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Ueberhaupt machte sich ein hoher Grad von Bösartigkeit des Uebels bemerklich, wie diese auch aus dem Verlaufe der Epidemie offenbar wurde. Brach das Frieselschweissfieber in einem neuen Orte aus, so erkrankten nur zwei oder drei Personen daran, und zwar ganz gutartig, so dass man glaubte, es wäre nun alles vorüber, denn in den nächsten funfzehn oder zwanzig Tagen hörte man nichts mehr von neuen Erkrankungen. Plötzlich zeigte sich aber die Seuche wieder mit äusserster Bösartigkeit. Die grosse Zahl der Kranken brachte Furcht und Schrecken unter die Einwohner, und die Todesfälle wurden häufig. Nach dieser ersten Wuth wurde dann die Epidemie wieder gutartig, so dass viele Kranke sich nicht einmal niederlegten, wie sich denn diese Milderung des Frieselfiebers auch durch Verlängerung seines Verlaufes über den siebenten Tag hinaus zu erkennen gab *).

Vergleichen wir diese Epidemie mit der in Abbeville 1733 beobachteten, so ergeben sich nur ganz geringfügige Verschiedenheiten, die noch viel deutlicher bei einigen der zwischenliegenden Erkrankungen hervortreten würden, – so wie dergleichen auch bei anderen Ausschlagskrankheiten beobachtet worden sind. Es ist mithin offenbar, dass die in der neuesten Zeit in Frankreich vorgekommenen Frieselfieber *) sich in keiner wesentlichen Rücksicht von den älteren un

1) Bally und François, im Journal général de médecine, T. LXXVII. p. 204. – Vergl. Foderé, T. III. p. 227. – Ozanam, T. III. p. 116. – Rayer, Suette, p. 148. Mal. d. l. p. T. I. p. 320.

2) Man kann zu ihnen auch die im südlichen Deutschland beobachteten rechnen, in deren Aetiologie Schönlein viel auf die Verunreinigung der Luft durch das Hanfrösten giebt. Vorlesungen, II. S. 324.

terscheiden. Fast zwei Jahrhunderte ihres Bestehens geben den sichersten Beweis ihrer Selbstständigkeit, und wie sie sich der Beobachtung dargeboten haben, so sind sie von dem ihnen verwandten englischen Schweisse zu trennen. VWeiter können wir die Gränzen dieser Untersuchung nicht überschreiten, doch möge hier noch ein kurzes Verzeichniss der wichtigsten Frieselepidemieen folgen*).

1652. Leipzig. 1712. Mümpelgart. 1660. Augsburg. 1713. Saint Valery. (Somme) 1666. Baiern. 1718. Abbeville. (Somme.) 1672. Ungarn. 1720. Canton de Bray. (Nieder1675. Hamburg. Seine.) 1680. Deutschland, in grosser 1726. Guise. (Aisne) Verbreitung. 1734. Strassburg (Nieder-Rhein) 1689. Philippsburg 1735. Fresneuse. (Nieder-Seine.) 1690. Stuttgart. – Vimeux. (Seine u. Oise.) – Düsseldorf. – Orléans. (Loiret) – Erfurt. Pluviers. (Loiret)

– Jena. 1694. Berlin. 1700. Breslau.

1709. Danzig, Marienburg.

1714. 15. Laybach.
1715. Breslau.
1718. Tübingen.
1723. Frankfurt a. M.
1729. Wien.
1733. Schlesien.
1735. Böhmen.
– Dänemark.
– Schweden.
– Russland.
1741. London.

Meaux, Villeneuve.
St. George. (Seine und
Marne.)

1738. Luzarches, Royaumont.

(Seine u. Oise.) Caen. (Calvados.) Provins. (Seine u. Marne) Wire. (Calvados.) Berthonville. (Eure.) Falaise. (Calvados) . Rouen. (Nieder-Seine.) . Caudebec. (Nieder-Seine.) .. Paris (Seine.) Beaumont. (Seine u. Oise)

Chambly. (Oise)

1) Es ist nicht vollständig, kann aber die Macht und Verbreitung der Krankheit anschaulich machen. S. Rayer, Suette,

p. 465.

1750. Beauvais. (Oise) 1821. La Chapelle St. Pierre, 1752. Fernaise. (Seine u. Oise.) und 60 Orte in der Um1754. Valepuiseux. (Seine und gegend. (Oise. Seine und

Oise.) Oise.) 1756. Cusset. (Allier) 1728. Chambéry, Annecy, St. – Boulogne. (Pas de Ca- Jean-de-Maurienne. (Sa

lais.) voyen.) 1757. Montaigu les Combrailles. 1733. Basel.

(Puy de Döme.) 1746. Zürich. 1758. Amiens, Umgegend. 1750. Schaffhausen.

(Somme.) – Bern. 1759. Paris. (Seine.) – Genf – Guise. (Aisne.) 1715. Turin. – Caudebec.(Nieder-Seine.) 1724. Turin. 1760. Alençon. (Orne.) – Vercelli. 1763. Vire. (Calvados) 1726. Acqui. – 64. Bayeux. (Calvados) 1728. Carmagnola. 1765. Balleroy, Basoques. (Cal- – Vercelli.

vados.) – Ivrea. – Saint-George, Saint-Quen- – Biella.

tin. (Calvados.) 1730. Pignerol.

1766. Campagny. (Calvados.) 1731. Fossano. 1767. Thinchebray, Truttemer. 1732. Nizza.

(Orne) – Rivoli. 1768. 69. Saint-Quentin. 1733. Fossano.

(Aisne.) – Asti. 1770. Louviers. (Eure.) – Lanti. 1771. Montargis. (Loiret.) – Acqui. 1772. Hardivilliers, Umgegend. 1734. Acqui. 1773. Hardivilliers. (Oise.) – Lanti. 1776. Laigle. (Orne) 1735. Trino. 1777. Jouy. (Seine u. Oise.) – Lanti. 1782. Castelnaudary. (Aude.) 1738. Susa. – Boissy Saint-Léger. – Crescentino. (Seine u. Oise) 1741. Tartana. 1783. Beaumont. (Seine u. Oise.) 1742. Ceva. 1791. Méru. (Oise) – Turin. 1810. Nourare, Villotran. (Oise) – Sorillano. 1812. Rosheim, und viele andere – Alba.

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1742. Cherasco. 1741. Alexandria,
– Fossano. 1747. Modena.
1743. Villafranca. 1755. Novara.
1744. Acqui. 1747. Lodi.
1751. Villafranca. – Mantua.
1753. Susa. – Piacenza.

1741. Valencia.

3. Das Röttinger Schweifsfieber.

Wir kommen jetzt zu einer Erscheinung, die ungeachtet ihrer kurzen Dauer und ihrer engen räumlichen Gränzen zu den denkwürdigsten dieses Jahrhunderts gehört. Sie ist bis jetzt, weil die Nebel stolzer Unwissenheit den Ueberblick über die Gestaltung der Krankheiten in grossen Zeiträumen hinderten, in ihrer wahren Bedeutung noch nicht erkannt worden, und schon nach einem Menschenalter bis auf den Meeresgrund der Vergessenheit versunken, von dem wir sie jetzt an das Tageslicht ziehen wollen.

Auf einen heissen und sehr trockenen Sommer folgte im November 1802 anhaltender Regen. Dicke Nebel überzogen die Landschaften, und umlagerten in Mitteldeutschland die dem Luftzuge unzugänglichen Orte. Unter ihnen auch das von Bergen rings umschlossene fränkische Städtchen Röttingen an der Tauber *). So waren kaum einige Wochen vergangen, als unvermuthet gegen den 25. November dort eine äusserst mörderische Krankheit entstand, ohne Beispiel in der Erinnerung der Einwohner, und den Aerzten des Landes durchaus unbekannt.

Junge, vollkräftige Männer wurden plötzlich von unsäglicher Bangigkeit ergriffen, das Herz

1) Damals von ungefähr 250 Ackerbürgern bewohnt. Sinner, S. 7.

wallte und klopfte ihnen laut an die Rippen, und sogleich brach über den ganzen Körper ein strö– men der saurer Schweiss vom übelsten Geruche hervor, während sie einen reissen den Schmerz im Nacken empfanden, als wollte hier ein heftiges Flussfieber die sehnigen Gewebe in Anspruch nehmen. Dieser Schmerz verlor sich zuweilen sehr schnell, und zog er sich dann gegen die Brust, so erneute sich das angstvolle Herzklopfen, es folgte krampfhaftes Zittern im ganzen Körper, die Kranken wurden ohnmächtig, und während die Glieder erstarrten, gaben sie ihren Geist auf. Bei den meisten geschah dies alles in vierundzwanzig Stunden, doch unterlagen nicht alle dem ersten Angriffe, sondern nachdem der beschleunigte Puls bis zur äussersten Kleinheit und Schwäche herabgesunken war, und man ein gleiches Verhältniss in den Athemzügen bemerkt hatte, so kehrte bei einigen der reissende Schmerz wieder in die äusseren Theile zurück, sie fühlten dann einen dumpfen Druck und Steifheit im Nacken, Puls und Athem wurden wieder wie bei Gesunden, doch rieselte der Schweiss unablässig die Haut herunter. Diese Sicherheit war indessen äusserst trüglich, denn unvermuthet entstand wieder neues Herzklopfen mit kleinem Pulse, und nun war oft der Tod unvermeidlich. Auffallend war es, dass die Kranken, wiewohl sie in Schweiss zerflossen, doch nur sehr wenig dursteten, und die Zunge nicht trocken, auch nicht einmal unrein wurde, sondern ihre natürliche Feuchtigkeit behielt. Bei den meisten aber floss weniger Harn, da die Haut unter zunehmender Entkräftung zu viele Flüssigkeit ausströmen liess. Verlief die Krankheit ohne erhitzen des Schweisstreiben, so kam gewöhnlich kein Ausschlag

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