Abbildungen der Seite
PDF

Sterblichkeit. liches Ende erinnert werden *). Es starben aber auch

Riechende
Nebel.

innerhalb weniger Tage 960 Einwohner in Shrews-
bury, grösstentheils kräftige Männer und Hausväter,
aus welcher Zahl auf die angstvolle Trauer in dieser
Stadt geschlossen werden kann.

2. Verbreitung. Dauer.

Die Schweissfieberseuche verbreitete sich alsbald über ganz England, bis an die schottische Gränze, und nach allen Seiten hin bis zu den Meereswogen, unter so auffallenden und denkwürdigen Erscheinungen, wie kaum je in einer andern Volkskrankheit beobachtet worden sind. In der That schienen die Ufer der Severn der Heerd des Uebels zu sein, und von hier aus eine wahre Vergiftung der Luft über ganz England auszugehen. Denn wohin die Winde den stinkenden Nebel weheten, da erkrankten die Einwohner am Schweiss, und es wiederholten sich dort mehr, dort weniger die Auftritte des Schreckens und der Trauer in Shrewsbury. Man sah die giftigen Nebelwolken von Ort zu Ort ziehen, und die Krankheit in ihrem Gefolge, eine Stadt nach der andern einnehmen, während sie Morgens und Abends ihren ekeln, unerträglichen Geruch verbreiteten *). In grösserer Entfernung verdünnten sich diese Wolken allmählich, vom VWinde verweht, doch setzte ihr Verschwinden der Seuche kein Ziel, sondern es war, als

1) P. 7.

2) „Whiche miste in the countrie wher it began, was sene flie from toune to toune, with suche a stincke in morninges and evenings, that men could scarcely abide it.“ Kaye, bei Babington, p. 192. Lat. Ausg. p. 28. 29. – Zu bemerken ist hierbei, dass Damianus in Gent, im Jahre 1529, die Meisten des Morgens, bei Sonnenaufgang erkranken sah. p. 115. b.

[ocr errors]

hätten sie den unteren Luftschichten eine Art von
Gährungsstoff mitgetheilt, der fort und fort, auch ohne
dicken Nebeldunst sich neu erzeugte, und in die Lun-
gen der Menschen aufgenommen, die furchtbare Krank-
heit überall hervorbrachte "). Schädliche Ausdünstun-
gen aus Mistgruben, stehenden Wässern, Sümpfen,
unreinen Kanälen, und ganz allgemein in England der
Geruch der faulenden Binsen in den Wohnungen, mit
allem widrigen Unrath dazwischen, schien dazu nicht
wenig beizutragen, auch bemerkte man überall, wo
dergleichen übele Gerüche hinzukamen, eine stärkere
Entwickelung der Schweissfieberseuche *). Es ist eine
bekannte Erfahrung, dass bei einer gewissen Luftbe-
schaffenheit, welche wohl zunächst von electrischen
Verhältnissen, und dem Grade der Erwärmung abhän-
gig ist, mephitische Gerüche sich viel leichter und stär-
ker verflüchtigen. Man kann der damaligen Luftbe-
schaffenheit in England allerdings diese Eigenschaft
zutrauen, wenn auch freilich hierüber keine genauen
Angaben zu ermitteln sind.
Die Krankheit dauerte im Ganzen fast ein halbes
Jahr, nämlich vom 15. April bis zum letzten
September *), sie ging also nur allmählich von Ort
zu Ort, und wir bemerken hier nicht die Blitzes-
schnelle in ihrer Verbreitung, die im Herbst 1529 in
Deutschland so grosse Verwunderung erregt hatte. Es
ist sehr zu bedauern, dass die Zeitgenossen über den
Ausbruch und den Verlauf der Schweissfieberseuche
in den einzelnen Städten entweder keine Nachrichten

1) Hosack nimmt in Fällen dieser Art einen „fermentative or assimilating process“ in der Atmosphäre an. p. 312. T. I. Laws on contagion. – Denselben Gedanken hat schon Lucrez in dichterischer Weise ausgesprochen. L. WI. v. 1118–23.

2) Caius, p. 29. – 3) P. 2. 8.

[blocks in formation]

London den 9. Juli.

Sterblichkeit.

aufgezeichnet haben, oder wenn dergleichen je vor-
handen gewesen, dass sie nicht von den Späteren
benutzt worden sind. Denn ohne Zweifel würde
sich hier eine sehr denkwürdige Verschiedenartigkeit
der Verhältnisse ergeben, und man würde vielleicht
die diesmalige ganz eigenthümliche Verbreitung der
Luftverderbniss nach sicheren Thatsachen, nicht nach
blossen Vermuthungen beurtheilen können. So ist
schon die einzige noch erhaltene Thatsache sehr auf-
fallend, dass das Schweissfieber ein ganzes Vierteljahr
bedurfte, um den kurzen Weg von Shrewsbury nach
London zurückzulegen. Denn es brach hier erst am
9. Juli aus, und erreichte nach althergebrachter Weise
schon in einigen Tagen seine grösste Höhe, so dass
die reissende Zunahme des Todesfälle in der ganzen
Stadt Schrecken erregte ! ). Doch war die Sterblich-
keit bei weitem geringer als in Shrewsbury, denn es
starben in der ganzen ersten Woche nur 800 Ein-
wohner *), und man kann, wenn auch alle Zeitgenos-
sen über diese ganz wesentliche Frage schweigen,
doch mit Bestimmtheit annehmen, dass die Seuche nir-
gends länger als funfzehn Tage, vielleicht nur an den
meisten Orten, wie sonst gewöhnlich, nur fünf und
sechs Tage gewährt habe.
Der Menschenverlust im ganzen Reiche war sehr
bedeutend, so dass ein Geschichtschreiber sogar von
Entvölkerung spricht *); auch blieb kein Stand ver-
schont, sondern mit gleicher Wuth forderte die
Schweisssucht ihre Opfer in den unreinen Hütten der
Armen, wie in den Palästen der Grafen und Her-

1) Holinshed, p. 1031. u. a.
2) Stow, p. 1023., Baker, p. 332.
3) Godwyn, p. 142.

zöge“). Hieraus erklärt sich denn auch die allgemeine Niedergeschlagenheit, und die im ganzen Volke sich äussernde Frömmigkeit, die Mutter zahlloser Werke christlicher Milde und Menschenliebe, durch welche gewiss viele Thränen getrocknet, viele Waisen und Wittwen gegen Noth und Mangel geschützt wurden. Denn diese an sich sehr erfreuliche Erscheinung zeigt sich nur bei grossen Niederlagen und allgemeiner Todesfurcht – so lehrt es die Weltgeschichte der Volkskrankheiten – und wir wollen zur Ehre der Engländer gern glauben, dass der religiöse Aufschwung, den sie durch ihre, an sich freilich nur dogmatische Kirchenverbesserung erhalten, keinen geringen Antheil daran gehabt habe. Doch liegt es leider so in dem Wesen der menschlichen Gesellschaft: ist die Noth vorüber, so lässt die Tugend nach, – kaum waren die Todten betrauert, so kehrte alles wieder zum gewohnten Treiben zurück *). So bemächtigte sich einst der Byzantiner während eines grossen Erdbebens eine nie gesehene Gottesfurcht; bei Tag und bei Nacht strömten sie in die Kirchen, man sah nur christliche Tugend, Entsagung und Werke der Wohlthätigkeit – doch währte es damit nur so lange, bis der Boden wieder feststand *). Man machte in diesem Jahre die höchst auffal- Ausländer

lende Bemerkung, dass die Schweiss sucht die EÄn Ausländer in England durchaus verschonte, AÄrden Engländern dagegen ins Ausland folgte, so dass diese in den Niederlanden und Frankreich, ja selbst in Spanien, von der ihnen angeborenen Seuche in nicht unbeträchtlicher Anzahl weggerafft wurden, ohne diese irgendwo den Eingeborenen mitzutheilen. Nicht einmal in dem nahen Calais erkrankten die französischen Einwohner *), und da nun auch weder die Schotten, Bewohner der gemeinschaftlichen Insel, noch die Irländer von dem Schweissfieber heimgesucht wurden, so können wir die Annahme irgend einer Eigenthümlichkeit in dem ganzen Sein der Engländer, welche sie ausschliesslich für diese Krankheit empfänglich machte, nicht von der Hand weisen. Diese genauer zu bestimmen, möchte um so schwerer fallen, da in dem Ursprungsjahre der Schweisssucht gerade die Ausländer es waren, unter denen die englische Krankheit zuerst ausbrach, und wiederum Engländer, die sich ein Jahr lang in Frankreich aufgehalten, bei ihrer Rückkehr im Sommer 1551 dem Schweissfieber unterlagen *). Die Zeitgenossen finden sie freilich in der thierischen Völlerei und der rohen Lebensweise der Engländer, genug in allen den Dingen, die wir zeither kennen gelernt, und die ohne Zweifel auch ihres Theils den Deutschen und Niederländern ins Jahre 1529 dieselbe Geissel zugezogen haben. Kaye, der vollgültigste Augenzeuge, führt sogar zum Beweise dieser Ansicht an, dass die Mässigen in England von

1) Unter anderen starb der Herzog von Suffolk und sein Bruder. Godwyn, a. a. O.

2) „And the same being whote and terrible, inforced the people greatly to call upon God, and to do many deedes of charitie: but as the disease ceased, so the devotion quickly decayed.“ – Grafton, p. 525.

3) Gesch, der Heilk. Bd. II. S. 136.

1) Caius, p. 30. u. a. a. St. – „And it so folowed the Englishmen, that such Marchants of England, as were in Flaunders and Spaine, and other countries beyond the sea, were visited therewithall, and non other nation infected therewith.“ Grafton, a. a. O. – Vergl. Baker, p. 332. – Holinshed, p. 1031.

2) Caius, p. 48.

« ZurückWeiter »