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ssen, die finstern Gassen und dumpfen Kellerwohnun-
gen wurden allmählich verlassen, und ein behaglicheres
Leben folgte der früheren Aermlichkeit. Hierdurch
wurde die Sterblichkeit bedeutend vermindert und die
Gewalt der Seuchen gebrochen, wie denn auch sonst
nicht zu verkennen ist, dass die bessere gesetzliche
Ordnung der Auflösung der gesellschaftlichen Bande
in Pestzeiten und den einst furchtbaren Wirkungen
des Aberglaubens und Religionshasses mächtig vor-
bauete.
Doch wurden diese unschätzbaren Verbesserun-
gen den Völkern nur nach und nach zu Theil, und
vor der Hand durch das neue Uebel des Söldnerwe-
sens nicht wenig zurückgehalten. Denn so wie die

Keime der Lasterhaftigkeit von umherschweifenden

Lustseuche. 1495.

Landsknechten nach allen Seiten hin verbreitet wurden, so fand auch die Ansteckung von bösartigen Krankheiten durch eben diese zerrüttete und überall gegenwärtige Menschenklasse leichter Eingang in die Städte und Dörfer. Die Landsknechte des sechzehnten Jahrhunderts vertraten als Giftverbreiter die Stelle der ehemaligen Römerfahrer und Geisselbrüder, ja sie bewirkten sogar eine viel anhaltendere Landplage als diese Umzügler des Mittelalters, welche nur bei ausserordentlichen Gelegenheiten auftraten. Man erinnere sich hierbei nur der bösartigen und überaus widrigen Lustseuche, die sich zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts mit Blitzesschnelle über ganz Europa verbreitete! Nicht die unschuldigen Völker der neuen Welt haben sie herübergesendet, nicht die gemisshandelten Marranen, die Opfer der spanischen Inquisition, haben sie ausgebrütet –: es war das Söldnerheer Karl's VIII. in Neapel (1495), dessen Ausschweifungen das längst vorhandene Gift zu nie gesehener Bösartigkeit entwickelten, und der althergebrachten Sittenlosigkeit eine Geissel bereiteten, vor der alle Welt mit Entsetzen zurückbebte. Es ist ausserdem hier am Orte zu bemerken, dass in den grösseren Heeren, welche bei der veränderten Kriegführung jetzt in das Feld gestellt wurden, die gewöhnlichen Lagerkrankheiten, denen sich in dieser Zeit eine neue und sehr verderbliche hinzugesellte *), viel ergiebigere Nahrung finden mussten, als in den weniger zahlreichen Heerhaufen der früheren Jahrhunderte, und mithin auch von dieser Seite die friedlichen Städteund Landbewohner bedeutenden Gefahren ausgesetzt wurden.

3. schwerssucht.

Unterdessen wurde Europa von den Seuchen des Mittelalters oftmals, und mit nicht geringen Verheerungen heimgesucht. Doch ertrug man die Schrecken der immer wiederkehrenden Pest mit trübsinniger Ergebung in das unabwendbare Missgeschick, welches der Zorn Gottes – der Vorstellung des Zeitalters gemäss – als eine gerechte Strafe über die Menschheit verhing. Auch die Engländer blieben von dieser Pest in Lonfurchtbaren Plage nicht verschont, die im Jahre 1499 don. 1499. allein in London 30.000 Einwohner wegraffte, so dass der König es räthlich fand, sich mit seinem ganzen Hofe nach Calais zurückzuziehen *). Und so war allmählich die Erinnerung an die Schweifssucht von 1485 erloschen. Niemand dachte mehr ihrer möglichen Rückkehr, und alle Welt war mit anderen Din

1) Das Fleckfieber, von dem weiter unten die Rede sein wird.

2) Grafton, p. 220. – Webster, Vol. I. p. 149.

Behandlung.

Ausbruch in
London.

gen beschäftigt, als unvermuthet im Sommer 1506 der alte Feind sein Haupt wieder erhob, und die behagliche Sorglosigkeit verscheuchte. Der Wiederausbruch der Seuche verband sich diesmal mit keiner erheblichen Begebenheit, und so haben die Zeitgenossen nicht einmal den Monat angegeben, in welchem sie zu wüthen angefangen. Gegen den Herbst war sie schon wieder verschwunden, und wie denn auch keine neuen Zufälle sich der Krankheit hinzugesellten, deren Bild man sich aus alten Erzählungen zu vergegenwärtigen suchte, so eilte man sie mit demselben Mittel zu bekämpfen, dessen Wirksamkeit die Augenzeugen der Seuche von 1485 mit so vielem Rechte anrühmten "). Man vermied also wie damals jede Erhitzung und Abkühlung, und überliess das heimtückische Fieber bei mässiger Erwärmung im Bette, und ohne starke Arzneien, den Heilkräften der Natur. Der Erfolg war über alles Erwarten günstig, denn nur in wenigen Häusern bedurfte man der Trauerkleider, und nun schrieb man in verzeihlichem Irrthum den Sieg über die gefürchtete Seuche mehr der menschlichen Einsicht zu, als der diesmaligen Gelindigkeit des Uebels, das auch bei weniger besonnenem Verhalten der Kranken sich gewiss zu keiner erheblichen Stärke entwickelt haben würde. Die Krankheit brach in London aus – ob sie westwärts vorgedrungen sei, darüber haben die Zeitgenossen, bald überzeugt von der Geringfügigkeit der Seuche, keine Berichte aufgezeichnet; wieweit und wohin sie sich aber auch verbreitet haben mag, über Englands Gränzen ging sie nicht hinaus, und nirgends veranlasste sie eine bedeutende Sterblichkeit.

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1) Stow, p. 809. – Fabyan, r 689. – Hall, p. 502. – Grafton, p. 230. – Holinshed, p. 536. – Baco, p. 225.

4. Begleitende Erscheinungen.

Unerheblich wie diese Seuche war, so begleiteten sie auch keine auffallenden Erscheinungen in England; doch verhielt es sich ganz anders im übrigen Europa, wie sich weiter unten ergeben wird. Nach einem nassen Sommer im Jahre 1505 war ein strenger Winter eingetreten *); Kometen wurden in diesem wie im folgenden Jahre gesehen, auch erfolgte 1506 ein Ausbruch des Vesuvs *), der wenigstens angeführt werden kann, wenn es auch wohl feststeht, dass vulkanische Regungen nur bei einigen grossen Weltseuchen, nicht aber bei kleineren Volkskrankheiten in Anschlag zu bringen sind. In England wehete vom 15. bis zum 26. Januar 1506 ein gewaltiger Sturm aus Südwest, der den König von Kastilien, Philipp von Oestreich mit seiner Gemahlin Johanna von den Niederlanden aus nach Weymouth verschlug, und weil einige Tage zuvor ein von der St. Paulskirche in London herabstürzender goldener Adler einen schwarzen Adler auf einem niedrigern Gebäude zerschmettert hatte, düstere Weissagungen über das Geschick dieses Kaisersohnes unter dem Volke veranlasste *). Doch konnte dies Ereigniss auf keine Weise mit der um ein halbes Jahr später ausbrechenden Seuche in Verbindung gebracht werden. Mehr Beachtung verdient die in der damaligen Zeit sehr

1) Spangenberg, M. Chr. fol. 403. a. – Pestilentz, A.

1505.

2) Webster, Vol. I. p. 151. – Franck, sol. 219. a. –

Pingré, T. I. p. 481.
3) Baco, p. 225. – Stow, p. 809. – Vergl, die übrigen

Chronisten, welche grösstentheils sehr ausführlich von dieser Be

gebenheit sprechen,

Volks

stimmung.

trübe und unbehagliche Stimmung des englischen Volkes. Die rücksichtlose Habsucht Heinrich's VII., der den Beinamen des englischen Salomo") führt, liess gegründete Zweifel an der Sicherheit des Eigen

thums aufkommen, und die frommen Stiftungen des

von Krankheit mehr und mehr niedergebeugten Königs – das gewöhnliche Mittel, den gefürchteten Zorn des Himmels zu besänftigen – konnten die Erinnerung an die rauhe Willkühr und die Erpressungen seiner rechtsverdrehenden Diener *) nicht mehr verwischen. Galten nun auch diese Erpressungen hauptsächlich nur dem begüterten, eines Zügels sehr bedürftigen Adel, so wurde doch finsteres Misstrauen allgemein, und kein Frohsinn wollte mehr unter dem Volke aufkommen. Diese Stimmung hätte der wiederkehrenden Seuche günstig werden können, doch wollte der Genius des Jahres 1506 nicht, dass diese mehr werden sollte, als eine leichte und vorübergehende Mahnung an eine mystisch verborgene Gefahr, deren Bedeutung keinem ärztlichen Forscher des sechzehnten Jahrhunderts einleuchtete.

5. E" leckfieber in Italien. 1505.

So könnte nun die Schweisssucht des gedachten Jahres zusammenhanglos erscheinen mit grösseren Regungen des organischen Lebens, wollten wir nur immer auf handgreifliche Vorgänge über und unter der Erde Rücksicht nehmen. Das Spiel der Naturkräfte

1) Baco, p. 231.

2) Empson und Dudley, Minister Heinrichs VII., der einen baaren Schatz von 1,800,000 Pfund hinterliess. – Vergl. Hume, Hist. of E. Vol. III., Baco und fast alle Chronisten. – Beide Minister wurden unter der folgenden Regierung, 1509, hingerichtet. Grafton, p. 236.

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