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anlassung gewesen wäre, lässt sich mithin eine bestimmte Ursache ihres Vorrückens über Städte und Dörfer vermuthen. Diese entwickelte sich allem Anscheine nach in dem mit üblem Geruche überladenen Dunstkreise der Kranken, so wie in den Zelten und Wohnungen, in denen die Soldaten Heinrichs VII. nach Entbehrungen und harter Anstrengung in Sturm und Regen eng zusammengedrängt hausten. Für beides giebt die neuere Beobachtung verwandte Beispiele: Wechselfieber verbreiten sich in der von den Kranken selbst verunreinigten Luft leichter, und Haufen von Soldaten, die selbst gesund waren, haben nicht selten Lagerfieber in entlegene Orte gebracht. Es kommt wenig darauf an, mit welchen Ausdrücken der Schule man diese Vorgänge bezeichne, am besten ist es vielleicht, sich ihrer ganz zu enthalten, denn sie sind alle unzureichend und veranlassen Missverständnisse; aber gewiss hatten die Zeitgenossen Recht, wenn sie den Gedanken an Ansteckung im Sinne der ihnen wohlbekannten Pest nicht aufkommen liessen "). Denn allzuhäufig kamen unter den Vornehmen Erkrankungen vor, welche aus Verpestung durch Kranke nicht zu erklären waren, und offenbar ohne die gewöhnlichen Veranlassungen entstanden. In diesen Fällen gab die Todesfurcht, die der Krankheit überallhin vorauseilte, und die Brustnerven in krampfhaften Aufruhr brachte, den Anstoss zu dem durch die Luftbeschaffenheit und Wohlleben längst vorbereiteten Uebel. Wäre diese Ansicht der Zeitgenossen auch weniger unbefangen gewesen, als sie war, so hätte sie den schlagend

1) It was conceived not to bee an Epidemicke Disease, but to proceed from a malignitie in the constitution of the Aire, gathered by the predispositions of Seasons: and the speedie cessation declared as much. Baco, p. 9.

sten Beweis in dem plötzlichen Aufhören der Seuche im ganzen Lande finden können. Denn die verderblichen Luftgeister, welche selbst von den stolzen Naturforschern des neunzehnten Jahrhunderts nicht erkannt worden wären, zerstoben und verschwanden für die Zeit eines halben Menschenalters in dem Brausen des Sturmes vom 1. Januar 1486.

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Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts war die Welt anders gestaltet, als in dem Jahre, wo Heinrich VII. seine Fahnen zum Siegeszuge entfaltete. Die Nacht des Mittelalters war zurückgewichen wie vor einer noch hinter Wolken unsichtbaren Sonne; seiner noch unbewusst regte sich der Geist in ungewohnter Tageshelle: die ganze Erde sollte sich verjüngen, neue Bildungskraft sich offenbaren, nie sah man grössere Begebenheiten, nie erregten schöpferische Gedanken siegreicher das menschliche Leben. Die Erfindung Guttenbergs durchbrach die Schranken der Finsterniss und gab der Denkfreiheit unvergängliche Schwingen, nie geahnete Kräfte entwickelten sich unaufhaltsam, und wie nun im westlichen Europa ein mächtiger Wille sich regte, die alten Gränzen menschlichen Treibens kühn zu überschreiten, so erreichten die Hoffnungen der Einsichtsvollen noch bei

weitem nicht die Wirklichkeit unvermutheter Erfolge.
Die Entdeckung der neuen Welt, die Umsegelung von
Afrika wurden die Anfänge grosser Entwickelungen,
doch sollten die Ereignisse im Innern Europas, waren
sie auch für die Zeitgenossen weniger auffallend, in
ihren Folgen noch ungleich wichtiger und heilbringen-
der werden. Denn die Begründung der bürgerlichen
Ordnung bei allen Völkern des Westens fällt in eben
diese Jahre, welche zwischen dem Mittelalter und der
neuern Zeit eine deutliche Gränze bilden. Die kö-
nigliche Macht befestigte sich auf unerschütterlichem
Grunde, und als vor dem Geschütz der Fürsten und
Reichsstädte die Burgen in Trümmer gesunken waren,
so dass die kleinen Zwingherren den Gesetzen Ge-
horsam geloben mussten: da hörten die unablässigen
Raubfehden auf, und in dem innern Frieden gedieh
endlich die Sicherheit des Lebens und Besitzes, die
erste Bedingung milder Sitten und freier Entfaltung
der menschlichen Gesellschaft.
Dieses grosse Ergebniss ineinandergreifender Be-
gebenheiten gelang nicht ohne gewaltige Kämpfe und
Neuerungen, deren Nachwehen noch einige Jahrhun-
derte lang fühlbar geblieben sind, am meisten hat aber
wohl die Gründung der stehenden Heere auf
den Fortgang der europäischen Gesittung eingewirkt.
Sie wurden ohne Zweifel die Grundpfeiler der ge-
setzlichen Ordnung, wie sie aber zunächst aus verderb-
lichem Söldnerwesen hervorgegangen waren, so hegten
sie noch lange die Keime zügelloser Rohheit, und
pflanzten die Sittenverderbniss des Mittelalters auf
späte Geschlechter fort. Die Landsknechte * ) des

1) Der Name ging in die französische, englische und italienische Sprache über – Lansquenet, Lancichinecho.

Landsknechte.

deutschen Kaisers und die Söldner der Könige von Frankreich und England, die sich während der Kriege den kleinen Stämmen der stehenden Heere anschlossen, waren nur heimathlose Abenteurer aus allen Ländern Europas, und wurden nicht von kriegerischem Ehrgeiz, sondern nur von der Aussicht auf Beute herbeigelockt"). Wurde die Trommel gerührt, gleichviel in welchem Himmelsstriche, so fanden sie sich zusammen wie Heuschreckenschwärme, – niemand wusste woher – und der losen Bande der Kriegszucht spottend, erfreuten sie sich, so lange die Kriege dauerten, eines zügellosen Räuberlebens. Daher die unbegränzte und alles Gefühl empörende Rohheit der Kriegführung, der nur von einzelnen menschlichen Feldherren Schranken gesetzt wurden. Gewiss stand diese Art von Kriegswesen mit dem sittlichen Zustande der westlichen europäischen Völker in einem grellen Widerspruche, der durch die spätere Einführung strenger Kriegszucht nie ganz beseitigt, sondern nur erst in der neuesten Zeit durch die Zusammenstellung wahrer Volksheere ausgeglichen worden ist. Um so verderblicher aber waren die Folgen! Denn wurden nach geschlossenem Frieden die Heere wieder vermindert, so zerstreuten sich die Landsknechte nach allen Richtungen, nicht um wieder hinter dem Pfluge zu gehen, oder das ehemalige Handwerk zu treiben, nein, um in gewohntem Müssiggange die Herbergen und Frauen

1) – „so fleugt und schneuet es zu, wie die fliegen in dem summer, dass sich doch jemand verwundern möcht, wo dieser schwarm nur aller herkäm. und sich den winter erhalten het. Und zwar so ein ellend volck, das man sich ihrs glücks, verderbens und guten lebens billich mer erbarmen dann neiden solt“ – Franck's Chronik. Von den „verderblichen Landsknechten.“ fol. 217. b.

häuser zu füllen, wenn die Beute ihnen gerathen war, oder hatten sie Trunk und Spiel elend gemacht, um zu allgemeiner Landplage als wandernde Bettler oder Räuber ein ehrloses Dasein bis zu einem neuen Kriegsrufe zu fristen *). Wenige mochten wohl aus so tiefer Versunkenheit wieder auftauchen, auch starben die meisten vor der Zeit, ihren Lastern erliegend *), während die Ansteckung des Beispiels dem Söldnerstande immer wieder neue Schaaren aus Städten und Dörfern hinzugesellte.

2. Neue Verhältnisse.

Es liegt am Tage, dass bei einem solchen Zustande das Verhältniss der Seuchen zur bürgerlichen Gesellschaft ein anderes werden musste, als ehedem. Schädliche Einflüsse, welche die Gesundheit der Städtebewohner im Mittelalter gefährdet, und oftmals geringe Krankheiten zu grosser Bösartigkeit gesteigert hatten, wurden für immer beseitigt. Hierher gehört namentlich die unzuträgliche Bauart der Häuser und Strassen, die noch jetzt in grossen Städten den Bewohnern ganzer Viertel, und nicht bloss den ärmeren, den Lebensgenuss verkümmert. Denn als man Vertrauen zur Sicherheit des Friedens fasste, da bedurfte nicht jede Landstadt mehr der Befestigungen. Man riss die Mauern nieder und trocknete die faulen Gräben aus, und da man nicht mehr auf enge Räume beschränkt war, so baute man bequemere Häuser in luftigen Stra

1) 1518. „Dis Jar ist gewesen eine grosse Vergarderunge der Landtsknecht, so nur garten, und sich aus Friesland gemacht, und theten grossen schaden, kamen ins Landt zu Gellern, worden bey Wernlow erschlagen.“ – Wintzenberger, fol. 23. a.

2) „Ich geschweig auch der Verkürtzung des lebens, dann man selten ein alten landsknecht findt.“ Franck, a. a. 9.

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