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ter den Mauern von Neapel umgekommen, auch wurden ihre weiteren Folgen für König und Volk demüthigend, denn durch ihr Misslingen scheiterten alle noch haltbaren Entwürfe, die französische Herrschaft jenseits der Alpen zu befestigen. Um so aufmerksamer haben wir die wesentliche Triebfeder dieses Ereignisses ins Auge zu fassen, die in das Gebiet der ärztlichen Untersuchung gehört.

Anfang des Das Sterben im Lager begann nach den gewöhn

Sterbens lichen Widerwärtigkeiten, die ein Kriegsheer in Feindes Land umgeben, wahrscheinlich schon im Juni. Unersättlich waren Franzosen und Schweizer im Genusse des Obstes, das ihnen Gärten und Felder reichlich darboten, während es an Brot und anderer zuträglicher Nahrung mangelte "). Hierdurch entstanden bald Fieber, die sich je länger je mehr zur Bösartigkeit steigerten, gewiss nicht ohne schwächende Durchfälle, die unter Umständen dieser Art nie ausbleiben, und an und für sich schon zu den verderblichsten Lagerkrankheiten gehören, indem sie nicht nur tödtliche Erschöpfung bringen, sondern auch durch Verpestung der Luft die schlimmsten Seuchen vorbereiten. Doch achtete man dieser Krankheiten nur wenig, und suchte mithin auch nicht ihre Ursachen zu vermindern. Täglich fiel es mehr in die Augen, dass die Abgrabung der Quellen bei Poggio reale, die Lautrec befohlen hatte, um die Belagerten zu einer früheren Uebergabe zu nöthigen, für die Belagerer selbst höchst nachtheilig wurde. Denn das Wasser hatte nun keinen andern Abfluss, als in die Ebene des Lagers, wo es die Erde wie eine Sumpfwiese durchdrang, und in dichten Abend- und Morgennebeln sich erhob. Hier

1) Jovius, L. XXVI. Tom. II. p. 114.

durch wurde, während anhaltender Südwinde, das Erkranken bald allgemein: Man sah die Krieger, die nicht schon in den Zelten daniederlagen, von widriger Blässe entstellt, mit dick angelaufenen Füssen und geschwollenem Leib sich mühsam einherschleppen, so dass sie, der nächtlichen Wachen überdrüssig, von beutegierigen Neapolitanern oft beraubt wurden. Das grosse Sterben begann erst gegen den 15. Juli, jetzt wurde aber das Elend so furchtbar, dass nur etwa drei Wochen hinreichten, um die fast gänzliche Zerstörung des Heeres zu vollenden "). Neben und in den ausgestorbenen Zelten wucherte Unkraut, Tausende verschmachteten ohne Hülfe, stumpfsinnig oder in tobender Fieberwuth *); in den Schanzen, in den Zelten, gleichviel wo der Tod seine Opfer ereilt hatte, lagen unbegrabene Leichen, die Todten sprengten, von Fäulniss angeschwollen, ihre flachen Gräber, und so erfüllte ein giftiger Modergeruch weit und breit das ganze Lager. Der Ordnung und Kriegszucht dachte niemand mehr, auch waren viele Befehlshaber und Hauptleute, entweder erkrankt, oder um der Anstekkung zu entgehen, in die benachbarten Orte entflohen *) – Frankreichs Waffenruhm war dahin, und seine stolzen Fahnen senkten sich vor einem unheimlichen Gespenst – einer Lagerkrankheit. Unterdessen war auch auf den venetianischen Galeeren unter

1) Nach Mezeray war die Seuche zu Ende Juli am heftigsten, womit Jovius übereinstimmt, der das Ende des grossen Sterbens, wohl allzugenau, auf den 7. August festsetzt.

2) In Bezug auf diesen, wahrscheinlich entzündlichen Zustand der Aufregung ist vielleicht die Angabe einiger Beachtung werth, dass dem Feldherrn selbst zweimal zur Ader gelassen wurde. Jovius, a. a. O. p. 125.

3) Jovius, a. a. O. p. 116. 118.

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Fleckfieber. 1528.

Pest in Mailand. 1524.

Pietro Lando – Doria war schon früher zum
Kaiser übergegangen *), – die Seuche ausgebrochen,
und so wurde das rühmlich begonnene Unternehmen
auf allen Seiten von dem Unstern des Jahres ver-
eitelt.
Von welcher Art diese mächtige Krankheit ge-
wesen, hat kein ärztlicher Zeitgenosse beschrieben,
und die Geschichtschreiber haben darüber nur Anga-
ben aufbewahrt, die der Untersuchung keinen hinrei-
chenden Stoff darbieten. Gewiss ist es, dass im Jahre
1528 ein sehr bösartiges Fleckfieber in Italien ver-
breitet war, und im eigentlichen Sinne des Wortes
so entschieden herrschte, dass es selbst, wie die
Schweisssucht den Engländern, den Italienern ins Aus-
land folgte, wie das Beispiel des gelehrten Venetia-
ners Naugerio beweist, der mit einer Gesandtschaft
an Franz I. beauftragt, zu Blois an der Loire an
eben dieser Krankheit starb, die man in Frankreich
noch gar nicht kannte *). Die Zeitgenossen versichern,
dass diese Seuche in dem ohnehin schon durch Kriege
und Fehden zerrütteten Lande bedeutende Verhee-
rungen gemacht habe, und so leidet es wohl keinen
Zweifel, sie war in eben diesen Jahren die Haupt-
krankheit, die sich bei ausserordentlichen Vorfällen
bedeutend hervorthun konnte. Eine Seuche, die un-
mittelbar vor der Belagerung von Neapel in Cremona
den dritten Theil der Einwohner tödtete, ist wahr-
scheinlich ein Fleckfieber gewesen *). Doch kam
auch hier und dort die ältere Drüsenpest vor. Sie

1) Mezeray, T. II. p. 963.
2) Fracastor. Morb. contag. L. II. c. 6. p. 155. 156.

3) Sie brach zu Anfang des Februar aus, und herrschte die folgenden Monate hindurch. Campo, p. 151.

war es, die im Jahre 1524 50.000 Menschen in Mailand wegraffte *), auch scheint die Seuche keine andere gewesen zu sein, die nach der Plünderung von Rom unter den deutschen Landsknechten ausbrach, In Bourbon's und in kurzer Zeit zwei Dritttheile dieser Truppen *” aufrieb. Die Zeitgenossen sahen darin eine gerechte Strafe Gottes für die Entweihung des heiligen Stuhles, da auch in den nächsten Jahren alle übrigen Theilnehmer an der Erstürmung der ewigen Stadt ein ihrer würdiges Ende gefunden *) – sie brachten aber nicht die thierische Völlerei und die Ausschweifungen der Soldaten in Anschlag, deren Raubsucht das Pestgift in den verborgensten Winkeln aufsuchte, bedachten auch nicht, dass die Pest selbst in die Engelsburg eindrang, und fast unter den Augen des Papstes einige Hofleute tödtete *). Von eben jenen Landsknechten kamen im folgenden Jahre unter dem Prinzen von Oranien viele nach Neapel, und es kann wohl mit gutem Grunde angenommen werden, dass sie frische Keime der Pest nach dieser Stadt gebracht haben, womit denn auch die nicht unglaubliche Erzählung zu vereinigen ist, dass die Belagerten angesteckte und erkrankte Soldaten zu den Franzosen geschickt hätten, um unter ihnen giftige Seuchen zum Ausbruch zu bringen *). Eben dieser Umstand spricht für die Drüsenpest, denn man kannte die entschiedene Sicherheit ihrer Ansteckungskraft, mit der die mehr bedingte Mittheilbarkeit der neuen Krankheit nicht zu vergleichen schien *). Auch war derselbe unheilbringende

1) Guicciardini, p. 1054.
2) Mezeray, T. II. p. 957.
3) Guicciardini, p. 1276.
4) Ebend. p. 1315. – 5) S. oben S. 31.

Versuch wohl öfter schon in früheren Zeiten gemacht worden. Doch ist auch auf der andern Seite zu bedenken, dass das französische Kriegsheer dem epidemischen Einflusse der Luft, des Wassers und der allgemeinen Naturkräfte mehr als irgend ein anderer Verein von Menschen ausgesetzt, und dass dieser Einfluss in dem Jahre 1529 vielleicht mächtiger war, als zu irgend einer andern Zeit im sechzehnten Jahrhundert. Die Nebelbildung in der Sommerhitze ist jederzeit eine ausserordentliche Erscheinung"), die auf ein Missverhältniss in der Wechselwirkung der Stoffe und Kräfte in den niederen Luftschichten entschieden hindeutet. Sie war aber nicht bloss von örtlichen Bedingungen bei Neapel abhängig, sondern in ganz Italien bemerkte man während des Sommers 1528 graue Nebel, welche die Unzuträglichkeit der Luft augenfällig machten *). Hierzu kamen die anhaltenden, in Italien ohnehin schon immer nachtheiligen Südwinde, so wie die tausend Widerwärtigkeiten des Lagers; und so musste wohl auf dem nassen Boden von Poggio reale die schon in ganz Italien herrschende Krankheit ausbrechen – wir meinen das Fleckfieber. Es giebt in der Geschichte der Volkskrankheiten einen psychischen Beweis von der Herrschaft des epidemischen Einflusses, der unter den verschiedenartigsten Verhältnissen deutlich und verständlich hervortritt. Es ist der Glaube an die Vergiftung des Wassers, selbst auch der Luft *). Dieser Beweis fehlt nicht bei der Todesgeschichte des französischen Hee

Epidemische inflüsse.

1) Sie wurde bekanntlich auch in dem Sommer 1831, vor dem Ausbruche der Cholera beobachtet.

2) Gratiol. p. 129. 130. – 3) S. oben S. 36.

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