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zog heimlich ab, und suchte nun den Hof des minder-
jährigen Karl's VIII. für sein Vorhaben zu gewinnen.
Ein Stamm französischer Krieger, einige Geschütze und
hinreichende Geldmittel waren das endliche Ergebniss
vielfältiger Verwendungen. Das kleine Heer wurde
eiligst auf 2000 gebracht, man ging zu Schiffe, und am
25. Juli 1485 wurden in Havre die Anker gelichtet.
Sieben Tage später weheten Richmond's Fahnen in
Milford Haven ! ).
Die Landung geschah bei dem Dorfe Dalle auf
der Westseite des Hafens, noch am Abend der An-
kunft, und schon am folgenden Tage in aller Frühe
eilte Richmond nach Haverford West, wo noch kein
Bote den erneuten Bürgerkrieg verkündigt hatte. Car-
digan am nördlichen Meeresufer erreichte er wahr-
scheinlich am 3. Angust, und gönnte hier seinem klei-
nen, nun schon anwachsenden Heere die erste Ruhe
im Lager. Nach einigem Verweilen drang er siche-
ren Schrittes vorwärts, setzte in Shrewsbury über die
Severn *), wandte sich von da nach Newport und
Stafford, und schlug sein Lager bei Lichfield wahr-
scheinlich noch vor dem 18. August auf *). Der Weg
von Milford Haven bis hierher beträgt gegen 40 geo-
graphische Meilen, und führt über waldige Berge und
fruchtbare Felder, ohne irgendwo sumpfiges Land zu
berühren. Nur Lichfield liegt niedrig, und hier ge-

1) Phil. de Comines, Tom. I. p. 344. Vergl. die angeführten englischen Zeitbücher. – Als den Tag der Ankunst Richmond's in Milsord Haven giebt die Geschichte der Abtei Croyland den 1. August an. Es ist kein Grund vorhanden, mit einigen Späteren, namentlich Kay, du Chesne, p. 1192, Lilie, p. 382. und Marsolier, welche die Landung des Heeres am 7. August geschehen lassen, hiervon abzugehen. Historia Croylandensis, p. 573., bei Jo. Fell.

2) Grafton, p. 147. 3) Stow, p. 779.

rade verweilte das Heer in einem feuchten Lager, bis
es nach dem nahen Schlachtfelde bei Bosworth auf-
brach. Hier ging Richmond mit kaum 5000 Mann,
mit seinem rechten Flügel sich an einen Sumpf leh-
nend, der doppelt so starken Macht seines Todfeindes
entgegen; der Kampf war anfangs hitzig, doch schon
nach zwei Stunden krönte Lord Stanley den Sieger
mit Richard’s Diadem *).
Alle diese Begebenheiten folgten in Zeit von drei
Wochen so rasch auf einander, dass die Ritter und
Söldlinge Richmond's, von Furcht und Hoffnung
täglich mehr angeregt, so grossen Anstrengungen kaum
gewachsen blieben. Doch liegt eben in dieser Schnel-
ligkeit der Bewegungen ihrer Heerhaufen der Grund,
warum die Krankheit nicht so rasch um sich greifen
und kein Hinderniss der endlichen Entscheidung bei
Bosworth werden konnte, wiewohl die Kunde von
ihr schon vor diesem Ereigniss nach allen Sei-
ten hin Schrecken verbreitete, so dass Lord Stanley
von Richard gebieterisch aufgefordert sich zu stel-
len, um Zeit zu gewinnen, sich mit der neuen Seuche
entschuldigte *).
Nach dem Siege bei Bosworth verweilte König
Heinrich zwei Tage lang in Leicestre, und eilte
dann ohne weiteren Verzug in weniger als vier Ta-
gen nach London, ohne kriegerischen Prunk und nur
von einer auserlesenen Schaar begleitet. Sein übriges
Kriegsheer, der Ruhe nach so harter Kriegsarbeit drin-
gend bedürftig, konnte ihn schwerlich auf dem noch
vier und zwanzig geographische Meilen langen Wege
begleiten, sondern erholte sich in den benachbarten

1) Nach übereinstimmenden Angaben der Chronisten.
2) Histor. Croylandens. p. 573. Fell.

Schlacht bei
Bosworth.

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Städten, und wurde wahrscheinlich nach damaliger
Sitte aufgelöst *).
In London soll die Schweisssucht erst am 21. Sep-
tember ausgebrochen sein *), doch haben die Ge-
schichtschreiber mit diesem Tage wohl nur den An-
fang ihres heftigen Wüthens bezeichnet, das bis zu
Ende des folgenden Monats, im Ganzen also fünf
Wochen fortdauerte. Während dieser kurzen Zeit
erlag eine übergrosse Volkszahl *) der neuen Seuche,
und die Betrübniss war ohne Gränzen, so lange man
noch nicht wusste, dass dieses entsetzliche Uebel, un-
fähig seine Herrschaft zu befestigen, nur wie ein Wet-
terstrahl die Bevölkerung durchzuckte, um sogleich
wieder dem regcn Treiben des Tages und freudiger
Lebenshoffnung Raum zu geben.
Das einmalige Ueberstehen der Schweisssucht gab
keine Sicherheit; denn viele Genesene erkrankten mit
gleicher Heftigkeit noch das zweite - und drittemal, so
dass ihnen selbst nicht der geringe Trost der Pest-
und Pockenkranken zu Theil wurde, nach überwun-

1) Baco, p. 7. – Marsolier, p. 142. – Noch in demselben Herbst errichtete Heinrich, wie noch kein früherer König von England, eine Leibwache. Sie bestand nur aus 50 nach Art der französischen Gens d'armes bewaffneten „Yomen of the crowne,“ deren jedem zwei Mann zu Fuss, ein Archer und ein Demilance, und ein Trossbube, Custrell, zur Wartung seiner drei Pferde zugeordnet waren. Der erste Befehlshaber dieser Leibwache, die den ältesten Stamm zu dem englischen stehenden Heere bildete, war der Graf Henry Bourchier von Essex. – Herbert of Cherbury, p. 9. – Grafton und die anderen Chronisten, a. a. O. – Baker, p. 254.

2) Baco, Stow, Baker, a. a. O. Rapin nimmt die Mitte Sept. als den Zeitpunkt des Ausbruches an. T. IV. p. 386.

3) Infinite persons. Baco, a wonderfull number. Stow, many thousands. Baker, a. a. O.

dener Lebensgefahr frei und unbesorgt umherzuwandeln *).

So verbreitete sich die Seuche bis zu Ende des Jahres über ganz England, und hauste aller Orten mit gleicher Heftigkeit wie in der Hauptstadt. Nicht wenige Vornehme, geistlichen und weltlichen Standes, forderte sie ab. Gross war der Schrecken, als sie noch im August in Oxford ausbrach. Lehrer und Schüler flohen alsbald nach allen Seiten, doch ereilte der Tod viele von ihnen, und sechs Wochen lang blieb die berühmte Hochschule verödet *). In Croyland zeigte sie sich ein Vierteljahr später, und tödtete den Abt des Klosters Lambert Fosse dyke am 14. November *). Von allen übrigen Orten sind keine bestimmten Angaben auf unsere Zeit gekommen, doch ist aus den Zeichen allgemeiner Angst und Noth zu entnehmen, dass der Menschenverlust sehr bedeutend gewesen.

2. Die A. eTZte.

Die Aerzte wussten dem Volke in so harter Bedrängniss wenig oder nichts zu rathen *). Nirgends ist von ihnen in dieser Seuche die Rede, auch waren diejenigen, welche als Helfer und Retter ihrer Mitmenschen hätten auftreten können, auf galenistische Abwege gerathen, so dass ihr dialectischer Geist vor einer so gewaltigen Erscheinung zurückweichen musste. Dies gilt selbst von dem damals weltberühmten Thomas Linacre, dem nachherigen Leibarzte zweier Könige“)

1) Holinshed, Vol. III. p. 482. – 2) Wood, p. 233.
3) Histor. Croyland. p. 569. Fell.
4) No physick afforded any cure. Baker, p. 254.

5) Heinrich VII. und Heinrich VIII. Vergl. die treffliche Lebensbeschreibung dieses Gelehrten bei Aikin.

Verbreitung. und Gründer des Collegiums der Aerzte in London (1518). Er war in kräftiger Jugendblüthe Augenzeuge der Vorfälle in Oxford gewesen, und erlebte noch den zweiten und dritten Ausbruch der Schweisssucht, nirgends aber findet sich in seinen Schriften ein Wort von dieser für alle Zeiten denkwürdigen Krankheit. Ueberhaupt waren die Wiederhersteller der altgriechischen Heilkunde, denen sich ausser Linacre die geistvollsten Männer Europas anschlossen, mehr mit den alten Sprachen, als mit Beobachtungen beschäftigt, und vergafsen über ihr „kritisches Bestreben“ die grossartige Gegenwart"). Dies erinnert an die späteren griechischen Aerzte, welche die Pocken vier Jahrhunderte lang unbeachtet liessen, weil ihre Beschreibung sich nicht in Galen's unsterblichen Werken vorfand *). Dem geängsteten englischen Volke blieb also keine andere Zuflucht übrig, als zu seinem eigenen gesunden Verstande, und dieser ertheilte ihm den Rath, den kein Arzt der Welt besser hätte geAltenglisches ben können: Keine gewaltsamen Arzneien,

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1) Erasmus äussert sich in dieser Angelegenheit in gewohnter Weise. Er war mit Linacre, den er bei anderen Gelegenheiten höchlich rühmt, eng befreundet, dies hindert ihn jedoch nicht, ihn als einen Sprachpedanten seine Geissel fühlen zu lassen. „Novi quendam tourszrórarov, graecum, latinum, mathematicum, philosophum, medicum, r«irra ßaotouxör, iam sexagenarium (er war 1460 geboren und starb 1524), qui ceteris rebus omissis, annis plus viginti se torquet ac discruciat in grammatica, prorsus felicem se fore ratus, si tam diu lice at vivere, donec certo statuat, quomodo distinguendae sint octo partes orationis, quod hactenus nemo Graecorum aut Latinorum ad plenum praestare valuit.“ Laus stultitiae p. 200. – Dass hier Linacre gemeint sei, liegt am Tage, die Stelle passt auf keinen andern Zeitgenossen.

2) Des Werf Gesch. d. Heilk. Bd. II. S. 311.

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