf an Aerzten und Apotheken; die sich frei niederlassenden Aerzte beweisen das heute schon durch ihre Zahl.

Dazu kommt als zweites Moment: die Dichtigkeit der Bevölkerung, welche auf der einen Seite ja nur in wohlhabenden Districten, resp. in Districten, wo die Gelelegenheit zum Erwerb gegeben ist, eintritt, andererseits durch das Zusammendrängen der Menschen auf einen geringeren Flächenraum, durch die damit verbundenen Uebelstände der Luftverschlechterung, wie durch Gelegenheitsursachen zu plötzlichen Verletzungen, Veranlassung zur häufigeren Erkrankung, namentlich zur Entstehung von Epidemien giebt.

Also je wohlhabender, je dichter bevölkert, d. h. je höher die Kopfsteuer nach Staatssteuern berechnet ist, je mehr Menschen auf eine Raumeinheit zusammengedrängt wohnen, desto mehr Apotheken können bestehen, sind daher nöthig.

Eine weitere Rücksicht auf die bestehenden Apotheken zu nehmen, wie ich oben bereits andeutete, ist der Staat meines Erachtens nicht verpflichtet, ja der Staat hat nach meinem Dafürhalten nicht einmal das Recht, die Besitzenden so zu schützen, da dadurch wirkliche Monopole entstehen und bereits reichlich entstanden sind. Der Staat hat aber auch keine Verpflichtung, diese Werthe abzulösen, mit Ausnahme der Privilegien. Diese hat er selbst verkauft, muss sie also selbstredend wieder einlösen; die Concessions-Inhaber haben gar keinen Anspruch auf Staats-Entschädigung.

Der Staat hat die Concession gratis gegeben und hat dabei keinerlei Garantien übernommen, also auch keine Verpflichtung für Schäden aufzukommen, die durch eine das Allgemeinwohl schädigende Speculation herbeigeführt sind. Diese Speculation besteht auch heute noch trotz des Damoklesschwertes der drohenden Concessions-Vermehrung, event. Gewerbefreiheit.

Noch vor wenigen Monaten ist eine Apotheke mit 69,000 Thalern gekauft, die im Jahre 1864 56,000 Tbaler, im Jahre 1851 30,000 Thaler kostete! In einer anderen Provinz kostete ein Geschäft 1846 45,000 Thaler, der Besitzer wurde reich, that wenig oder nichts für die Aufbesserung des Geschäfts, verkaufte für 57,500 Thaler; der jetzige Besitzer kat keinen Grund zur Klage. Eine Concession wird ertheilt, das neue Geschäft nach sage 2i Jahren für 75,000 Thaler verkauft, hat heute eine Receptur von gegen 200 Recepten. Müssten dahin nicht mindestens noch zwei Apotheken gelegt werden?

Wer sucht, wird solcher Beispiele mehr finden: diese stehen fest.

Ist der Staat nun auch keineswegs verpflichtet, die von den Conc.essions-Inhabern widerrechtlich beanspruchte Entschädigung zu zahlen, so wird er andererseits auch nicht jäh, wohl aber stetig mit neuen Concessionen vorgehen, um so die Entwerthung grosser Kapitalien zu vermeiden. Und spricht die Staatsregierung nur einmal es bestimmt aus, dass die Concessionen von einem bestimmten Zeitpunkt an rücksichtslos vermehrt werden, dann werden die Apothekenpreise bald zur Norm zurückkehren und Verkäufe wie die oben genannten von selbst aufhören.

Die Hauptsache bei der Vermehrung der Concessionen also ist die richtige Prüfung der Bedürfnissfrage, und diese muss vor allen anderen Rücksichten nach der Dichtigkeit und der Wohlhabenheit der Bevölkerung entschieden werden; die Wohlhabenheit wird, wie ich oben .bereits auseinandergesetzt habe, am besten und sichersten nach der Kopfsteuer der directen Staatssteuern beurtheilt. Hieraus, wie aus dem approximativen Arzneiverbrauch pro Kopf, (ich glaube nicht, wie Hartmann, dass es möglich ist, diese Zahl mathematisch sicher zu berechnen, man wird sie immer nur annähernd bestimmen können) muss sich eine Proportion finden lassen, welche uns mit Zugrundelegung eines Norm-Verhältnisses aus der gewonnenen Erfahrung die Normativzahl für jeden einzelnen Bezirk durch eine einfache Gleichung berechnen lässt.

Ich erlaube mir im Folgenden Andeutungen in dieser Beziehung zu geben, bemerke aber im Voraus, dass ich keinen Anspruch auf eine richtige Proportion erhebe. Ich will durch meine Andeutungen nur anregend wirken und überlasse es dem Nationalökonomen im Verein mit dem Mathematiker, die Aufgabe der gesuchten Normativzahlen definitiv zu lösen.

Die mittlere Kopfsteuer für den ganzen Staat beträgt 2.87 Mark, die mittlere Volksdichtigkeit 3,722.

Der Regierungsbezirk Cassel mit 277 Wohlhabenheit und 4,170 Volksdichtigkeit scheint mir nach den eingezogenen Erkundigungen im Ganzen richtig mit Apotheken besetzt zu sein; die Kopfsteuerzahl wie die Zahl der Volksdichtigkeit stehen den mittleren Zahlen für den ganzen Staat ziemlich nahe. Ich nehme

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