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Als gelehrter Beförderer der Wissenschaften gehört Kaye zu den ehrenwerthesten Männern seines Vaterlandes. Durch ihn wurde unter Maria’s Regierung Goneville Hall zum Rang eines College erhoben, besser begründet und reicher ausgestattet; bis an sein Ende führte er dann die Oberleitung dieser seiner Lieblingsanstalt, und verlebte in ihr sein Alter“), nicht in mönchischer Beschaulichkeit, wie Lina cre, sondern den Studien eifrig ergeben, wie die grosse Zahl seiner Schriften zeigt. Man beschuldigt ihn, seinen Glauben nach Umständen gewechselt zu haben. Diese Fügsamkeit erhielt ihn freilich in der Nähe so ganz verschiedenartiger Throne, ist aber nicht das Merkmal von Seelengrösse, und erklärt sich nur zum Theil aus dem Geist der englischen Reformation. Kaye reformirte durch die That, indem er den Unterricht beförderte, und legte vielleicht auf das äussere Bekenntniss keinen Werth. Seine Vielseitigkeit als Gelehrter ist ausserordentlich, und würde aller Bewunderung werth sein, wenn er überall den Vorwurf der Leichtgläubigkeit vermieden, die Nebendinge nicht zu weit ausgesponnen und den Funken des Geistes besser zu erkennen gegeben hätte. Bald übersetzte und erläuterte er Galenische Schriften, bald schrieb er über Sprachkunde, oder ärztliche Kunst – freilich wohl ohne freie Beweglichkeit seines Geistes, denn Galen und Montanus waren seine Vorbilder *), aber wo waren in dieser Zeit die Aerzte, die nicht

Goneville College. 1557. 58.

1) Zu einem neuen Gebäude schenkte er dieser Anstalt über 1800 Pfund, eine für diese Zeit sehr beträchtliche Summe.

2) De medendi methodo, ex Cl. Galeni, Pergameni, et Joh. Bapt. Montani, Veronensis, principum medicorum, sententia, Libri duo. Basil. 1544. 8. – Er widmete dieses unerhebliche Buch dem Leibarzt Butts; s. Balaeus, fol. 232. b.

Schweisskrankheiten. 1. Herzkrankheit. 185

nach dem Pergament beobachteten? Versuche über Geschichte und englische Alterthumskunde finden sich einige unter seinen Schriften "), und seine Conrad Gesner gewidmeten Arbeiten über Naturkunde ?) gehören zu den besten seines Jahrhunderts, weil er in ihnen, frei von den Banden irgend einer Schule, seine Beobachtungen ganz schlicht und unbefangen mittheilt. Er starb zu Cambridge, den 29. Juli 1573, und verordnete sich die Grabschrift: „Fui Caius.“

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So war nun im Herbst 1551 die Schweisssucht von der Erde verschwunden. Sie ist seitdem, wie sie damals und früher auftrat, nie wieder erschienen, und es ist nicht zu glauben, dass sie jemals wieder als grosse Volkskrankheit in derselben Gestalt, und beschränkt auf einen vierundzwanzigstündigen Verlauf erscheinen wird, denn es ist offenbar, die Lebensweise der damaligen Völker hatte einen grossen Antheil an ihrer Entstehung, und diese wird nie wiederkehren. Doch ist die Natur nicht arm an ähnlichen Erscheinungen in alter und neuer Zeit, und ziehen wir die grosse Häufigkeit der verwandten rheumatischen Uebel in Betracht, so mögen wohl vereinzelte Fälle zuweilen vorgekommen sein, in denen unreine Vollsaftigkeit und stürmisch erhitzende Behandlung rheumatische Fieber bis zur Ertödtung des Nervenlebens unter strömendem Schweisse steigerten, nur vielleicht in längerem Verlaufe, der keinen wesentlichen Unterschied begründet, und unter ganz anderen Namen, welche die Aufmerksamkeit irre führen. Von allen je vorgekommenen Krankheiten, die mit der englischen Schweisssucht irgend verglichen werden können, haben wir vornehmlich drei zu berücksichtigen: die Herzkrankheit der Alten, den Picardschen Schweiss und das Schweissfieber von Röttingen. Die erste war den Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts aus angeführten Gründen ") fast unbekannt, und es ist zu verwundern, dass selbst Kaye, der den besten lateinischen Arzt – wir meinen Celsus – zu seinem Liebling erwählt hatte, dessen nicht unwichtige Angaben über diese Krankheit so ganz übersehen konnte. Der einzige Houllier wagt die Vergleichung des englischen Schweisses mit der alterthümlichen Herzkrankheit, aber seine wenigen, fast verlorenen Worte *) blieben unbeachtet, auch sind die Unterschiede beider Krankheiten nicht gering. Doch nun zur Sache. Die Krankheit, von der wir reden, kommt in einem Zeitraume von fünfhundert Jahren (300 v. Chr. bis 200 n. Chr.) vor, und war eine gewöhnliche, fast alltägliche Erscheinung, die selbst von den Nichtärzten oftmals erwähnt wird. Sie war überaus lebensgefährlich, wurde selbst wohl für tödtlich gehalten, und wie sie denn hoch über der griechischen Physiologie stand, so fehlte es nicht an auffallenden Meinungen über ihr Wesen, und an gewagten, selbst abenteuerlichen Behandlungen, denen man die von ihr Befallenen unterwarf. Der Name Herzkrankheit, Morbus cardiacus, vóoog xagöaxy, wahrscheinlich auch vöoog xagölrug, rührt nicht von Aerzten, sondern vom Volke her, welches im vierten Jahrhundert v. Chr. – so alt ist dieser Name – nicht wissen konnte, dass die Gelehrten darüber in Streit gerathen würden. Denn einige sagten, und unter ihnen gewichtige Männer, wie Erasistratus, Asklepiades und Aretaeus, das Volk habe Recht gehabt, die Krankheit so zu nennen, das Herz sei wirklich der leidende Theil, und man hatte von der Verrichtung des Herzens keine ganz geringen Kenntnisse *). Andere dagegen wollten in jenem Namen nur eine Andeutung der Grösse, nicht des eigentlichen Sitzes der Krankheit erkennen, insofern das Herz als Mittelpunkt und Quell des Lebens wohl geeignet sei, diese zu bezeichnen *). Noch andere, welche feinere Vermuthungen wagten, wollten den Herzbeutel für den Sitz des Uebels ausgeben, weil man zuweilen stechende Schmerzen in der Herzgegend

1) Vergl. sein eigenes Werk „de libris propriis,“ bei Jebb, welches einem ähnlichen Galenischen nachgeahmt ist, und ungefähr denselben Geist athmet.

2) De canibus Britannicis und de rariorum animalium et stirPium historia, bei Jebb.

1) S. 133.

2) „Sudor anglicus, fere similis ei sudori, quem cardiacum dicebamus.“ De morb. int. L. II. fol. 60. a.

1) „Estautem cor praestans atque salutaris corpori particula, praeministrans omnibus sanguinem membris, atque spiritum.“ Cael. Aurel. Acut. L. II. c. 34. p. 154. – Vergl. des Verf Lehre vom Kreislauf vor Harvey, Berlin, 1831. 8.

2) Cael. Aurel. Cap. 30. p. 146.

300 v. Chr. 200 n. Chr. Bild der Krankheit.

wahrnahm *), oder das Zwerchfell oder die Lungen,
oder selbst die Leber: der Meinungen waren viele,
die Erkenntniss gering *). -
Die Herzkrankheit begann mit Kälte und Ver-
taubung in den Gliedern *), selbst zuweilen im gan-
zen Körper; der Puls nahm sofort die übelste Be-
schaffenheit an, wurde klein, schwach, häufig, leer
und wie zerfliessend, weiterhin ungleich und zitternd,
bis zum völligen Verschwinden. Dabei wurden die
Kranken sinnverwirrt *), kein Schlaf kam in ihre Au-
gen, sie verzweifelten an ihrem Leben, und gewöhn-
lich ergoss sich ihnen plötzlich ein übelriechender
Schweiss über den ganzen Körper, woher man auch
die Krankheit Diaphoresis nannte. Zuweilen brach
jedoch erst ein wässeriger Schweiss im Gesicht und
am Halse aus, dieser verbreitete sich dann weiter über
den ganzen Körper, nahm einen sehr üblen Geruch
an, wurde klebrig, auch wohl blutigem Fleischwasser
ähnlich, und durchnässte das Lager stromweise, so
dass die Kranken fast zu zerfliessen schienen *). Der
Athem wurde hierbei kurz und keuchend, fast zum
Vergehen (insustentabilis); jeden Augenblick fürchte-
ten die Kranken zu ersticken *), sie warfen sich von
Angst gefoltert hin und her, und mit ganz dünner
und zitternder Stimme stiessen sie nur abgebro-
chene Worte hervor. In der linken Seite, oder

1) Cael. Aurel. Cap. 34. p. 156.

2) Das ganze 34ste Kap. a. a. O. Aurelian giebt überhaupt von Cap. 30 – 40. die vollständigsten Nachrichten über den Morbus cardiacus.

3) Torpor frigidus. C. 35. p. 157.
4) Hallucinatio. – 5) Ebend. p. 157.
6) Spiratio praesocabilis.

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