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Erkranken der Vögel.

Hungersnoth in Deutschland 1529.

schwer fallen, den Grund dieser Erscheinung, über
die nur vereinzelte Angaben sprechen, noch jetzt aus-
zumitteln, doch ist es mit Uebergehung aller anderen
Vermuthungen wohl glaublich, dass sich entweder ein
wirkliches Fischgift entwickelte "), oder will man dies
nicht annehmen, dass allgemeine Verstimmungen des
Lebens, wie sie in grosser Hungersnoth vorausgesetzt
werden müssen, die Fische in ähnlicher Weise der
Gesundheit unzuträglich machten, wie etwa nach über-
standenen Wechselfiebern, wenn die Verrichtungen
des Unterleibes auf eine dieser Krankheit eigenthüm-
liche Weise gestört sind.
Aber nicht bloss die Bewohner des Wassers ka-
men in Aufruhr durch verborgene Regungen im Ge-
sammtleben des Organischen, – auch die Thiere der
Luft erkrankten, die in ihren ausgebildeten, reizbaren
Werkzeugen des Athmens die schädlichen Einflüsse
des Dunstkreises viel früher und deutlicher empfinden,
als alle unbefiederten Geschöpfe, und oft schon die
Verkündiger grosser Gefahr gewesen sind, wenn sich
deren die Menschen noch nicht versahen. In der
Umgegend von Freiburg im Breisgau fand man hier
und da todte Vögel unter den Bäumen, mit erbsen-
grossen Eiterbeulen unter den Flügeln, den Spuren
einer unter ihnen verbreiteten Krankheit, welche wahr-
scheinlich noch in viel grösserer Ausdehnung, als in
den südlichen Rheinlanden vorkam *).
Die Hungersnoth in Deutschland während dieses
Jahres wird von glaubwürdigen Männern mit grosser
Theilnahme geschildert. Ganz besonders wurden von
ihr Schwaben, Lothringen, Elsass und die übrigen süd-

1) Vergl. Autenrieth's vorzügliches Werk hierüber.
2) Schiller, sect. I. cap. 2. fol. 3. b.

lichen Rheinlande heimgesucht, so dass hier das Elend dieselbe furchtbare Höhe erreichte, wie in Frankreich. Die Armen wanderten aus, und durchstreiften das Land, nur um ihr jammervolles Dasein zu fristen. Nach Strassburg kamen über tausend dieser halbverhungerten Bettler aus Schwaben. Man gab ihnen Obdach in einem Kloster, und suchte sie zu erquicken; doch konnten viele die Speise, die man ihnen reichte, nicht mehr vertragen – Pflege und Stärkung beschleunigten ihren Tod. Im Herbst kam ein anderer Haufe von mehr als achthundert aus Lothringen. Man behielt diese Unglücklichen in der Stadt, und speiste sie den ganzen Winter über "), doch ist leicht zu begreifen, dass diese Mildthätigkeit, die ohne Zweifel auch in anderen Städten ausgeübt wurde *), – wann hätte in Deutschland je die Menschenfreundlichkeit gefehlt – das tiefwurzelnde Uebel nur hier und da lindern konnte. Im Gebiet von Venedig sollen viele Hunderte Hungers gestorben sein, und ähnliche Noth herrschte wahrscheinlich in ganz Oberitalien. Im nördlichen Deutschland, das ausgedehnte Sandebenen umschliesst, auf welche die Nässe nicht so nachtheilig einwirkt, wie auf schweren Lehmboden, war der Zustand im Ganzen erträglicher *). Doch wurde, abgesehen von den zahllosen Uebeln, welche die Theuerung an sich schon hervorruft, sogar der Selbstmord häufiger *) – gewiss eine seltene Erscheinung im sechzehnten Jahrhundert, und nur erklärlich aus der Verzehrung der geistigen Kraft durch

1) Franck, fol. 243. b.

2) Namentlich wird auch unter anderen Basel gerühmt. Stettler, Th. II. S. 34.

3) Spangenberg, a. a. O. – 4) Leuthinger, p. 89.

Selbstmord.

Ohnmächtiges Ermatten.

die vielen und verschiedenartigen Leidenschaften, die
in jedem einzelnen Orte die Gemüther zu Hass und
Partheienwuth entflammten. Kalter Lebensüberdruss
ist die Folge einer solchen Zerrüttung, und diese fin-
det in den nächsten übelen Begegnissen einen Vor-
wand zur Selbsttödtung, welche durch den Mangel
an und für sich selten oder nie veranlasst wird. Denn
mit unzerrüttetem Gemüth geht der Mensch lieber
dem sichern Hungertode entgegen, und vertraut dem
fernsten Schimmer von Hoffnung, als dass er eigen-
willig dem Genusse des Tageslichtes entsagte.
Nicht weniger ist aber hierbei eine Art von ohn-
mächtiger Ermattung in Anschlag zu bringen, die sich
im Juni und Juli"), gerade bis zu der Zeit, wo die
Schweisssucht ausbrach, vornehmlich in Pommern, zu
grosser Verwunderung des Volkes zeigte. Mitten in
der Arbeit, und ohne alle begreifliche Ursache wur-
den die Leute an Händen und Füssen lahm, so dass
sie sich nicht helfen konnten, wenn sie auch gleich
hätten sterben sollen *). Man musste sie warm zu-
decken und ihnen stärkende Nahrung reichen, so assen
sie auch sehr viel, und gegen den dritten oder vierten
Tag waren sie wieder gesund. Erscheinungen dieser
Art, welche hier offenbar von atmosphärischem Einfluss
abhingen, sind nur die äussersten Steigerungen einer
allgemeinen krankhaften Abstumpfung des Lebensge-
fühls, welche wohl auch geradezu in Lebensüberdruss,
die Bedingung des Selbstmordes übergehen konnte.
Die

1) Von Pfingsten bis gegen Jacobi, den 25. Juli. Klemzen, S. 254.

2) Zwei Schiffer, die in einem solchen Anfall die Ruder verloren hatten, kamen in Gefahr in das Haff zu treiben, wurden aber bemerkt und gerettet. Ebend.

Die folgenden Jahre sind durchaus nicht alle durch entschiedenen Misswachs ausgezeichnet. Das Jahr 1530 war selbst fruchtbar, und es kamen nur vereinzelte Unfälle vor, wie z. B. eine grosse Ueberschwemmung im Gebiete der Sale, mitten in der Erntezeit*). 1531 folgte ein sehr kaltes Frühjahr und ein nasskalter Sommer, nur dann und wann mit Sonnenschein, doch war der Ertrag der Felder nicht ganz unergiebig, und der allzugrossen Noth wurde in Thüringen und Sachsen durch angelegte Korngruben gesteuert, so dass die Landleute nicht nöthig hatten, wie dies in Schwaben oftmals geschah, das noch grüne Getreide abzumähen, um die Aehren im Backofen zu trocknen, und mit den noch unreifen Körnern sich das Leben zu fristen. 1532 und 33 waren wiederum sehr unfruchtbar; eben so 1534 wegen sehr grosser Sommerhitze und Dürre. 1535 endlich schien die Ordnung in dem Wechsel der Jahreszeiten, und mit ihr das Gedeihen wiedergekehrt zu sein, und die Noth hörte auf *). Die Berichte aus den einzelnen Gegenden Deutschlands lauten sehr verschieden, doch blieb die Theuerung volle sieben Jahre lang (1528 bis 1534) vorherrschend *), und da man in jedem kleineren Gesichtskreise ihre Ursachen nicht aufzufinden vermochte, so erinnerte man sich oft des alten Spruches: „Wenn eine Theuerung sein soll, so hilft es nicht, wenn auch gleich alle Berge eitel Mehl wären *).“

1) Spangenberg, M. Chr. fol. 432. a.
2) Ebend. fol. 433. a. 435. b. – Schwelin, S. 149. 50.

3) Ein märkischer Chronist versichert sogar, sie habe bis 1546 gedauert. Annales Berol. Marchic. Doch widersprechen dem die übrigen Zeitgenossen.

4) Spangenberg, fol. 432. a.

Nothjahre.

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Aufhören in
England.

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Diese Thatsachen sind hinreichend, um das Bild des Hintergrundes vorläufig zu entwerfen, auf dem das Gespenst von England sich bewegte, zu dem wir jetzt zurückkehren. Wie lange die Schweisssucht dort noch gewüthet, wann Heinrich VIII. seinen abgelegenen Zufluchtsort verlassen habe, um in seine Hauptstadt wieder einzuziehen, darüber hat niemand Nachrichten ausgezeichnet. Dass sie sich sehr schnell über das ganze Königreich verbreitet habe, ist mit Bestimmtheit zu vermuthen, und würde wahrscheinlich noch aus geschriebenen Urkunden an Ort und Stelle leicht zu ermitteln sein. Die Annahme, dass sie in keiner Stadt länger als einige Wochen heftig gewüthet habe, wird durch näher liegende übereinstimmende Erscheinungen gerechtfertigt, doch hat sie wohl ohne Zweifel bis in den lauen Winter in geringerer Stärke unter dem Volke fortgedauert. Dass sie noch während des Sommers 1529 in England vorhanden gewesen sei, darüber sind keine, auch nicht einmal ungenaue Angaben zu ermitteln. Als Volkskrankheit bestand sie gewiss nicht mehr, doch ist bei Erwägung der Luftbeschaffenheit in diesem Jahre nicht in Abrede zu stellen, dass noch vereinzelte Erkrankungen am Schweissfieber vorgekommen sein mögen, denn Seuchen wie diese bleiben bei der Fortdauer ihrer ursprünglichen Ursachen nicht ohne Nachzügler ! ).

1) Newenar behauptet zwar, das Schweissfieber sei in England alljährlich zum Ausbruch gekommen, fol. 68. b.; doch haben dergleichen allgemeine und unbestätigte Versicherungen von Fremden, die selbst nicht in England gewesen waren (der Graf Hermann von Newenar war Propst in Köln), nicht die geringste Glaubwürdigkeit.

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