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brechen"). In eben dieser Erkrankung kommt der
Name Coque luche zuerst vor, und da dieser be-
kanntlich auf den Keuchhusten übertragen worden ist,
so möchte in der Influenz von 1510, welche eben so
genannt wurde, wohl eher eine mangelhafte Nachricht,
als das Fehlen so ganz allgemein vorgekommener Zu-
fälle zu vermuthen sein, denn der Volkssinn irrt sich
bei dieser Art Vergleichungen und Benennungen viel
weniger, als die gelehrte Gründlichkeit der politischen
Geschichtschreiber.
Es kann hier nicht unbemerkt bleiben, dass drei
Jahre früher (1411) und dreizehn Jahre später (1427)
zwei ganz ähnliche Krankheiten in Frankreich, und
von gleicher Allgemeinheit vorkamen, von denen bis
jetzt noch nirgends Kenntniss genommen worden ist.
Die erste nannte man Tac, die zweite Ladendo,
welche Benennungen seitdem ganz verschollen sind.
Beide waren von sehr heftigem Husten begleitet, so
dass bei jener nicht selten Brüche entstanden, und
Schwangere zu früh gebaren, und von dieser, da alle
Welt erkrankt war, die Kirchenandacht gestört wurde.
Bei dieser, dem Ladendo, muss besonders ein anschei-
nend entzündliches Nierenleiden auffallen, das wohl
noch viel heftiger war, als in der Coqueluche von
1510, – gewiss ein denkwürdiges Beispiel epidemi-
schen Einflusses, und ohne Gleichen in der neueren
Zeit! Dies Nierenleiden, so beschwerlich wie Stein-
schmerzen, machte den Anfang, dann trat Fieber hin-
zu, das die Esslust verdarb, und anhaltender Husten,

1) „Un étrange rhüme, qu'on nomma coqueluche, lequel tourmenta toute sorte de personnes, et leur rendit la voix sienrouée, que le barreau et les collèges en furent muets.“ Mezeray. Vergl. Diderot et d'Alembert, Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences etc. T. IV. p. 182.

Tac, 14.11.

Ladendo, 1427.

der sich endlich mit widrigem Ausschlag um Mund und Nase entschied. Die Krankheit dauerte gegen funfzehn Tage, und den ganzen October hindurch suchte sie das Volk heim, ohne bei aller Beschwerde irgend Gefahr zu bringen. Den Tac von 1411 könnte man versucht werden, für die von Mezeray nur angedeutete Coqueluche von 1414 zu halten, welche unser Berichterstatter nicht erwähnt, denn eine falsche Angabe könnte hier leicht im Spiele sein. Doch muss dies bis zur Untersuchung ergiebigerer Quellen dahingestellt bleiben, da wir auch in der neuesten Zeit ein Beispiel von rascher Aufeinanderfolge von Influenzen (1831 und 1833) erlebt haben. Den Krampfhusten begleiteten gastrische Zufälle und eine übergrosse Reizbarkeit; Blutflüsse machten die Entscheidung. Im Uebrigen war die Krankheit gefahrlos, und dauerte im Ganzen nur drei Wochen *).

1) Pasquier, Livr. IV. Ch. 28. p. 375. 76. Hier ist die Stelle: „En l'an 1411 yeut une autre sorte de maladie, dont une infinité de personnes furent touchez, par laquelle on perdoit le boire, le manger et le dormir, et toutefois et quantes que le malade mangeoit, il auoit une forte fievre: ce qu'il mangeoit luy sembloit amer ou puant, tousiours trembloit, etauecce estoit si las et rompu de ses membres, que l'on ne l'osoit toucher en quelque part que ce fust: Aussiestoit ce mal accompagné d'une forte toux, qui tourmentoit son homme iour et nuit, laquelle maladie dura trois semaines entieres, sans qu’une personne en mourust. Bien est vray que par la vehemence de la toux plusieurs hommes se rompirent par les genitoires, et plusieurs femmes accoucherent avant le terme. Et quand venoit au guerir, ils iettoient grande effusion de sang par la bouche, le nez et le fondement, sans qu'aucun médecin peust iuger dont proced oit ce mal, sinon d'une generale contagion de l'air, dont la cause leur est oit cachée. Cette maladie fut appellée le Tac: et tel autresois a souhaité par risée ou imprecation le mal du Tac à son compagnon, qui ne sgavoit pas que c'estoit. – L'an 1427 vers la S. Remy (1. Oct.) cheut un auNoch vier ähnliche Volkserkrankungen wie die von 1510 kamen im sechzehnten Jahrhundert vor, zwei ganz allgemeine in den Jahren 1557 und 1580, und zwei minder verbreitete in den Jahren 1551 und 1564 ). Von jenen beiden besitzen wir genauere Beschreibungen, es wird daher zur richtigen Beurtheilung der Influenz von 1510 um so mehr beitragen, wenn wir auch diese hier berücksichtigen, da die bewährtesten Zeitgenossen alle diese Erkrankungen als gleichartig zusammenstellen. 1557, während des trockenen und unfreundlichen Sommers, wurden die Kranken unter drückendem Kopfschmerz plötzlich von Heiserkeit und Brustbeschwerde befallen, dann trat Schüttelfrost und so gewaltiger Husten ein, dass sie davon, besonders die Nacht über, zu ersticken glaubten. Zuerst war dieser Husten trocken, gegen den siebenten Tag, oder noch später, kam jedoch reichlicher Auswurf, entweder von dickem Schleim, oder von dünner, schäumiger Flüssigkeit. Darauf liess der Husten etwas nach, und der Athem wurde freier; während des ganzen Verlaufes der Krankheit aber klagten die Befallenen

treair corrompu qui engendra une très mauvaise maladie, que 'on appelloit Ladendo (dit un auteur de ce temps là) et ny auoit homme ou femme, qui presque ne s'en sentist durant le temps qu'elle dura. Elle commençoit aux reins, comme si on eust eu une forte gravelle, en après venoient les frissons, et estoit on bien huict ou dix iours qu'on ne pouvoit bonnement boire, ne manger, ne dormir. Après ce venoit une toux si mauvaise, que quand on estoit au Sermon, on me pouvoit entendre ce que le Sermonateur disoit par la grande noise des tousseurs. Item elle eust une très forte durée jusques après la Toussaincts (1. Nov.) bien quinze iours ou plus. Et n'eussiez gueres veu homme ou femme qui n'eust la bouche ou le nez tout esseué de grosse rongne, et s'entre-mocquoit le peuple l'un de l'autre, disant: As tu point eu Ladendo?“

1) Reusner, p. 75.

1551. 1564.

1557.

1580.

über unerträgliche Müdigkeit und Vernichtung der Kräfte, Mangel an Esslust, ja selbst Ekel vor Speisen, Unruhe und Schlaflosigkeit. Bei den meisten entschied sich das Uebel durch reichlichen Schweiss, bei anderen mit Durchfall. Arme und Reiche, überhaupt die verschiedenartigsten Menschen, und von jedem Alter wurden von dieser Krankheit zu ganzen Schaaren und zu gleicher Zeit ergriffen, auch theilte sie sich von einem Kranken leicht der ganzen Hausgenossenschaft mit. Für diesmal starben fast nur Kinder daran, die dem erschütternden Husten nicht gewachsen waren, und die Aerzte konnten mit ihren Arzneien die Krankheit nur wenig lindern, oder ihren verderblichen Verlauf hemmen. In Frankreich erinnerte man sich sogleich wieder des nun schon herkömmlichen Namens, doch blieb die Krankheit nicht auf dieses Land beschränkt, sondern herrschte mit nicht geringen Formverschiedenheiten eben so allgemein in Italien, Deutschland, Holland, ja ohne Zweifel wohl noch in grösserer Ausdehnung *). Eben so die Influenz von 1580, die sich über ganz Europa verbreitete, und weniger heftig wie es scheint, mit der von 1831 und 1833 mehr übereinstimmt *), deren Bild noch den meisten unserer Leser aus eigener Erfahrung erinnerlich ist.

1) Valleriola, Loc. med. comm. Append. p. 45. – Schenck a Grafenberg, Lib. VI. p. 552. – Vergl. Short, T. I. p. 221.

2) Reusner, p. 72. Einige hier angeführte Synonyme können die ärztlichen Ansichten des Zeitalters über diese Krankheiten anschaulich machen: Catarrhus febrilis. Febris catarrhosa. Ardores suffocantes. Febris suffocativa. Catarrhus epidemicus. Tussis popularis. Cephalaea catarrhosa. Cephalalgia contagiosa. Gravedo anhelosa, Fernel. Der böhmische Ziep. Der Schafhusten. Die Schafkrankheit. Die Lungensucht. Das Hühnerweh u. m. a. Bei der Influenz von 1580 bemerkte man hier und da sehr starke Schweisse, so dass einige Aerzte glaubten, der englische

Eine weitere Untersuchung dieses überaus wichtigen Gegenstandes würde über die Gränzen dieser Abhandlung weit hinausgehen, denn hier sind grosse und tiefeingreifende Erscheinungen des menschlichen Gesammtlebens zu berücksichtigen, die nur in grösserem Zusammenhange anschaulich werden können, doch muss wenigstens die Verbindung angedeutet werden, in der die Influenzen mit den grösseren Volkskrankheiten stehen. Diese ist ganz augenscheinlich. Denn so wie Katarrhe in einzelnen Menschen nicht selten Vorläufer bedeutender Krankheiten sind, denen der Körper bald nach ihnen erliegen soll, diese begleiten,

oder ihnen auch nachfolgen*) – die Reizung der Schleimhäute ist ja oft nur ein äusseres Merkmal tieferer Regung – so sind auch die Influenzen ge

wöhnlich nur die ersten Offenbarungen, zuweilen aber auch die Nachklänge weit verbreiteter Volkskrankheiten. Das neueste Beispiel ist noch in frischem Andenken. Der Influenz von 1831 folgte die indische Brechruhr auf dem Fusse, und kaum war diese nach erneuter Regung im östlichen und mittleren Europa verschwunden, so schien die Influenz von 1833 den allgemeinen Frieden zu verkünden. Auf die Influenz von 1510 folgte eine Pest im Norden Europas, die in Dänemark den Sohn

Schweiss wollte wiederkehren –, fast so, wie man bei dem Gröninger Wechselfieber (1826) und bei der Cholera von 1831 ohne alle Kenntniss der Sache vom schwarzen Tode sprach. Schneider, L. IV. c. 6. p. 203.

1) Dass die Aerzte des sechzehnten Jahrhunderts mit dieser Beobachtung vertraut waren, kann eine Aeusserung von Houlier bestätigen: „Nulla fere corporis humani aegritudo est, quae non defluxione humoris alicuius e capite aut excitari aut incrementum

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Bedeutung der Influenzen.

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