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Doch findet der Blick, welcher sich auf die äußern Erscheinungen dieser Entfaltung edelster Kräfte richtet, welcher dem sieghaften Vorschreiten der deutschen Heere auf feindlichem Boden folgt, des Bewundernswerthen genug.

In ihrem Endziel dasselbe Operationsobjekt wie in frühern Kriegen gegen Frankreich verfolgend, nämlich die vollständige Niederwerfung des Feindes in seiner Hauptstadt Paris, und dabei an das Gegebene, an Menschenkräfte in derselben Weise wie früher gebunden, hat die deutsche Heerführung in diesem Kriege in jeder Weise, sowohl hinsichtlich der Masse der Truppen und ihrer Verpflegung, als auch hinsichtlich ihrer Verwendung zu höchst kombinirten Operationen Dinge geleistet, welche in keinem früheren Kriege auch nur annähernd erreicht worden sind. Die wunderbare Erscheinung, daß die Armee, welche Frankreich im Beginn des Feldzugs zur Invasion Deutschlands aufstellte, jammt den nach den ersten großen Niederlagen herangezogenen Reservecorps vollständig, in ihrer Gesammtheit, gefangen genommen wurde, ist einzig in der Kriegsgeschichte. Die einzelnen Resultate auch, jedes für sich betrachtet, die Cernirung und Eroberung der Festung Paris, einer Stadt, in deren Mauern eine halbe Million waffentragender Männer sich befand, während drei große Armeen zu ihrem Entsaß in Bewegung waren; die Gefangennahme eines französischen Heeres von mehr als hunderttausend Mann, in ihrer Mitte das Staatsoberhaupt selbst, durch die Rapitulation von Sedan; die Umgehung, Einschließung und Gefangennahme einer andern Armee von zweihunderttausend Mann, der eigentlichen Kerntruppen Frankreichs, in der Festung Mek; die Besiegung eines an Zahl dreifach überlegenen Heeres in der dreitägigen Schlacht bei Belfort und dessen Hinüberdrängen auf den neutralen Boden der Schweiz, sind kriegerische Ereignisse, wie sie absolut noch nicht vorge=: kommen waren.

Im Großen und Ganzen sind diese unvergleichlichen Erfolge als die Resultate einer Kriegekunst anzusehen, welche mit den neuen Faktoren veränderter Heeresorganisationen und vorgeschrittener Verkehrsmittel und Waffentechnik bereits zu rechnen verstand, während der Gegner dies noch nicht fonnte, einer Kriegskunst, welche unerhört große, mit vervollkommneten Waffen versehene Heeresmassen mit der größten Schnelligkeit zu mobilisiren und nach neuen Grundsägen der Strategie und Taktik zu bewegen wußte, während der Gegner zwar auch die großen Heere besaß, deren Organisation jedoch nicht verstand und dieselben nach den alten Regeln verwenden wollte.

Seitdem die Wissenschaften in schnell fortschreitender Weise ihren Einfluß auf das Heerwesen ausüben, so daß von Jahrzehnt zu Jahrzehnt neue vollkommenere Systeme in der Feuerwaffe entstehen, ist es das beständige Streben der Heerführer, die Taktik der verschiedenen Waffengattungen diesen technischen Fortschritten anzupassen und den neuen Anforderungen derselben entsprechend zu verändern. Das gelingt nur dem ernsten, ausdauernden Streben verständiger, einsichtsvoller Männer. Es ist eine sehr mühsame und schwierige Sache.

Wo es an Ernst und Einsicht fehlt, da ist man alsdann geneigt, die Waffe allein als wirksamen Hebel des Siegs anzusehen; man bestrebt sich, besonders mörderische und vollendete Waffen zu gebrauchen, man vernachlässigt den Geist und vertraut der Maschine.

So erging es Frankreich. Im Besik eines ausgezeichneten Infanteriegewehrs und einer in der deutschen Armee nicht üblichen Geschükart glaubten die Franzosen des Sieges gewiß • zu sein, nachdem sie in oberflächlicher Beurtheilung der preußischen Siege von 1866 dem Zündnadelgewehr allein die damaligen Erfolge angerechnet hatten. Sie übten daher allerdings taktische Einzelnheiten ein, welche die Wirkung ihrer Feuerwaffe sehr erhöhten, z. B. das Kämpfen der Infanterie aus Schüßengräben, aber sie lieben es in den allgemeinen Grundzügen der Taktik beim Alten. Niemand, der das fran= zösische Reglement über den Gebrauch der Mitrailleusen und die Berichte der Kommissionen zur Prüfung des Chassepotgewehrs gelesen hat, kann sich der Ueberzeugung verschließen, daß wirklich die Siegeszuversicht der Franzosen zum größten Theil auf die Vorzüglichkeit dieser Waffen gegründet war.

Eine wunderbare Verblendung!

Dann ist auch die Strategie eine Wissenschaft, welche stets fortschreitet und den veränderten Wehrgesegen der Neuzeit Rechnung trägt, gleich wie sie die neuen Verkehrsmittel, Eisenbahn und Telegraph, ihren Zwecken entsprechend verwendet. Die allgemeine Wehrpflicht, indem sie den Bestand der Heere so erheblich vergrößert, ändert die Regeln der Strategie.

Armeen von einer halben Million sind nicht mehr nach den Grundsäßen zu bewegen, welche für Armeen von hun= derttausend Mann gelten.

Frankreich war gleich Deutschland im Besiz ungeheuer großer Heere, aber es verstand nicht, diese Massen gelenkig zu machen, sie auf dem entscheidenden Punkte zu vereinigen, sie schnell von einer Linie auf die andere zu werfen.

Diese Kunst besaßen die deutschen Heerführer. Sie verstanden zunächst, ohne Verwirrung die zahlreichen Eisenbahn

linien, welche an die Grenze führen, gleichzeitig dergestalt zu benußen, daß mit überraschender Schnelligkeit die Truppen= massen auf den vorherbestimmten Punkten dem Feinde gegenüber aufmarschiren konnten. Sie verstanden alsdann im ganzen ferneren Verlauf des Krieges, Dank der Tüchtigkeit der Offiziere und der ausgezeichneten Disciplin, die zweckmäßige Benußung so zahlreicher parallel laufender Straßen und Wege, daß sie Heere von Hunderttausenden init einer Geschwindigkeit fortbewegten, vereinigten und trennten, als seien es kleine Abtheilungen.

Der preußische Generalstab hat eine ganz neue Strategie ins Leben gerufen.

Die verschiedenen Heere marschiren in solcher Verbindung mit einander, daß ihre Spißen eine einzige strategische Front bilden. Es werden beim Vormarsdje so viele Straßen neben einander benußt, auf welchen in gleicher Höhe die Kolonnen sich vorwärts bewegen, daß im Augenblicke eines Zusammenstoßes mit dem Feinde die schnellste Entfaltung und Koncen= tration auf der Front stattfinden kann. So findet der Feind, welcher etwa geglaubt hatte, ein vereinzeltes Heer zu werfen oder dessen Linie zu durchbrechen, alsbald sich selbst von den rasch vor ihm entwickelten und nachdrüdlich unterstüzten Reihen aufgehalten, verwickelt und umschlungen, gleichsam in den Maschen eines Nebes verstrict, welches sich um ihn zusammenzieht. Daher nur erklärt sich die ungeheure Anzahl von Gefangenen, welche die deutschen Heere machen. Das ist eine Erscheinung, wie sie in keinem früheren Kriege vorgekommen ist. Die Methode des koncentrischen Angriffs, des Ueberflügelns, des Umgehens ist in allen Schlachten wie in allen Operationen, welche eine Schlacht zum Ziele haben, vorherrschend und hat so glänzende Resultate geliefert wie keine andere Methode jemals. Der Beginn des Krieges bietet ein hervorragendes Beispiel dieser Strategie, während er zugleich ein helles Licht auf die Mängel der französischen Heerführung wirft.

Die deutschen Operationen zu Anfang des Feldzugs bildeten einen koncentrischen strategischen Angriff gegen die ganze feindliche Aufstellung.

Einen solchen Plan, welcher den Zwed hat, zugleich in der Front und in beiden Flanken den Feind zu umfassen und zu erdrücken, kann mit Aussicht auf Erfolg nur der numerisch überlegene Kämpfer sich vorseßen und nur eine Heerleitung durchführen, welche der pünktlichsten Befolgung ihrer komplicirten Dispositionen sicher ist.

Häufig haben in frühern Kriegen schon derartige Pläne vorgelegen, aber niemals sind sie in solcher Weise zur Ausführung gekommen.

Nur vollständig durchgebildeten und disciplinirten Heeren unter ausgezeichneten Führern wird ein solcher Plan gelingen

das hat sich in der Geschichte deutlich herausgestellt. Das häufige Mißlingen der koncentrischen Angriffe hatte jogar z11 der Meinung geführt, daß derartige Operationen, wie Preußen fie im Jahre 1866 und auch in diesem legten Feldzuge vornahm, durchaus fehlerhaft seien.

Denn freilich ist im Allgemeinen die Gefahr, welche im kon= centrischen strategischen Angriff für den Angreifer liegt, sobald irgend ein Theil der Heeresmaschine versagt, eine große. Die Operationslinien, auf welchen sich die einzelnen Heere vorwärts bewegen, sind konvergirend, schneiden sich aber erst auf feindlichem Territorium, also in einem Punkte, dessen Besih erst errungen werden muß. Es liegt die Gefahr nahe, daß der koncentrirte Feind eines dieser Heere nach dem andern schlägt, indem er sie getrennt überfällt.

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