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über dumpfes Kopfweh klagten alle '), und es währte nicht lange, so brach die furchtbare Schlafsucht herein 2), die, wurde sie nicht standhaft überwunden, den sichern Tod durch Schlagflufs herbeiführte. Hierdurch wurde den bewufstlosen Kranken wenigstens das Scheiden von den Ihrigen erleichtert, das ihnen, da sie von Angst zermartert wie in einem stinkenden Sumpfe lagen, viel qualvoller geworden wäre, als in irgend einem andern Leiden.

Angst.

Eben diese tödtliche Angst begleitete sie, so lange sie ihrer Sinne mächtig blieben, durch die ganze Krankheit 3). Bei vielen wurde sogar das Gesicht blau und aufgedunsen, oder mindestens überzogen sich die Lippen und Augengruben mit Bleifarbe, woraus ganz deutlich hervorgeht, dafs der Durchgang des Blutes durch die Lungen in ähnlicher Weise wie bei grofser Engbrüstigkeit gehemmt war *). Sie athmeten daher mit grofser Beschwerde, als wären die Lungen von mächtigem Krampf oder beginnender Lähmung ergriffen; dabei zitterte und klopfte ihnen das Herz immerwährend, unter dem Herzklopfen, drückenden Gefühl inneren Brennens, das in den bösartigen Fällen zu Kopfe stieg, und tödtliche Fieberwuth anregte), und nach kurzem Zögern, bei vielen

1) Schiller, Stettler.

2) Somnolentia et inevitabilis sopor, Schiller; ein harter Schlaf bei fast allen Chronisten.

3) Schiller.

4),, Aliis mox tument manus et pedes, aliis facies, quae et in pluribus livet: nonnullis sola labia et superciliorum loca: mu lieribus etiam inguina inflantur.“ Damian. fol. 116. a.

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5) Maximus denique calor haud procul a corde sentitur, qui ad cerebrum devolans delirium adducit, internecionis nuncium." Damian, a. a. O.

Schweifs. gleich zu Anfang, brach der stinkende Schweifs in Strömen über den ganzen Körper hervor, entweder heilbringend, wenn das Leben Herr über die Krankheit werden konnte, oder verderblich, wenn es ihm unterlag, wie jedes vergebliche Heilbestreben. Und hier zeigten sich denn grofse Verschiedenheiten nach der Leibesbeschaffenheit der Kranken, wie sie auch bei geringeren Krankheiten hervortreten. Denn einige schwitzten sehr leicht, andere dagegen sehr schwer, und am schwersten die Phlegmatischen, denen mithin die gröfste Gefahr drohete 1).

Krämpfe. In diesem gewaltigen Kampfe wurde zuweilen auch später das Rückenmark so sehr ergriffen, dass selbst Zuckungen hinzutraten, und es geschah nicht selten, dafs in Folge des beengenden Brustleidens der Magen seinen aufgeregten Zustand durch Ekel und Erbrechen. Erbrechen zu erkennen gab 2). Doch zeigten sich diese Zufälle hauptsächlich nur bei denen, die bei vollem Magen von der Krankheit befallen wurden.

Nackenschmerz.

So weit die Zeitgenossen von 1529, deren Angaben von Kaye, einem englischen Augenzeugen der Schweifsfieberseuche von 1551 nur wenig ergänzt werden. Die Beobachtungen dieses ganz zuverlässigen Arztes mögen sich hier, so weit sie in das Bild der Krankheit gehören, noch mit anschliefsen, da keine wesentlichen Verschiedenheiten zwischen beiden Erkrankungen aufzufinden sind. Beim ersten Eintritt befiel die Krankheit den Nacken oder die Schultern, bei anderen auch einen Schenkel oder einen Arm mit ziehenden Schmerzen 3). Einige fühlten auch ein war

1) Damian. a. a. O.

2) Schiller, a. a. O. 3),,Primo insultu aliis cervices aut scapulas, aliis crus aut brachium occupavit." p. 15. Kaye sagt nicht, was er unter diesem occupare“ eigentlich versteht. Aus einer neuern ana

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Puls.

mes, über die Glieder sich verbreitendes Anwehen, wonach sogleich ohne alle sichtbare Ursache der Schweifs hervorbrach, bei anhaltender, sich steigernder Hitze der inneren Theile, die sich nach aufsen verbreitete. Die Kranken litten bei sehr beschleunigtem und gereiztem Puls 1) an grofsem Durst, und warfen sich äusserst unruhig umher; sie verfielen häufig, unter heftigem Kopfweh, in schwatzhaftes Irrereden, doch gewöhnlich erst um die neunte Stunde, und in sehr verschiedener Abstufung ihrer Geistesabwesenheit 2), wonach dann die Schlafsucht eintrat. Bei anderen zögerte der Schweifs länger, wäh- Schweifs. rend leichten Frierens der Glieder, dann brach er reichlich hervor, rieselte jedoch nicht immer in gleicher Menge die Haut herunter, sondern abwechselnd, bald mehr, bald weniger. Er war dick und von verschiedener Farbe, bei allen aber von sehr übelem Geruch 3), der bei etwaniger Unterdrückung, nach erfolgtem Wiederausbruch, noch viel durchdringender wurde *).

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Kaye fügt zu dem, was wir bereits über die Brustbeschwerde der Kranken wissen, noch die bedeutungsvolle Angabe hinzu, dafs die Kranken eine

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logen Beobachtung ergiebt sich indessen, dafs damit reifsende, rheumatische Schmerzen gemeint sind. Hierbei klagten die Kranken über einen reifsenden Schmerz im Nacken, welcher bei allen Patienten bald heftiger, bald gelinder bemerkt wurde.“ Sinner, S. 10.

1) Pulsus concitatior, frequentior. Die einzige Angabe über den Puls, die sich bei allen Schriftstellern vorfindet. Caius, p. 16. Wahrscheinlich fürchteten die meisten Aerzte Ansteckung, und unterliefsen deshalb die Untersuchung des Pulses.

2) P. 106.

3) Odoris teterrimi. Tyengius, bei Forest, p. 158.
4) Newenar, fol. 72. b.

Stimme. klägliche, seufzende Stimme hätten vernehmen lassen, woraus mit vollem Rechte auf ein tieferes Leiden des achten Nervenpaares geschlossen werden kann, und beschreibt aufserdem eine sehr milde Form der Krankheit, wie eine solche 1529 im südlichen Deutschland die vorherrschende war. Sie verlief bei entsprechender Pflege ohne alle Gefahr in dem sehr kurzen Zeitraume von funfzehn Stunden, und wurde bei mässiger Hitze durch einen ganz sanften Schweifs entschieden 1).

Es ist auffallend, dafs während dieser stürmischen Krankheit weder die Thätigkeit der Nieren, noch die Stuhlausleerung ganz unterbrochen wurden. Denn es ging fortwährend ein trüber und dunkeler Harn ab, wenn auch begreiflich in geringer Menge, und mit grofser Unzuverlässigkeit der prognostischen Merkmale, worüber die harnschauenden Aerzte in nicht geringe Verlegenheit geriethen 2). Man bemerkte auch wohl zuweilen in den leichter heilbaren Fällen, dafs die Kranken, gleichzeitig mit dem Ausbruche des Schweifses Harn in grofser Menge liefs en 3), weshalb ein französischer Arzt den Vorschlag that, bei den Schweifsfieberkranken den Harn zu treiben ). Doch hat dies Verfahren 4). * wohl keinen höheren therapeutischen Werth, als das Schweifstreiben in der Harnruhr, oder in der Cholera, und ist überdies viel weniger ausführbar. Dafs zuweilen Stuhlgang erfolgte, und zwar ein nicht anzuhaltender, geht aus den häufigen ärztlichen Verord

1) P. 15.

3)

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2) Schiller, Kaye, a. a. O.

cum alvi solutione ac lotii haud modica eiectione, in

ea morbi specie, quae curatum itura est." Damian. fol. 116. a.

4) Rondelet, de dignosc. morbis, a. a. O.

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nungen hervor, wie es damit gehalten werden sollte, die auch Kaye wiederholt ), auch scheinen Kranke vorgekommen zu sein, in denen die Natur eine gleichzeitige Krise durch die Haut, die Nieren und die Därme bewirkte.

Noch viel wichtiger aber ist die Bemerkung ei- Ausschlag. nes achtbaren holländischen Arztes, dafs nach überstandenem Schweifse an den Gliedmafsen kleine, nicht zusammenfliefsende, und die Haut sehr uneben machende Bläschen erschienen wären 2), die von keinem andern ärztlichen Beobachter, wohl aber von dem Verfasser eines alten Hamburgischen Zeitbuches, und zwar, dafs man sie noch an den Leichen gesehen, erwähnt werden 3). Es sind hierunter höchst wahrscheinlich Frieselbläschen, vielleicht aber auch Flecken zu verstehen, doch ist alles gegen die Annahme, dafs diese Erscheinung beständig, und mithin das Schweifsfieber eine Ausschlagskrankheit gewesen sei *). Denn es würde ihrer in diesem Falle in den

1) Die Erkältung zu vermeiden liefs man die Kranken lieber das Bett verunreinigen. Steckbecken kannte man nicht. Kaye, p. 110., und die meisten anderen.

2) Tyengius, bei Forest, p. 158. b. -,,Febrem sudor finiebat, post se relinquens in extremitatibus corporis pustulas parvas, admodum exasperantes, diversas et malignas secundum humorum malignitatem.

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3),, Wenn dat versehen würde, dat se de Hände oder Vothen uth der Decken steckende, so waren se dodt und schwart aver allen Live alse ene Kahl, und vull Bladdern, und stuncken so, dat man se fort tho der Erden bestaden muste, van groten Stancks wegen." Staphorst, Th. II. Bd. I. S. 83.

4) Der ältesten Tochter von Thomas Morus, der gelehrten Margaretha Roper, die 1517 oder 28 am Schweifsfieber erkrankte, und gerettet wurde, brachen nach erneutem Schweisse (er war unterdrückt worden) Flecken über den ganzen Körper aus (maculae quas ronchas (?) vocant), die man sonst für To

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