Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

II. Abschnitt.

STAATSRE CA T.

A. Aelteste Zeit *).

$. 31.

Die Landesgemeinden oder Gaugenossenschaften. I. In der Zeit, in welcher die geschichtlichen Nachrichten über die politischen Zustände Deutschlands beginnen, findet man bereits bei den einzelnen deutschen Stämmen zwei Verfassungsformen, von welchen man die eine als die königliche, die andere als die freie zu bezeichnen pflegt. Das Bestehen einer königlichen (monarchischen) Verfassung lässt sich jedoch vor der Völkerwanderung nur bei wenigen deutschen Völkern nachweisen '). Aber auch bei diesen scheinen die Verfassungszustände von denen der anderen Völker nicht wesentlich verschieden gewesen zu sein, da der Einfluss des Königs auf das Volksleben noch wenig bedeutend war, und das, was das Königthum damals zu leisten vermochte, nämlich die Verbindung grösserer Volksmassen zu kriegerischen Zwecken, bei den übrigen Volksstämmen durch Bündnisse ersetzt wurde, welche bald in grösserem, bald in geringerem Umfange hervortraten, und wobei sich bald die Hegemonie des einen, bald die eines anderen Stammes bemerklich machte. Somit erscheint das Bundessystem als das älteste und naturwüchsige politische System der Gesammtverfassung bei den deutschen

*) Weiske, Grundlagen der früheren Verfassung Deutschlands. 1836. Sachsse, Vorstudien (hist. Grundlagen) des deut. Staats- und Rechtslebens. 1844. Waitz; deut. Verfassungsgeschichte, Bd. I. 1844. v. Bethmann. Hollweg, die Germanen vor der Völkerwanderung. Bonn, 1850.

E. von Wietersheim, zur Vorgeschichte deutscher Nation. Leipzig 1852. F. Thudichum, der altdeutsche Staat, mit Uebersetzung und Erklärung der Germania des Tacitus. Giessen 1862.

1) So z. B. bei den Markomannen und bei den Gothen. (S. §. 32 Note 10.) F. M. Wittmann, das altgerm. Königthum, München 1854, vermuthet, dass auch bei anderen deutschen Stämmen in vorhistorischer Zeit ein eigentliches

II.

Völkern und zugleich als ein sprechendes Zeugniss ihres angebornen Hanges zu particulärer Selbstständigkeit 2).

Als die Grundlage der deutschen Rechtsverfassung erscheinen daher zuerst die Landesgemeinden, d. h. kleine politische Verbindungen unter den freien Einwohnern eines bestimmten Landesbezirkes. Bei Tacitus findet sich dafür die Bezeichnung civitas, auch wohl pagus *); später tritt dafür die Bezeichnung Gau hervor 4).

III. In den Landesgemeinden ist schon von Anfang an die Idee einer Genossenschaft (Nachbarschaft) als die eigenthümliche Grundlage derselben zu erkennen, so dass das Gemeinde-Interesse zugleich als das Interesse aller Nachbarn (vicini), nicht aber, wie bei der römischen universitas, als ein von den Interessen der Einzelnen geschiedenes oder unterscheidbares Interesse erscheint 5). Die Landesgemeinde oder der Gau hatte eine in ihren hauptsächlichen Grundlagen republikanische Verfassung 6), jedoch wohl schon anfänglich nicht ohne aristokratische Elemente ).

IV. Die Angelegenheiten des Gaues wurden nach Vorberathung durch die obrigkeitlichen Personen in versammelter Landesgemeinde (concilium) behandelt 8), welche zugleich den Charakter einer gesetzgebenden und rechtsprechenden Versammlung trägt 9). Die Landesgemeinde verVolks-Königthum bestanden habe, welches sich aber frühzeitig durch Theilungen unter den Mitgliedern der königlichen Familie in eine Art von Aristokratie, d. b. Herrschaft kleiner Gaufürsten oder Gaukönige gesplittert habe.

2) So z. B. erscheinen nach einander in der Geschichte ein Cheruskerbund, ein Cattenbund, ein Markomanpenbund, ein Alamannenbund u. s. w.

3) Tacitus versteht unter civitas eine Landschaft im politischen Sinne; als gleichbedeutend gebraucht er mitunter „pa gus. Vicus ist Ortschaft. Auch findet sich regio anstatt civitas als Gegensatz von pagus: Tacit. Germ. c. 39: „principes regionum atque pagorum,“ wonach pagus also eine Abtheilung (Gemeinde) in einer regio oder civitas, d. h. einer Landschaft, zu bezeichnen scheint. Mitunter steht wohl pagus und vicus bedeutungslos (pleonastisch) neben einander.

4) Gau ist soviel wie Land (terra): Eichhorn, R.-G. §. 14 Note c. Ueber die verschiedenen Formen gowi, gewi, gehovi, geheve etc. und die Synonyma, wie scyra in Leg. Edovard. 55 u. dgl. siehe Grimm, R.-A. p. 496.

5) Tacit. Germ. c. 26: „Agri pro numero cultorum ab universis per vices occupantur: quos mox inter se secundum dignationem partiuntur.' Vergl. Bd. III. §. 97.

6) Vergl. Gaupp, Ansiedlungen, p. 98. Vergl. oben §. 7.
?) Vergl. oben §. 7.

8) Tacit. Germ. c. 11: „De minoribus rebus principes consultant, de majoribus omnes, ita tamen, ut ea quoque, quorum penes plebem arbitrium est, apud principes pertractentur.“ Vergl. v. Bethmann-Hollweg, a. a. 0.

[ocr errors]

P. 51.

9) Tacit. Germ. c. 12: „Licet apud concilium accusare quoque, et discrimen capitis intendere .. Eliguntur in iisdem conciliis et principes, qui jura per pagos vicosque reddunt.“ Zuepfl, deutsche Rechtsgesch. II. 4te Aufi,

12

sammelte sich regelmässig zu bestimmten Zeiten 10): bei besonderer Berufung und bei Vorladungen zu gerichtlichen Verhandlungen wurde nach Nächten gerechnet 11). Schon Tacitus fand die Saumseligkeit, mit welcher sich das Volk zur Landesgemeinde versammelte, auffallend 12). Die Theilnehmer erschienen bewaffnet, und drückten durch das Rasseln oder Zusammenschlagen der Waffen ihren Beifall aus 13).

V. Ausser den Gauversammlungen oder Landesgemeinden (concilia) erwähnt Tacitus unter dem Namen convivia noch eine andere Art von Versammlungen, welche auf Einladung eines Fürsten oder Adeligen zusammentraten. Es vereinigten sich hier Familienglieder, Gefolgsleute und Freunde, um über Privatangelegenheiten, wie Fehde und Blutrache, zu verhandeln 14). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass solchen Versammlungen zum Theile ein religiöses Element zu Grunde lag 15): jedenfalls zeigt sich in ihnen ein engeres genossenschaftliches Element, im Gegensatz der Gaugenossenschaft; man darf daher wohl darin etwas mehr sehen, als bloss zufällig veranstaltete Gastmähler, und annehmen, dass sie mit dem Ge

c. 43.

10) Tacit. Germ. c. 11: „Coeunt, nisi quid fortuitum et subitum inciderit, certis diebus, cum aut inchoatur luna, aut impletur. Nam agendis rebus hoc auspicatissimum initium credunt.“ In der späteren Zeit finden sich solche Versammlungen unter der Bezeichnung ungebotene Dinge, im Gegensatz des gebotenen (besonders berufenen) Dings. Vergl. Sachensp. I. 2. §. 2.

11) Tacit. Germ. c. 11: „Nec dierum numerum ut nos, sed noctium computant. Sic constituunt, sic condicunt. Nox ducere diem videtur.“ Die Vorladung nach Nächten findet sich noch bis in das XIV. Jahrhundert. Vergl. L. Sal. Emend. Tit. 49 : in noctes 40 placitum facient.“ – Lex Chama v.

Sachsensp. II. 3 §. 2: „over viertein nacht (jetzt noch engl. fortnight). (Der Schwabensp. c. 104 sagt aber „uber zwo wochen“). Bamberg. Stadt-R. (14. Jahrh.) §. 35. 36. 59: „uber zwerg (= Dwerg) Nacht,“ d. h. über Nacht, des anderen Tages.

12) Tacit. Germ. c. 11: „Illud ex libertate vitium, quod non simul nec jussi conveniunt, sed et alter et tertius dies cunctatione coeuntium absumitur.“

Auch heut zu Tage werden nicht selten ähnliche Klagen der Ortsvorstände laut; ebenso am deutschen Reichstage.

13) Tacit. Germ. c. 11: „Ut turbae placuit, considunt armati ... Mox rex vel princeps, prout aetas cuique, prout nobilitas, prout decus bellorum, prout facundia est, audiuntur, autoritate suadendi magis quam jubendi potestate. Si displicuit sententia, fremitu aspernantur, sin placuit, frameas concutiunt. Honoratissimum assensus genus est, armis laudare.“ Ueber die Fortdauer der Sitte, bei der Landesversammlung bewaffnet zu erscheinen, in einigen kleinen Cantonen der Schweiz und an andern Orten, s. oben §. 7 Note 26.

14) Tacit. Germ. c. 22: „Tum ad negotia nec minus saepe ad convivia procedunt armati. Diem noctemque continuare potando, nulli probrum. Crebrae inter vinolentos rixae, raro conviciis, saepius caede et vulneribus transiguntur. Sed et de reconciliandis invicem inimicis, de jungendis affinitatibus et adsciscendis principibus, de pace denique ac bello plerumque in conviviis consultant.“

15) Vergl. Wilda, Gildenwesen, 1831, cap. I. Auch in der späteren Zeit erhielt sich die Bezeichnung convivia für die Zünfte und Gilden.

66

folgschaftswesen zusammenhängen, und darin die erste Spur von Hof. tagen hervortritt.

§. 32.

[ocr errors]

Die Gauobrigkeiten. Herzoge. Volkskönige*). I. Die Obrigkeiten der Gaue oder Landesgemeinden werden bei Tacitus principes genannt, und die Rechtspflege als der hauptsächliche Gegenstand ihrer amtlichen Thätigkeit angegeben ').

II. Nach Tacitus hat der princeps centenos comites.Sie werden theils als ein berathender Körper, theils als eine executive Macht des princeps ?), theils als eine eigentliche Landwehr geschildert 3). Nach dieser Darstellung ist man berechtigt, auf ein frühzeitiges Vorkommen von Unterabtheilungen im Gaue (die später sog. hundredae, centenae) zu schliessen *), indem doch nicht wohl verkannt werden kann, dass Tacitus hier zwei Institute vermengt, nämlich die Landwehr, welche die einzelnen Abtheilungen im Gau zu stellen haben, und die Anführer oder Häupter derselben, welche naturgemäss als Beamte unter dem princeps und als dessen nächste Rathgeber oder Urtheiler erscheinen müssen 5).

III. Als Personen, welchen politische Functionen in den Gauen oblagen, erscheinen in der heidnischen Rechtsverfassung auch die Priester.

H. v.

*) Siefert, de veterum Germ. regibus. Neobrandenb. 1818. F. Kor. tüm, Königthum, Dienstmannschaft und Landestheilung. Basel 1822. Sybel, Entstehung des germ. Königthums. Frankf. a. M. 1844. F. M. Wittmann, das altgermanische Königthum. München 1854. Rud. Köpke, deutsche Forschungen: die Anfänge des Königthums. Berlin, 1829. F. Dahn, die Könige der Germanen. Das Wesen des ältesten Königthums der german. Stämme u. s. Gesch. bis zur Feudalzeit. 3 Bde. München, 1861–66.

1) Tacit. Germ. c. 12: „Eliguntur in iisdem conciliis et principes, qui jura per pagos vicosque reddunt.“ Dem Worte princeps entspricht das Wort Fürst. (Siehe oben §. 7 Note 13.) Bei den römischen Schriftstellern, sowie auch bei Gregor von Tours und bei Fredegar, finden sich die Bezeichnungen „reges, duces regales, reguli, subreguli“ (jetzt auch sog. Gau-Könige) für die Unterkönige unter dem Volkskönig; s. unten Note 9; Beda V. 11 nennt die Gaufürsten der Sachsen „satr a pa e.“ Vergl. Türk, Forschungen, Hft. 3;

Waitz, Verf.-Gesch. I. p. 101. Gaupp, Ansiedl. p. 114. 2) Tacit. Germ. c. 12: Centeni singulis (principibus) ex plebe comites, consilium simul et auctoritas, adsunt.“

3) Tacit. Germ. c. 6: Mixti praeliantur, apta et congruente ad equestrem pugnam velocitate peditum, quos ex omni juventute delectos ante aciem locant. Definitur et numerus: centeni ex singulis pagis sunt: idque ipsum inter suos vocantur; et quod primo numerus fuit, jam nomen et honor est.“

4) Eine ursprünglich tetrarchische Verfassung der Gaue vermuthet Sachsse, Heidelb. Jahrb. 1841. Nr. 29. Vergl. Gaupp, Ansiedlungen, S. 110.

5) Ueber die mehrfache Bedeutung, welche das Wort „comites“ bei Tacitus hat, 8. oben §. 8 und §. 10. VI.

p. 128.

In ihrer Hand lagen die politischen Augurien 6), die Erhaltung der Disciplin in den Landesversammlungen) und der Vollzug der Strafen 8).

IV. Ausser den Obrigkeiten der einzelnen Gaue nennt Tacitus auch zwei Obrigkeiten ganzer Völkerschaften: duces und reges 9). Die ersteren beschreibt er als nationale Heerführer (Herzoge), welche sich eine Völkerschaft aus ihren tapfersten Gaufürsten nur für die Dauer eines Krieges wählt. Reges (Volks-Könige), als im Frieden wie im Kriege gleichmässig bleibende oberste Herrscher einer Völkerschaft, fanden sich nach Tacitus nur erst bei einigen Völkern 10), wurden aber bei diesen stets aus einem bestimmten adeligen Geschlechte genommen 11).

V. Dieses Königthum erscheint seinem Wesen nach als eine in einer

6) Tacit. Germ. c. 10: publice aluntur (equi) . . . candidi et nullo mortali opere contacti, quos pressos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur, hinnitusque ac fremitus observant.“ Vergl. Waitz, Verf.Gesch, I. p. 115.

7) Tacit. Germ. c. 11: Silentium per sacerdotes, quibus tum et coërcendi jus est, imperatur.“

8) Tacit. Germ. c. 7: „Ceterum neque animadvertere, neque vincire, neque verberare quidem nisi sacerdotibus permissum: non quasi in poenam, nec ducis jussu, sed velut Deo imperante.“ Auch später findet sich mitunter, dass die Stellung des Oberpriesters ausgezeichneter als die des Königs war. Ammianus Marcell. 28, 5: „Sacerdos apud Burgundiones omnium maximus vocatur Sinistus (goth. sinista, aperßitepos), et est perpetuus, obnoxius discriminibus nullis, ut reges. (Vergl. Note 14.)

9) Tacit. Germ. c. 7: Reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt.“ Siehe §. 7 Note 16. Gewöhnlich war die Erhebung des gewählten Königs oder Heerführers auf einem Schilde. Tacit. histor. IV. 15: „(Brinnio) impositus scuto, more gentis (Caninefatum) et sustinentium humeris vibratus, dux diligitur.“

Ueber die Hendini der Burgunder, siehe unten Note 14. König erklären Einige als kühn (audax), Andere als Spitze der Geschlechter (Kun-Kuni). Vergl. Grimm, in Eichhorn Zeitschr. III. 118 Note 71; Dessen R.-A. p. 230. Sperling, de nomine koning. Havniae 1707. Siefert, de veterum Germ. regibus. Neobrandenb. 1818.

19) Tacit. Germ. c. 25: exceptis iis gentibus, quae regnantur.“ Ibid. c. 43: „Trans Lygios Gothones regnantur, paullo jam adductius, quam ceterae Germanorum gentes, nondum tamen supra libertatem. Protinus deinde ab Oceano Rugii et Lemovii: omnium harum gentium insigne rotunda scuta, breves gladii, et erga reges obsequium.“

11) (Siehe oben §. 7). Dies wird auch durch die Geschichte in der fol. genden Periode bestätigt. So wählen nach Gregor von Tours c. 9 die Franken ihren ersten König: „ex prima et nobiliori familia ;'" bei den Gothen findet man das Geschlecht der Amaler als königliches, bei den Westgothen das der Balthen

Ueber das Erbfolgesystem in der Krone lässt sich nichts völlig Bestimmtes angeben. Einen Vorzug des älteren Sohnes vermuthet Gaupp, Ansiedl. p. 104, mit Beziehung auf Tacit. Annal. II. 9. 10. Am wahrschein. lichsten ist, dass das Volk ein Wahlrecht unter den Mitgliedern des königlichen Hauses ausübte, wie dies auch in Tacit. Germ. c. 7 (siehe Note 9) angedeutet ist, und wovon sich noch in der folgenden Periode Spuren zeigen. Vergl. Gaupp, Ansiedl. p. 100.

u. S. W.

« ZurückWeiter »