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gen, sogleich nach dem Aufstehen, schweren Wein zu trinken *). Der Cyder, in einigen Gegenden, z. B. in Devonshire, das gewöhnliche Getränk *), wurde schon damals von den Aerzten für schädlich gehalten, denn man sah durch den Genuss desselben Schwächlichkeit mit Blässe entstehen, und die Jugendfrische bei Männern und Frauen verschwinden *). Vielleicht könnte noch Aehnliches in der damaligen Lebensweise aufgeführt werden, woraus hervorgehen würde, dass bei der durchaus noch fehlenden Verfeinerung der Nahrungsmittel vieles Unzuträgliche in der englischen Küche bereitet wurde, und eben deshalb gröbere Verderbnisse des organischen Stoffes entstehen mussten. Der Gartenbau, den die Franzosen schon in dieser Zeit zu kunstreicher Veredelung gebracht hatten *), war in England noch ganz in seiner Kindheit. Man sagt selbst, die Königin Katharina habe sich Küchenkräuter zur Bereitung des Sallats aus Holland kommen lassen, in England wären dergleichen nicht vorhanden gewesen *). Ist nun auch diese Erzählung nicht geradehin auf Treu und Glauben anzunehmen, da sie noch andere Auslegungen gestattet, so beweist sie doch schon an und für sich, was hier hervorgehoben werden soll, und lässt noch auf mehr als den blossen Mangel an feinen Küchenkräutern schliessen.

1) Elyot, in seinem „Castell of Health,“ bei Aikin, p. 64. Rondelet, a. a. O.

2) In dem fruchtbaren Obstjahre 1724 entstand in eben dieser Grafschaft durch unmässiges Cydertrinken eine epidemische Kolik, die Colica Damnoniorum. S. Huxham Opera (Lips. 1764.) Tom. IlI. p. 54.

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Warmhalten

Viel wichtiger aber für unsern Gegenstand ist die Sitte des unmässigen Warmhaltens, über welche wir glaubwürdige Berichte haben. Von Jugend auf bedeckte man den Kopf mit dicken Mützen, um vor jeder Kühlung, jeder Zugluft gesichert zu sein, und wie denn nun durch dies unzuträgliche Verhalten das Gehirn fortwährendem Blutandrang ausgesetzt, und die Haut verzärtelt wurde, so gab es in diesem Jahrhundert keine häufigere Krankheit unter den Englän

dern, als die Flüsse ! ), welche immer nur wieder

durch erschlaffendes Schwitzen und erhitzende Mittel gehoben wurden. Kommt dieses Uebel mit scorbutischer Entmischung zusammen, oder befällt es auch nur Menschen, die der Völlerei ergeben, unausgearbeiteten Nahrungsstoff in ihren Adern bergen, so sucht die erhaltende Lebenskraft einen Ausweg durch die erschlaffte Haut, und die an sich nothwendige und lindernde Regung dieses Gewebes wird zur Krankheit, die wohlthätige Aussonderung artet in Zerfliessen aus, reisst ungewöhnliche thierische Stoffe mit sich fort, und der Körper erliegt dem lange vorbereiteten Angriff. Man stelle sich diese Verweichlichung der Haut als das allgemeine Uebel in England vor, man erwäge

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1) – „Now a days if a boy of seven years of age, or a young man of twenty years have not two caps on his head, he and his friends will think that he may not continue in health; and yet if the inner cap be not of velvet or sattin, a serving man feareth to lose his credence.“ Elyot, bei Aikin, p. 64.

2) – „ubi homines perpetuo in hypocaustis degunt, multoque carnium esu seingurgitant, et alimentis piperatis continuo utuntur. Quare factum est, ut continua hypocaustoruna aestuatione meatuum cutis relaxatio consequeretur, quae sudoris promptissima et Potentissima causa esse solet, cuius materia in humorum

in den meisten Krankheiten, man bringe den noch seltenen Gebrauch der Seife und die grosse Kostbarkeit der Leinwand in Anschlag, so wie nicht minder die grosse Dürftigkeit der niederen Volksklasse, welche die Seuchen fast immer ausbrütet, die äusserst schlechte Beschaffenheit und wahrhaft scythische Unreinheit der englischen Wohnungen *), endlich die Ueberfüllung von London im Jahre 1517 – und man wird, so weit menschliche Forschung reicht, das Entstehen der Schweisssucht in eben diesem Jahre aus längst bewährten Erfahrungen erklärlich finden. Anderes liegt noch im Hintergrunde, davon später.

5. Ansteckung.

Für jetzt erfordert das rasche Fortschreiten des Schweissfiebers über ganz England bis an die schottische Gränze, und hinüber bis nach Calais noch eine besondere Berücksichtigung. Die meisten Fieber, welche durch allgemeine Einflüsse hervorgebracht werden, vorübergehende (epidemische) wie bleibende, dem Lande eigenthümliche (endemische), oder einen Verein von beiden, wie solcher fast immer stattfindet, und hier offenbar vorhanden war, pflanzen sich eine Zeit lang durch sich selbst fort. Die Ausströmungen

exsuperantia consiste bat, quam frequens alimentorum
multum nutrientium et piperatorum usus collegerat.“
Rondelet, a. a. O.
1) „Die Fussböden der Häuser bestehen gewöhnlich nur aus
Lehm, und werden mit Binsen bestreut, die, immer wieder fri-
sche darüber, zuweilen wohl an zwanzig Jahre liegen bleiben,
Fischgräten, Ausgebrochenes und andern Unrath darunter, und
durchdrungen von Hunde- und Menschenharn.“ Erasm. Epist.
L. XXII. ep. 12. col. 1140. – Diese wahrscheinlich übertriebene
Beschreibung gilt wohl nur von den ärmlichsten Hütten, ist aber
gewiss nicht erdichtet und wird von Kaye nicht widerlegt.

Unreinlichkeit.

der Kranken enthalten den Keim der gleichartigen Zersetzung in den Körpern, die sie in sich aufnehmen, sie bewirken in diesen einen gleichartigen Angriff auf das innere Getriebe der Verrichtungen, und so entwickelt eine blosse krankhafte Erscheinung des Lebens, in sich selbst die Grundeigenschaft alles Lebens, auf geeignetem Boden sich fortzupflanzen. Darüber ist kein Zweifel, man hat die Erscheinungen, welche dafür sprechen, seit Menschengedenken in unendlicher Abwechselung der Verhältnisse, jedoch immer mit gleicher Offenbarung des Grundgesetzes beobachtet. Auch haben alle Völker, und seit den ältesten Zeiten, sinnreiche Bezeichnungen für diese Vorgänge erfunden, die jedoch selten das Allgemeine, sondern gewöhnlich nur die eigenthümliche Fortpflanzung einzelner Krankheiten anschaulich machten. Gewiss ist eine der besten und sinnreichsten die in dem deutschen Worte „Ansteckung“ gegebene, das die Erweckung einer Krankheit in dem geeigneten Körper mit der Entflammung des Brennstoffes durch angelegtes Feuer, mit der Entzündung des Pulvers durch einen Funken vergleicht. Aber wie verschieden sind nicht diese Ansteckungen, von der rein geistigen, die durch den blossen Anblick eines unheimlichen Nervenübels, durch einen sinnlichen Reiz, der den Geist erschüttert, und in die Nerven, die Wege seines Willens und seiner Gefühle, sich eindrängt, dieselbe Krankheit in dem Sehenden erregt, bis zu der Mittheilung von Krankheiten, die vornehmlich nur in dem Stoffe wuchern, und von thierischen Vergiftungen wenig oder nicht zu unterscheiden sind! Man erwarte hier nicht die vollständigen Grundzüge einer Lehre, die durch das ganze, unabsehbare Gebiet des Lebens wurzelt; sie treten deutlich aus der gediegenen und wohlbenutzten Erfahrung der Vorzeit hervor, und sind von Männern entworfen worden *), welche noch nicht wie ihre späten Nachkommen verlernt hatten, die Volkskrankheiten auf eine grossartige Weise aufzufassen. Nur an den Unterschied der bleibenden, Jahrhunderte hindurch unveränderlichen, und der zeitlichen und vergänglichen anstecken den Krankheiten mag es erlaubt sein zu erinnern. Die Ansteckungsstoffe jener können füglich die vollkommenen oder unwandelbaren, im Gegensatze der unvollkommenen oder wandelbaren von diesen genannt werden. Jene sind, einmal gebildet, entweder in einzelnen Kranken, oder in todten Körpern (fomites) immer vorhanden, und werden durch ihnen günstige Ursachen allgemeiner Erkrankung (epidemische Constitution) nur in ihrer Wirksamkeit gesteigert, wobei zu bemerken, dass sie unter allen Verhältnissen immer dieselben, unveränderlichen Krankheiten erregen, und einzelne Abzweigungen oder Entartungen und Milderungen abgerechnet, ihr eigentliches Wesen nie verlieren. Beispiele sind die Pocken, die Pest, die Masern, und wenn hier auch von fieberlosen Krankheiten die Rede sein kann, der Aussatz, die Krätze und die Lustseuche. Diese dagegen sind nicht immer vorhanden, sondern sie werden von den Ursachen des allgemeinen Erkrankens, den epidemischen Constitutionen, erst aus dem Nichts hervorgerufen, sie verschwinden wieder nach dem Erlöschen der Volkskrankheiten, von denen sie ausgebrütet worden sind, und diese selbst sind in den einzelnen Volkserkrankungen in Entwickelung und Verlauf sehr verschieden. Beispiele

1) Fracastoro, Fernel, Valleriola, Houlier und die meisten übrigen gelehrten Aerzte des sechzehnten Jahrhunderts.

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