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ist indessen ein feineres, als unsere stumpfen Sinne und das schwerfällige Triebwerk unserer Werkzeuge vermuthen lassen, ja es fördert gerade dann die auffallendsten Erscheinungen im menschlichen Körper zu Tage – dem empfindlichsten Andeuter geheimnissvoller Einflüsse auf das Leben – wenn weder diese noch jene irgend eine Veränderung um uns her zu erkennen geben. Eben diese Wahrnehmung bestätigt sich überzeugend in der Zeit der ersten Wiederkehr des Schweissfiebers. Denn während diese Krankheit auf England beschränkt blieb, da zeigte sich im südlichen und mittlern Europa eine neue und mörderische Seuche, welche von nun an die Völker mit tükkischer Gewalt fast unablässig heimsuchte. Es war das Fleckfieber, eine den älteren Aerzten unbekannte Krankheit, welche zum ersten Male im Jahre 1490 in Granada beobachtet wurde, wo sie das Heer Ferdinand’s des Katholischen aufzureiben drohete, und die Saracenen nicht wenig belästigte *). Die Drüsenpest war unmittelbar vorausgegangen. (1483, 1485, 1486, 1488, 1489 und 1490*)), und es kann mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass das Fleckfieber aus dieser als eine eigenthümliche Abart hervorgegangen sei, da auch in anderen Ländern funfzehn Jahre später die Drüsenpest verschiedentlich ausartete, und es nicht beispiellos ist, dass von grossen Krankheiten einzelne Formen oder Bestandtheile sich eben so lostrennen, wie sie unter begünstigenden Umständen zusammentreten, um

1) Villalba, T. I. p. 69. 99. – Die Kämpfe Ferdinands mit den Saracenen begannen 1481 und endeten 1492 mit dem Falle Granadas. Spanisch heisst die Krankheit Tabardillo, welchen Namen jedoch Villalba bei 1490 noch nicht anführt.

2) Villalba, a. a. O. p. 66.

Ausbruch in Granada 1490.

In Italien.

zu einem verderblichen Ganzen vereint, vielseitige Ge-
fahr zu bringen.
Doch waren einige Zeitgenossen der Meinung, es

wäre das Fleckfieber von venetianischen Söldnern aus

Cypern, wo sie gegen die Türken gefochten hatten,
und wo diese Krankheit schon länger einheimisch sein
sollte, nach Granada herübergebracht worden *). Un-
geachtet einiger guten Vorarbeiten *) bedarf dieser
Gegenstand noch einer gründlichern Untersuchung,
welche über das Emporkommen und die Verbreitung
der Fleckfieber, sowie ganz besonders über ihr Ver-
hältniss zu anderen Seuchen wichtige und lehrreiche

Ergebnisse zu Tage fördern würde. Was aber auch

von dem wahren Ursprunge des Fleckfiebers zu hal-
ten sei, so viel steht fest, es wurde sofort eine selbst-

ständige europäische Krankheit, und vor der Hand

den Süden dieses Welttheils einnehmend, trat es fort-
an mit der Schweisssucht des Nordens in ein eben
so auffallendes als merkwürdiges Verhältniss, wie denn

schon das mit der grossen Fleckfieberseuche im Jahre

1505 fast gleichzeitige Auftreten des Schweissfiebers
in England, einem gemeinsamen, wenn auch seinem
Wesen nach unverkennbaren höheren Einfluss mit gu-

tem Grunde zugeschrieben werden kann.

Die Fleckfieberseuche, von welcher hier die Rede ist, herrschte vornehmlich in Italien, und wird von Fracastoro als die erste in diesem Lande vorgekommene beschrieben. Die Ansteckungskraft der neuen

1) Villalba, p. 69. – Fracastor. de morbis contagios. L. II. c. 6. p. 155. – Schenck von Grafenberg, L. VI.

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2) Ausser den genannten, die Schriften von Omodei und Pfeufer. Vergl. Schnurrer, Bd. II.S. 27.

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Krankheit *), welche von diesem grossen Arzte zwischen die Drüsenpest und die nicht pestartigen Fieber in die Mitte gestellt wurde, zeigte sich gleich anfangs, doch erkannte man ganz deutlich, dass die Ansteckung nicht so schnell haftete, wie bei der Drüsenpest, auch durch Kleider und andere Gegenstände nicht so leicht übertragen wurde, und ihr am meisten die Aerzte und Krankenwärter ausgesetzt waren. Das Fieber begann schleichend und mit sehr geringen Zufällen, so dass die Kranken gewöhnlich nicht einmal ärztliche Hülfe begehrten, wodurch auch viele Aerzte sich täuschen liessen, so dass sie, ohne sich der Gefahr zu versehen, eine leichte Genesung hofften, und durch den baldigen Ausbruch bösartiger Erscheinungen nicht wenig überrascht wurden. Die Hitze war wohl im Verhältniss zum Fieber gering, doch fühlten die Kranken ein gewisses inneres Unwohlsein, eine Zerschlagenheit des ganzen Körpers, und eine Ermüdung wie nach grosser Anstrengung. Mit schwerem Kopfe lagen sie auf dem Rücken, die Sinne wurden ihnen stumpf, und bei den meisten begann nach dem vierten oder siebenten Tage Unbesinnlichkeit, und während die Augen sich rötheten, schwatzhaftes Irrereden. Der Harn war zu Anfang gewöhnlich hell und reichlich, dann wurde er roth und trübe, oder dem Granatwein ähnlich, der Puls selten und klein, der Stuhlgang schadhaft und übelriechend, und an eben jenen Tagen, dem vierten oder siebenten, brachen auf den Armen, dem Rücken und der Brust rothe oder blaurothe Flecke aus, den Flohstichen ähnlich, oder

1) Man nannte sie Puncticula oder Peticulae, auch Febris

stigmatica, Pestis petechiosa, Reusner, p. 11. Die späteren Sy

nonymes. bei Burserius, Vol. II. p. 293. . .“

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auch grösser, oder so wie Linsenmahle (lenticulae), wonach man auch die Krankheit benannte. Durst war entweder gar nicht vorhanden, oder nur gering, dabei die Zunge belegt, und bei manchen stellte sich Schlaftrunkenheit ein. Andere litten dagegen an Schlaflosigkeit, oder abwechselnd an beiden Zufällen. Ihre Höhe erreichte die Krankheit am siebenten oder am vierzehnten Tage, bei einigen auch noch später; bei manchen entstand Harnverhaltung mit sehr schlimmer Vorhersage. Weiber starben an diesem Fieber selten, noch seltener alte Leute, und Juden fast gar nicht, dagegen junge Leute und Kinder in grosser Zahl, und zwar besonders aus den vornehmen Ständen, während die Pest gewöhnlich nur unter den ärmeren Volksklassen zu wüthen pflegte. Den Tod verkündigte ein allzugrosser Kräfteverlust zu Anfang, so wie eine zu stürmische Wirkung leichter Abführmittel, und keine Erleichterung nach vollbrachter Krise. Man sah Kranke sterben, denen an drei Pfund Blut aus der Nase abgegangen waren, auch war es sehr schlimm, wenn die Flecke verschwanden, oder zögernd ausbrachen, oder sich schwarzblau färbten. Die entgegenge

setzten Erscheinungen gaben dagegen Hoffnung. Kranate Ueber die kritische Bedeutung der Flecken (Peals techien) waren die besseren Aerzte einverstanden, denn man sah die Kranken, bei denen sie reichlich und von guter Beschaffenheit ausbrachen, viel leichter genesen, als andere, bei denen der Ausschlag nicht völlig zu Stande kam. Nun war aber auch ein reichlicher Schweiss überaus heilsam, wogegen sich alle anderen Ausscheidungen, besonders die Bauchflüsse, als nachtheilig und tödtlich bewährten. Fassen wir diese Erscheinungen schärfer ins Auge, und erwägen wir noch ausserdem, dass bei der damals weit VGTverbreiteten Lustseuche die Hautausschläge vor den übrigen Zufällen vorwalteten, so erscheint der englische Schweiss im Norden Europas in einer sehr bedeutungsvollen Beziehung, und es möchte demnach wohl die Annahme, dass die krankhafte Thätigkeit der Organismen während dieses ganzen Zeitalters eine entschiedene Richtung nach der Haut erhalten habe, auf mehr als auf einer blossen Vermuthung beruhen. Diese Thatsache spricht durch sich selbst, die Ursachen der veränderten Stimmung der Körper möchte jedoch kein Sterblicher leicht enthüllen. Fracastoro, der seine scharfsinnige Lehre von der Ansteckung viel grossartiger zu handhaben wusste, als seine späteren Nachfolger, suchte diese Ursachen in der Luftbeschaffenheit, welche in der Fleckfieberseuche von 1528 in noch viel deutlicheren Erscheinungen bemerkbar wurde, als 1505, und brachte diese Beschaffenheit, welche er „Infection des Luftmeers“ nannte *), in eine lebendige Beziehung zum Blute, unbekannte Einflüsse mit einem dunkeln Begriffe bezeichnend. Die bewirkte Veränderung des Blutes hielt er, hergebrachten Ansichten zufolge, die das Fleckfieber augenscheinlich zu bestätigen schien, für Fäulniss (putrefactio), ja er nahm sogar an, dass in den nicht epidemischen Fleckfiebern, welche von 1505 an häufig vorkamen, einzeln wirkende Ursachen eine ähnliche Veränderung des Blutes veranlasst haben müssten, wie eben jene Luftbe

1) Consimilem ergo infectionem in aére primum fuisse censendum est, quae mox in nos ingesta tale febrium genus attulerit, quae tametsi pestilentes verae non sunt, in limine tamen earum videntur esse. Analogia vero eius contagionis ad sanguinem praecipue esse constat, quod et maculae illae, quae expelli consuevere, demonstrant, etc. p. 161.

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