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zum Vorschein. Sie währte dann bis zum sech-
sten Tage, doch entwickelte sie nur am ersten Tage
ihre bösartigen Zufälle, denn schon am zweiten min-
derte sich der Schweiss, und verlor jede übele Be-
schaffenheit, so dass nur noch vermehrte Hautausdün-
stung ohne alle bedenkliche Erscheinungen übrig blieb,
und die Kranken mit dem sechsten vollkommen ge-
nasen.
Wäre also gleich anfangs ein geschichtskun-
diger Arzt in Röttingen zur Hand gewesen, der das
altenglische Verfahren in der Schweisssucht in An-
wendung gebracht hätte, so würde sich dieses neue
Schweissfieber nur als eine ganz milde Krankheit ge-
zeigt, und gewiss nur wenige Einwohner des friedli-
chen Städtchens weggerafft haben. So erneuten sich
aber die Auftritte von Lübeck und Zwickau, als wä-
ren die unzählbaren Schlachtopfer der heissen Behand-
lung und von Kegeler’s mörderischem Arzneibuch
vergebens ins Grab gestiegen – die Kranken wur-
den wie im sechzehnten Jahrhundert zu Tode
geschmort! Denn kaum glaubte man zu erkennen,
wo die Natur hinaus wollte, so wurden die Feder-
betten über die Schwitzenden hoch aufgethürmt, so
dass nur Mund und Nase noch unbedeckt blieben;
man verschloss Thüren und Fenster, und der Ofen
verbreitete glühende Hitze, während ein unerträglicher
Schweissgeruch aus den hohen und breiten Himmel-
betten hervorströmte. Dazu lagen oft zwei und mehr
Kranke in demselben Zimmer, ja unter demselben Fe-
derberg zusammengeschichtet, und damit es nicht an
innerer Hitze fehlen möchte, so wurden die Theriak-
büchsen fleissig geleert, und den Kranken unablässig
Hollunderlatwerge eingegeben. So tricb man die un-
reinen Säfte mit dem Schweisse heraus, und die Kran-

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ken mochten nun ersticken, oder diese Misshandlung
der Natur wie durch ein Wunder überwinden, genug
man war überzeugt, das Heilsamste ergriffen zu haben,
und als nun erst bunte Ausschläge hervorbrachen, so
war es sicher, das Gift wurde in ihnen abgeschieden.
Die Bürger von Röttingen waren also in denselben
Wahn verfallen, der von ärztlichen Schulen aufrecht
erhalten, die hitzigen Krankheiten, vornehmlich die
exanthematischen, von jeher zur Bösartigkeit gestei-
gert hat.
Die erwähnten Ausschläge waren von verschie-
dener Art: Friesel in allen Formen und Farben, mit
scharfer Flüssigkeit gefüllt, wirklicher Blasenausschlag
(Pemphigus) und selbst Petechien, wobei zu bemer-
ken ist, dass die Kranken in den ersten Tagen des
Schweissfiebers niemals das eigenthümliche Prickeln
über den ganzen Körper empfanden, das dem Friesel-

Ausschläge.

ausbruche vorausgeht, sondern nur, und vielleicht nicht

einmal immer, über ein örtliches Jucken an den Stel-
len klagten, wo der Ausschlag hervorbrach. Eben so
wenig wurde eine regelmässige Abschuppung über den
ganzen Körper beobachtet. Es ist also anzunehmen,
dass die Ausschläge nur symptomatisch, und
keinesweges nothwendig mit der Krankheit verbunden
waren, wie in den ausgebildeten Frieselfiebern.
Die Krankheit erregte gleich anfangs die grösste
Bestürzung, und als man sie schon in den ersten Ta-
gen mit der schweisstreibenden Behandlung verschlim-
merte, so häuften sich die Leichen, das unaufhörliche
Läuten der Sterbeglocken erfüllte die Kranken und
Gesunden, wie einst in Shrewsbury, mit Todesangst,
und das bedrängte Städtchen wurde von den Einwoh-
nern benachbarter Ortschaften wie eine Pesthöhle ge-
mieden. An ärztlicher Hülfe fehlte es in den ersten

Tagen durchaus, bis ein geschickter Arzt aus der Nähe herbeikam *), und als schon die meisten Einwohner vom Schweissfieber ergriffen waren, eine zweckmässige Behandlung anordnete. Doch sind in einer solchen Verwirrung die Kräfte eines Mannes den tiefgewurzelten Vorurtheilen des Volkes nicht gewachsen, und so fuhr man denn in den meisten Häusern fort, mit Hitze und Theriak Schweiss und Leben der Kranken auszutreiben, bis endlich am 3. December Herr Dr. Sinner von Würzburg, ohne welchen das Andenken an diese merkwürdige Krankheit erloschen sein würde, hinzutrat, und in Verein mit jenem wakkere Kunstgenossen, wie einst der ungenannte Arzt in Zwickau, den verderblichen Volkswahn bekämpfte. Er fand noch vierundachtzig Kranke *) in hohen Federbetten, die in gereinigter Luft zuerst wieder frei aufathmeten, und bei vorsichtiger Kühlung – sein Verfahren erinnert an die altenglische Behandlung – leicht und ohne alle Gefahr bis auf einen genasen *). Die Krankheit blieb durchaus nur auf Röttingen beschränkt, nirgends zeigte sie sich ausser den Thoren dieses Städtchens. Am 5. December aber trat helles Frostwetter ein, es erkrankte niemand mehr, und alle Spur des Röttinger Schweissfiebers, dem auch nicht einmal Friesel an irgend einer

1) Herr Amtsphysikus Dr. Thein, von Aub.

2) Die vollständige Kranken- und Todtenzahl ist nicht angegeben. Herr Dr. Sinner fand kurz vor dem Aufhören der Krankheit noch 9 Leichen, von denen keine geöffnet wurde.

3) Alle Erhitzung wurde vermieden, die Luft vorsichtig gereinigt, kühlendes Getränk gegeben, und gegen die damalige Brownsche Weise kamen nur wenig Arzneimittel in Gebrauch, wie Baldrian, Hirschhorngeist, Hoffmannstropfen u. dgl. Blasenpflaster thaten gute Dienste, und eben so nach Umständen KamPher. Die Genesenden wurden gut genährt.

Stelle in Franken vorherging oder folgte, ist seitdem verschwunden. Die Aehnlichkeit dieses Fiebers mit dem engli-Vergleichung

schen Schweisse ist offenbar, und ergiebt sich selbst aus der ganz kurzen, nur zehntägigen Dauer des Erkrankens, welche nach unserer Darstellung als ein ganz wesentliches Merkmal der englischen Schweissfieberseuchen, wenigstens in Deutschland erscheint, während die Frieselseuchen sich immer durch einen viel längeren Zeitraum hingezogen haben. Aber bleiben wir auch nur bei den Zufällen der Krankheit stehen, so sind bei dem Röttinger Schweissfieber durchaus keine anderen als wesentlich zu betrachten, als das Herzklopfen mit Angst, der strömende Schweiss und der rheumatische Nakkenschmerz, der bei keinem Kranken vermisst wurde, und gerade dieselben Erscheinungen treten aus dem Bilde des englischen Schweisses in gleichem Verhältnisse zu den übrigen ganz deutlich und erkennbar hervor. Die Ausschläge dagegen waren so durchaus unwesentlich, wie in der Krankheit des scchzehnten Jahrhunderts. Die Reizbarkeit der Haut und die Neigung zu lebensgefährlichen Versetzungen war bei dem Röttinger Fieber geringer, als beim englischen Schweiss, denn die Kranken konnten ohne Schaden mitten im Schweiss die Wäsche wechseln, was bei der englischen Schweisssucht nicht ohne tödtliche Folgen gewesen wäre; doch wird dieser Unterschied leicht aus der höhern Stufe des Leidens in dieser, und der niedrigern in jener erklärlich. Es bliebe mithin nur noch die Dauer zu beachten, und hier sehen wir ganz deutlich, der Hauptsturm war in dem ungestört verlaufenden Röttinger Schweisse in den ersten vierundzwanzig Stunden vorüber, und das einzige noch

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übrige Symptom bis zum sechsten Tage, die vermehrte Hautausdünstung – wir reden hier nur von den ganz reinen Fällen – konnte füglich nur als ein Nachzügler angesehen werden. Die Entscheidung geschah nicht mit einem Schlage, wie beim englischen Schweiss, was keinen wesentlichen Unterschied begründen kann.

Wir nehmen daher keinen Anstand, das Röttinger Fieb er für einen englischen Schweiss zu erklären. Dieser Erscheinung aber ihre Deutung zu geben, die Ursachen zu durchschauen, welche das Nebelgespenst von 1529 mitten in Deutschland wieder aus den Wolken herabzogen, und in einem einzigen Orte seine kurze Wuth austoben liessen, dies vermag keine menschliche Weisheit – keine Wissenschaft führt so weit, um die Triebfedern des Erkrankens in dieser Durchkreuzung unerkannter Kometenbahnen zur Anschauung zu bringen. Aber so wie aller Einsicht in die VWerke der Natur ein ernstes Forschen vorausgehen muss, welches die Erscheinungen auf jedem Boden, in jeder Zeit und in aller Entwickelung aufsucht, so kann eine bessere Erkenntniss der Krankheiten, und so auch des ganzen menschlichen Seins nicht ausbleiben, wenn erst die Untersuchungen über das Erkranken der Völker in grossen Zeiträumen an Zahl und Gediegenheit gewonnen haben werden.

Eine solche Erkenntniss fordert dies Zeitalter von den Aerzten, deren Beruf es ist, das Leben nach allen Richtungen zu durch forschen. Es fordert von ihnen eine historische Pathologie, und zu diesem Zweige der Naturforschung ist das vorliegende Werk ein Beitrag!

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