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Bezeichnungen Landtegedinge, Land tädinge (Landtage) ?); in den Immunitäten oder freien Herrschaften, wo Vögte (advocati) aufgestellt waren, hiessen sie Vogtdinge). Der Zweck dieser Versammlungen bestand hauptsächlich in der Abhaltung grosser Gerichtstage, namentlich zum Behufe der Criminalrechtspflege: jedoch wurden sie auch regelmässig von den Landesherren oder den Vögten benützt, um über Landesangelegenheiten mit den Landsassen, d. h. den gerichtspflichtigen (zum Erscheinen an dem Landtäding verpflichteten) Leuten zu verhandeln und die landesherrlichen Verordnungen durch die Zustimmung der Landleute bekräftigen zu lassen 4).

II. Auf einem von König Heinrich, dem Sohne Kaiser Friedrich's II., zu Worms gehaltenen Hofe wurde von den Fürsten in der Form einer Rechtsweisung (sententia) als Grundsatz des öffentlichen Rechtes ausgesprochen, dass kein Fürst oder anderer Landesherr in seinem Lande irgend eine Verordnung oder Statute machen könne, ausser nach vorgängiger Zustimmung (nicht blos Beirat h) der meliores et majores terrae, d. h. der grösseren Grundbesitzer (der Landherren oder Grundherren) 5).

III. Ueber das Verhältniss des landesherrlichen Verordnungsrechtes zu der Reichsgesetzgebung findet sich aus dieser Periode noch eine Bestimmung in dem Landfrieden Rudolph's von Habsburg vom J. 1287, wonach den Fürsten oder Landesherren (Lantherren) die Befugniss zuerkannt ist, mit Zustimmung der Herren (Grundherren) in ihrem Lande (die hier auch Lantherren heissen) Verordnungen zur besseren Handhabung der Reichsgesetze zu machen 6).

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?) Siehe Note 1 und Schwabensp. c. 104. 139. 358.

3) Schwabensp. c. 1: ... Etwa ist reht und gewonheit, daz man vogetes dinc gebivtet dristunt in dem jare: etwa vber sehs wochen etwa vber zv (zwei) wochen.“

4) Schwabensp. c. 358: Wir gebieten bi unserem gewalte allen herren die lant-tegeding sulen gebieten vffen dem lande. daz si es dristunt haben in dem jare. und stande daz lant also unvridelichen und also ubele. so mag man ez gebieten mit rehte uber zwene manode. alle die in sinem gerichte sitzent. di suln sin lant-tegeding suchen. die gut in sinern gerichte hant oder mit huse in sinem gerichte sitzent. ob si zir tag komen sint ze vier und zweinzeg jaren.“

Hier tritt die Idee der Landsässigkeit (des Lands assiates) als Gerichtspflichtigkeit, bedingt durch Grundbesitz im Lande, hervor. Ebenso im Schwabensp. c. 139. (Siehe Note 7.)

5) Henrici Regis Curia Wormat. a. 1231 (Pertz, Legg. II. 283): (Sententia de jure statuum terrae) ... Super qua re requisito consensu principum fuit taliter diffinitum, ut neque principes neque alii quilibet constitutiones vel nova jura facere possint, nisi meliorum et majorum terre consensus primitus habeatur.“

6) Landfrieden Rudolph's I. a. 1287 (Würzburg) c. 44, bei Pertz, Legg. II. 452: „Swaz ouch die furste (oder die lantherren) in irme lande mit der herren (al. in Lehmann Speier. Chron. B. V. c. 8 „mit ihrer lantherrn“) rathe

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IV. In den grösseren Territorien, d. h. in den Herzogthümern und Fürstenthümern, in welchen Bischöfe, Grafen und andere Landesherren und ritterliche Geschlechter (Dienstleute, Vasallen) sassen, finden sich auch schon Versammlungen unter der Bezeichnung als Hoftage, zu welchen diese Herren durch den Herzog oder Fürsten berufen wurden und darauf in Person oder durch einen Stellvertreter erscheinen mussten 7).

V. Diese Hoftage waren eine Nachbildung der Reichstage und hatten daher auch den Charakter von Rechtstagen, namentlich zur Entscheidung von Lehnssachen %). Da aber auf diesen Hoftagen ebenso und noch mehr wie in den kleineren Territorien auf den Landtädingen über allgemeine Landesangelegenheiten verhandelt wurde, so wurde später auch auf sie die Bezeichnung als Landtage übertragen und blieb ihnen endlich fast ausschliesslich, seitdem die alten eigentlichen Landtädinge in den Territorien theils ihren politischen Charakter verloren und nur allein noch als Criminalgerichtstage betrachtet wurden, theils bei der Umbildung der Gerichtsverfassung ganz eingingen und sich nur in einzelnen reichsfreien Gemeinden unter der Bezeichnung von Landesversammlungen forterhielteno).

VI. Nach dem Schwabenspiegel erscheint es noch als ein Vorrecht einzelner Fürsten, dass sie Hof gebieten, d. h. Hoftage mit dem Charakter von Landtagen halten dürfen !"); es finden sich aber solche Hofoder Landtage bald allgemein in allen jenen Ländern, in welchen es Prä

sezzent und machent disem landfriden zu bezzerunge und zu vestenunge, daz mugen si wol tun, und damitte brechen si des lantfridis niht.“

7) Schwabensp. c. 139: „Ez sint sumeliche (einige) leigen fürsten die das reht hant. daz sie hoeve gebieten für sich selben. daz reht hant sie von dem kiunige . . . Ist es ein herzoge oder ein ander leigen fürste. und sitzent bischofe in sinem furstenamte. di suln sinen hof suchen ... Ein leigen furste mag mit rehte einem andern leigen fürsten nüt hof gebieten, ob er daz recht hat. daz er ouch hof gebütet. und hat er dez rehtes nüt. unde er hat gut. unde burge in sinem lande. oder stette er sol mit rehte sinen hof suchen. Diz selbe reht hant sie ouch umbe graven. vnde vmbe vrien. unde umbe dienest mann die so getan gut in ir lande hant. daz burge und stete sint. Hant sie ander gut in ir lande. So sint sie ze reht ledig. die (daz sie) ir hove nüt suchen suln. und sint si in tuscher Sprache nüt gesezzen. oder daz sie in ahte tagen nut dar gelangen mügen. si soln aber dar senden ir bornen dienstmann ... der dienstmann sende sinen maec“ (Magen, d. h.. Verwandten).

8) Schwabensp. c. 139: Allez daz reht daz der kiunig hat gegen den die sinen hof niut suchent. daz selbe reht hat der herzog (al. hant die leien fursten) gegen den die sinen (al. iren) hof niut suchent.“

Es geht dies zunächst auf das Recht von denen, die nicht erscheinen, eine Busse zu fordern. Ibid. c. 139: „Ein jeglich furste hat nach sines landes gewonheit buzze.“

Ibid. c. 358. (Vergl. ibid. c. 138, oben $. 48 Note 3.) Wie tumultuarisch die Verhandlungen zum Theil waren, zeigt Herman. Contr. a. 911: „Burchardus dux Alamannorum in conventu suo orto tumultu occisus est.“

9) In dieser Weise bestehen dieselben noch in einigen kleinen Schweizer Cantonen. (Siehe oben §. 7 Note 26.)

10) Schwabensp. c. 139; siehe Note 7.

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laten und eine Ritterschaft gab. Insbesondere entwickelte sich das landständische Wesen bald und in sehr kräftiger Weise in den geistlichen Ländern aus den ritterlichen Dienstmannen oder Vasallen des Bischofs 1). In den vielen kleinen Territorien aber, wo es keine Ritterschaft gab, oder wo die Ritterschaft sich als reichsfrei behauptete und keine Lehen vom Landesherrn trug, gab es keine Landstände.

VII. Der hauptsächlichste Gegenstand der Verhandlungen auf den Landtädingen und Hoftagen dieser Zeit, ausser den vor dieselben gehörigen Rechtssachen, waren wohl die Anordnungen und Einrichtungen, welche zum Vollzuge der Reichsschlüsse nothwendig waren, wie z. B. die Aufbringung der Mannschaften und Kosten der Reichskriege, sowie überhaupt die Kosten der Landesregierung 12).

VIII. Im Allgemeinen galt noch der Grundsatz, dass der Landesherr die Kosten der Regierung aus dem Ertrage seiner Domänen und der ihm vom Kaiser verliehenen nutzbaren Regalien zu bestreiten habe, so dass ein Beitrag des Landes zu den Kosten der Regierung stets als eine Ausnahme erschien und die besondere freie Bewilligung der meliores et majores terrae voraussetzte 13). Hierauf weist auch die Etymologie des Wortes Steuern (steora, stiura, Stärkung) hin 14). Allmählig scheinen einzelne Steuern als nothwendige, regelmässig zu leistende Abgaben anerkannt worden zu sein, insoweit nämlich die Bedürfnisse bleibend waren, zu deren Bestreitung sie bewilligt wurden 15); mitunter bildete sich auch

11) Vergl. z. B. Urk. des Bischofs Heinrich von Bamberg a. 1248, bei Schuberth, hist. Versuch p. 33: „Petitionibus quoque dilectorum filiorum nostrorum ministerialium, qui nobis fideles et devoti plurimum extiterunt favorabiliter inclinati etc. (Siehe unten Note 17.)

12) Die Spiegel und andere Rechtsquellen dieser Periode enthalten keine Competenzbestimmung der Land- oder Hoftage. Der Schwabensp. c. 139 sagt nur ganz allgemein: „...

.. und als der herre den hof verendet, so sol er (der von seinem Herrn dazu abgesandte Dienstmann) dar gan. und sol für sinen herren loben. daz er staete hab als verre er sul. swaz da ze dem hof guter dinge gesetzet si.“

13) Dies sagt auch die Parömie: „Wo wir nicht mit rathen, da wir auch nicht mit thaten.“

14) Hierauf deuten auch die Bezeichnungen: „rogatio, petitio, subsidium, collecta, Bete;“ in den Städten mit Hindeutung auf die Beitragspflicht „Urbete“. Haltaus, Gloss. h. v. Die Ausdrücke Nothbede, Gewaltbitte, petitio injusta, exactoria, violenta, indebitum, Unpflicht, bezeichnen theils solche Steuern, welche von den Landesherren usurpatorisch beigetrieben wurden, theils von den Landständen bei besonderen Gelegenheiten ausnahmsweise und unter Verwahrung gegen wiederholte Anforderungen bewilligt worden waren. Lang, bist. Entwickelung der deut. Steuer-Verf. p. 89. J. Grimm, R.-A.

p. 297.

15) So z. B. findet sich in Ostfranken fortwährend die schon im VIII. Jahrhundert nachweisbare „Steora vel ostarst uopha“ (siehe oben §. 40 Note 13); vergl. Urk. des K. Arnulf a. 889 u. K. Otto's IV. a. 993, bei Eccard, Franc. orient. I. 392. II. 712. Ueber die Erklärung dieser Ausdrücke siehe J. Grimm, R.-A. p. 298.

wohl ein Herkommen darüber aus, bei welchen besonderen Gelegenheiten dem Landesherrn eine Steuer bewilligt werden müsse 16), so dass bald nicht mehr die Bewilligung selbst, sondern nur noch die Grösse derselben, oder die Art, wie die erforderlichen Summen beizuschaffen seien, Gegenstand der Verhandlung wurde.

IX. Wo Landstände waren, behaupteten sie das Recht, Verpfändungen und Veräusserungen des Landes oder einzelner Landestheile oder zum Landesfiscus gehöriger Güter oder landesherrlicher Gerechtsame zu widersprechen 17). Dergleichen Verfügungen waren den Landesherren auch durch wiederholte kaiserliche Rechtssprüche untersagt 17a) und galten nur dann für rechtsbeständig, wenn die Landstände zugestimmt hatten 17b). Im

16) Hierher gehören die Heersteuern (Grafenscat, d. h. Grafenschatzung); vergl. oben §. 49 Note 10. Mitunter finden sich schon Steuern bei Verheirathung des Landesherrn, der Töchter aus dem regierenden Hause (sog. Fräuleinsteuern) u. dergl. Weisthum von Suestern à. 1260, bei Bondam, Chart. Geldr. I. 543: „Item dicunt Scabini, si dominum de Valkenborg contingeret transire alpes, seu tradere filiam suam nuptui, sive sublimare filium suum in militem, petitionem potest facere apud Suestren, ad subveniendum ei in talibus articulis.“

17) Schon der Schwabensp. Lehnr. (Lassb.) c. 85 untersagt in einem Falle dem Lehnsherrn, das Land an einen anderen Herrn zu veräussern, „ane des mannes vrlop,“ d. h. sofern nicht der Vasall einwilligt, wenn nämlich der neue Herr „niederer" wäre als er; und wenn derselbe dem Vasallen nicht „erber“ (ehrbar, anständig, ehrenhaft) wäre, so weigert sich der Vasall mit Recht, von ihm das Lehen zu empfangen. Schon frühzeitig finden sich Zusicherungen der Landesherren an ihre Ritterschaft, nichts vom Lande zu veräussern u. dergl. Vergl. z. B. die Note 11 angef. Urk. des Bischofs Heinrich von Bamberg a. 1248: de cetero (praedicta castra et bona nec) ab ecclesia bambergensi ullo modo vel ingenio valeant alienari; statuentes, quod nullus successorum nostrorum praedicta castra et bona infeudare vel alienare praesumat.“

17a) Sententia Friderici I. a. 1174, de non alienandis bonis comitatum (Pertz, Legg. II. 145): „Quod nequaquam firmum ac stabile deberet aut posset permanere, si quid de comitatus jurisdictione et dignitate fuisset alienatum vel diminutum.“ Sent. Rudolphi I. a. 1282, de non alienandis bonis principatuum (ibid. II. 426): quod curie et alia bona principum (Bavariae) ad principatus suos spectantia ... alienari non possint, nec de eis aliquid per ipsos principes ordinari, quod successoribus praejudicium aliquod valeat generare.“ Sent. Rudolphi I. a. 1282, de comitatibus non distrahendis (ibid. II. 442): quod nullus comitatus ... sine nostro consensu possit vel debeat dividi vel vendi, aut distrahi pars aliqua, per quam esset comitatus hujusmodi diminutus.“ Es gab also mitunter schon ein eigentliches Staatsgut, wofür sich in der Sent. Frid. I. a. 1174 (ibid. II. 145) auch der Ausdruck pertinentiae comitatus, sonst auch fiscus comitialis (ibid. I. 564, s. oben §. 40 Note 9 a) findet.

17b) So z. B. wird in der Urkunde der bayerischen Herzoge a. 1295 über den mit Vorbehalt des Wiederkaufes abgeschlossenen Verkauf der herzoglichen Jurisdictionen (s. oben §. 53 Note 29 u. 31) an den Bischof von Regensburg ausdrücklich gesagt, dass sie geschehen sei: „urgente gravi onere debitorum . maturo consilio et provida deliberatione prehabita cum baronibus sive comitibus, fidelibus et consulibus terre nostre.“ Zoepfl, deutsche Rechtsgesch, II. 4te Aufl.

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Uebrigen war der Umfang der landständischen Berechtigungen in den einzelnen Ländern theils nach dem Herkommen, theils nach den landesherrlichen Bewilligungen, sehr verschieden. Die Bedeutung der Landtage selbst hing in den einzelnen Fällen von dem kräftigen Zusammenwirken der geistlichen und weltlichen Grundherren ab: insbesondere gaben nicht selten Streitigkeiten unter den Mitgliedern der landesherrlichen. Familien, namentlich Erbfolgestreitigkeiten 17c), den Grundherren Veranlassung, ihren Einfluss auf die Landesregierung zu vermehren; auch tritt dieser häufig während der Minderjährigkeit eines Landesherrn sehr bedeutend hervor 18).

X. Seit dem XIV. Jahrhundert fingen die Landstände an, sich über ihre Rechte oder sog. Freiheiten von den Landesherren urkundliche Zusicherungen (Privilegien, Reversalen u. s. w.) ertheilen zu lassen 19); auch wurden seitdem über die Vereinbarungen der Landesherren mit ihren Landständen Urkunden, sog. Landtagsabschiede, aufgesetzt.

XI. Es lag ganz im Geiste und in der Rechtsverfassung jener Zeiten, dass die Landstände sich nur unter der Voraussetzung dem Landesherrn zur Treue und zum Gehorsam verpflichtet hielten, wenn er ihre Gerechtsame achtete, und dass sie, wenn sie diese verletzt glaubten, sich zur Selbstversammlung und Selbsthülfe gegen den Landesherrn, d. h. zu seiner Befehdung berechtigt hielten 20).

XII. Seit dem XIV. Jahrhundert erhielten auch die Landtage allmählig eine Organisation. Die Prälaten und die Ritterschaft bildeten meistens zwei abgesonderte Curien; wo Grafen und Dynasten im Lande waren, versammelten sich wohl auch diese besonders, von der Ritterschaft unterschieden 21); in späterer Zeit kam mitunter auch noch eine Curie der Städte hinzu. Dieser Organisation lag aber keineswegs die Idee einer Volksvertretung zu Grunde; die allgemeinen Landesinteressen waren jedoch insofern vertreten, als sie mit denen der Landstände übereinstimmten.

17c) Bayerischer Hausvertrag von Pavia, a. 1329 (s. §. 51 Note 6): (haben getheilt) „mit rat unser lant bi dem Rein, ze Baiern, ze Swaben und ze Oesterrich.“

18) Vergl. Unger, Gesch. d. Landstände I. p. 255; und besonders die oben Note *) angeführte Einleitung von Rockinger zu den altbayer. landständischen Freibriefen.

19) So z. B. ist der älteste landesherrliche Freibrief für die bayerischen Landstände y. J. 1311.

20) Hierin sah das Mittelalter durchaus kein besonderes eigenthümliches Vorrecht der Landstände. Schon II. Feud. 22 §. 1 erlaubte dem Vasallen, wenn ihm der Lehnsherr nicht vor Gericht zu Recht stehen („justitiam facere") wollte, seinen Herrn zu befehden (,,dominum suum potest depraed a re“); ebenso gestattet der Schwaben sp. (Lassb.) c. 307 $. 1 dem Kläger, welchem der Richter die Justiz verweigert, sein Gut „zu gewinnen mit sein selves Helfe vnd siner vriunde (Freunde), so er best mag.“ Vergl. §. 53 Note 27.

?1) So z. B. in Steyermark; vergl. G. v. Meyer, Corp. Const. Germ. 1845. Lief. I. p. 120.

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