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vor dem Henkerschwerte Ludwig’s unterhielt *). Diese Seuche gab dem Könige Veranlassung, unter der Zucht seines finstern Leibarztes *) sich in du Plessis les Tours eng einzuschliessen. Bei schwerer Strafe war es verboten, in seiner Gegenwart vom Tode zu reden, der überall seine Beute forderte, und 40 Armbrustschützen hielten in den Gräben des Schlosses Wache, alles Lebendige zu tödten, das sich nahete *). Zwei Jahre darauf (1484) herrschten wiederum in Deutschlaud und der Schweiz bösartige Krankheiten *), und so schien es, als drohete überall den Völkern Tod und Verderben.

5. R. ich mond”s Eeer.

Aus diesen Angaben, die leicht noch weiter ausgeführt werden könnten *), wird es einleuchtend, dass die Schweisssucht von 1485 nicht ohne grosse und allgemeine Vorbereitungen erschien, welche nun schon eine Reihe von Jahren hindurch den Bewohnern Englands die Empfänglichkeit für gefahrvolles und ungewöhnliches Erkranken mitgetheilt hatten. Wenn man hierbei noch die düstere Stimmung der Engländer und die allgemeine Niederdrückung der Gemüther in Folge des grauenvollen Krieges der rothen und weissen Rose

1) Es wird ausdrücklich von den Geschichtschreibern versichert, dass viele Vornehme aus immerwährender Angst und Furcht vor Tristan's Schwerte schlaflos wurden. Wie musste ein solcher Zustand dem mörderischen Fieber den Weg bahnen!

2) Jacques Cotier. Er erpresste von seinem Patienten monatlich 10,000 Thaler, musste aber nach dessen Tode 100,000 an Karl VIII. zurückzahlen. Comines, L. VI. c. 12. p. 400.

3) Mezeray, a. a. O.

4) Spangenberg, Mansfeld. Chron. fol. 379. a. Pestilentz, 1485.

5) Vergl. Webster, T. I. p. 147.

in Anschlag bringt – einer Reihe von Begebenheiten, welche den Glauben an die höhere Leitung menschlicher Schicksale erschüttern mussten – so ergiebt sich leicht, wie es nur noch eines kleinen Anstosses bedurfte, um einen gewaltigen Sturm in dem geheimnissvollen Getriebe des menschlichen Körpers anzuregen. Diesen Anstoss gab offenbar die Landung Richmond's gerade in einem Jahre, wo man grossem und ungewöhnlichem Unheil entgegensah. Denn am 16. März – dem Todestage der Königin Anna, der unglücklichen Gemahlin Richard's III. – hatte eine gänzliche Sonnenfinsterniss Europa in Dunkel gehüllt, und düstere Weissagungen veranlasst ! ). Nun sind schon unter gewöhnlichen Umständen Kriege die Erzeuger pestartiger Seuchen, wie viel unvermeidlicher mussten diese aber unter den damaligen werden! Denn Richmond's Heer bestand nicht aus Schaaren wackerer Krieger, beseelt von Eifer, das entehrte Vaterland zu rächen, oder einer guten Sache zu dienen, es waren nur umherschweifende Söldlinge, „verderbliche Landsknechte,“ wie man sie in Deutschland nannte, die sich in Havre unter seinen Fahnen sammelten, Freischützen, die noch von Ludwig XI. errichtet, in der Normandie ohne Scheu brandschatzten, und die Karl VIII. dem Hülfe suchenden Fremden mit Freuden überliefs, um seine friedlichen Landschaften endlich von einer so argen Plage zu befreien *).

1) Spangenberg, Mansfeld. Chr. fol. 398. a., und viele andere Chronisten. – Man wolle gütigst bemerken, dass hier und in ähnlichen Stellen nicht von der Meinung des Verf, sondern von der Denkweise des Zeitalters die Rede ist.

2) – Il y avoit seulement en Normandie quelque troupes de francs-archers, de ceux, que Louis XI. avoit licenciez, qui couroient la campagne: et plusieurs faineants s'étant joints avec Vielleicht war dieses Kriegsheer nicht schlimmer, als alle anderen dieser Zeit "), aber gewiss voll hinreichend verderbter Säfte, um während einer siebentägigen Seefahrt, in unreinen Schiffen eng zusammengeschichtet, die Keime einer bösen Krankheit auszubrüten, welche bald darauf an den Ufern der Severn, wie im Lager zu Lichfield, zum Ausbruch kommen sollte.

6. wesen der schweifssucht.
Vorläufige Erörterung

Hier bedarf es nun vor allem einiger Andeutung des Wesens dieser Krankheit. Sie war ein hitziges Flussfieber mit grossem Nervenleiden; für diese Annahme spricht die Art ihres Ursprunges und ihre besondere Entscheidung durch überreichlichen und schadhaften Schweiss. So viel wir noch die schädlichen Einflüsse im Jahre 1485 zu beurtheilen vermögen, so kann unbedenklich angenommen werden, dass die Nässe dieses und der vorhergehenden Jahre die Verrichtung der Lungen und der Haut beeinträchtigt, und das Verhältniss dieses vielseitig lebendigen Gewebes zu den inneren Werkstätten des Lebens gestört habe. Dies pflegt der Anfang von Flussfiebern zu sein, welche nun auch in der Art ihrer Aus

eux, ils détruisoient tout le pais, et on devoit méme craindre, que ce mal ne se communiquät aux provinces voisines. Mais il se présenta alors une belle occasion de delivrer la France de ces pillards – – – et lui donna (Charles VIII.) tout ces francsarchers et brigands de Normandie jusqu'au nombre de 3000. Mezeray, T. II. p. 762,

1) „La milice estoit plus cruelle et plus desordonnée que jamais.“ So spricht Mezeray von den französischen Soldaten im Allgemeinen. T. II. p. 750.

Ausgleichung der englischen Schweisssucht wie kleine Erscheinungen den gleichartigen grossen entsprechen. Doch geben die überwiegenden Zufälle des Hirns und der Nerven der englischen Seuche ein eigenthümliches Gepräge. Heftig war in dieser Krankheit das achte Nervenpaar ergriffen. Dafür sprechen das erschwerte Athmen, die grosse Angst der Kranken mit Ekel und Erbrechen, Zufälle, denen die Späteren Werth und Bedeutung beilegen *). Betäubung und unausweichliche Schlafsucht zeugen von Lähmung des Gehirns, welcher sich wahrscheinlich träge Zurückhaltung des schwarzen Blutes in den erschlafften rückführenden Adern hinzugesellte. Auch kommt hierbei eine in den Körpern vorbereitete Verderbniss und Entmischung des Blutes in Anschlag, welche durch fast gleichzeitige grosse Erscheinungen im mittleren Europa erwiesen wird, wenn man vielleicht auch weniger geneigt sein sollte, sie aus den übelriechenden Schweissen in der Krankheit selbst zu folgern. Denn vornehmlich in Deutschland herrschte im Jahre 1486 der Scharbock als Volkskrankheit mit so grossen und ungewöhnlichen Zufällen, dass man ihn für ein ganz neues Uebel zu halten geneigt war *). Nun ruft in dem lebendigen Zusammenhange der Verrichtungen jede Hinderung des Athmens, entweder von aussen durch Druck, oder von innen durch Krampf und Nervenreizung, oder auch durch krankhaften Zustand des

1) Schiller, Sect. II. c. 1. p. 131. b.

2) Angelus, S. 253. – Spangenberg, M. Chr. fol. 398. b. – Im 15ten und 16ten Jahrhundert war der Scharbock ohne Vergleich bedeutender für die menschliche Gesellschaft, als jetzt, und trat mehrmals als Volkskrankheit auf. Man vergleiche vorzüglich Reusner, dessen Werk für die Geschichte der Volkskrankheiten überhaupt nicht unwichtig ist, Sennert, Wier u. a.

Blutes, unausbleiblich die ausgleichende Hautthätigkeit hervor, und der Körper trieft von erleichterndem Schweisse. Es ergiebt sich also ganz deutlich, dass der strömende Schweiss in unserer Krankheit, mit alIen seinen Merkmalen schadhafter Beimischung, das Ergebniss einer von Seiten der Lungen angeregten, an und für sich kritischen Bewegung war, und damit stimmen alle Ursachen überein, von denen wir noch Kunde haben. Schädliche, sogar übelriechende Nebel drangen in das Innere der Werkzeuge des Athmens, und wie hierdurch das Blut in seiner Mischung und in seinem Leben in Anspruch genommen, und eine nur durch starkes Schwitzen auszugleichende Verderbmiss in ihm angeregt wurde, so konnte ein unmittelbarer Eingriff in die weitausgedehnte Verrichtung des achten Nerven nicht fehlen, welche bei vielen – so berichten die Späteren – selbst in das Rückenmark ausstrahlte, und heftige Zuckungen herbeiführte ). Damit haben wir nur eine wesentliche von den vielen Triebfedern der riesenhaften Krankheit bezeichnet, und zwar eine solche, die das Fortschreiten und die Ausbreitung der Seuche anschaulich macht. Es ist höchst wahrscheinlich, der angeführten Gründe wegen, und diese Annahme stimmt mit aller menschlichen Erfahrung überein, dass sie in dem Heere Heinrich's VII. zuerst ausgebrochen sei, unbezweifelt gewiss, dass sie sich von Westen nach Osten, und nachher wieder von Osten nach Westen verbreitete. Bei der ganz gleichmässigen Einwirkung der vorbereitenden Ursachen, bei welchen die Krankheit ohne Zweifel in ganz England zu gleicher Zeit hätte ausbrechen müssen, wenn der Zustand der Luft ihre einzige Ver

1) Schiller, a. a. O.

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