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Hungers

noth. 1528.

Neue Krankheit.

So wurde nun schon im ersten dieser Unglücksjahre das Elend allgemein, und der Verarmung war durch menschliche Hülfe nicht mehr zu steuern. Schaaren von Bettlern durchirrten das Land in kläglichem Aufzuge, die bürgerliche Ordnung löste sich mehr und mehr auf, und bald fürchtete man nicht blofs Raub und Plünderung von diesen Unglücklichen, sondern die Ansteckung von einer Seuche, die sie, eine Ausgeburt ihrer Noth, mit sich umhertrugen.

Diese Krankheit war ein neues Erzeugnifs des französischen Bodens, und wurde bei allgemeiner Verbreitung dadurch für das Land empfindlich, dafs sie vorzugsweise die jungen rüstigen Männer wegraffte, weshalb man ihr den ganz sinnigen Namen „Troussegalant" beilegte 1). Sie bestand in einem sehr hitzigen Fieber, das die Befallenen in ganz kurzer Zeit, selbst innerhalb weniger Stunden tödtete, oder kamen sie mit dem Leben davon, sie der Haare und Nägel beraubte, und bei fortdauerndem Widerwillen gegen alle Fleischnahrung, langdauernde Schwäche und Folgekrankheiten zurückliefs, welche die Genesung der ohnehin schon zerrütteten Kranken gefährdeten. Dafs dies Fieber mit grofser Entmischung der Säfte und tiefem Erkranken der Unterleibsverrichtungen verbunden, also faulig - gastrischer Natur gewesen sei, ergiebt sich schon hieraus, wollen wir auch weniger die unausbleiblichen Wirkungen des Hungers in Anschlag bringen, die nach den Erinnerungen der Zeitgenossen mit grellen Farben geschildert werden. Schon im ersten Jahre waren die Vorräthe so weit aufgezehrt, dafs man aus Eicheln Brot bereitete, und allerlei unschädliche Wur

ment.

1) Trousser in veralteter Bedeutung: faire mourir prompte

zeln, nur um den Hunger zu stillen, begierig aufsuchte. Obdachlos und Leichen ähnlicher als lebenden Menschen irrten die Elenden umher, um endlich, verlassen von menschlichem Mitleid, auf Düngerhaufen oder in Ställen zu verschmachten. Gröfsere Städte verschlossen ihnen die Thore

wie hätten auch ihre

Anstalten christlicher Milde in dieser furchtbaren Noth ausreichen mögen! Nur Wenigen wurde es zu Theil, von den sanften Händen der barmherzigen Schwestern gepflegt zu werden. Bei den Meisten verrieth das schmutziggelbe gedunsene Gesicht und die wassersüchtige Geschwulst der Glieder den siechen Zustand, in dem sie sich umherschleppten. Man floh diese verpesteten Gestalten, denn sie waren von dem Gifte der tödtlichen Krankheit durchdrungen, und ohne Zweifel machte man tausendfältig die Bemerkung, dafs sie dieselbe auf Gesunde übertragen konnten, ohne selbst davon ergriffen zu sein, wie denn zuweilen Mangel und Siechthum einen traurigen Schutz gegen Krankheiten dieser Art gewähren ').

Zu einem vollständigen Bilde der Trousse-galant von 1528 fehlen die genaueren Angaben, denn die Aerzte gingen an dieser Volkskrankheit gleichgültig und mit derselben Kälte vorüber, deren sie leider auch bei anderen grofsen Erscheinungen anzuklagen sind. Doch kehrte sie noch einmal in den Jahren Trousse-ga

46.

1545 und 46 in Savoyen und einem grofsen Theile lant, 1545. von Frankreich wieder, und aus dieser Zeit besitzen wir von Paré 2) und Sander, einem niederländi

1) Mezeray, T. II. p. 965., wo die Hauptangaben. 2) Er spricht von der Stadt Puy in der Auvergne, wo er die Krankheit wahrscheinlich selbst gesehen hat. Livr. XXII. chap. 5. p. 823.

schen Arzte 1), wenn auch immer noch mangelhafte, doch schon genügendere Beschreibungen ihrer Zufälle. Ihr Verlauf war auch damals sehr rasch, so dafs sie in zwei bis drei Tagen tödtete; sie befiel wiederum mehr die Starken als die Schwachen, als wollte sie ihren alten Namen rechtfertigen, auch blieben die Genesenen lange Zeit an dem Verlust der Haare und ihrem elenden Aussehen kenntlich. Zu Anfang fühlten die Kranken eine unerträgliche Schwere im Körper, mit äusserst heftigem Kopfschmerz, der sie bald des Bewusstseins beraubte, und in gänzliche Stumpfheit überging, so dafs selbst die Schliefsmuskeln ihre Dienste versagten, oder nach anhaltender Schlaflosigkeit eine so heftige Fieberwuth zur Folge hatte, dass man zu Zwangsmitteln greifen musste, wie denn diese entgegengesetzten Zustände bei allen typhösen Fiebern gewöhnlich sind. Sander erwähnt ausdrücklich, dafs sich bei den meisten Kranken Ausschläge gezeigt hätten, ohne diese jedoch näher zu beschreiben, oder den Verlauf und die Entscheidung der Krankheit näher zu bezeichnen, als dafs sie gegen den vierten oder elften Tag zu Ende gegangen sei. Eben jene Ausschläge (wahrscheinlich Petechien und vielleicht auch rother Friesel) kamen zu ganz unbestimmter Zeit, entweder zu Anfang, mit schlimmer Vorbedeutung, oder später mit den Zeichen guter Entscheidung. Spulwürmer in grofser Menge vermehrten gewöhnlich die Leiden der Kranken, und wurden unter grofser Qual lebendig ausgebrochen. Die Krankheit war nicht viel weniger ansteckend, als die Pest, und was ihre Behandlung betrifft, so wurde sie entschieden glücklich

1) Forest. L. VI. obs. 7. p. 156. Sander berichtet von seinen zahlreichen Beobachtungen in und um Chamberay.

mit starken Aderlässen, selbst bis zur Ohnmacht bekämpft, woraus auf Vollblütigkeit und entzündliche Wallungen, vielleicht auch wohl Hirnentzündung zu schliefsen ist, wenn wir die beschriebenen Kopfzufälle berücksichtigen 1). Es darf unserer Aufmerksamkeit nicht entgehen, dafs schon während der Seuche von 1546 die Drüsenpest sich hier und da, namentlich in den Niederlanden zeigte 2), im folgenden Jahre aber in Frankreich in gröfserer Ausbreitung vorkam 3), woraus hervorzugehen scheint, dafs in Bezug auf dieses Uebel ihre Bedeutung gleich der des Fleckfiebers gewesen sein mag, da dieses den Pesterkrankungen vorauszugehen pflegt *).

verlust.

Die Angabe der Geschichtschreiber, Frankreich Menschenhabe 1528 und die folgenden Jahre den vierten Theil seiner Bewohner durch Hunger und Seuchen verloren, erscheint nach unserer Darstellung durchaus nicht zu hoch. Auch waren die Folgen für die Zukunft dieses Landes sehr wichtig. Denn Franz I. sah ein, dass von seinem so hart geprüften Volke keine neuen Opfer zu verlangen waren, er entsagte seinen Entwürfen von Gröfse und auswärtiger Macht, und willigte in den unglücklichen Frieden von Cambray, den 5. August 1529.

1) Sauvages, T. I. p. 487. nennt die Trousse-galant geradehin Cephalitis verminosa, wiewohl weder Hirnentzündung noch Würmer bei allen Kranken vorhanden waren, und giebt ihre Beschreibung nach Sander, die wieder Ozanam von ihm abgeschrieben hat. T. III. p. 27.

2) Forest. p. 157. Schol.
3) Paré, a. a. 0.

4) Bekanntlich erscheinen auch die Pocken und Masern als Vorläufer der Pest.

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Ausbruch in London, im Mai.

3. Schweifssucht in England. 1528.

Wer irgend nach diesen Thatsachen das Bild von Europa im Jahre 1528 sich vergegenwärtigt, der sollte wohl glauben, dieser Welttheil wäre von einem giftigen Hauche angewehet worden, der fort und fort Unheil und Tod über die Völker brachte. In tausend Gestalten brach das Verderben herein, zerrüttete die Körper, verfinsterte die Gemüther- und hierzu der Unfriede der Welt, der tödtliche Hafs der Parteien -: Es war als sollten alle Angelegenheiten der Menschheit in diesen riesenhaften Kampf hineingezogen, und in zerstörender Entscheidung alle Spuren vergangener Zeit vernichtet werden.

Noch Schlimmeres als bis jetzt dargestellt worden, bereitete sich in England. Denn hier brach in den letzten Tagen des Mai das Schweifsfieber aus, mitten in dem volkreichsten Theile der Hauptstadt, verbreitete sich rasch über das ganze Königreich, und wurde vierzehn Monate später für alle Völker des nördlichen Europa ein Schreckbild des Entsetzens, wie kaum je eine andere Volkskrankheit. Es zeigte sich sogleich in derselben Tödtlichkeit wie elf Jahre früher, kündigte sich durch keine Vorboten an, und zwischen Wohlsein und Tod lag nur eine kurze Frist von fünf oder sechs Stunden. So fehlten nun auch nicht die inneren Erschütterungen des öffentlichen Lebens. Die Gerichtstage wurden aufgeschoben, und vier Wochen nach dem Ausbruch der Seuche unterblieb die Feier des Johannistages 1), zum grofsen Leidwesen des Volkes, das gewifs nicht davon gelassen haben würde, hätte es vor Bestürzung über das

1) Fabyan, p. 699.

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