Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

gewissen Familie erblich gewordene Heerführerschaft oder Her. zogswürde, womit sich aber wohl bald ein oberstes Richteramt über die Völkerschaft, in dem Sinne, wie ein solches dem princeps in den Gauen beigelegt werden kann 12), bei einigen Völkern vielleicht auch ein nationales Oberpriesterthum verband 13). Der Ursprung des ältesten germani. schen Königthums liegt daher, wie der Ursprung der Heerführerschaft, in der Volkswahl, und solche Volkswahlen fanden auch später noch häufig statt, so oft durch das Aussterben eines Königshauses oder aus andern Gründen für eine Völkerschaft das Bedürfniss entstand, ein neues Königshaus auf den Thron zu erheben.

VI. Eine unumschränkte Gewalt stand den Königen, wie Tacitus ausdrücklich bemerkt, nicht zu 14). Oeffentliche Abgaben waren noch unbekannt: doch war es bereits herkömmlich und anerkanntes Bedürf. niss, dass die Landesgemeinden ihren Fürsten freiwillige Gaben in Vieh oder Feldfrüchten darbrachten 15).

B. Merowingische und karolingische Zeit.

g. 33.

Der König. Dessen persönliche Verhältnisse *). I. Seit der Völkerwanderung fand das Königthum bei allen deutschen Völkern nach und nach Eingang. Es war dies eine unmittelbare Folge der Wanderungen, indem sich die Führer der Völkerzüge mit Unterstützung

12) Dass „jura reddere“ bei Tacit. Germ. c. 12 (siehe Note 1) nur eine römische Auffassungsweise ist, in Deutschland aber die eigentliche Rechtsprechung ursprünglich Sache des Volkes war, und somit die Thätigkeit der Obrigkeit oder Richter sich auf die Veranstaltung und Leitung der gerichtlichen Versammlungen und den Vollzug der Urtheile (die Handhabung der Rechtspflege) beschränkte, wie dies auch in den folgenden Perioden sich zeigt, hat recht gut bemerkt, Waitz, Verf.-Gesch. I. p. 111.

13) Wenigstens zeigt sich ein solches Verhältniss noch spät bei den nordischen Völkern, wie Dänen und Schweden. Vergl. Wilda, Gildenwesen, cap. 1.

14) Tacit. Germ. c. 7: „Nec regibus infinita aut libera potestas: et duces exemplo potius quam imperio . praesunt.“

Ammian. 28, 5: „Apud hos (Burgundiones) generali nomine (rex) appellatur Hendinos (goth. Kindins, nye uur) et ritu vetere potestate deposita removetur, si sub eo fortuna titubaverit belli, vel segetum copiam negaverit terra, ut solent Aegyptii casus ejusmodi suis assignare rectoribus.“ Dasselbe ist 1870 Napoleon III. in Frankreich widerfahren.

15) Tacit. Germ. cap. 15: „Mos est civitatibus, ultro ac virium conferre principibus vel armentorum vel frugum, quod pro honore acceptum, etiam necessitatibus subvenit.“

*) F. W. Unger, Gesch. des öffentl. R. in den Landen zwischen dem Niederrhein und der Elbe (bis 840) Göttingen. 1839. J. W. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit. Leipzig. 1839. J. M. Lehuerou, histoire des institutions Meroving, etc. jusqu'à l'édit de 615. Paris 1842. M. J. de Pe

ihrer Gefolge in der Herrschaft über die gemeinen Massen behaupteten und diese auf ihre Nachkommen vererbten. Deutlich zeigt sich, dass die Könige der Burgunder und Westgothen anfänglich zu den römischen Kaisern in dem Verhältnisse von magistri militum standen , und von diesen allmählig immer grössere Regierungsrechte und endlich die Statthalterschaft (patriciatus) in den Landstrichen überhaupt erlangten, in welche sie mit ihren Heer- und Volkshaufen eingezogen waren '). Auch die Frankenkönige, die zuerst als eigentliche Eroberer auftraten, fanden es für angemessen, in ein Verhältniss der Unterordnung zu den römischen Kaisern zu treten, um dadurch einen Rechtstitel für ihre Herrschaft in Gallien zu erlangen. Aus diesem Grunde liess sich schon Chlodowig den Titel eines patricius oder consul ertheilen ?); den römischgriechischen Kaisern aber war es hiernach möglich, auf diese Weise wenigstens einen Schein der Oberherrschaft über das Abendland zu retten ? a). Nur die Könige der Langobarden scheinen diese Art der Verbindung mit dem römischen Kaiserthume nicht eingegangen zu sein und blieben daher stets in einer feindlichen und angefeindeten Stellung zu demselben. Auch nachdem die Könige der Franken, Burgunder und Westgothen dahin gelangt waren, in ihren Ländern wie unabhängige Herrscher zu regieren,

tigny, études sur l'histoire, les lois etc. de l'époque Meroving. 3 Tom. Paris. 1843. 44. W. Schäffner, Gesch. der Rechtsverfassung Frankreichs. I. Bd. (Bis auf Hugo Capet.) Frankf. 1843. L. A. Warnkönig, französische Staatsgeschichte, Basel 1846. – Vergl. auch die in §. 32 Note *) angef. Schriften

Sybel und Wittmann. A. Gemeiner, die Verfassung der Centenen und des fränkischen Königthums. München 1855. Waitz, deut. Verf.Gesch. Bd. II. u. III. E. F. Souchay, Gesch. d. deut. Monarchie von ihrer Erhebung bis zu ihrem Verfall. Bd. I. Gesch. der Karolinger u. Ottonen. Frkf. a. M. 1861. L. A. Warnkönig et P. A. Gérard, histoire des Carolingiens. 2 Vol. Paris u. Leipz. 1862. Th. Breissig, Jahrbücher des fränkischen Reichs. a. 714—747. Leipz. 1869. (Siehe auch die unten in Note 22 angef. Schriften.)

von V.

1) Die Bildung der genannten germanischen Königreiche auf römischem Boden beruht daher wesentlich darauf, dass die Gewalt, welche der germanische Heerführer über seine von den Römern als Hülfstruppen aufgenommenen und noch häufig in dem lombard. Rechte und bei fränkischen Schriftstellern exercitus genannten Volkshaufen ausübte, allmählig auch über die romanische Bevölkerung ausgedehnt wurde. Ausführlicheres s. hierüber in meiner Anzeige von Müllenhoff's Aufsatz über das burgundische Königsgeschlecht, in den Heidelberger Jahrb. 1856, Nr. 43 p. 683. Der Ostgothenkönig Theodorich war bekanntlich sogar zum Adoptivsohn des griechischen Kaisers Zeno erhoben worden und regierte in Italien in dessen Auftrag.

2) Gregor. Tur. II. 38.

2a) Dass die römisch-griechischen Kaiser eine Oberhoheit über die germanischen Könige wie über Satrapen oder Unterkönige sich beilegten, zeigt auch die Geschichte der Vandalen in Afrika, wo Justinian gegen den Usurpator Gelimer als Beschützer des Successionsgesetzes des K. Genserich auftrat. Herm. Schulze, de testamento Genserici, seu de antiquissima lege successoria in Germanorum regnis. Jena 1859, §. 11 p. 28.

setzten sie doch noch die Verbindung mit dem römisch-griechischen Kaiserhofe wenigstens scheinbar fort, und leisteten, namentlich die Frankenkönige, diesem vielfach auf seine Aufforderung kriegerische Hülfe gegen die Langobarden, welche sogar zuletzt (unter Pipin d. Kl. und Karl d. Gr.) ihre Selbstständigkeit an die Franken verloren %).

II. Wo immer ein Königthum entstand, erscheint sofort die Königswürde als erblich bei einem bestimmten Geschlechte 4). Nur bei den Westgothen entwickelte sich nach dem Aussterben ihres ersten Königshauses mit Amalarich (531) eine Wahlmonarchie "); allein auch diese näherte sich bald wieder der Erbmonarchie dadurch, dass die Könige bei ihrem Leben die Erklärung eines Sohnes zum Mitregenten zu erwirken strebten 6). Auch bei den übrigen deutschen Völkern wurde eine Art von Wahlrecht des Volkes unter den Mitgliedern der königlichen Familie, wenigstens der Theorie nach, anerkannt. Selbst noch in der Theilungsurkunde Ludwig's des Frommen v. J. 817, dem ältesten fürstlichen Hausgesetze in Europa, ist dieses Wahlrecht des Volkes unter den Prinzen anerkannt). Die karolingische Familie betrachtete übrigens schon die Krone als ein Erbgut der Familie 8) und hielt daher auf eine gegen

3) So z. B. fordert Childebert II. den K. Guntchramm auf, ihm zur Vertreibung der Lombarden beizustehen, damit er den Landestheil wieder erhalte, den sein Vater gehabt habe: das Uebrige aber solle durch ihr Zusammenwirken „imperatoris ditioni“ restituirt werden; ausdrücklich werden in Gregor. Contin. XI. 45 „patrocinium Francorum“ und „patrocinium imperii“ (sc. Romani) für gleichbedeutend gebraucht u. s. w.

4) So z. B. Einhard, Vita Carol. M. c. 1: „Gens Merovingorum de qua Franci reges sibi creare soliti erant.“ Vergl. Ibid. c. 3. (Siehe auch §. 32 Note 11.)

6) Gregor. Tur. III. c. 30: „Sumserant Gothi hanc detestabilem consuetudinem, ut si quis eis de regibus non placuisset, gladio eum adpeterent et qui libuisset animo, hunc sibi statuerunt regem.“ Concil. IV. Toled.:

defuncto in pace principe, primates totius regni una cum sacerdotibus successorem regni communi constituant.“ (Die Bestimmungen des V. Concil. Toled. s. in der Quellengesch., Bd. I. §. 20 Note 1.) — Concil. VI. Toledo. c. 17: „Rege defuncto nullus tyrannica praesumtione regnum assumat: nullus sub religionis habitu detonsus aut turpiter decalvatus aut servilem originem trahens, aut extraneae gentis homo, nisi genere cognitus et moribus dignus promoveatur ad apicem regni.“ Vergl. Aschbach, Gesch. d. Westgothen p. 257.

6) Es gelang aber nur 5 Gothenkönigen, die Zustimmung der Nation zur Annahme eines Sohnes zum Mitregenten und Nachfolger zu erlangen. Vergl. Aschbach, l. c. p. 202. 243. 252. 298. 303.

7) Charta divis. Ludov. Pii a. 817 (Pertz, Legg. I. p. 199) c. 14: „Si vero aliquis illorum decedens legitimos filios reliquerit, non inter eos potestas ipsa divida tur, sed potius populus pariter conveniens, unum ex eis, quem Dominus voluerit, eligat ... de ceteris vero liberis pio amore pertractent, qualiter eos more parentum nostrorum salvent.“ Ueber den Versuch des Vandalenkönigs Genserich, den seniorat bei der Thronfolge einzuführen, siehe die in Note 2 a angef. Schrift von Herm. Schulze.

8) So bezeichnen z. B. die Annal. Metens. a. 768 die Theilung, welche seitige Beaufsichtigung der regierenden Prinzen, um der Unzufriedenheit des Volkes zum Nachtheil des ganzen Hauses möglichst vorzubeugen 9). Bei den meisten Völkern war ein Successionsrecht der Töchter in die Krone noch nicht ausdrücklich anerkannt; doch findet man bei den Ostgothen, dass sie nach dem Aussterben des Mannsstammes die Krone auch auf den Enkel von der Tochter oder auf den Gemahl der nächsten Prinzessin übergehen liessen 10). Ueberhaupt bildete sich das Erbrecht in die Krone bei allen Stämmen nach Analogie des volksrechtmässigen Erbrechtes der Immobilien aus, d. h. die Krone galt immer als Immobiliarrecht 10 a). Darum succedirten bei den Westgothen seit der Wiederherstellung der Erbmonarchie nach dem achten Jahrhundert 1) und in Britannien von jeher immer die Töchter nach den Söhnen in der Krone mit Vorzug vor den Agnaten 12). Bei den Franken vererbte die Krone ebenfalls nach dem Volksrechte (Les Salica) und hiernach wurde der ganze Mannsstamm dem Weibsstamme unbedingt vorgezogen 13). Dies Princip heisst noch

Pipin d. Kl. unter seinen Söhnen Karlmann und Karl (d. Gr.) vornahm, als „paterno jure“ geschehen: erwähnen jedoch auch der nachher erfolgten Zustimmung (oder Wahl) von Seite der Optimaten. Vergl. unten Note 34. 35.

9) Charta divis. Ludov. Pii a. 817 c. 10: „Si autem : .. evenerit, ut aliquis illorum ... aut divisor aut oppressor ecclesiarum vel pauperum extiterit, aut tyrannidem ... exercuerit, primo secreto per fideles legatos semel, bis, et ter de sua emendatione commoneatur; ut si his renisus fuerit, accersitus a fratre coram altero fratre, paterno et fraterno amore commoneatur et castigetur. Et si hanc salubrem admonitionem penitus spreverit, communi omnium sententia, quid de illo agendum sit, decernatur, ut quem salubris admonitio a nefandis actibus revocare non potuit, imperialis potentia, communisque omnium sentencia coerceat.“

Ibid. c. 13: „Volumus etiam, ut si alicui illorum post decessum nostrum tempus nubendi venerit, ut cum consilio et consensu senioris fratris uxorem ducat.“

10) Vergl. Manso, Gesch. des ostgoth. Reichs, Bresl. 1824, p. 201 ig. In einem Fall erscheint die Mutter (A malas untha) als Regierungsvormünderin. Ebendas. Note 3.

10 a) Vergl. Herm. Schulze, Gesch. der Entwickelung der fürstl. Hausverfassung im deut. M.-A. in d. Zeitsch. f. deut. R.-G. Bd. VII.

12) Vergl. meine Schrift, die spanische Successionsfrage, 1839, p. 17. L. Molina, de primogeniorum Hispanorum origine ac natura, L. I. c. 2 §. 10: „In successione regni tam masculi quam foeminae jure primogeniturae admittun

Die in Spanien als grundgesetzlich geachtete Bestimmung von Alphons X. (a. 1258) in Ley de las siete Partidas, siehe Bd. I. (Quellengeschichte) §. 47 Note 13.

12) Schon von den Britanniern vor der angelsächsischen Occupation berichtet Tacitus, Agricola c. 16: Voadica generis regii femina duce (neque enim sexum in imperiis discernunt) sumsere universi bellum.“ - Als Princip des sächsischen Volksrechtes erscheint die Erbfolge der Töchter nach den Söhnen schon in L. Saxon. Tit. 7 §. 5.

13) L. Salic. Emend. Tit. 62 §. 6: „De terra vero Salica nulla portio hereditatis mulieri veniat, sed ad virilem sexum tota terrae hereditas perveniat.“

tur.“

[ocr errors]

jetzt die Thronfolge nach salischem Gesetze und wurde allmählig in allen Ländern adoptirt, welche früher zur fränkischen Monarchie gehört hatten. Ueberhaupt galt der Grundsatz allgemein, dass eine regierende Familie dasselbe Recht als Familienrecht habe, welches das Volk als Volksrecht gebrauchte. Daher erklärte noch die Theilungsurkunde Ludwig's des Frommen v. J. 817 ausdrücklich die Lex Ripuaria als das Recht, wonach die Karolinger lebten 14).

III. Seit dem fünften Jahrhundert hatte, mit Ausnahme der Sachsen, jede deutsche Hauptnation ihr selbstständiges Oberhaupt (König oder Herzog), was noch im Sachsenspiegel und Schwabenspiegel in sonderbarer Entstellung erzählt wird 15). In Sachsen wurde aber erst seit der Unterwerfung des Landes durch Karl d. Gr. ein Herzog als Reichsbeamter aufgestellt 16). Bis gegen das neunte Jahrhundert werden die Bezeichnungen rex und duæ im Allgemeinen als gleichbedeutend gebraucht 17). Nach Unterwerfung der Alamannen und Bayern unter die Franken führten ihre Nationaloberhäupter allmählig nur noch den Herzogstitel, und seitdem wurde der Königstitel als höhere Auszeichnung von den Frankenfürsten allein geführt 18). Zur selben Zeit fingen dann bei den Franken die ostfränkischen majores domus, namentlich seit Pipin II. an, neben dem Könige den Titel dux Francorum zu führen, wodurch sie sich den Bayern- und Alamannenherzogen gleichzustellen suchten ''), bis endlich

In Frankreich leitete man hieraus den Ausschluss des Weibsstammes von der Thronfolge, in Deutschland nur den Vorzug des Mannsstammes ab.

14) Charta Divis. Ludov. a. 817. (Siehe Bd. I. §. 5 Note 13.) Vebereinstimmend nennt der Bischof A gobart von Lyon in seinem Schreiben an Ludwig den Frommen die L. Francorum als die Lex „,ad quam et ipse (imperator) vivit, et proximi ejus respondent.“ (Bouquet, VI. 356.)

15) Sachsensp. III. 53 §. 1. Schwabensp. c. 120: „In tuschen landen hat iegelich lant sinen phallentzgraven. Sahsen hant einen, unde peigeren (Bayern) hant einen. Swaben hant einen. vranken hant einen. Disiv vier lant. waren hie vor kunigriche. (Sachsensp. III. 53 §. 1 schaltet hier ein: „Seder wandelde man in den namen und hiet sie herthogen.“) daz geschach do Julius ze Rome kiunig wart. und er tiuschiu lant betwang. da wolte Julius nivt, daz uber elliu tiuschen riche iut me (mehr) kiunigriches were, wan sins. unde ouch iut me kiuniges wan er.“

16) Poeta Saxo. ad a. 772 (Pertz, Script. I. 228): „nec rege fuit sociata sub uno, sed variis divisa modis plebs omnis habebat quot pagos tot paene duces.“ Hier sind unter duces offenbar nur die alten Gaufürsten, principes, ethelingi zu verstehen; s. oben §. 9 Note 6.

17) Paul Diac. III. c. 10. IV. c. 7: Thassilo a Childeberto rege apud Bajoariam rex ordinatus est.“

18) In einigen Gegenden, wie z. B. in der Bretagne, bestanden die alten Dationalen Fürsten unter der Herrschaft der Frankenkönige als Grafen (comites) fort. Gregor. Tur. IV. 4. Türk, Forschungen, H. III. p. 101.

19) Annal. Fuld.: „Pippinus (II.) dux Francorum obtinuit regnum Francorum per annos XXVII. cum regibus sibi subjectis.“ Erchambert (bei Bouquet II. 690): „Exhinc reges nomen, non honorem habere coeperunt.“

« ZurückWeiter »