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mes, über die Glieder sich verbreitendes An wehen, wonach sogleich ohne alle sichtbare Ursache der Schweiss hervorbrach, bei anhaltender, sich steigernder Hitze der inneren Theile, die sich nach aussen verbreitete. Die Kranken litten bei sehr beschleunigtem und gereiztem Puls") an grossem Durst, und warfen sich äusserst unruhig umher; sie verfielen häufig, unter heftigem Kopfweh, in schwatzhaftes Irrere den, doch gewöhnlich erst um die neunte Stunde, und in sehr verschiedener Abstufung ihrer Geistesabwesenheit *), wonach dann die Schlafsucht eintrat. Bei anderen zögerte der Schweiss länger, während leichten Frierens der Glieder, dann brach er reichlich hervor, rieselte jedoch nicht immer in gleicher Menge die Haut herunter, sondern abwechselnd, bald mehr, bald weniger. Er war dick und von verschiedener Farbe, bei allen aber von sehr übelem Geruch *), der bei etwaniger Unterdrückung, nach erfolgtem VWiederausbruch, noch viel durchdringender wurde *). Kaye fügt zu dem, was wir bereits über die Brustbeschwerde der Kranken wissen, noch die bedeutungsvolle Angabe hinzu, dass die Kranken eine

logen Beobachtung ergiebt sich indessen, dass damit reissende,
rheumatische Schmerzen gemeint sind. „Hierbei klagten die
Kranken über einen reissenden Schmerz im Nacken, welcher bei
allen Patienten bald heftiger, bald gelinder bemerkt wurde.“
Sinner, S. 10.
1) Pulsus concitatior, frequentior. Die einzige Angabe über
den Puls, die sich bei allen Schriftstellern vorfindet. Caius, p. 16.
Wahrscheinlich fürchteten die meisten Aerzte Ansteckung, und
unterliessen deshalb die Untersuchung des Pulses.

2) P. 106.
3) Odoristeter rimi. Tyengius, bei Forest, P. 158. -
4) Newen ar, sol. 72. b.

Puls.

Schweiss.

Stimme.

klägliche, seufzende Stimme hätten vernehmen
lassen, woraus mit vollem Rechte auf ein tieferes Lei-
den des achten Nervenpaares geschlossen werden kann,
und beschreibt ausserdem eine sehr milde Form
der Krankheit, wie eine solche 1529 im südlichen
Deutschland die vorherrschende war. Sie verlief bei
entsprechender Pflege ohne alle Gefahr in dem sehr
kurzen Zeitraume von funfzehn Stunden, und
wurde bei mässiger Hitze durch einen ganz sanften
Schweiss entschieden *).
Es ist auffallend, dass während dieser stürmischen
Krankheit weder die Thätigkeit der Nieren,
noch die Stuhl ausleerung ganz unterbrochen
wurden. Denn es ging fortwährend ein trüber und
dunkeler Harn ab, wenn auch begreiflich in geringer
Menge, und mit grosser Unzuverlässigkeit der progno-
stischen Merkmale, worüber die harnschauenden Aerzte
in nicht geringe Verlegenheit geriethen *). Man be-
merkte auch wohl zuweilen in den leichter heilbaren
Fällen, dass die Kranken, gleichzeitig mit dem
Ausbruche des Schweisses Harn in grosser
Menge liessen *), weshalb ein französischer Arzt
den Vorschlag that, bei den Schweissfieberkranken
den Harn zu treiben *). Doch hat dies Verfahren
wohl keinen höheren therapeutischen Werth, als das
Schweisstreiben in der Harnruhr, oder in der Cholera,
und ist überdies viel weniger ausführbar. Dass zu-
weilen Stuhlgang erfolgte, und zwar ein nicht anzu-
haltender, geht aus den häufigen ärztlichen Verord-

1) P. 15. – 2) Schiller, Kaye, a. a. O.

3) – „cum alvi solutione aclotii haud modica eiectione, in ea morbi specie, quae curatum itura est.“ Damian. fol. 116. a.

4) Rondelet, de dignosc. morbis, a. a. O.

nungen hervor, wie es damit gehalten werden sollte,
die auch Kaye wiederholt *), auch scheinen Kranke
vorgekommen zu sein, in denen die Natur eine gleich-
zeitige Krise durch die Haut, die Nieren und die
Därme bewirkte.
Noch viel wichtiger aber ist die Bemerkung ei-
nes achtbaren holländischen Arztes, dass nach über-
standenem Schweisse an den Gliedmassen kleine,
nicht zusammenfliessende, und die Haut sehr uneben
machende Bläschen erschienen wären ?), die von
keinem andern ärztlichen Beobachter, wohl aber von
dem Verfasser eines alten Hamburgischen Zeitbuches,
und zwar, dass man sie noch an den Leichen gesehen,
erwähnt werden *). Es sind hierunter höchst wahr-
scheinlich Frieselbläschen, vielleicht aber auch
Flecken zu verstehen, doch ist alles gegen die An-
nahme, dass diese Erscheinung beständig, und mithin
das Schweissfieber eine Ausschlagskrankheit gewesen
sei *). Denn es würde ihrer in diesem Falle in den

1) Die Erkältung zu vermeiden liess man die Kranken lieber das Bett verunreinigen. Steckbecken kannte man nicht. Kaye, p. 110., und die meisten anderen.

2) Tyengius, bei Forest, p. 158. b. – „Febrem sudor finiebat, post se relinquens in extremitatibus corporis pustulas parvas, admodum exasperantes, diversas et malignas secundum humorum malignitatem.“

3) „Wenn dat versehen würde, dat se de Hände oder Vothen uth der Decken steckende, so waren se dodt und schwart aver allen Live alse ene Kahl, und vull Bladdern, und stuncken so, dat man se fort tho der Erden bestaden muste, van groten Stancks wegen.“ Staphorst, Th. II. Bd. I. S. 83.

4) Der ältesten Tochter von Thomas Morus, der gelehrten Margaretha Roper, die 1517 oder 28 am Schweissfieber erkrankte, und gerettet wurde, brachen nach erneutem Schweisse (er war unterdrückt worden) Flecken über den ganzen Körper aus (maculae quas ronchas (?) vocant), die man sonst für To

Ausschlag. Genesung.

zahllosen Nachrichten der Geschichtschreiber, von de-
nen viele die Krankheit ohne Zweifel selbst gesehen
haben, irgendwie Erwähnung geschehen sein, und sie
selbst bei den häufigen Rückfällen der Genesenen
sich deutlicher und bestimmter ausgebildet haben. Eine
Verwandtschaft mit dem Frieselfieber wird durch sie
allerdings angedeutet, jedoch nur insofern beide Krank-
heiten rheumatischen Ursprungs sind, und dieser leise
Anflug von dem Wesen einer Ausschlagskrankheit
wurde bei dem englischen Schweissfieber wahrschein-
lich nur in ganz vereinzelten Fällen beobachtet. Was
mit dieser Andeutung aus dem Schweissfieber bei län-
gerem Verlaufe hätte werden, ob es vielleicht gar in
Frieselfieber hätte übergehen können, diese Frage
liegt ausser dem Bereiche des Geschehenen, da auch
später Uebergänge dieser Art nie beobachtet worden
sind. Beide Krankheiten sind in Verlauf und Eigen-
thümlichkeit streng von einander gesondert, der Frie-
sel aber entwickelte sich unter ganz anderen Verhält-
nissen erst im folgenden Jahrhundert zur selbstständi-
gen Volkskrankheit, und seine entschiedeneren Vor-
läufer sind nur jenseits der fünf Schweissfieberseuchen
aufzufinden.
Die Erschütterung der Lebenskräfte durch den
englischen Schweiss war sehr bedeutend, woher denn
auch schnelle Genesung wohl nur nach der mildesten
Form dieser Krankheit beobachtet wurde, diejenigen
aber, denen sie heftiger zugesetzt hatte, mindestens
noch acht Tage lang sehr hinfällig und kraftlos blie-
ben, so dass sie durch gute Pflege und stärkende Nah-

deszeichen hielt, oder die erst nach dem Tode zum Vorschein kamen. Th. Stapleton, Vita et obitus Thomae Mori, C. 6. P. 26. S. Mori Opera.

rung nur allmählich wieder aufgerichtet wurden. Nach
überstandenem Schweiss nahm man sie behutsam von
dem Lager, trocknete sie im warmen Zimmer vorsich-
tig ab, setzte sie an das Kaminfeuer, und gab ihnen
zur ersten Erquickung gewöhnlich Eiersuppe, doch
konnten die meisten das überstandene Fieber noch
lange Zeit nachher nicht ganz verwinden. Selten konn-
ten Genesene schon am zweiten oder dritten Tage
wieder ausgehen *).
In noch viel grössere Gefahr geriethen die, de-
nen der Schweifs im Verlaufe der Krankheit
selbst irgendwie unterdrückt wurde. Die
meisten von ihnen verfielen dem unabwendbaren Tode
– dies bestätigt die Volksstimme seit 1485 – bei
denen sich aber die Lebenskraft zu erneutem Wider-
stande regte, da brach nach kurzer Frist ein neuer
Schweiss hervor, noch vicl übelriechender als der erste,
so dass der Körper wie von stinkender Jauche triefte,
und es schien, als wollten die inneren Theile sich
ihrer Fäulniss in übermässiger Anstrengung auf einmal
entledigen *). Es liegt am Tage, dass dieser wiederholte
Sturm noch vielen, die ohne ein Hinderniss der Ent-
scheidung hätten gerettet werden können, verderblich
werden musste, denn es ist in hitzigen Krankheiten
nichts gefährlicher, als wenn Aussonderungen unter-
brochen werden, welche die Natur als das einzige
Rettungsmittel anordnet.
Rückfälle waren häufig, weil die Genesenen
nach überwundener Krankheit noch lange sehr reiz-
bar blieben. Man sah diese zum dritten und vier-

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1) Und gewiss nur nach sehr zweckmässiger, schonender Behandlung. S. das Wittenberger Regiment, Kaye, a. a. O., Schmidt, S. 307., und Klemzen, S. 256.

2) Newen ar, fol. 72. b.

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