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keit schon bei den Alten eingeführt hatte *), in das Bestreuen des Körpers mit allerlei Pulvern *), wenn zasammenziehende Abkochungen nichts gefruchtet hatten. Man wählte hierzu Granatapfelschale, Rosen-, Brombeer- und Myrtenblätter, oder auch Cimolische Kreide, Gyps, Alaun, Bleiglätte, gelöschten Kalk (!) *), und wenn nichts anderes zur Hand war, selbst gewöhnlichen Strassenstaub *). Die Wirksamkeit einiger dieser wunderlichen Mittel ist nicht in Abrede zu stellen, mindestens ist von verwandten alkalischen in der neueren Zeit die Erfahrung gemacht worden, dass sie bei starker Säureentwickelung in der Haut gute Dienste thun, und es ist sehr wahrscheinlich, dass in dem Schweisse der Diaphoretischen viele Säure enthalten war.

2. Der Picard?sche SC h Weiss.
(Suette des Picards. Suette miliaire.)

Der Picard'sche Schweiss ist ein entschie

denes Frieselfieber, das nicht nur in der Picardie, sondern auch in anderen Gegenden von Frankreich seit länger als hundert Jahren oftmals geherrscht hat, und noch jetzt in einigen Orten als einheimische Krankheit vorkommt *). Wir haben die Verwandtschaft des englischen Schweisses mit dem Friesel angedeutet. Beide sind rheumatische Fieber, jener von vierundzwanzigstündigem, dieser von mindestens siebentägigem Verlauf. In jenem erschien kein Ausschlag, oder kam

1) Cael. Aurel. C. 37. p. 161.

2) Aspergines, sympasmata, diapasmata. C. 38. p. 171

3) Aretaeus, p. 192. – 4) Celsus, a. a. O.

5) Z. B. in den Dörfern Rue-Saint-Pierre und Neuville-enHez zwischen Beauvais und Clermont. Rayer, Suette, p. 74.

Friesel in Sachsen. 1652.

er in vereinzelten Fällen zum Vorschein, so war er
ohne allen Zweifel untergeordnet und unwesentlich.
In dem Frieselfieber dagegen ist der Ausschlag so
wesentlich, dass diese Krankheit als die ausgebildete
exanthematische Form des rheumatischen Fiebers auf-
gestellt werden kann.
Der Friesel hat eine an wichtigen Thatsachen
überaus reichhaltige Geschichte, in der das Picard'-
sche Schweissfieber nur einen neueren Abschnitt der
Entwickelung bildet. Der Ausschlag an und für sich
ist uralt, und in der morgenländischen Drüsenpest mit
den Petechien wahrscheinlich schon von jeher als kri-
tisch - metastatische Erscheinung vorgekommen, wie
noch in unseren Tagen; wo nicht vielleicht schon in
der alterthümlichen, Thucydideischen Pest. Auch das
Fleckfieber wurde von ihm hier und da begleitet, wie
ohne Zweifel auch die Pocken und viele andere Krank-
heiten, auf dieselbe Weise wie noch jetzt, denn der
Frieselausschlag ist ein sehr allgemeines Symptom, das

sich gar leicht eindrängt, und die Gefahr von sehr

verschiedenartigen Zufällen steigert. Ein anderes aber ist es mit dem selbstständigen Frieselfieber, das weder früher, noch selbst in dem Zeitraume des englischen Schweisses, sondern nur erst hundert Jahre später (1652) als eine oft erwähnte Volkskrankheit in Sachsen vorgekommen ist"). An eine unmittelbare Entwickelung dieser Ausschlagskrankheit aus dem englischen Schweiss, wie vielleicht des Fleckfiebers aus der Drüsenpest, ist also nicht zu denken, wenn selbst eine entschiedenere Neigung dieser Krankheit zur Aus

1) Godofredi Welschii Historia medica novum puerperarum morbum continens. Disp. d. 20. April. 1655. Lipsiae, 4.

Ä Hauptwerk über das erste Auftreten des Friesels in DeutschallC.

schlagbildung nachgewiesen werden könnte, als nach den ermittelten Thatsachen möglich war. Denn es liegt ein ganzes Jahrhundert (und welche Umwandlungen der Völker!) dazwischen. Dieselbe Trennung durch einen so langen Zeitraum spricht auch gegen die gewagte Voraussetzung, dass der englische Schweiss vielleicht ein abgebrochenes Frieselfieber gewesen sei, welches seine Kraft durch zu üppige Hautthätigkeit am ersten Tage erschöpft habe, bevor es noch zum Ausschlag gekommen wäre. Noch mehr die Gleichheit und Abgeschlossenheit aller fünf Schweissfieberseuchen in dem kurzen Verlaufe der Krankheit, und die Abwesenheit aller Uebergangsformen von längerer Dauer, welche gewiss nicht gefehlt haben würden, wenn die Natur aus dem englischen Schweiss allmählich hätte ein Frieselfieber herausbilden wollen. Und wenden wir uns nun zum Friesel, so sind zwar bei dieser Krankheit Formen beobachtet worden, in denen der strömende Schweiss, vereint mit Nervenzufällen schon am ersten Tage lebensgefährlich wurde, eben so oft erschien aber auch der Ausschlag schon am ersten Tage vollständig ausgebildet, und betrachten wir, wie gebührlich, den regelmässigen Gang des Frieselfiebers in allen Volkserkrankungen, so lag offenbar immer eine ganz andere Entwickelung der Symptome auch in jenen Fällen im Hintergrunde, als beim englischen Schweiss. Kamen zwischendurch, wie noch in der neuesten Zeit (1821) Frieselfieber vor, in denen sich kein Ausschlag zeigte, so unterliegen diese derselben Beurtheilung, wie andere hitzige Ausschlagskrankheiten, in denen die Natur auf dieselbe Regelwidrigkeit eingeht, ohne sonst das Wesen dieser Krankheiten aufzugeben, wie z. B. das Scharlachfieber. Und hat man endlich in manchen Erkrankungen *) beobachtet, dass man durch anfängliche Kühlung dem Frieselausschlage zuvorkommen konnte, so hat zwar ein neuerer Arzt von Verdienst hierauf grossen Werth gelegt, um zu beweisen, dass Friesel und englischer Schweiss dieselbe Krankheit wären *), aber eine Hemmung dieser Art ist mindestens bei den Frieselfiebern unmöglich, in denen der Ausschlag schon am ersten oder zweiten Tage hervorbricht, und überdies sagt die Erfahrung, dass auch viele andere Krankheiten, Entzündungen, Flüsse, gastrische Fieber und selbst Unterleibstyphus, in ihrem Gange aufgehalten und in engere Gränzen eingeengt werden können, so dass sie nicht alle ihre Erscheinungen hervortreten lassen. Wir sind also vollkommen berechtigt, die Entwickelung der Frieselschweissfieber von der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts an als eine ganz neue zu betrachten, welche mit der des englischen Schweisses

1) Z. B. in der Epidemie von 1782, die in Languedoc innerhalb weniger Monate über 30.000 Menschen wegraffte. Pujol beobachtete in dieser Epidemie vier Formen von Ausschlag: 1) Eine Purpura urticata, erhabene rosenartige Flecken oder Stippchen (papulae) von geringerem Umfang. Sie war sehr gutartig, und verlief zuweilen fieberlos. 2) Flecken aus zusammenfliessenden sehr kleinen Frieselstippchen und Pusteln; weniger gutartig. 3) Kleine halbkugelförmige Stippchen von der Grösse eines Senf- bis zu der eines Maiskorns. Sie bekamen vor der Abtrocknung eine weisse Spitze, und die grösseren verwandelten sich in Eiterpusteln, oder gräuliche, halbdurchscheinende Phlyctänen mit rothem, entzündeten Grunde. Diese Form war die häufigste, und verbreitete sich, vermischt mit den übrigen, über den ganzen Körper, besonders den Stamm. 4) Ein Ausschlag wie Flohstiche, hellroth, in der Mitte ein kleines, gräuliches, fast nur durch die Loupe sichtbares Frieselbläschen. Diese Form war die schlimmste. – Pujol, Oeuvres diverses de médecine pratique. 4 Voll. Castres, 1801. 8.

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in keiner aufzufindenden Verbindung steht. Es sind
in Deutschland seit 1652 viele Frieselerkrankungen
vorgekommen, aber erst gegen 17.15 gewann diese
Krankheit einen grösseren Boden, so dass sie sich auch
über Frankreich und die benachbarten Länder, beson-
ders Piemont ! ) verbreitete, während England von ihr
fast ganz verschont blieb. Die französischen Epide-
mieen waren im Durchschnitt viel bedeutender und
stärker entwickelt, als die deutschen, wir wählen da-
her von ihnen eine der ältesten und die neueste, um
zur Vergleichung mit dem englischen Schweiss eine
allgemeine Anschauung vom Frieselfieber zu geben.
Das Frieselfieber zeigte sich in der Picardie zu-
erst im Jahre 1718 in le Vimeux (Vinnemacus pagus),
einer nördlich von der Somme, und südlich von der
Bresle und dem Departement der Unter-Seine be-
gränzten Gegend. Sein Gebiet gewann alljährlich an
Ausdehnung, die meisten Orte der Picardie wurden
von ihm heimgesucht, und es währte nicht lange, so
sah man diese Krankheit auch in Flandern *).
Von einer Epidemie in Abbeville, im Jahre
1733, wo der Friesel schon funfzehn Jahre früher
zum Ausbruch gekommen war, besitzen wir noch eine
ganz deutliche Beschreibung, die wir hier mittheilen
wollen. Man bemerkte fast gar keine Vorboten, son-
dern die Krankheit begann sogleich mit drückendem
Magenschmerz, grosser Vernichtung der Kräfte, dum-
pfem Kopfweh und beschwerlichem, von Seufzern un-
terbrochenen Athem. Die Kranken klagten über grosse
Hitze, und zerflossen in übelriechendem schar-

1) Hierüber siehe Allioni, der seine klassische Beschreibung des Friesels nach piemontesischen Epidemieen entworfen hat.

2) Bellot, An febri putridae, Picardis Suette dictae sudorifera? Diss. praes. Ott. Cas. Barfeknecht. Paris, 1733. 4.

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