Abbildungen der Seite
PDF
[blocks in formation]

schaffenheit, womit der grosse Arzt die allgemeine und
fortdauernde Umänderung des Genius der Krankhei-
ten anerkannte.
Auf die Aerzte in Italien machte das Fleckfieber
denselben Eindruck, wie neue Krankheiten von jeher.
Denn obwohl sie die besten in Europa waren, so
reichten doch ihre Blicke nicht über den galenischen
Gesichtskreis hinaus, in dem die neue Erscheinung
nicht zu finden war. Sie geriethen daher bald in Ver-
wirrung, und während sie den gefürchteten Feind mit
den schulgerechten Lehren von Vollblütigkeit und
Schärfen und verborgenen Qualitäten zu umgarnen
suchten, und nun bald zu diesem bald zu jenem Arz-
neimittel griffen, gaben sie sich der Verspottung des
Volkes preis, das ihren Widerstreit und ihr unsicheres
Schwanken gar bald gewahrte, und wie dies zu ge-
schehen pflegt, den wohlverdienten Tadel Einzelner
auf den ganzen ärztlichen Stand übertrug").

6. Andere Krankheiten.

Um dieselbe Zeit, im October 1505, brach in Lissabon eine sehr mörderische Krankheit aus, und bezeichnete ihre weiteren Fortschritte mit Bestürzung, Flucht und Verwirrung der Einwohner *). Von welcher Art sie gewesen, ob ein Fleckfieber oder eine Drüsenpest, und in welchem Zusammenhange sie mit

1) Vergl. das ganze 6. und 7. Kapitel von Fracastor. a. a. O. – Wie die italienischen Aerzte im Allgemeinen die Fleckfieber beurtheilten, ist aus Nic. Massa zu ersehen, dessen verworrene Arbeit jedoch für die Geschichte keine Ausbeute giebt. Cap. IV. fol. 67. seq. – Vergl. Schenck von Grafenberg's treffliche und sehr ausführliche Abhandlung: de febre stigmatica. L. VI. p. 553. Tom. II.

2) Osorio, fol. 113. b. 114. a.

einer kurze Zeit vorausgegangenen Seuche in Spanien
gestanden, möchte schwerlich noch zu ermitteln sein.
Eben diese Seuche war im Jahre 1504 in Folge eines
Erdbebens und gewaltiger Stürme und Regengüsse von
Sevilla ausgegangen, und mag wohl eine Drüsenpest
gewesen sein. Aehnliche Angaben über Seuchen in
diesem Lande finden sich von 1506, dem Jahre des
englischen Schweisses, von 1507 und 8, wo sogar von
Heuschreckenschwärmen in der Nähe von Sevilla die
Rede ist, und endlich von 1510, dem Jahre einer gro-
ssen Influenz *), und 1515; doch fehlen hier überall
die genaueren Beschreibungen *).
Mit allen diesen Erscheinungen bilden die Seu-
chen in Deutschland und Frankreich zu Anfang des
sechzehnten Jahrhunderts ein anschauliches Ganze voll
innerer Verbindung. Von verschiedener Heftigkeit
und Ausdehnung währten sie ohne Ablass volle fünf
Jahre, und es zeigten sich ausserdem ungewöhnliche
Dinge, wie nur in grossen Pestzeiten. Das Jahrhun-
dert kündigte sich mit einem Kometen *) an, der für
diesmal die von jeher geglaubte üble Vorbedeutung
dieser Himmelskörper zu bestätigen schien. Denn die
Menschen schliessen in ihrer Weise aus der Gleich-
zeitigkeit der Erscheinungen auf ihren innern Zusam-
menhang, und man erinnerte sich vieler Beispiele, in
denen grosse Weltseuchen von Kometen verkündigt
oder begleitet worden *). Bald darauf bemerkte man

In Deutschland und Frankreich.

Viehsterben

- - es - 1. ein grosses Viehsterben, welches von irgend einer DeutÄland

1) Siehe weiter unten. – 2) Villalba, p. 78. seq.

3) Spangenberg, M. Chr. fol. 402 a. Angelus, S. 261. – Pingré, T. l. p. 479.

4) Vergl. Webster, der hierüber das zu Ermittelnde zu

sammengestellt hat. Vol. II. p. 82.

[ocr errors]

nachtheiligen Beschaffenheit des Futters herrühren
mochte. Man glaubte sogleich an eine Vergiftung der
Weide, mit so fester Ueberzeugung, dass sich, wie
einst in der Zeit des schwarzen Todes, die heftigste
Wuth gegen vermeintliche Vergifter regte, und wirk-
lich in der Gegend von Meissen einige - „böse Bu-
ben,“ die in Verdacht gekommen waren, hingerichtet
wurden *).
Ein sehr bedeutender Raupenfrass, der weit und
breit im nördlichen Deutschland Gärten und Wälder
entlaubte (1502), verdient als eine hierher gehörige
Erscheinung in der niedern Thierwelt angeführt zu
werden *). Die Naturforschung hat gezeigt, dass Vor-
gänge dieser Art durchaus nicht von neuen und wun-
derbaren Einflüssen, sondern nur von ungewöhnlichen
Verhältnissen in fast zufällig scheinendem Verein zu
einer bestimmten Zeit, veranlasst werden, vorzüglich
in der Wärme der Luft und ihrem Wassergehalt, wo-
her denn bald diese, bald jene niedere Thierart zu
ausserordentlicher Entwickelung gedeihet. Aus eben
diesem Grunde kommen auffallende Erscheinungen in
der Insectenwelt, sei es nun das Hervortreten oder
das Verschwinden einzelner Arten, viel häufiger vor,
wenn die Ordnung in der Aufeinanderfolge der Jah-
reszeiten und der Zustände des Luftmeers mehr und
andauernder gestört ist, und so hat man denn jene
Erscheinungen von jeher mit grossem Rechte als Vor-
boten von Seuchen betrachtet, wenn irgend die mensch-
lichen Körper durch atmosphärische Ursachen zu all-
gemeinem Erkranken gestimmt wurden. Heuschrecken-

schwärme haben sich vor und während der meisten

1) Spangenberg, M. Chr. fol. 402. a.
2) Ebend. – Franck, fol. 219. a.

grossen Seuchen gezeigt, auch scheint die wuchernde Entwickelung dieses Thieres, wenigstens in Europa, die ungewöhnlichsten Verhältnisse zu erfordern.

7. B 1utflecken.

Seltener, jedoch eben so bedeutungsvoll in Bezug auf allgemeine Stimmungen des Lebens, sind die Wucherungen der kleinsten kryptogamischen Gewächse im VWasser und an allerlei feuchten Gegenständen, wie sie vor und während grosser Seuchen durch verschiedenfarbige und so oder so gestaltete Flecken grosses Entsetzen hervorgebracht, und den Aberglauben, Wundern gleich, aufgeregt haben. Diese Flecken (Signacula), vorzüglich die Blutflecken, sind schon in älteren Zeiten, z. B. während der grossen Weltseuche im sechsten Jahrhundert *), dann während der Pest im Jahre 786 *) und 959 gesehen worden, zu welcher Zeit man die Bemerkung gemacht haben wollte, dass diejenigen, denen sie häufig auf den Kleidern erschienen, und diesen wahrscheinlich auch einen eigenthümlichen Geruch mittheilten, leichter vom Aussatz ergriffen wurden, woher man denn auch diese Befleckung geradehin den Kleideraussatz (Lepra vestium) nannte *); vieler anderen Beispiele nicht zu gedenken *), in denen auch keine Seu

1) Geschichte der Heilkunde. Bd. II. S. 146.

2) Sigebert. Gembl. fol. 58. a. – Spangenberg, M. Chr. fol. 66. b.

3) Sigebert. Gembl. fol. 82. a. – Hermann. Contract. p. 186. – Witichind. p. 34.

4) Man vergl. hierüber: Nees v. Esenbeck, Nachtrag zu R. Brown’s vermischten botanischen Schriften, Bd. I. S. 571., und Ehrenberg’s neue Beobachtungen über blutartige Erscheinungen in Aegypten, Arabien und Sibirien, nebst einer Uebersicht und Kritik der früher bekannten. In Poggendorff's Annalen,

786. 959.

1500 – 1503.

Verbreitung.

chen unter den Menschen zu Stande kamen. Dieselben Zeichen setzten nun auch in den Jahren 1500 bis 1503 die Gläubigen in banges Erstaunen, indem man, wie früher gewöhnlich, die Form des Kreuzes darin erkennen wollte"). Die Erscheinung war diesmal über ganz Deutschland und Frankreich verbreitet, und gehört wegen dieser grossen Ausdehnung und ihrer langen Dauer zu den ausgezeichneten ihrer Art. Die Flecken waren von verschiedener Farbe, vorzüglich roth, aber auch weiss, gelb, aschfarben und schwarz, und entstanden, oft in sehr kurzer Zeit, auf den Dächern, den Kleidern, den Schleiern und Brusttüchern der Frauen, verschiedenem Geräth, dem Fleisch in den Speisekammern u. s. w. Ein Geschichtschreiber, der auch von Blutregen spricht *), berichtet, man hätte sie in zehn bis zwölf Tagen nicht wieder entfernen können, und häufig entstanden sie in verschlossenen Kasten in der Wäsche und an Kleidungsstücken *). Untersuchungen von Naturforschern kann man in dieser Zeit nicht erwarten, es leidet aber keinen Zweifel, dass hier von irgend einer oder einigen Arten von Schimmel die Rede ist *), indem die ganze Erschei

1830; die beiden besten Arbeiten über diesen Gegenstand, worin auch eine Kritik von Chladni's hypermeteorologischen Ansichten enthalten ist.

1) Am umständlichsten ist hierüber Crusius, der sogar viele Namen von Leuten nennt, auf deren Kleidern Kreuze sichtbar wurden. Auf dem Schleier eines Mädchens wollte man die Marterwerkzeuge Christi entdecken. In der Gegend von Biberach trieb ein Müllerbursche mit dem Anmalen von Kreuzen rohe Kurzweil, wurde aber ergriffen und verbrannt. Bd. II. S. 156.

2) Mezeray, T. II. p. 819.
3) Angelus, S. 261.

4) Vielleicht Sporotrichum vesicarum, oder eine Art von Mycoderma.

« ZurückWeiter »