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Hunger und Krankheiten – unter ihnen die Feuerpest des heiligen Antonius – haben an den Zügen nach Jerusalem keinen geringeren Antheil, als die begeisterten Reden des Kreuzpredigers von Amiens; der schwarze Tod erfüllte die VVelt mit Scheiterhaufen, und erweckte die furchtbare Busse der Geisselbrüder; der morgenländische Aussatz gab dem ganzen Mittelalter eine düstere Stimmung. Mit allen diesen Regungen stehen die grossen Begebenheiten in der nächsten Verbindung, und gewiss kam es in den wechselnden Gestaltungen des Menschengeschlechts von jeher mehr auf die Gesinnung, als auf die rohen Kräfte an, welche die Ereignisse herbeiführten.

Hier kann also der Geschichtschreiber, der die geistigen Triebfedern aufsucht, der ärztlichen Forschung nicht entbehren, die Thatsachen selbst überzeugen ihn von dem organischen Zusammenhange des Körperlichen mit dem Geistigen in allen menschlichen Dingen, mithin auch von der innern lebendigen Verbindung aller menschlichen Erkenntniss. Und nun auf dem ärztlichen Standpunkte, welche Fülle von grossartiger Beobachtung bietet die Geschichte der Volkskrankheiten! Die gegenwärtigen Körperlei

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den sind in ihrer Gesammtheit nur eine Stufe der Entwickelung, nur cine Phase des kranken Lebens in einer grossen Reihenfolge von Erscheinungen, und erhalten mithin nur durch Erkenntniss des Vergangenen, nur durch geschichtliches Forschen ihre volle Bedeutung. Wie will man auch den Ring des Saturn erkennen, so lange man nur den Streifen wahrnimmt? Grosse Krankheiten sind untergegangen, oder haben sich zersplittert; aus Geringfügigem hat sich Bedeutendes entwickelt: überall in diesem VVechsel der Gefahr und Zerstörung offenbaren sich die Wirkungen mächtiger Naturgesetze durch die Lebensstimmungen ganzer Jahrhunderte. Hier ist kein luftiges Reich vergänglicher Vermuthungen, die Thatsachen reden selbst in tausend Erinnerungen. Man durchforsche nur mit unbefangenem Ernste die Vergangenheit, man beachte auch nur die wenigen Untersuchungen, welche bis jetzt in der historischen Pathologie gelungen sind – vielleicht erkennt einiges Wohlwollen auch die meinigen an – und es kann nicht fehlen, man wird hier zu einem Kern der Wirklichkeit gelangen, von dem die Heilkunde zu ihrem grossen Nachtheile bisher noch immer fern geblieben ist, während sie zu Zeiten in minder fruchtbarem Erdreich ihre Wurzeln schlug, oder wohl selbst in dem aufgeschütteten Boden starrer Schulsatzungen verkümmerte. Der Staat, der seine Gesetzgebung auf die Erkenntniss der Wirklichkeit gründet, der von den Naturwissenschaften Aufklärung über das menschliche Gesammtleben in jeder Beziehung erwartet, fordert von seinen Aerzten mit allem Rechte eine vielseitige Einsicht in das VVesen und die Ursachen der Volkskrankheiten. Eine solche, der VWürde einer Wissenschaft entsprechende Einsicht kann aber nicht aus der Beobachtung vereinzelter Volkskrankheiten gewonnen werden, weil die Natur in ihnen niemals alle ihre Seiten entfaltet, und von den Gesetzen des allgemeinen Erkrankens immer nur wenige in VVirksamkeit treten lässt. Es genügt nicht einmal ein Menschenalter, wäre es auch noch so reich an grossen Erfahrungen, um eine dieses Namens werthe Lehre von den Volkskrankheiten im Kreise erlebter Erscheinungen zu begründen: die Erfahrung aller Jahrhunderte ist hier die Quelle, aus der geschöpft werden muss, und die ärztliche Forschung der einzige VVeg, der zu dieser Quelle führt, will man nicht neuen

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Volkserkrankungen unvorbereitet entgegentreten, und die Meinung, dass die gegenwärtige Heilkunde das vollgültige Ergebniss aller früheren Bestrebungen sei, in ihrer ganzen Unwahrheit bestehen lassen. Es sind auch nicht bloss die allgemeinen Erkrankungen, welche in der Reihe der Jahrhunderte in verschiedenartiger Ausbildung hervortraten; die Einsicht in jede einzelne Krankheit, sie mag in grossen oder in kleinen Verhältnissen vorkommen, gewinnt an Klarheit durch die Erkenntniss ihrer zeitlichen Entwickelung. So möge sich denn auch die Aufmerksamkeit und der Fleiss für Wahrheit und Wissenschaft begeisterter Aerzte der historischen Forschung allgemeiner zuwenden, und ihr an Hochschulen und Akademieen die Stellung zugestanden werden, die ihr bei der hohen Wichtigkeit ihrer Gegenstände als einem weitausgebreiteten Zweige der Naturforschung gebührt! Ob die vorliegende Untersuchung über eine der denkwürdigsten Krankheiten diesen Ansichten entspricht, muss ich dem Urtheile meiner Leser anheim stellen. Die Geschichtforscher werden erkennen, welche Lebens

stimmung der Völker sich durch grosse Be

gebenheiten hindurchzieht, und den Aerzten

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wird sich das Bild eines Leidens enthüllen, dem unter den Krankheiten dieser Zeit kein gleiches zur Seite steht. Ich habe durchweg den Geist und die Würde des sechzehnten, in Sieg und Trauer grossen Jahrhunderts im Auge behalten, und rechne auf Nachsicht und VVohlwollen, welches mir schon durch freundliche Beihülfe in der Nähe und Ferne in höherem Masse zu Theil geworden ist, als mein inniger Dank auszusprechen vermag.

Berlin, den 5. Januar 1834.

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