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II.

Herrn, Veräusserung, Vindication, Ehe, Erbrecht und Freilassung anbelangte, fast durchaus nach denselben Grundsätzen wie die gemeinen eigenen Leute behandelte, und namentlich stellt sie der Sachsenspiegel mit diesen auf eine gleiche Stufe ). Im Schwabenspiegel dagegen nehmen sie theilweise schon eine höhere Stellung ein, insbesondere wird hervorgehoben, dass der Dienstmann den sechsten Heerschild habe 2) und durch die Freilassung das Standesrecht der Mittelfreien erhalte 3).

Als Eigenthümlichkeiten des Rechtes der ritterlichen Dienstleute werden erwähnt: 1) dass die Herren einen Wechsel (Auswechselung) unter ihren Dienstleuten ohne Mitwirkung und Zustimmung ihrer Erben und aussergerichtlich vornehmen durften, was insbesondere bei Verheirathungen der Dienstleute verschiedener Herren zweckmässig war, um Streitigkeiten darüber vorzubeugen, welchem Herrn die Kinder dienstpflichtig wären 4). Zu gleichem Zwecke schlossen die Herren auch Kind gedinge, d. h. Verträge, wie die Kinder ihrer zusammenheirathenden Dienstleute unter ihnen getheilt werden sollten 4 a). 2) Der Dienstmann erbte nach Landrecht, wie freie Leute: er durfte aber sein Eigen nur an einen Genossen veräussern, worin somit die erste Spur des später sog.

1) Sachsensp. III. 80 $. 2. (Siehe $. 30 Note 35.) Auch der Schwabensp. C. 68 ° sagt: „alle dienstman heizent eigen.“

2) Schwabensp. Landr. c. 2. 142. Schwäb. Lehnr. c. 1.

3) Schwabensp. Landr. c. 156. (S. §. 30 Note 35.) Ursprünglich legte man wohl nur den Ministerialen des Königs und der Fürsten den Namen Dienstmannen oder Dienstleute bei: die der freien Herren und Mittelfreien wurden noch im Schwabensp. c. 139 a. E. schlechthin nur eigene Leute genannt. Das Kaiser-Recht III. c. 6 stellt sogar noch geradezu in Abrede, dass die Fürsten Dienstleute haben könnten, sondern legt das Recht, solche zu haben, nur dem König (dem Reiche) allein bei. Es missversteht aber das Kaiserrecht hier offenbar einen Satz des Schwabenspiegels, c. 158. (Siehe unten Note 9.)

4) Sachsensp. I. 52 §. 1. (S. den Anfang der Stelle oben §. 30 Note 13.)

Doch weslet die herren ire dinstmann wol ane gerichte, of man den wederwesle bewisen unde getügen mach.“ · Ebendas. III. 73 §. 2: „Dit selve recht hadden ok die denstman went an den biscop wichmanne von megedeburch, dat die sone behilt des vader recht unde die dochter der muder unde horten na in, of sie dienstlüde waren. Do ne bedorfte man nener wesle under den dinstman

- Eine ähnliche Bestimmung findet sich im Schwabensp. c. 158. Schwabens p. c. 308. I.: „Kein pfaffenfürste mag seinen dienstmann frey gelassen haben : er mag einen wechssel wol mit im tun umb besserung. vnd nimpt er ein boesers. der bischof der nach im komet. der nymmet seinen wechssele mit recht wider.“ Meine Alterthümer, Bd. II. 237.

4a) Kindgeding; dieses Wort findet sich z. B. in dem Vertrage des Grafen Johann von Sayn und Heinrich's von Wildenberg a. 1284 in Lünig, Reichsarchiv, Spicil. secular. 2. Th. p. 984. Vergl. Schwabensp. (Lassb.) c. 158.

Beispiele 8. in meinen Alterthümern, Bd. II. S. 244 Note 28. Ueber den Einfluss der freien Geburt eines Ehegatten: meine Alterthümer, Bd. II. S. 239 ig. · Vergl. oben §. 18 II. Note 5a u. 5 b.

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ritterschaftlichen Retractes zu erkennen ist, und in Ermangelung von Erben fällt sein Eigen seinem Herrn zu 5): sein Gut kann daher selbst da nicht an den König fallen, wo das Vermögen freier Leute von dem Fiscus eingezogen wird 6).

III. In den Quellen des XIII. und XIV. Jahrhunderts treten schon mehrere Arten der ritterlichen Dienstleute hervor. Als besonders bevorzugt erscheinen schon in den Spiegeln die Reichsdienstleute, d. h. Familien, die Reichsgut als Ritterlehen besassen und dafür dem König zu Ritterdienst, und auch wohl auf sein Verlangen zur Uebernahme eines Hofamtes verpflichtet waren. Sie konnten (mit gewissen Beschränkungen) Urtheiler und Zeugen in des Reiches Gerichten sein ?), und sollten frei gegeben werden und Schöffengüter aus dem Reichsgut erhalten, wo die Schöffenbarfreien in einer Grafschaft aussterben S); auch durfte sie der König an keinen weltlichen Fürsten abtreten, indem sie nach damaliger Ansicht hierdurch gemindert, d. h. in ihrem Heerschild herabgesetzt worden wären, da die weltlichen Fürsten selbst als Dienstleute (Beamte) des Reiches betrachtet wurden 9). Den Reichsdienstleuten war erlaubt, ihre Frauen aus dem Reichsgute zu begaben 10); überhaupt bildeten sie die erste Classe unter den ritterlichen Dienstmannen und einen besonderen bevorzugten Geburtsstand, dessen Erbrecht an dem geliehenen Reichsgute mindestens im XIV. Jahrhundert schon unbestritten anerkannt war 11). Ausser den ritterlichen mit Reichsgut beliehenen Reichsdienstleuten gab es aber auch noch eine niedrigere, wenn auch mannigfach be

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5) Schwabensp. c. 158: „Dienstmann nement erbe. vnd erbent als vrie lute nah allem landrehte.

ez mag aber ir eigen niht gevallen uz ir herren gewalt, ob sie nit erben hant, si mogen oh nit ir eigen gegeben. noh verkoufen, wan wider ir genoz.“ Weniger deutlich ist hierüber Sachsensp. III. 81 §. 2.

6) Sachsensp. I. 38 §. 2. a. E.: Dienest manne egen ne mach in königliken gewalt nicht komen, noch buten irs herren gewalt. of se sik verwerket an irme rechte. Vergl. Schwabensp. c. 46.

?) Sachsensp. III. 19: ,Vrie lüde unde des rikes dienstmann die moten vor’me rike wol getüch sin unde ordel vinden, durch dat sie deme rike hulde dun ir jeweder na sinem rehte. Doch ne mut des rikes dienstmann over den scepenbaren vrien man noch vrdel vinden noch getüch wesen, dar't ime an den lif oder an sin ere oder an sin erve gat.“ (Siehe oben §. 14 Note 23.)

8) Sachsensp. III. 81 §. 1. (Siehe oben §. 14 Note 26.)

9) Schwabensp. c. 158 a. E. Es ist sehr bemerkenswerth, dass es im Mittelalter nie als eine Erniedrigung betrachtet wurde, wenn ein Mann, selbst ein freier Herr, von einem geistlichen Fürsten ein Lehn annahm oder dessen advocatus wurde, daher sogar der Lehnempfänger in solchem Fall die auf dem Lehn etwa ruhende Reichsstandschaft ausübte. Es hängt dieses offenbar mit der uralten Ansicht zusammen, dass der Eid der Treue, den die Bischöfe dem König schwören, kein wahres vassa ticum ist, also sie selbst keine vas si, Beamten oder Dienstleute des Königs sind, wie die weltlichen Fürsten. Siehe oben §. 10 Note 121.

10) Kl. Kaiserrecht III. c. 8. 33.
11) Deutlich zeigt dies das kleine Kaiserrecht; s. oben §. 17 Note 5.

vorrechtete Classe von Dienstleuten des Reiches, welche Hausgenossen hiessen, d. h. die „familiader Dienenden in den königlichen Palästen oder auf anderen Reichsdomänen. Insbesondere wurden unter diesem Namen die Münzer (monetarii) an den Münzstätten des Reiches begriffen 12).

IV. Im Laufe dieser Periode entwickelte sich die Ministerialität besonders an den Höfen der Bischöfe und der grossen weltlichen Fürsten. Je reicher und mächtiger ein solcher Herr war, desto weniger galt die Uebernahme eines hohen Amtes an seinem Hofe als eine Beschränkung der Freiheit. Diese letztere Ansicht musste um so mehr Geltung gewinnen, als selbst die ersten Fürsten des deutschen Reiches, die Kurfürsten, sich die obersten Hofämter (ministeria) des Reiches als die höchsten möglichen Ehrenämter und Auszeichnungen beigelegt hatten 1%), und sich mitunter herbeiliessen, wenn auch nur dem Namen nach, die Hofämter bei einem Bischofe zu übernehmen 14). Man findet daher in dieser Zeit an den fürstlichen Höfen nicht nur bereits ministeriales oder familiares, welche ausdrücklich als liberi bezeichnet werden 15), sondern selbst Grafen werden bereits als Hofbeamte an den Höfen mächtiger Herzoge genannt 16). Die Zahl der höheren Hofämter war regelmässig vier (das Amt des Truchsess, Marschall, Kämmerer und Schenk); wie in der vorigen Periode konnte aber ein solcher Amtstitel mehreren Personen beigelegt werden 17).

12) Eichhorn, in d. Zeitschr. f. gesch. R.-W. Bd. II. p. 218. Das alte Recht der Hausgenossen zu Mainz hat bekannt gemacht: Arnold, im Anzeiger f. Kunde der deut. Vorzeit 1857, Nr. 3 flg. (Siehe noch unten Note 18.) Mitunter werden aber unter Hausgenossen ansässige reiche Bürger verstanden. Sent. Rudolphi I. a. 1275 für Weissenburg (J. Grimm, Weisth. I. 766).

Siehe über die verschiedenen Bedeutungen von Hausgenossen, meine Alterthümer, Bd. I. S. 50.

13) Siehe unten g. 45.

14) So z. B. auf Bitten des K. Heinrich II. bei dem Bischofe von Bamberg. Struv. Corp. hist. Period. V. Sect. 5 §. 10. Hierin mag auch die Veranlassung zu der Erzählung der Spiegel liegen, dass die weltlichen Fürsten dadurch, dass sie der geistlichen Fürsten Mannen geworden seien, in den dritten Heerschild herabgestiegen wären. Siehe oben §. 16 Note 13.

15) So z. B. erwähnt Chron. Ursperg. a. 1208 solche liberos familiares ducis B a varia e.

16) Chron. Weingart. (Leibnitz I. 781): „Gu elfi) domum quoque suam regio more ornabant, ut ita quaeque officia in iis, i. e. ministeria dapiferi, pincernae, marschalci, camerarii, signiferi, per comites, vel illis a equipollentes (d. h. freie Herren) regerentur.“ Urk. a. 1250 (Reg. Boica II. 425): „Henricus et Hermannus de Henneberg et Fridericus de Castele, comites, domino suo Hermanno, Herbipolensi episcopo, tanquam fideles et officiati sui assistere promittunt contra omnem et stare ejus judicio in omnibus quaestionibus.“

17) Sächs. Lehnr. a. 63: „Na hoverechte sal jewelk dienstman geboren drüzte (truchsess) sin oder schenke oder marscalk oder kemerere." Ebenso Schwäb. Lehnr. c. 111. Doch finden sich an mehreren Höfen noch mehrere Hofämter; z. B. ein signifer am Hof der Welfen (siehe Note 16).

V. Selbstverständlich hatten die Dienstleute geringerer Herren nicht das Ansehen wie die Dienstleute der Bischöfe und grösseren weltlichen Fürsten; auch hatten diese letzteren selbst ebenfalls zahlreiche Dienstleute niederen Ranges. Die Dienstleute dieser niederen Classen wurde nebenso, wie die geringeren Dienstleute des Reiches, im Allgemeinen als Hausgenossen (familiares) bezeichnet 18). Ihre persönliche Freiheit wurde als dergestalt beschränkt durch ihre erbliche Dienstpflicht betrachtet, dass sie, um in den vollkommen freien Stand übertreten zu können, einer förmlichen Freilassung bedurften. Dies war nicht nur der Fall bei den ganz gemeinen, sondern auch bei den ritterlichen Dienstleuten, sofern diese nicht bei dem Eintritte in das Dienstverhältniss einen besonderen Vorbehalt ihrer vollen Freiheit gemacht hatten 19).

VI. An allen Höfen bildeten sich besondere Dienstrechte der Ministerialen aus, theils durch ausdrückliche Privilegien der Herren, theils durch Herkommen 20). Allgemein galt das Recht der ritterlichen Dienstleute, sog. us ministeriale“, als das vortheilhafteste und ausgezeichnetste unter den Dienstrechten, daher auch freie Leute, welche sich einem Herrn ergaben, nicht selten die Behandlung nach diesem Rechte zur ausdrücklichen Bedingung machten 21). Sehr häufig hatten die Dienstleute auch beneficia, ebenso wie die ritterlichen eigentlichen Lebensleute oder die Vasallen im neueren Sinne, d. h. jene ritterlichen Leute, welche sich einem Herrn durch Annahme eines Lehns nur zum Ritterdienste, aber nicht zum Hofdienste verpflichtet hatten 22). Wenn die Benefizien der Ministerialen auch im Allgemeinen längere Zeit, als die Lehen der eigentlichen Vasallen, nicht für erblich galten, so findet man doch schon in sehr früher Zeit an einzelnen Höfen, besonders an denen der Bischöfe, die Erblichkeit der Benefizien der Ministerialen anerkannt. Dabei mussten

Justitia Ministerialium Babenbergensium c. a. 1057 (§. 6.): „A domino suo non constringantur (sc. ministeriales) nisi ad quinque ministeria, hoc est, aut dapiferi sunt, aut pincernae, aut marchalli (aut camerarii), aut venatores.“

18) Z. B. im Oesterreich. Landr. (Ludewig) c. 43. 44. 56. Die Geisfeld. Pfründeordnung (Saec. XIII.) in den Quellen z. bayer. u. deut. Gesch. I. 1856, hat in c. 1. 16. 26 husgenozzen, domestici, officiales, unterschieden vom gemeinen Hofgesind, familia curiae. (S. oben Note 12.)

19) Man vergl. z. B. die Urkunden Rudolph's v. Habsburg, v. 1278, betr. die Freilassung der Elisabetha von Maltiz, und von 1273 u. 1287, betr. die Adelheid von Münzenberg; siehe die Analyse dieser Urkunden in meiner Schrift über Missheirathen, 1853, p. 23 ig.

20) Siebe die ältesten Dienstrechte, Bd. I. §. 24 Note 4.

21) Zahlreiche Belege enthalten die Quellen zur bayer. u. deut. Gesch., Bd. I. 1856; siehe meine Alterthümer, Bd. II. S. 268 fig.

22) Vergl. z. B. Justitia minist. Bamberg. c. a. 1057: „Si (ministerialis) beneficium non habuerit ab Episcopo, et repraesentaverit se in ejus ministerio (ihm seinen Dienst angeboten hat), et beneficium non potest obtinere, cui vult militet; sed non beneficiarius sed libere.“

aber die Ministerialen meistens eine, ausserdem nur bei unfreien und eigenen Leuten vorkommende Abgabe, den sog. Sterbfall, mortuarium, relevium oder Besthaupt entrichten 22). VII.

Nach dem XIV. Jahrhundert verschwand aber die Ansicht, dass die Familien der ritterlichen Dienstleute oder Hofbeamten als beschränkt in ihrer persönlichen Freiheit zu betrachten wären, immer mehr. Von hier an überwog die Rücksicht auf ihre ritterliche Eigenschaft dergestalt, dass auch sie wie die vasallitische freie Ritterschaft dem sog. niederen Adel beigezählt wurden, und es in der letzten Zeit des Reiches nur als eine seltene Ausnahme betrachtet werden konnte, wenn sich bei einer ritterlichen Familie noch eine Erinnerung an ihre ministerielle Herkunft mit einer praktischen Wirkung im Sinne des älteren Rechtes erhalten hatte.

23) Justitia ministerial. Bam b. §. 4: „Si absque liberis obierit; et uxorem praegnantem habuerit, expectetur dum pariat, et si masculus fuerit, ille habeat beneficium patris; sinon, proximus agnatus defuncti loricam suam vel equum quem meliorem habuerit, Domino suo offerat et beneficium cognati sui accipiat.“

Viel grössere „relevia“ fordert bei dem Tode eines Grafen, Baron und Vasallen: Wilhelm, Legg. Anglosax. I. c. 22-24, bei Schmid, p. 180.;

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