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9. Juni 1866.

14. Juni 1866.

Das I. Bataillon mit dem Regimentsstabe fuhr am 22. Mai, dem zweiten Pfingstfeiertage, 12 Uhr nachmittags, von Coblenz ab, das II. Bataillon folgte drei Stunden später. Beide Grenadier-Bataillone hatten bei ihrer Ankunft in Berlin die Ehre, von Seiner Majestät dem Könige und den Königlichen Prinzen empfangen zu werden. Sie wurden in der Gegend des Alexander- und Andreasplates einquartiert.

Seine Majestät hielt am 26. Mai eine Parade über das ganze Gardekorps ab. Es giebt in Preußen historische Paraden, welche die Bedeutung einer regelmäßig wiederkehrenden Musterung übersteigen und die einen Abschnitt in der Geschichte des Landes kennzeichnen. Jeder, der bei einer derartigen Parade in der Front gestanden hat, erinnert sich mit Stolz daran. Eine solche historische Parade war die am 26. Mai 1866.

Das Gardekorps rückte später wie die anderen Armeekorps zu der Zweiten Armee ab. Erst am 4. Juni erfolgte der Befehl zum Abmarsch in die Gegend von Kottbus. Vor dem Kottbuser Thore besichtigte Seine Majestät an diesem Tage, 4 Uhr früh, noch einmal persönlich das Regiment.

Das Marschiren durch die sandige Mark in den nächsten, außergewöhnlich heißen Tagen war für die Mannschaft etwas ungewohntes, es mußte erst erlernt werden. Das Füsilier-Bataillon marschirte auf Lübben und hatte dort am 7. Ruhetag. Die Grenadier-Bataillone mit dem Regimentsstabe bekamen die Straßen Königswusterhausen-Storkow― Mittweida—Straupit angewiesen. Sie hatten am 8. Ruhetag in Straupit. Schon jezt erwies sich die Fortschaffung des Gepäcks auf dem Rücken der Packpferde als unpraktisch. Da die Thiere fast alle gedrückt wurden, so spannte man sie vor requirirte Wagen und benußte sie als Zugpferde.

Laut Allerhöchsten Befehls vom 5. Juni trat das Gardekorps zeitweilig zur Ersten Armee über.

Am 9. Juni waren die Bataillone des Regiments in der Gegend von Kottbus

vereinigt.

Die Verpflegung in den Quartieren geschah durch Magazine. Der viertägige Aufenthalt wurde von den Kompagnien zu Felddienstübungen und zum Instandseyen der Sachen benutzt.

Für den Weitermarsch hatten sich die Kompagnien mit einer mindestens dreitägigen eisernen Viktualien- und Brotportion sowie mit Fourage zu versehen.

Die österreichische Haupt-Armee von ungefähr sechs Korps war noch bei Olmüş versammelt und somit Schlesien mehr bedroht als die Mark. Das Gardekorps wurde daher der Armee des Kronprinzen wieder zugetheilt und erhielt den Befehl, sich um Brieg zu versammeln und den linken Flügel der Stellung an der Neiße zu bilden.

Das Regiment brach am 14. auf und erreichte über Peiß in zwei Tagen die Eisenbahn bei Guben. Am 16. wurde es in drei Zügen nach Brieg befördert, woselbst es im Laufe der Nacht anlangte. Während die Stäbe in Brieg selbst unterkamen, wurden von den Bataillonen Quartiere in der Umgegend bezogen.

Durch besondere Verwendung Ihrer Majestät wurde dem Regiment der

Feldkaplan Lücker überwiesen und dieser bei seinem Eintreffen dem II. Bataillon zugetheilt.

In Brieg hatte das Offizierkorps auch die große Freude, Ihre Majestät die Königin auf dem Bahnhofe begrüßen zu können. Leider war die Veranlassung hierzu eine traurige. Ihre Majestät hatte dem in Neiße eingetroffenen Kronprinzen die Nachricht von dem am 18. Juni erfolgten Tode seines Sohnes, des kaum 2 Jahre alten Prinzen Sigismund, selbst bringen und den schmerzlichen Eindruck. mildern wollen, den dies Ereigniß auf Seine Königliche Hoheit machen mußte.

Dieser Begrüßung wohnte auch Seine Durchlaucht der Prinz Anton von Hohenzollern bei, welcher von seinem Regiment (1. Garde-Regiment zu Fuß) herbeigeeilt war, um Ihrer Majestät sein Beileid abzustatten. Wenige Tage später hauchte auch er bei Königinhof sein edles Leben aus.

Am 18. Juni erließ Seine Majestät der König folgenden begeisternden Aufruf:

An Mein Volk!

"1

In dem Augenblicke, wo Preußens Heer zu einem entscheidenden Kampfe auszieht, drängt es Mich, zu Meinem Volke, zu den Söhnen und Enkeln der tapferen Väter zu reden, zu denen vor einem halben Jahrhundert Mein in Gott ruhender Vater unvergessene Worte sprach:

»Das Vaterland ist in Gefahr.«

Oesterreich und ein großer Theil Deutschlands steht gegen dasselbe in Waffen! — Nur wenige Jahre sind es her, seit Jch aus freiem Entschlusse und ohne früherer Unbill zu gedenken, dem Kaiser von Oesterreich die Bundeshand reichte, als es galt, ein deutsches Land von fremder Herrschaft zu befreien. Aus dem gemeinschaftlich vergossenen Blute, hoffte Jch, würde eine Waffenbrüderschaft erblühen, die zu fester, auf gegenseitiger Achtung und Anerkennung beruhender Bundesgenossenschaft und mit ihr zu all' dem gemeinsamen Wirken führen würde, aus welchem Deutschlands innere Wohlfahrt und außere Bedeutung hervorgehen sollte. Aber Meine Hoffnung ist getäuscht worden. Oesterreich will nicht vergessen, daß seine Fürsten einst Deutschland beherrschten, in dem jüngeren, aber kräftig sich entwickelnden Preußen will es keinen natürlichen Bundesgenossen, sondern nur einen feindlichen Nebenbuhler anerkennen.

Preußen so meint es muß in allen seinen Bestrebungen bekämpft werden, weil, was Preußen frommt, Desterreich schade.

Die alte, unselige Eifersucht ist in hellen Flammen wieder aufgelodert. Preußen soll geschwächt, vernichtet, entehrt werden. Ihm gegenüber gelten keine Verträge mehr, gegen Preußen werden deutsche Bundesfürsten nicht bloß aufgerufen, sondern zum Bundesbruch verleitet. Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden umgeben, deren Kampfgeschrei ist: »Erniedrigung Preußens«.

Aber in Meinem Volke lebt der Geist von 1813. Wer wird uns einen Fuß breit preußischen Bodens rauben, wenn wir ernstlich entschlossen sind, die Errungenschaften unserer Väter zu wahren, wenn König und Volk, durch die

Gefahren des Vaterlandes fester geeint, an die Ehre desselben Gut und Blut zu setzen für ihre höchste und heiligste Aufgabe halten. In sorglicher Voraussicht dessen, was nun eingetreten ist, habe Ich seit Jahren es für die erste Pflicht Meines Königlichen Amtes anerkennen müssen, Preußens streitbares Volk für eine starke Machtentwicklung vorzubereiten. Befriedigt und zuversichtlich wird mit Mir jeder Preuße auf die Waffenmacht blicken, die unsere Grenze deckt. Mit seinem Könige an der Spize wird sich Preußens Volk ein wahres Volk in Waffen fühlen!

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Unsere Gegner täuschen sich, wenn sie wähnen, Preußen sei durch innere Streitigkeiten gelähmt. Dem Feinde gegenüber ist es einig und stark, dem Feinde gegenüber gleicht sich aus, was sich entgegenstand, um demnächst in Glück und Unglück vereint zu bleiben.

Ich habe Alles gethan, um Preußen die Lasten und Opfer eines Krieges zu ersparen, das weiß Mein Volk, das weiß Gott, der die Herzen prüft. Bis zum letzten Augenblick habe Jch in Gemeinschaft mit Frankreich, England und Rußland die Wege für eine gütliche Ausgleichung gesucht und offen gehalten, Desterreich hat nicht gewollt und andere deutsche Staaten haben sich auf seine Seite gestellt. So sei es denn! Nicht Mein ist die Schuld, wenn Mein Volk schweren Kampf kämpfen und vielleicht harte Bedrängniß wird erdulden müssen, aber es ist uns keine Wahl mehr geblieben. Wir müssen fechten um unsere Existenz, wir müssen in einen Kampf auf Leben und Tod gehen gegen diejenigen, die das Preußen des Großen Kurfürsten, des Großzen Friedrich, das Preußen, wie es aus den Freiheitskriegen hervorgegangen ist, von der Stufe herabstoßen wollen, auf die seiner Fürsten Geist und Kraft, seines Volkes Tapferkeit, Hingebung und Gesittung es emporgehoben haben.

Flehen wir den Allmächtigen, den Lenker der Geschicke der Völker, den Lenker der Schlachten an, daß er unsere Waffen segne.

Verleiht uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose Band, welches die deutschen Stämme mehr dem Namen als der That nach zusammenhielt und welches jetzt durch diejenigen zerrissen ist, die das Recht und die Macht des nationalen Geistes fürchten, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern.

Gott mit uns!

Berlin, den 18. Juni 1866.

gez. Wilhelm."

Dieser Aufruf wurde den Mannschaften beim Appell verlesen und gleichzeitig nachstehender Armeebefehl Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen bekannt gemacht:

„Soldaten der Zweiten Armee!

Ihr habt die Worte unseres Königs und Kriegsherrn vernommen. Die Bemühungen Seiner Majestät, dem Lande den Frieden zu erhalten, waren vergeblich. Mit schwerem Herzen, aber stark im Vertrauen auf die Hingebung und Tapferkeit seiner Armee, ist der König entschlossen, zu kämpfen für die

Ehre und Unabhängigkeit Preußens, wie für die machtvolle Neugestaltung Deutschlands.

Durch die Gnade und das Vertrauen meines Königlichen Vaters an Eure Spize gestellt, bin ich stolz darauf, als der erste Diener unseres Königs mit Euch Gut und Blut einzusetzen für die heiligsten Güter unseres Baterlandes.

Soldaten! Zum ersten Male seit über 50 Jahren steht unserem Heere ein ebenbürtiger Feind gegenüber. Vertraut auf Eure Kraft, auf unsere bewährten vorzüglichen Waffen und denkt, daß es gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser größter König mit einem kleinen Heere schlug. Und nun vorwärts mit der alten preußischen Losung: „Mit Gott für König und Vaterland." Hauptquartier Neiße, den 20. Juni 1866.

Der Oberbefehlshaber der Zweiten Armee. gez. Friedrich Wilhelm, Kronprinz, General der Infanterie und Militär-Gouverneur der Provinz Schlesien.

4. Kapitel.

Der Einmarsch in Böhmen.

Die österreichische Haupt-Armee war inzwischen von Olmütz aufgebrochen und im Linksabmarsch nach Böhmen marschirt, um sich hier mit dem 1. Korps (ClamGallas) und den Sachsen zu vereinigen. Bei dem weiteren Linksziehen dieser Armee mußte auf preußischer Seite immer mehr die Besorgniß vor einem feindlichen Einfall in Oberschlesien weichen. Es erging daher an die Erste und Zweite Armee der telegraphische Befehl, in Böhmen einzurücken.

Infolge dieses Allerhöchsten Befehls marschirte am 21. das Regiment aus jeinen Quartieren in der Richtung auf Frankenstein ab. Hier sollte am 24. ein neuer Lebensmittelempfang stattfinden. Bis dahin mußten sich die Mannschaften mit der aus Brieg mitgeführten dreitägigen Mundportion begnügen. Vom 20. bis 23. herrschte eine furchtbare Hiße, so daß das Regiment an diesem Tage bereits 32 Uhr früh aufbrach. Endlich am 24. strömte ein erquickender Regen nieder.

Das Gros der 2. Garde-Infanterie-Division lag an diesem Tage in Wartha. Die Quartiere daselbst waren so eng, daß auf jede Kompagnie nur ein Haus fam. Auch an den folgenden Tagen mußten die Kompagnien im Freien kochen. und sich mit äußerst geringem Raum begnügen.

Nach der von der 2. Garde-Infanterie-Division für die nächste Zeit befohlenen Truppeneintheilung marschirte das Regiment an der Spitze des Gros.

Bezüglich des weiteren Vormarsches waren von dem Oberkommando der Zweiten Armee folgende Anordnungen getroffen worden:

Geschichte des Königin Augusta Garde-Grenadier-Regiments Nr. 4.

6

25. Juni 1866.

26. Juni 1866.

27. Juni 1866.

das I. Korps sollte über Trautenau auf Arnau,

das V. Korps über Nachod auf Gradlig,

das Gardekorps zwischen beiden über Braunau auf Königinhof marschiren. Das VI. Korps, welches den eben erfolgten Abmarsch der Zweiten Armee durch eine Demonstration nach der Grenze hin gedeckt hatte, folgte bald dem Vormarsch der Armee. Das Ueberschreiten der Sudeten-Pässe war auf den 25, 26. und 27. Juni festgesegt.

Diesen Anordnungen gemäß marschirte das Regiment am 25. Juni durch den landschaftlich schönen Wartha- Paß über Gabersdorf und Eckersdorf auf Steine. Die Grenadier-Bataillone kamen in enge Quartiere nach Steine, während das Füsilier-Bataillon mit dem Regimentsstab bis Scharfeneck vorgeschoben wurde. Bei letterem Orte traf es mit der Tete der von Neurode her anmarschirenden 1. Garde-Infanterie-Division (I. Bataillon Garde-Füsilier-Regiments unter Oberstlieutenant Gr. v. Waldersee)*) zusammen.

Die Bagage fuhr nach Friedland und langte erst am 2. Juli bei der Truppe wieder an. Bon jetzt ab folgten den Marschkolonnen unmittelbar nur die Gefechtsbagage, außerdem bei der Reserve die Lebensmittel- und Tornisterwagen. Die Truppen marschirten nur noch mit gerolltem Mantel und Kochgeschirr.

Als das Regiment am 26. Juni, 512 Uhr morgens, die österreichischen Grenzpfähle erblickte, wurden dieselben mit endlosem Hurrah begrüßt und im Laufschritt passirt. Bald war das aus dem dreißigjährigen Kriege her berühmte Braunau mit seinem alten Kloster, in einem herrlichen Thalkessel gelegen, erreicht

Die 3. Garde-Ulanen griffen dort einzelne gegen die Grenze vorgeschobene feindliche Kavalleriepatrouillen an. Es waren Windischgrätz-Dragoner, alte Kampfgenossen von Jütland her. Kein Abpfeifen der Offiziere, kein Signal konnte die einmal begonnene Jagd hemmen; erst als drei Gefangene eingebracht waren, beruhigten sich die braven Ulanen.

Jenseits Braunau erhob sich der scharfe Kamm des Falken-Gebirges. Hier glaubte man die österreichische Armee zum Widerstande bereit zu finden, sah sich aber in dieser Erwartung getäuscht. Braunau wurde friedlich passirt.**) Die Einwohner reichten den durchmarschirenden Truppen freundlicherweise Erfrischungen. Beim Dorse Pickau bezog das Regiment das erste Biwak. Seine Königliche Hoheit der Kronprinz erschien hier im Lager und freute sich über die vortreffliche Stimmung der Leute.

Jest in Feindesland trat auch wieder der von Jütland her bekannte Küchenzettel in Kraft, welcher angab, was gesetzmäßig von den feindlichen Einwohnern zu fordern wäre.

Mit dem 27. Juni beginnt die Reihe von denkwürdigen Gefechten, welche

* 1870 Kommandeur des Regiments.

**) An einem Hause auf dem Marktplate in Braunau leuchtete den Truppen in großen goldenen Buchstaben folgende Inschrift entgegen:

„Noch schlummern in der Zeiten Schoße, Die dunklen, wie die heiteren Loose.“ Für den Beginn eines Feldzuges gewiß sehr zeitgemäße Worte.

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