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gesprochen, dass dieses jus reformandi weder dem Reichsstande, welcher etwa Lehnsherr des Landes ist, noch auch demjenigen Herrn zusteht, welcher nur die Criminalgerichtsbarkeit oder ein Patronatsrecht u. dergl. in demselben hat 14). Das jus dioecesanum und die geistliche Gerichtsbarkeit der Reichsstände über einander und ihre Unterthanen wurde suspendirt und auf den Umfang des Territoriums beschränkt; im Uebrigen sollte die geistliche Gerichtsbarkeit katholischer Landesherren über evangelische Unterthanen (mit Ausnahme der die Augsburger Confession und die Gewissensfreiheit betreffenden Sachen) und umgekehrt die geistliche Gerichtsbarkeit evangelischer Landesherren über katholische Unterthanen, und die Diocesanrechte, welche sich auf geistliche Einkünfte, Zehnten etc. beziehen, gleichfalls nach dem Normaljahre beurtheilt werden 15); desgleichen das kaiserliche Recht der ersten Bitte (S. 56 Note 35) an den Mediatstiftern 15a). 6) Den Unterthanen selbst war hinsichtlich der Religionsübung, insofern sie zu einer der beiden (bez. drei) anerkannten Confessionen gehörten, so viel zugesichert, dass sie in derselben durch einen Landesherrn anderer Confession gegen den Besitzstand im Normaljahr nicht beschränkt werden dürften 16). Diejenigen Unterthanen, welche aber im J. 1624 sich weder in der Uebung eines öffentlichen, noch Privatgottesdienstes befanden, erhielten nur die Anerkennung eines Rechtes zur Auswanderung, wogegen aber auch den Landesherren die Befugniss eingeräumt wurde, ihnen die Auswanderung zu befehlen 16 a); dagegen sollten dieselben, wo sie geduldet werden würden, keinen Bedrückungen ausgesetzt sein 17), noch in irgend einer kränkenden Weise gegen die anderen Con

anno

14) I. P. O. Art. V. §. 42: „Jus reformandi non dependet a qualitate feudali;“ ibid. V. §. 44: „Sola criminalis jurisdictio, Centgericht, solumque jus gladii et retentionis (Verhaftungsrecht), patronatus, filialitatis , neque conjunctim neque divisim, jus reformandi tribuunt.“

15) I. P. O. Art. V. §. 45 – 48.

15a) I. P. O. Art. V. §. 26; die Ausübung dieses kaiserlichen Rechtes an den freien Reichsstiftern wurde im Art. V. §. 18 anerkannt.

16) I. P. O. Art. V. §. 31: „Catholicorum . . . Subditi . . . qui sive publicum sive privatum Aug. confessionis exercitium a. 1624 quacunque anni parte ... habuerunt, retineant id etiam in posterum una cum annexis, quatenus illa dicto

exercuerunt .. Cujusmodi annexa habentur institutio Consistoriorum, Ministeriorum tam scholasticorum quam ecclesiasticorum, jus patronatus aliaque similia jura; nec minus maneant in possessione omnium dicto tempore in potestate eorum templorum, fundationum, monasteriorum, hospitalium, cum omnibus pertinentiis, redditibus et accessionibus.“ - Besondere Bestimmungen waren für einzelne Länder, wie die Pfalz, Baden u. s. w., getroffen. I. P. O. Art. V. §. 6. 24 fig. §. 384-41.

16a) I. P. O. Art. V. §. 30: „de beneficio emigrationis dissidentium“; vergl. ibid. V. 36: „Quod si subditus . . sua sponte emigrare voluerit aut a territorii Domino jussus fuerit, liberum ei sit, aut retentis bonis aut alienatis discedere" etc. cf. V. 37: „de termino emigrationis et de non praegravandis emigrantibus.“

17) I. P. O. Art. V. §. 34: „Placuit porro, ut illi . . . subditi, qui a. 1624

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fessionsverwandten zurückgesetzt werden 17.). 7) Hinsichtlich der Verhältnisse der Reformirten zu den Protestanten war noch besonders bestimmt, dass die Unterthanen in der Religionsübung, wie sie zur Zeit des westphälischen Friedens bestand, oder durch Landesverträge versichert war, erhalten werden sollten.

Der Uebertritt des Landesherrn zu einer anderen Confession sollte ihm daher nicht die Befugniss geben, die Religionsübung des Landes zu verändern oder die Kirchengüter anzugreifen, sondern er darf lediglich den Hofgottesdienst nach seiner Confession einrichten, hat aber die Leitung der Landeskirche einem Consistorium derselben zu überlassen. Dies alles soll auch für den Fall gelten, wenn ein Landesherr abweichender Confession in ein Land succedirt 18). Die wiederholt ausgesprochene Hoffnung, einer kirchlichen Wiedervereinigung ist nicht in Erfüllung gegangen 18a).

D. In Bezug auf die streitigen Punkte in den eigentlichen Staatsrechtsverhältnissen (gravamina politica) wurde bestimmt: 1) dass alle Reichsstände in dem Besitze der Landeshoheit (jus territoriale, was die deutsche Ausfertigung mit hoher Landes obrigkeit, der französische Entwurf mit souveraineté wiedergibt) in ihrem vollen Umfange bestätigt sein sollten 19); 2) insbesondere wurde denselben das Recht zugestanden, unter sich und mit a uswärtigen Staaten Bündnisse zu ihrem Schutze und zu ihrer Sicherheit einzugehen, jedoch mit der Beschränkung, dass solche Bündnisse nicht gegen den Kaiser, das Reich und den Landfrieden sein dürften 20). 3) In Bezug auf die Reichsregierung wurde die. Theilnahme

publicum vel etiam privatum religionis suae exercitium nulla anni parte habuerunt, nec non, qui post pacem publicatam deinceps futuro tempore diversam a territorii Domino religionem profitebuntur et amplectentur, patienter tolerentur et conscientia libera domi devotioni suae sine inquisitione aut turbatione privatim vacare, in vicinia vero, ubi et quoties voluerint publico religionis exercitio interesse, vel liberos suos exteris suae religionis scholis aut privatis domi praeceptoribus instruendos committere non prohibeantur.“

17a) I. P. O. Art. V. §. 35: „Sive autem Catholici, sive Aug. Confessionis fuerint subditi, nullibi ob religionem despicatui habeantur, nec a mercatorum, opificum, aut tribuum communione, hereditatibus, legatis, hospitalibus, leprosoriis, eleemosynis aliisve juribus aut commerciis, multo minus publicis coemeteriis, honoreve sepulturae arceantur . . . sed in his similibus pari cum concivibus jure habeantur, a equali justitia protectioneque tuti.“

18) I. P. O. Art. VII. §. 1. 2.

18a) I. P. O. Art. V. §. 1: donec per Dei gratiam de religione ipsa convenerit.“ Vergl. ibid. Art. V. §. 14. 25. 31 a. E.

19) I. P. O. Art. VIII. §. 1: Omnes et singuli Electores, Principes et Status Imp. Romani in antiquis suis juribus, praerogativis; libero juris territorialis tam in eccl asticis quam in politicis exercitio, ditionibus, regalibus, horumque omnium possessione ita stabiliti firmatique sunto, ut a nullo unquam sub quocunque praetextu de facto turbari possint vel debeant.“

20) I. P. O. Art. VIII. §. 2: Jus faciendi inter se et cum exteris foedera, pro sua cujusque conservatione ac securitate singulis Statibus perpetuo liberum esto, ita tamen, ne ejusmodi foedera sint contra Imperatorem der Reichsstände und des Reichstages an allen wichtigeren Regierungshandlungen zur unbedingten Regel erhoben, sowohl in Bezug auf die Errichtung von Gesetzen, als auch hinsichtlich des Beschlusses eines Krieges, der Truppen-Aushebung (delectus) und Einquartierung (hospitationes militum), Anlage neuer Festungen, Auflegung von Steuern, Friedensschlüsse und was immer weiter 21). 4) Ein Reichstag sollte in sechs Monaten zusammentreten und über die Wahl des römischen Königs, über die Abfassung einer beständigen Wahlkapitulation, über die Grundsätze, nach welchen gegen einen Reichsstand noch ferner die Acht erkannt werden dürfte, über die Erneuerung der Kreisverfassung, die Reformation des Polizeiund Justizwesens u. 8. w. im Reiche beschliessen 22). 5) Die Reichsstände wurden sowohl in ihrer Landeshoheit, als in dem Besitze einer entscheidenden Stimme auf dem Reichstage bestätigt 28). 6) Hinsichtlich des Kammergerichtes wurde bestimmt, dass dasselbe ausser dem Kammerrichter mit vier Präsidenten und fünfzig Assessoren besetzt sein sollte, und diese, mit Abrechnung von zwei Assessoren, welche der Kaiser (sowie den Kammerrichter) ernennt, zur Hälfte katholischer, zur Hälfte evangelischer Religion sein sollten 24). 7) Die concurrirende Jurisdiction des kai. serlichen Hofrathes (judicium aulicum) mit dem Kammergerichte wurde anerkannt, und der erstere angewiesen, nach der Kammergerichtsordnung zu verfahren; jedoch wurde statt des bei dem Kammergerichte gebräuchlichen Rechtsmittels der Revision das der Supplication an den Kaiser substituirt, worauf die Sache nochmals von dem Reichshofrathe unter Beiziehung einer grösseren Zahl von Räthen untersucht werden sollte. Auch blieb dem Kaiser anheim gestellt, in wichtigen Fällen (unde tumultus in imperio timeri possint) das Gutachten einiger Kurfürsten und Fürsten beider Confessionen einzuholen 25). Ebenso sollte, wenn bei zweifelhaftem Sinne eines Reichsgesetzes die katholischen und evangelischen Räthe des Reichs

et Imperium pacemque ejus publicam, vel hanc imprimis transactionem, fiantque salvo per omnia juramento, quo quisque Imperatori et Imperio obstrictus est.“ Somit war die Sonderbündelei grundgesetzlich sanctionirt; wie wenig man die beigefügte Beschränkung beachtete, hat der Verlauf der politischen Geschichte vielfach gezeigt.

21) I. P. O. Art. VIII. §. 2: „Gaudeant sine contradictione jure suffragii in omnibus deliberationibus super negotiis imperii, praesertim ubi leges ferendae vel interpretandae, bellum decernendum, tributa indicenda, delectus aut hospitationes militum instituendae, nova munimenta intra Statuum ditiones exstruendae nomine publico, veterave firmanda praesidiis, nec non ubi pax aut foedera facienda, aliave ejusmodi negotia peragenda fuerint: nihil horum aut quicquam simile posthac unquam fiat vel admittatur, nisi de comitiali liberoque omnium imperii statuum suffragio et consens u.“

22) L P. O. Art. VIII. §. 3.
23) I. P. O. Art. VIII. §. 4.
24) I. P. O. Art. V. §. 53.
35) I. P. O. Art. V. . 54.

hofrathes abweichender Meinung wären, die Sache dem Reichstage zur Entscheidung übergeben werden 26). Die Frage über die Aufhebung des kaiserlichen Hofgerichtes zu Rottweil und der anderen noch bestehenden kaiserlichen Landgerichte wurde gleichfalls auf den nächsten Reichstag verwiesen 27).

E. Die fortwährende Beobachtung der in diesem Frieden enthaltenen Bestimmungen suchte man besonders dadurch zu sichern, dass sämmtliche Theilnehmer sich gegenseitig als Garanten desselben erklärten 27a) und sich verpflichteten bei entstandenen Streitigkeiten oder Contraventionsfällen, wenn die Sache nicht unter den Interessenten in drei Jahren verglichen werden könne, den Verletzten auf sein Ansuchen mit gewaffneter Hand zu unterstützen ?). In der Theilnahme an dieser Garantie als Mitcontrahenten des Friedens fanden freilich Schweden und Frankreich einen Rechtstitel zur fortwährenden Einmischung in die deutschen Angelegenheiten. Uebrigens war den deutschen Reichsständen hier schon zur Pflicht gemacht, sich nicht unter dem Vorwande der Rechtsverfol. gung zu bekriegen, sondern ihre Streitigkeiten der reichsgerichtlichen Entscheidung zu unterstellen 28a). Um dem Frieden die möglichste Kraft und Bedeutung für Deutschland beizulegen, wurde derselbe überdies als ein Grundgesetz des Reiches erklärt 281); auch wurde ausdrücklich festgesetzt, dass keine Art von Gesetzen, Verträgen etc., namentlich nicht Concordate mit dem päpstlichen Stuhle, gegen den Inhalt dieses Friedens mit irgend einer Wirkung sollten angeführt werden dürfen 29); demgemäss sind die päpstlichen Protestationen gegen einige Bestimmungen des westphälischen Friedens stets unbeachtet geblieben 30).

26) I. P. O. Art. V. §. 56.
27) Eben daselbst. Siehe noch unten §. 734.

27a) I. 0. P. Art. XVII. §. 5: „Guarantia, et de gradibus contra refractarios ... teneantur omnes hujus transactionis consortes universas et singulas hujus pacis leges contra quemcunque sine religionis discrimine tueri et protegere“ etc.

28) I. P. O. Art. XVII. §. 6.

28a) I. O. P. Art. XVII. §. 7: „Et nulli omnino Statuum Imperii liceat, jus suum vi vel armis persequi, sed si quid controversiae, sive jam exortum sit, sive post hac inciderit, unusquisque jure experiatur; secus faciens reus sit fractae pacis. Quae vero judicis sententia definita fuerint, sine discrimine Statuum, executioni mandentur, prout imperii leges de exequendis sententiis constituunt.“ Vergl. unten §. 67 Note 13.

28b) I. P. 0. Art. XVII. §. 2: „Pro majori etiam horum omnium et singulorum pactorum firmitudine et securitate sit haec transactio perpetua lex et pragmatica Imperii sanctio imposterum aeque ac aliae leges et constitutiones fundamentales Imperii“, etc.

29) I. P. O. Art. XVII. §. 3.

30) Ueber den Umfang und die staatsrechtliche Bedeutung dieser päpstlichen Protestationen, siehe meine Grundsätze des Staatsrechts. 5. Aufl. 1863. §. 529 Note 4,

V. Die Vollziehung des westphälischen Friedens im Einzelnen 80 ) bot übrigens so viele Schwierigkeiten, besonders hinsichtlich der Restitutionen dar, dass dieselben weder durch den Nürnberger Executionsrecess v. J. 1650 91), noch durch spätere Verhandlungen, ungeachtet der wiederholten Zusagen in den Wahlkapitulationen ??), völlig erledigt werden konnten. Jedoch behielten die im westphälischen Frieden aufgestellten Grundsätze unbestritten bis zur Auflösung des Reiches volle Gültigkeit. Nur in Bezug auf jene Landstriche, welche im Ryswicker Frieden vom 30. October 1697 von Frankreich an das Reich zurückgegeben wurden, waren die Grundsätze des westphälischen Friedens über das jus reformandi der Landesherren durch eine besondere sog. Religionsclausel ausgeschlossen worden, wodurch festgesetzt wurde, dass die katholische Religion in diesen Gegenden in dem Stande, wie sie sich dermal befinde, erhalten werden solle 35).

§. 66.

Der Lüneviller Frieden vom 9. Febr. 1801 und der Reichsdeputationshaupt

schluss vom 25. Febr. 1803.

I. Der Frieden von Lüneville, obschon nur wenige (19) kleine Artikel enthaltend !), war doch für die staatsrechtlichen Verhältnisse im neunzehnten Jahrhundert nicht weniger bedeutend, als es der westphälische Frieden im siebenzehnten Jahrhundert gewesen war. Durch ihn wurde das ganze deutsche linke Rheinufer an Frankreich abgetreten und der Thalweg des Rheines als die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bestimmt ?). Eine grosse Anzahl deutscher, sowohl geistlicher, als weltlicher Landesherren und Reichsstände verloren dadurch ihre Besitzungen: es schien aber unbillig, dass sie als Einzelne diesen Verlust tragen sollten und daher wurde festgesetzt, dass das deutsche Reich diesen Verlust im Ganzen (collectivement) tragen, und die weltlichen Landesherren für die erlittenen Verluste durch Anweisung von anderen Besitzungen auf dem

30a) Die allgemeinen Bestimmungen über die Execution dieses Friedens enthält I. P. O. Art. XVI.

. . .

31) v. Meiern, acta pacis executionis publ. 2 Thle. Hannov. 1736 ilg. 32) Siehe oben §. 62. W.-K. Art. XIX.

33) Pax Ryswic. a. 1697, Art. 4: Religione tamen Romana in locis sic restitutis, in statu quo nunc est, remanente.“

1) In G. v. Meyer, Corp. Jur. Confoederationis Germ. 3. Aufl. Frkf. a. M. (1858) Th. I. Nr. I.

2) Frieden von Lüneville, Art. VI. Hierdurch war die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich beweglich geworden, je nachdem sich die Linie, welche die Schiffe rheinabwärts befahren, veränderte. v. Hoff, das deut. Reich vor der franz. Revolution u. nach dem Frieden von Lüneville. 2 Thle. Gotha 1801. 1805.

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