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der Schweisssucht verschont geblieben, und dagegen einige Franzosen in Calais, die zu tief in die englischen Sitten eingeweiht gewesen, von ihr ergriffen worden wären "). Hierin allein kann jodoch der Grund jener Empfänglichkeit nicht gesucht werden, wir müssten denn in die althergebrachte Einseitigkeit bei der Erörterung entfernter Ursachen zurückfallen wollen, wobei es sogleich auffallen würde, dass die Deutschen und Niederländer, die sich seit 1529 doch schwerlich um ein Beträchtliches gebessert hatten, nicht wiederum von dem alten Feinde heimgesucht wurden.

3. Ursachen. Naturereignisse.

Es liegt mithin nahe, oder vielmehr, es bleibt nur übrig, ein unerkanntes Etwas in der englischen Luft anzunehmen, das den Engländern die rheumatische Spannung mittheilte, oder wenn man will, ihre mit unverarbeiteten Säften überladenen Körper *) so durchdrang, dass ihre Lebensstimmung bis zur sogenannten Opportunität der Schweisssucht verändert wurde. Bei einem solchen Zustande bedarf es allerdings nicht der gewohnten und mehr eigenthümlichen

1) P. 196. bei Babington. – „these thre countryes (England, die Niederlande und Deutschland) whiche destroy more meates and drynckes without al order, convenient time, reason, or necessitie, then either Scotlande, or all other countries under the sunne, to the great annoiance of their owne bodies and wittes“ etc. Vergl. p. 46. der lat. Ausg.

2) Godwyn, a. a. O. versichert ausdrücklich, die Schlemmer, die mit vollem Magen in die Krankheit gekommen, wären verloren gewesen, und Kaye, ausser den Kindern und Alten wären auch die aus Noth mässigen, und abgehärteten Armen entweder frei geblieben, oder sie hätten die Krankheit leichter überstanden. P. 51.

Witterung

Anlässe, um den letzten Schritt zu der lange vorbe-
reiteten Krankheit zu bewirken, sondern es reichen
die ganz allgemeinen Ursachen des Erkrankens hin,
um den letzten Anstoss zu geben, wenn dies auch un-
ter einem ganz andern Himmel sein sollte, wie jetzt
bei den Engländern unter dem spanischen, und bei
dem venetianischen Gesandten Naugerio, der im
Jahre 1528 fern von Italien am Fleckfieber erkrankte,
unter dem französischen *).
Es ist den Lesern ohne Zweifel aufgefallen, dass
alle fünf Erkrankungen in England eine viel längere
Dauer hatten, als die einmalige in Deutschland und
im übrigen Norden Europas. Auch diese konnte wohl
nur von Eigentümlichkeiten des englischen Bodens
herrühren. Suchen wir aber jetzt jenes unerkannte
Etwas in der Luft von 1551, das Gezov des grossen
Hippokrates, welches seine Gegenwart durch das
Erkranken der Völker kund giebt, durch wahrgenom-
mene Erscheinungen anschaulich zu machen, denn wei-
ter vorzudringen ist menschlicher Forschung nicht ver-
gönnt. Der Winter von 1550 zu 51 war in England
trocken und warm, das Frühjahr trocken und kalt,
Sommer und Herbst waren heiss und feucht *). Das
ganze Jahr zeigte manches Ausserordentliche, ohne je-
doch in das Pflanzen- und Thierleben so mächtig,
oder in einem so grossen Kreise einzugreifen, wie die
Zeit der vierten Schweissfieberseuche. Es wird hier
und da sogar als ein fruchtbares gerühmt *). Am
10. Januar erhob sich ein grosser Sturmwind, der in
Deutschland an Häusern und Thürmen nicht geringe
Spuren zurückliess *). Derselbe Tag brachte nicht

1) S. obenS. 76. 2) Caius, engl. Ausg. p. 191.
3) Schwelin, S. 177. – 4) Spangenberg, fol. 463. a.

unbeträchtliche Ueberschwemmungen im Flussgebiete der Lahn, welche der ganz ungewöhnlichen Zeit wegen bemerkt werden müssen "). Am 13. Januar, wiederum zu ungewöhnlicher Zeit, folgte ein grosses, über Norddeutschland verbreitetes Gewitter mit starken Regengüssen *), und am 28. Januar ein bedeutendes Erdbeben in Lissabon, wobei an 200 Häuser einstürzten und gegen tausend Menschen umkamen, während sich eine feurige Lufterscheinung zeigte, die nach den ungenauen Beschreibungen die meiste Aehnlichkeit mit einem Nordlichte hat, also höchst wahrscheinlich electrischen Ursprungs war *). Hierauf trat in Deutschland (Februar) grosser Frost ein *). Am 21. März sah man in Magdeburg und der Umgegend, sieben Uhr Morgens zwei Nebensonnen mit drei Regenbogen, und am Abend zwei Nebenmonde *). Dieselben Nebensonnen wurden auch zu Wittenberg, jedoch ohne Regenbogen beobachtet. Eine ähnliche Erscheinung, mit zwei Regenbogen, wiederholte sich am 27. März *), auch hatte man schon am 28. Februar in Antwerpen Nebensonnen bemerkt 7). Um dieselbe Zeit (den 21. März) trat die Oder aus ihren Ufern *), auch folgten im Mai, nach anhaltenden Regengüssen, Ueberschwemmungen in Thüringen und Franken *). Es

1) Chron. chron. p. 401.

2) Ebend. und Spangenberg, a. a. O.

3) Chron. chron. a. a. O.

4) Spangenberg, fol. 463. b.

5) Angelus, S. 344. – Spangenberg, fol. 464. a. – Chron. chron. p. 401.

6) Spangenberg, fol. 464. a.

7) Chron. chron. p. 402.

8) Haftitz, S. 167. – Angelus, S. 344.

9) Chron, chron. p. 403. – Leuthinger, p. 248.

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Schimmelflecken.

fehlte nicht an grossen Gewittern *), und nach bedeu-
tender Hitze entstand am 26. Juni ein dichter Som-
mernebel in den Elbgegenden, der den Belagerern
von Magdeburg den Anblick dieser Stadt entzog; man
kann vermuthen, dass dieselbe Erscheinung sich wohl
in grösseren Räumen gezeigt haben möge *). Am
22. September sah man wieder eine nordlichtähnliche
Lufterscheinung, und am 29sten desselben Monats fiel
nach heiterem Wetter tiefer Schnee, und die Kälte
blieb anhaltend *).
Diese Thatsachen reichen hin, um den ungewöhn-
lichen Verlauf des Jahres 1551, eine Ueberladung des
Luftmeers mit Wasser, und eine gewiss nicht unbe-
deutende Störung der electrischen Verhältnisse ganz
deutlich zu erkennen, wobei nicht zu übergehen ist,
dass schon seit 1547 wiederum Schimmelflecken an
den Kleidern und rothe Färbungen des Wassers, also
Wucherungen in der untersten kryptogamischen Pflan-
zenwelt in Deutschland vorgekommen waren *).

4. Krankheiten.

Schon während der Notljahre von 1528 bis 1534 erregte es allgemeine Verwunderung, dass bösartige Fieber, unter denen vorzüglich die Pest, das Fleck

1) Angelus, a. a. O.

2) Spangenberg, fol. 465. a. Magdeburg wurde in dieser Zeit belagert, weil es die Annahme des Interim's verweigert hatte.

3) Wurstisen, S. 624. – Spangenberg, fol. 466. a.

4) In der Mark Brandenburg sah man die sogenannten Kreuze an den Kleidern im Jahre 1547 (Leuthinger, p. 216.); rothes Wasser bei Zörbig im Jahre 1549 (Ebend. p. 231.), und sonst häufig im Jahre 1551. (Chron. chron. p. 402.) Agricola scheint in der oben (S. 39.) angegebenen Stelle diese zusammenhängenden Erscheinungen zu meinen.

fieber und die Hauptkrankheit zu verstehen sind, die in den einzelnen Angaben selten ganz genau unterschieden werden können, sich immer wieder und wieder zeigten, und hatten sie ihre Wanderungen durch ganze Länderstrecken, träge von Ort zu Ort schleichend vollendet, da wo sie vor Jahren ausgegangen waren, wieder zum Vorschein kamen "). Es war ein Jahrhundert fauliger, bösartiger Verder bniss, in welcher die typhösen Krankheiten unablässig wucherten, überreich an grossen Erscheinungen des menschlichen Gesammtlebens, auch späterhin, lange nach der Zeit, wo unsere Untersuchung zu Ende geht. Von einer epidemischen Ruhr, die sich während Ruhr, 1538.

eines kalten Sommers*) im Jahre 1538 über einen grossen Theil von Europa, vornehmlich über Frankreich verbreitete, so dass nach der Versicherung eines berühmten Arztes fast keine Stadt von ihr verschont blieb *), haben wir leider nur mangelhafte Nachrichten, unter denen die Angabe nicht unwichtig ist, dass kein auffallender Vorgang – von denen, die bei Erscheinungen dieser Art zu beachten sind – diese Volkskrankheit irgendwie erklärlich machte *). Zwei

1) „Pestis insuper in certis saeviebat Germaniae provinciis (1533), praesertim Nurenbergae et Babenbergae, et villis oppidisque per girum. Et est stupenda res, quod haec plaga nunquam totaliter cessat, sed omni anno regnat, jam hic, nunc alibi, de loco in locum, de provincia in provinciam migrando, et si recedit aliquamdiu, tamen post paucos annos et circuitum revertitur, et juventutem interim natam in ipso flore pro parte majore amputat.“ – Jo. Lange, Chron. Numburgens. eccles, bei Mencken, T. II. col. 88.

2) Spangenberg, fol. 369. b.
3) Fernel, de abditis rerum causis, L. II. p. 107.
4) S. Fernel; Wurstis en (S. 613.) berichtet indessen,

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