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sind das gelbe Fieber, der Schnupfen, die Nervenund Faulfieber, und unter vielen anderen auch der Friesel, eine Krankheit, die sich erst im siebzehnten Jahrhundert zu Volksseuchen ausbildete, und in der Art und Weise ihrer Ansteckungskraft dem Schweissfieber am nächsten steht. Zu eben diesen letzten gehört nun auch der englische Schweiss, eine durchaus nur zeitliche Krankheit, die nach ihrem Aufhören keinen Ansteckungsstoff zurückliess, und mithin unfähig war, sich auf die Weise der Krankheiten mit vollkommener Ansteckung fortzupflanzen. Die thierischen Stoffe, welche in dem strömenden Schweisse mit fortgerissen, einen so abschreckenden Geruch um die Kranken verbreiteten, unter ihnen wahrscheinlich flüchtiges Laugensalz in verschiedenartiger Verbindung, und Säure in reichlichem Ueberschuss, enthielten das Ferment der Krankheit, das mit dem Athem in die Lungen der Umstehenden eindrang, und waren diese nur irgend so vorbereitet, wie oben angedeutet worden, dasselbe Uebel unaufhaltsam hervorbrachte. Man kann mit Sicherheit annehmen, dass die Berührung der Kranken mit den Händen an und für sich die Ansteckung nicht vermittelte, und dass diese allein entweder durch die verpestete Luft an Krankenbetten, oder durch zurückgehaltene Ausdünstung an unreinen Orten erfolgte, weshalb der Aufenthalt in den gewöhnlichen Herbergen und Gasthäusern für gefährlich gehalten wurde *). Damit soll jedoch nicht behauptet werden, dass

1) – „quod vulgaria divers oria parum tuta sunt a contagios celeratae pestis, quae nuper ab Anglis – in nostras regiones demigravit.“ Es ist von dem englischen Schweiss in Deutschland (1529) die Rede. Erasm. Epist. L. XXVII. ep. 16. col. 1519. e.

während der drei Volkserkrankungen, welche wir bis jetzt kennen gelernt haben, die Verbreitung des Schweissfiebers allein durch Ansteckung erfolgte, denn waren die allgemeinen epidemischen Ursachen mächtig genug, ohne irgend ein vorhandenes Gift die Krankheit zu erregen, wie hätten sie nicht auch im Verlaufe der Seuchen dieselbe Wirkung noch viel selbstständiger hervorbringen mögen, da sie sich höchst wahrscheinlich, wie dies in allen Volkskrankheiten beobachtet wird, fort und fort steigerten? Man kannte in dieser Zeit die Verschlimmerung der Seuche durch grosse Volksversammlungen, und kam dabei ganz natürlich auf den Gedanken von Ansteckung. Doch muss hierbei wohl erwogen werden, dass auch ohne diese, und bloss durch das Zusammensein vieler Menschen, in denen das gleiche Uebel vorbereitet war, und schon Andeutungen seines Herannahens gab, dieses unter den bloss Kränklichen durch gegenseitige Mittheilung schon krankhafter Ausströmungen leicht zu Stande kommen konnte. Denn wie die Geneigtheit zu irgend einem Uebelsein, ein Mittelzustand zwischen diesem und dem frühern VWohlbefinden *), die Eigenschaften der Krankheit schon ganz deutlich offenbart, in die sie überzugehen droht, – so unterschieden sich eben diese Ausströmungen von den in der schon ausgebrochenen Schweisssucht erfolgenden gewiss nur in unwesentlichen Rücksichten, und konnten mithin die blosse Geneigtheit zum Schweissfieber mehr und mehr steigern, bis zum Ausbruch der Krankbeit selbst. Doch wirkte zugleich auch eine Anstekkung, welche selbst Mässigen und anscheinend Gesunden, ja sogar den in englischer Luft und von engli

1) Brown's Opportunität.

scher Nahrung lebenden Ausländern verderblich wurde, wie das Beispiel des Italieners Ammonius ganz deutlich beweist"). Bei allen Volkskrankheiten, welche sich zur Ansteckungskraft steigern, kommt es vornehmlich darauf an zu unterscheiden, welche von den Ursachen die mächtigeren sind: die vorbereitenden, epidemischen, welche die Geneigtheit begründen, oder die veranlassenden, unter denen die Ansteckung in den meisten Fällen oben an steht. Hier waren offenbar die vorbereitenden die wirksameren, die Ansteckung gesellte sich erst auf der Höhe der Volkskrankheit hinzu, und wenn sie auch bei der Verbreitung derselben nicht wenig in Anschlag kam, so blieb sie doch immer den übrigen Triebfedern des Erkrankens untergeordnet, und aller ansteckende Stoff verschwand spurlos bei dem Aufhören der Seuche, so dass die späteren Ausbrüche derselben immer nur wieder durch die erneuten allgemeinen Ursachen über und unter der Erde hervorgebracht wurden. Der wesentliche Grund dieser Erneuerung ist aber innerhalb der Gränzen des menschlichen Wissens eben so wenig aufzufinden, wie etwa die nächste Ursache der Erscheinung der Schimmelflecken zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, oder irgend eines von verborgenen Naturkräften je vorbereiteten und angeregten Vorganges.

6. Influenzen.

Volkskrankheiten so übersinnlichen Ursprunges kamen im sechzehnten Jahrhundert nicht wenige vor. Zu den denkwürdigsten gehört ein heftiges und weitverbreitetes Schnupfenfieber im Jahre 1510, von der Art, wie es die Italiener Influenza nennen, mit Anerkennung einer unerforschlichen Einwirkung, die zu gleicher Zeit unzählbare Menschen ergreift. Es herrschte vornehmlich in Frankreich, wahrscheinlich aber auch im übrigen Europa, worüber nur die Nachrichten fehlen, denn man pflegte über Volkskrankheiten, wenn sie nicht eben mörderisch waren, in dieser Zeit wenig oder nichts aufzuzeichnen, auch möchte wohl nach neueren Erfahrungen zu vermuthen stehen, dass dies Uebel im entlegensten Osten seinen Ursprung genommen. Den ganzen, sehr kalten Winter über weheten heftige Sturmwinde, und häufige Erdbeben erschütterten Ober- und Mittel-Italien, wonach in Frankreich ein so allgemeines Erkranken erfolgte, dass nach der Versicherung der Geschichtschreiber nur wenige Einwohner verschont blieben. Die Schnupfenzufälle, welche bei Erscheinungen dieser Art den Anfang zu machen pflegen, scheinen vor den gewaltigen rheumatischen und entzündlichen ganz in den Hintergrund getreten zu sein. Die Kranken wurden zuerst von Schwindel und heftigem Kopfweh ergriffen, nächstdem zog sich ein reissender Schmerz durch die Schultern bis in die Schenkel, und während auch die Nieren von unerträglich schmerzhaftem Reissen befallen wurden, entstand ein hitziges Fieber mit Irrereden und heftiger Aufregung; bei einigen entzündeten sich die Ohrdrüsen, und auch die Verdauungswerkzeuge nahmen Theil an dem tiefwurzelnden Uebel, denn die Kranken empfanden unter fortwährendem Magendruck grossen Ekel vor allen Fleischspeisen, und selbst der VWein wurde ihnen zuwider. Von den Armen wie von den Reichen starben viele und ganz plötzlich an dieser wunderbaren Krankheit, in der die Aerzte mit ihren Abführungen und Aderlässen nicht wenigen das Coqueluche.

15.10.

1) Erasm. Epist. L. VII. ep. 4. col. 386.

1414.

Leben verkürzten, und ihre Unwissenheit mit dem
Einfluss der Gestirne entschuldigten, da astralische
Krankheiten nicht zum Bereiche menschlicher Kunst
gehörten ").
Aus dieser nachtheiligen Wirkung des entzün-
dungswidrigen Hauptmittels, so wie der Ableitung auf
den Unterleib, ist zu schliessen, dass die Abspannung
und Ermattung der Nerven eine wesentliche Richtung
der ursprünglich rheumatischen Krankheit gewesen sei,
und diese eben hierin, wie in ihrer Verbreitung auf
diese und jene Seite des Lebens, mit den neueren
Influenzen übereinkommt, in denen sich die Folge-
erscheinungen nur viel weniger lebhaft und deutlich
ausprägten. Wie nun die Franzosen, fröhlich und
raschen Blutes, ernste Dinge schon von jeher mit
scherzhaften Namen bezeichneten, so nannten sie diese
Krankheit die Mönchskappe, Coqueluche, weil diese
Kopfbedeckung bei der grossen Empfindlichkeit der
Haut gegen Kälte und Zugluft allgemein nothwendig
wurde, und den Ausbruch sowohl wie die Verschlim-
merungen des Uebels verhütete. Es ist auffallend,
dass in den freilich sehr unvollständigen Berichten von
den Zufällen der Luftwege nicht ausdrücklich die
Rede ist, da diese aller Vermuthung nach nicht ge-
fehlt haben, wenn sie vielleicht auch nur oberfläch-
lich angedeutet waren. Fast hundert Jahre früher
(1414) traten sie bei einer nicht weniger allgemei-
nen Erkrankung derselben Art viel deutlicher her-
vor, so dass alle Kranken von bedeutender Heiser-
keit befallen wurden, und man deshalb genöthigt war,
alle öffentlichen Verhandlungen in Paris zu unter-

1) Mezeray, T. II. p. 853. – Paré, p. 823. – Holler. Comm. II. in secund. sect. Coac. Hippocrat. p. 323.

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