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entbehrlich wurde. Alle Kranken litten am meisten des Nachts und des Morgens, wie dies die Entzündung des Kehlkopfs und der Luftröhre mit sich brachte, die man jedoch als solche bei der damaligen Erfahrung nicht zu erkennen vermochte, indem man nur eine leichte Röthung im Schlunde wahrnahm. Das schmerzhafte Magenleiden war auch in dieser Volkserkrankung sehr deutlich ausgeprägt, so dass der Druck in der Herzgrube unter fortwährendem sauern Aufstossen selbst nach einer Reihe von sechs bis sieben Fieberanfällen noch nicht verschwand, und die Genesenden noch lange Zeit mit Verdauungsbeschwerden, Hinfälligkeit und Hypochondrie behaftet blieben. Die Schleimhautentzündung nahm hier ohne Zweifel die Nervengeflechte des Unterleibes in Anspruch, wie dies zu geschehen pflegt, und veränderte die Absonderung von Grund aus. Dies bewies die Behandlung, denn durch die nothwendigen Abführmittel wurde übelriechender Schleim mit Galle vermischt in grosser Menge ausgeleert. Das Volk erkrankte, wie unser treffliche Augenzeuge versichert, wie durch einen giftigen Hauch, so plötzlich, dass an einem Tage über 1000 Menschen in Alkmaar bettlägerig wurden, nachdem dicke, übelriechende Nebel einige Tage vorher sich über das Land verbreitet hatten. Nicht so bald wie im Jahre 1517 kam diese Seuche zu Ende, sondern sie verzögerte sich bis in den Winter, und scheint von einer ganzen Reihe krankhafter Erscheinungen den Beschluss gemacht zu haben, namentlich der schon erwähnten Influenz in ganz Europa, und der Drüsenpest in Hol-Pest in Holland in der Mitte des Sommers, Erscheinungen, wel- land. 1557. chen sich auch die gewöhnlichen Begleiter von Volkskrankheiten hinzugesellten: grosse Theuerung und Un

Pocken in
Amerika.

1517.

gewöhnliches im Dunstkreis, wie z. B. elektrisches
Leuchten hervorstehender Gegenstände und anderes").
Die nahe Verwandtschaft dieser Luftröhren- und
Schlundentzündung mit dem epidemischen Katarrh liegt
wohl am Tage. Denn hier sind nur Abstufungen und
allmähliche Uebergänge in dem Leiden der Schleim-
häute, wie in der Wirkung atmosphärischer Einflüsse,
die zunächst die Werkzeuge des Athmens in Anspruch
nehmen. Wir glauben daher mit vollem Rechte der
beschriebenen Volkskrankheit in Holland und Deutsch-
land vom Jahre 1517 dieselbe Bedeutung wie den
Influenzen beilegen, und die krankhafte Regung des
menschlichen Gesammtlebens, die sich in ihr offen-
barte, für ein Vorzeichen der englischen Seuche er-
klären zu können, die gleichzeitig vorbereitet durch
veränderte Luftbeschaffenheit, einige Monate später
zum Ausbruch kam.
Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass in
demselben Jahre 1517 die Pocken – und mit ihnen
wie die Raden unter dem Korn die Masern – von
den Europäern nach Hispaniola gebracht wurden, und
in dieser wie in der folgenden Zeit unter den un-
glücklichen Einwohnern furchtbar wütheten. Ob der
Ausbruch dieser ansteckenden Krankheiten in der neuen
Welt von epidemischem Einfluss begünstigt gewesen
sei, oder nicht, kann nicht mehr ermittelt werden.

Doch wird die erste Annahme durch die Thatsache

wahrscheinlich, dass die Pocken nicht früher als im folgenden Jahre ihre grössten Verheerungen in Hispaniola machten *), und nach neueren Erfahrungen die

1) Forest. Lib. VI. Obs IX. p. 159.

2) Petr. Martyr. Dec. IV. Cap. 10. p. 321. – Vergl. Moore, p. 106.

epidemischen Einflüsse, die sich von Europa aus westwärts erstrecken, immer erst einiger Zeit bedürfen, um die Ostküste von Amerika zu erreichen. Aber auch ohne diese Erscheinung in der neuen Welt, die jetzt zum ersten Male im Kreise der Beobachtung der Volkskrankheiten hervortritt, sind Thatsachen von hinreichender Zahl und Glaubwürdigkeit vorhanden, um zu beweisen, dass der englische Schweiss von 15 17 nicht allein, sondern umgeben von einer ganzen Gruppe von Volkskrankheiten erschien, und diese durch allgem eine krankmachende Einflüsse von unerkanntem Wesen hervorgerufen wurden.

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Die Ereignisse, denen wir uns jetzt zuwenden, zeigen in überraschender Entwickelung, dass das Geschick der Völker von den Gesetzen des physischen Lebens zu Zeiten noch weit mehr geleitet wird, als von dem Willen der Mächtigen dieser Erde, und allen Regungen menschlicher Thatkraft, die den entfesselten Naturkräften ohnmächtig widerstreben. Diese Kräfte, unerforschlich in ihrem Walten, zerstörend in

ihren Wirkungen, halten den Lauf der Begebenheiten zurück, sie vereiteln grosse Entwürfe, sie lähmen den Geist in seinem kühnsten Fluge, sie haben oft kampfrüstige Heere mit dem Schwerte des Todesengels vernichtet, wenn ihnen der Sieg schon freundlich entgegenkam. Die Schmach von Pavia*) zu tilgen, sandte Franz I., mit England, der Schweiz, Rom, Genua und Venedig gegen den übermächtigen Kaiser verbündet, ein treffliches Heer nach Italien. Des Kaisers Truppen wichen zurück, wo französische Helmbüsche sich zeigten, nur Frankreichs Fahnen und der Kriegserfahrung eines bewährten Führers *) schien der Sieg treu zu bleiben. Alles versprach einen ruhmvollen Ausgang – nur Neapel, schwach besetzt von deutschen Landsknechten und Spaniern *), blieb noch zu überwinden. Die Belagerung wurde am ersten Mai 1528 eröffnet, und der Feldherr verpfändete zuversichtlich seine Ehre für die Eroberung dieser festen Stadt, die einst den Franzosen so verderblich gewesen *). Denn es war leicht, mit einem Heere von 30,000 kraftvollen Kriegern *) die Kaiserlichen zu überwältigen, und eine kleine Schaar Engländer *) schien nur zu den Siegesfesten gekommen zu sein. Auch litt die Stadt Mangel, von Doria mit genuesischen Galeeren eingeschlossen, das Trinkwasser fehlte, nachdem Lautrec die Wasserleitungen von Poggio reale hatte abgraben lassen, und so begann die Pest um sich zu greifen, die unter den Deutschen seit der Plünderung von Rom *) nie aufgehört hatte. Doch geriethen bei dieser Sicherheit des französischen Waffenruhms die Vorbereitungen guter Erfolge allmählich in Verwirrung. Den kleineren Wechselfällen des Krieges blieb die Tapferkeit des eben so unbeugsamen als vorsichtigen Heerführers wohl gewachsen, während aber die Länge des Wartens die Thatkraft lähmte, so zeigte sich plötzlich die Natur selbst den sieggewohnten Schaaren verderblich, es begannen Seuchen unter ihnen zu wüthen, und den ferntreffenden Pfeilen des Sonnengottes war mit menschlichem Muthe nicht länger zu widerstehen. Das Ende war, dass in Zeit von sieben Wochen von dem ganzen, eben erst noch kampflustigen Heere kaum noch ein Häuflein von einigen Tausend leichenähnlicher Gestalten übrig blieb, fast unfähig die Waffen zu führen und der Stimme ihrer kranken Führer zu folgen. Am D. 29. August 29. August wurde die Belagerung aufgehoben, nach- aufgehoben. dem der heldenmüthige Lautrec, von Unmuth und Krankheit niedergebeugt, funfzehn Tage früher seinen Geist aufgegeben, die Trümmer des Heeres zogen unter Donner und Platzregen ab *), geriethen bald in die Gefangenschaft der Kaiserlichen, und nur Wenige sahen ihr Vaterland wieder. Diese Belagerung brachte über Frankreich noch grössere Trauer, als die kaum verwundene Schlacht von Pavia, denn es waren an 5000 französische Edelleute, zum Theil aus den berühmtesten Häusern, un

Belagerun den Ä

eröffnet.

1) 24. Februar 1525. – 2) Lautrec.

3) Anfänglich unter Hugo de Moncada, nachher unter dem Prinzen von Oranien.

4) 1495 – dem Jahre der Lustseuche.
5) Unter ihnen einige Regimenter Schweizer.

6) 200 Reiter unter Sir Robert Jerningham, nachher unter John Carew. Beide starben an der Lagerkrankheit. Herbert of Cherbury, p. 212 seq.

1) 1527, den 6. Mai.
2) Jovius, L, XXVI. Tom. II. p. 129.

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