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der Physikus ohne Lazareth einem solchen Jammer gegenüber? Nachdem er die Krankheit constatirt hat, reist er mit dem traurigen Bewusstsein ab, nichts gethan zu haben, denn die Anordnungen von Verhütungsmassregeln sind fast ausnahmslos nur dazu da, nm's gehen zu lassen, wie's Gott gefällt! Was würde man dazu sagen, wenn der Richter einen Criminalfall untersuchen und das Strafurtheil fällen würde, der Staat aber kein Gefängniss bereit hielte, um in wirksamer Weise die Verordnung des Richters zur Ausführung kommen zu lassen? Mögen wir auch noch lange der Zeit harren, wo der Staat die Wichtigkeit des Gesundheitsschutzes auf gleiche Stufe mit der des Rechtsschutzes stellt und dann den Sanitätsbeamten ebenso viel zutraut, wie den Justizbeamten, aber im Interesse der Humanität erscheint es mir dringend geboten, wenigstens in solchen trostlosen Fällen eine Verbesserung eintreten zu lassen und sich, wenn die Calamität noch mehr wächst, wie z. B. in der ostpreussischen Typhus-Epidemie oder in mehreren kürzlich stattgehabten Cholera-Epidemien, nicht des Auskunftsmittels zu bedienen, öffentliche Aufrufe an Aerzte zu richten, die ohne Wartepersonal auch nicht Genügendes leisten können. Fliegende Lazarethe sind meiner Meinung nach das einzig Richtige hierbei und jede Regierung müsste deren einige mit den nöthigen Utensilien, Wärtern und einem Lazaretharzt zur Verfügung haben."

Das segenreichste Wirken solcher Lazarethe wird sich in den Epidemien typhöser Fieber zeigen, bei denen die Behandlung durch Bäder die jetzt als souverain anerkannte Curmethode ist, und gerade sind solche Epidemien im Vergleich zu denen der anderen contagiösen Krankheiten die zahlreichsten.

Die Anzahl des Lazareth-Unterpersonals kann ganz dem Umfang der Epidemie angepasst werden, event. können auch die Regierungs-Bezirke einander mit diesen Lazarethen aushelfen. In Zeiten der Ruhe können die Medicinalräthe dieses Lazareth-Personal zum Dienst in den stabilen Lazarethen oder zum Bureaudienst verwenden. Da die Erwerbung von Privatpraxis für die Lazarethärzte eine Unmöglichkeit sein würde, muss von einer solchen ganz abstrahirt werden, und die Lazarethärzte müssen volle Sanitätsbeamte sein.

Die im Entwurf angeführten Pflichten der Physiker sind dieselben geblieben, wie sie bisher schon anerkannt waren, nur sollen sie nicht blos auf dem Papier stehen, sondern ein reelles Dasein gewinnen, wie es zum sanitären Wohl des Volkes nothwendig ist, und von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet ergiebt sich sofort Zweierlei: Erstens ersieht man aus der Masse von Geschäften, die dem Physikus obliegen, dass dadurch seine ganze Zeit in Anspruch genommen wird, und zweitens ist zur gewissenhaften Ausführung seines umfassenden Amtes die Unabhängigkeit eines preussischen Beamten nothwendig, so dass also der Physikus keine Zeit zur Privatpraxis hat und dieselbe auch mit den Pflichten seines Amtes unvereinbar ist, ebenso wie es bei dem Richter der Fall ist, dem die Zumuthung nicht gestellt wird, seine Berufspflichten zu erfüllen und dabei seinen Lebensunterhalt zum grössten Theil von den Partheien zu erwerben. Ebensowenig bleibt ihm aber auch Zeit zu forensischen Geschäften; doch geschieht dadurch dem Gericht kein Ausfall, weil die Kreiswundärzte vacant werden und diese jetzt dem Physikus vollständig ebenbürtig sind. Durch Vereinigung zweier Wundärzte benachbarter Kreise bleibt das Doppelsystem der Gerichtsärzte gewahrt, und dabei wird der grosse Vortheil erzielt, dass die Leistungsfähigkeit derselben sich verdoppelt, weil der Kreis der Erfahrungen um das Doppelte zunimmt; ein Punkt, der sehr beherzigenswerth in forensischen Dingen und ebenso auch in GemüthszustandsUntersuchungen ist.

Die grosse Verbreitung von Krätze und Syphilis auf dem Lande wird wohl nicht geläugnet werden. Die Unbemittelten können aus eigenen Mitteln die Cur nicht bestreiten und die Gemeinden entziehen sich dieser Verpflichtung soweit wie möglich. Es mus8 daher die Aufgabe des Staates sein, diese Kranken zu übernehmen, und dies kann erfolgreich nur durch Einrichtung von Lazarethen geschehen, wie sie der Entwurf ad III. im Auge hat. Die medicinische Statistik gewinnt durch diese angestrebten Veränderungen im Sanitätswesen ein höchst werthvolles und verlässliches Material, wie es in Bezug auf die ansteckenden Krankheiten bisher nicht möglich gewesen ist, ebenso wie auch endlich ein solches Sanitäts-Lazareth-System sowohl zu wissenschaftlichen Durchforschungen der Aetiologie, als auch zu curativen Versuchen bei den ansteckenden Krankheiten das geeignetste ist und wegen der Massenhaftigkeit des sich dabei ergebenden Materials wohl zu der Annahme berechtigt, zur Entdeckung noch manches werthvollen Fundes beizutragen. Den sich dieser Cariere Widmenden müsste Gelegenheit gegeben werden, die nöthigen Kenntnisse, sei es als Studirende oder bereits als Arzt, zu erlangen, und würde der Unterricht hauptsächlich darin bestehen, die sanitären Beziehungen der medicinischen Wissenschaft zur Praxis des Lebens und die administrative Leitung eines Lazareths zu lehren, was in den grossen Universitätsstädten auf keine Schwierigkeiten stossen würde.

Auch die Zeit der Medicinal- und Geheimräthe würde nach dem Entwurf so in Anspruch genommen werden, dass eine Privätpraxis nicht möglich wäre, daher müssen auch diese vollständige Beamte sein, und selbst die consultative Praxis darf sämmtlichem Sanitäts - Personal nicht gestattet werden, weil unter Umständen eine solche der Berufspflicht erheblichen Abbruch thun könnte.

Schliesslich sei noch des Attestwesens erwähnt, das jetzt noch als eine nicht unbedeutende Quelle des Nebeneinkommens der Sanitätsbeamten figurirt. So lange dasselbe eine Erwerbsquelle bildet, entbehrt es der ünantastbarkeit der fides publica, die das Gesetz den Attesten der beamteten Aerzte zuerkennt, und nur eine Abänderung im Sinne des Entwurfs ist im Stande, demselben die so nothwendige allgemeine Achtung zu verschaffen.

3.

Beitrag zur Reform des Apotheken wesens in Prenssen.

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Dr. Plstor,

Regierungs- u. Medicinal-Rath in Oppeln.

Anknüpfend an den XIII. Bericht der Petitions-Commission des Deutschen Reichstags und die dagegen erschienene, mit ausserordentlicher Gründlichkeit und eingehender Betrachtung der bestehenden Verhältnisse geschriebene Denkschrift des Deutschen Apotheker-Vereins: „Reform oder Umsturz des Concessions - Systems im Apothekenwesen", will ich versuchen, diese schwebende Frage noch einmal kurz zu beleuchten, um, wenn möglich, zu ihrer practischen Lösung beizutragen und schliesslich einige Bemerkungen über den „Entwurf zu einer Norddeutschen ApothekenOrdnung, 1869." und über die dazu gehörigen „Veränderungen zu etc. von Dr. Hartmann, 1874." hinzufügen. Es scheint mir um so mehr geboten, dass von ärztlicher resp. amtlicher Seite auch ein Wort in die Waagschale geworfen wird, da nach Brefeld und Wald nur durch Weber eingehend und durch Blaschko kurz absprechend*) diese sehr intricate Angelegenheit, die von der höchsten Bedeutung für das Gemeinwohl ist, unter den Aerzten und besonders unter den Medicinalbeamten erörtert worden ist. Fürchte Niemand eine weitläufige Auseinandersetzung über meinen Stand zu der Frage: ob Gewerbefreiheit, ob ConcessionsSystem; diese ist in den letzten Jahren durch Brochüren, Denkschriften und durch die Presse so reichlich ventilirt worden, dass ich mich darauf beschränken kann, kurz meinen Standpunkt klar zu legen, um dann auf den Kernpunkt, auf die Abhülfe der mit Recht gerügten Mängel zu kommen.

Gegen jene Gewerbefreiheit, welche in England, Frankreich, Italien, Amerika und verschiedenen anderen Ländern existirt, d. h. die Berechtigung zur Anlage neuer Apotheken mit und ohne Nachweis der Qualification (Amerika), jedenfalls ohne die Verpflichtung, die Anlage gewissen staatlichen Vorschriften entsprechend zu machen, demgemäss in Betrieb zu setzen und zu erhalten, spricht nicht allein die in jenen Ländern gemachte Erfahrung, sondern ebenso ruhige Ueberlegung. Bei einer solchen Freiheit muss Zügellosigkeit, will für diesen Fall sagen, unreeller und nachlässiger Geschäftsbetrieb Platz greifen.

Aber auch die im XIII. Bericht der Petitions-Commission, wie die vom Abgeordneten Jacobi (Liegnitz) in der Schlesischen Zeitung gewünschte Gewerbefreiheit mit Nachweis der Befähigung, Einrichtung und Betrieb des Geschäfts nach staatlicher Vorschrift, mit häufiger und gründlicher Controle durch den Staat, indessen ohne Prüfung der Bedürfnisefrage, entspricht meines Erachtens nicht dem Interesse des Gemeinwohls.

*) Wie ich aus dem Octoberheft dieser Vierteljahrsschrift ersehe, hat Bluachku sich von der Gewerbefreiheit ab- und dem Concessionssystem zugewandt.

Die erste Folge dieser Gewerbefreiheit würde Ueberbürdung der grossen Städte mit Apotheken sein, während das platte Land wenig oder nichts dabei gewinnen würde, wie wir dies in den genannten Ländern und in Elsass-Lothringen sehen. Also gerade die schnell erreichbare Arznei, welche Jacobi mit Unrecht caeteris paribus die beste nennt und in erster Linie fordert, würde bei dieser Einrichtung nicht gewonnen werden; das hat Hartmann in der genannten Denkschrift hinreichend nachgewiesen.

Die schnell erreichbare Arznei wird von den Anhängern der Gewerbefreiheit als Stichwort gebraucht, dabei aber mancherlei übersehen:

1) dass eine Arznei vor allen Dingen gut sein muss, wenn sie dem Kranken nutzen soll;

2) dass verhältnissmässig wenige Arzneien von solcher Bedeutung sind, dass eine geringe Verzögerung der Herbeischaffung das Leben des Kranken gefährdet;

3) dass jeder practischo Arzt auf dem Lande dispensirte Mittel der betreffenden Art für den Nothfall bereit zu haben pflegt; icli habe solches von der Mehrzahl meiner Collegen gehört und gesehen und selbst immer nach diesem Princip gehandelt;

4) dass die Mehrheit des Publikums um Herbeischaffung der verordneten Arznei gar nicht so ängstlich besorgt ist, sondern oft zwar den Arzt des Nachts incommodirt, die betreffende Verordnung aber ruhig bis zum nächsten Morgen liegen lässt, trotzdem reitende und Fussboten zur Disposition stehen, wie ich in Pommern und der Mark erfahren habe.

Dagegen würde die bis jetzt fast immer garantirte Güte der Arznei sehr bald fraglich werden dnrch die sicher sich entwickelnde Concurrenz und den dadurch oft bedingten Nothstand der Apotheker. Namentlich würde in den Städten bei der sehr grossen Concurrenz viel unreelle Bedienung stattfinden, wie wir dies aus Italien, Belgien, Frankreich und England zur Genüge wissen.

Wenn die Anhänger der Gewerbefreiheit meinen, die amtliche Controle könne solche Missstände verhüten, so sieht man aus diesem Argument, dass sie der Sache nicht kundig sind. Wie wenig die staatliche Controle bei voller Gewerbefreiheit nützen resp. leisten würde, wie wenig namentlich der ordinirende Arzt im Stande ist, die gelieferte Arznei auf ihre Güte zu controliren, das hat bereits Weber in seinem Artikel „Beleuchtung der Frage, ob Beschränkung oder Freigebung des Apotheker-Gewerbes?" (Vierteljahrsschr. f. gerichtl. u. öffentl. Med. N. F. Bd. X.) sehr treffend nachgewiesen.

Wie oft würden den Revisoren sehr gute Präparate, Vegeta

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