Abbildungen der Seite
PDF

nen Ansichten gemässigt, er zeigt sich durchweg als einen sehr gebildeten, und in den Griechen bewan. derten Arzt, und wenn auch er von dem Ballaste schwerfälliger Arzneien sich nicht frei halten kann, so mag nicht ihm, sondern dem Zeitalter die Schuld beigemessen werden, welches eben so wie jedes andere seine Dämonen walten liess, und den Genius der Heilkunde mit Nebel und Finsterniss umgab – den freien und grossen, über menschliche Kurzsichtigkeit erhabenen, der seine Verehrer nur unter den begeisterten Dienern der Natur findet.

12. Bild der Krankheit.

Die Angaben der Zeitgenossen über die Erscheinungen und den Verlauf der Schweisssucht sind zwar im Einzelnen ungenügend und mangelhaft *), doch lässt sich aus der Gesammtheit der noch erkennbaren Züge ein lebendiges und vollständiges Bild ihres Angriffes auf den menschlichen Körper entwerfen, besonders aus den deutschen Beobachtern, die ihre eigenen und die allgemeinen Erfahrungen ihrer Zeit treu und redlich wiedergaben, denn die Engländer haben bis hierher fast nur das Aeussere dieser nun schon zum vierten Male unter ihnen aufgekommenen Volkskrank

heit geschildert. Es ist ausgemacht, dass das Schweifsfieber zwar im Ganzen äusserst hitzig verlief, und die Nachwehen nicht in Anschlag gebracht, in höchstens vierundzwanzig Stunden zur Entscheidung eilte, doch liess es selbst in dieser engen zeitlichen Be

1) Schiller sagt ganz naiv, „ die Zeichen der Krankheit wären offenbar, und die er nicht angegeben, müsse man sich-hinzudenken.“ Sect. II. c. 1. sol. 20. b.

Beschränkung sehr verschiedenartige Zufälle hervortreten *), so dass bei einer genaueren Beobachtung, als von den damaligen Aerzten erwartet werden kann, nicht wenige Stufen seiner Ausbildung und Heftigkeit zu unterscheiden gewesen wären. Es zeigte sich sogar eine Form dieser Krankheit, der gerade der wesentlichste Zufall, der schmelzende Schweiss abging*), wie bei der gefährlichsten Form der Cholera Erbrechen und Durchfall fehlen, und die entweder durch einen allzu gewaltsamen Angriff das Leben innerhalb einiger Stunden vernichtete, oder vielleicht auch irgend eine andere uns unbekannte Wendung nahm. Vorboten fehlten durchaus, wenn man nicht eine mit Herzklopfen verbundene Beklommenheit hierher rechnen will, welche vielleicht nicht körperlichen Ursprungs war, sondern von der allgemein verbreiteten Todesfurcht herrührte, oder ein ohnmachtähnliches unwiderstehliches Sinken der Kräfte, das vielleicht der Krankheit so vorausging, wie es im nördlichen Deutschland als Gesammterscheinung den Ausbruch der Seuche verkündet hatte *), – oder auch rheumatische Leiden verschiedener Art, die im Sommer 1529 häufig vorkamen *), – endlich auch widrigen Geschmack und übeln Geruch aus dem Munde, eine auffallend gewöhnliche Klage in dieser Zeit *). Bei den meisten trat die Krankheit, wie die Mehrzahl der Fieber, mit kurzem Schüttelfroste und Zittern ein *), das in den ganz bösartigen Fällen selbst in Zuckungen der Glieder überging *), bei anderen mit mässiger, fort und fort zunehmender Hitze *), entweder ohne offenbare Veranlassung, selbst mitten im Schlafe, so dass die Kranken beim Erwachen schon im Schweisse lagen, oder auch im Rausch und während harter Arbeit *), besonders früh am Morgen bei Sonnenaufgang *). Viele Kranke empfanden sogleich zu Anfang ein unangenehmes Kriebeln oder Ameisen laufen in den Händen und Füssen *), das sich sogar zu stechenden Schmerzen und einem äusserst schmerzhaften Gefühl unter den Nägeln steigerte, zuweilen auch mit rheumatischen Krämpfen, und mit einer solchen Ermattung des Oberkörpers verbunden war, dass die Befallenen durchaus nicht im Stande waren, die Arme zu heben ?). Einigen sah man während dieser Zufälle die Hände und Füsse, den Weibern auch wohl die Weichen anschwellen *). Hierauf entwickelten sich in rascher Folge bedenkliche Hirn zu fälle. Viele geriethen in rasende Fieberwuth *), und diese starben gewöhnlich "9),

1) „Habet inconstantes notas morbus.“ Schiller. – „Diversos diversimode adoritur.“ Damian. fol. 115. b.

2) S. oben das Remedium, S. 129. Anm. 2. – Sudoris absentia plurimum nocebat. Forest. p. 158. Schol.

3) S. oben S. 96. Klemzen, S. 254.
4) Bayer, Cap. 6. – M. Hundt, fol. 5. a.

5) Bayer, a. a. O.

Vorboten.

Frost.

Hirnzufälle.

1) Angelus, S. 319. – Schiller, Stettler, a. d. a. St., und viele andere. 2) Damian. fol. 115. b. – 3) Schiller, a. a. O. 4) Das Regiment von Wittenberg. 5) Damian. fol. 115. b. – 6) Klemzen, S. 255. 7) „Ungues potissimum excruciat, alas ita comprimit, ut etiam si velis, non posses attollere.“ Forest. p. 157. Schol. – „In extremitatibus puncturis retorquentur dolorosis – extremitates obstupefiunt, dolet orificium ventriculi, nervorum contractiones nascuntur, plantarum pedumque dolores.“ Damian. fol. 116. a. 8) Damian. a. a. O. – 9) Klemzen, a. a. O.

10) „Nec quenquam vidimus ita delirantem restitutum incolumitati.“ Damian. fol. 116. a.

über dumpfes Kopfweh klagten alle "), und es
währte nicht lange, so brach die furchtbare Schlaf-
sucht herein *), die, wurde sie nicht standhaft über-
wunden, den sichern Tod durch Schlagfluss herbei-
führte. Hierdurch wurde den bewusstlosen Kranken
wenigstens das Scheiden von den Ihrigen erleichtert,
das ihnen, da sie von Angst zermartert wie in einem
stinkenden Sumpfe lagen, viel qualvoller geworden
wäre, als in irgend einem andern Leiden.
Eben diese tödtliche Angst begleitete sie, so
lange sie ihrer Sinne mächtig blieben, durch die ganze
Krankheit *). Bei vielen wurde sogar das Ge-
sicht blau und aufgedunsen, oder mindestens
überzogen sich die Lippen und Augengruben mit Blei-
farbe, woraus ganz deutlich hervorgeht, dass der Durch-
gang des Blutes durch die Lungen in ähnlicher Weise
wie bei grosser Engbrüstigkeit gehemmt war *). Sie
athm eten daher mit grosser Beschwerde, als
wären die Lungen von mächtigem Krampf oder be-
ginnender Lähmung ergriffen; dabei zitterte und
klopfte ihnen das Herz immerwährend, unter dem
drückenden Gefühl inneren Brennens, das in den bös-
artigen Fällen zu Kopfe stieg, und tödtliche Fieber-
wuth anregte *), und nach kurzem Zögern, bei vielen

1) Schiller, Stettler.

2) Somnolentia et inevitabilis sopor, Schiller; ein harter Schlaf bei fast allen Chronisten.

3) Schiller.

4), Aliis mox tument manus et pedes, aliis facies, quae et in pluribus livet: nonnullis sola labia et superciliorum loca: mulieribus etiam ingnina inflantur.“ Damian. fol. 116. a.

5) „Maximus denique calor haud procul a corde sentitur, qui ad cerebrum devolans delirium adducit, internecionis nnncium.“ Damian. a. a. O.

[merged small][ocr errors]
[ocr errors][ocr errors][merged small][merged small][merged small]

gleich zu Anfang, brach der stinkende Schweifs
in Strömen über den ganzen Körper hervor, entweder
heilbringend, wenn das Leben Herr über die Krank-
heit werden konnte, oder verderblich, wenn es ihm
unterlag, wie jedes vergebliche Heilbestreben. Und
hier zeigten sich denn grosse Verschiedenheiten nach
der Leibesbeschaffenheit der Kranken, wie sie auch
bei geringeren Krankheiten hervortreten. Denn einige
schwitzten sehr leicht, andere dagegen sehr schwer,
und am schwersten die Phlegmatischen, denen mithin
die grösste Gefahr drohete").
In diesem gewaltigen Kampfe wurde zuweilen
auch später das Rückenmark so sehr ergriffen, dass
selbst Zuckungen hinzutraten, und es geschah nicht
selten, dass in Folge des beengenden Brustleidens der
Magen seinen aufgeregten Zustand durch Ekel und
Erbrechen zu erkennen gab *). Doch zeigten sich
diese Zufälle hauptsächlich nur bei denen, die bei vol-
lem Magen von der Krankheit befallen wurden.
So weit die Zeitgenossen von 1529, deren An-
gaben von Kaye, einem englischen Augenzeugen der
Schweissfieberseuche von 1551 nur wenig ergänzt wer-
den. Die Beobachtungen dieses ganz zuverlässigen
Arztes mögen sich hier, so weit sie in das Bild der
Krankheit gehören, noch mit anschliessen, da keine
wesentlichen Verschiedenheiten zwischen beiden Er-
krankungen aufzufinden sind. Beim ersten Eintritt be-
fiel die Krankheit den Nacken oder die Schultern, bei

anderen auch einen Schenkel oder einen Arm mit zie

henden Schmerzen *). Einige fühlten auch ein war

1) Damian. a. a. O. – 2) Schiller, a. a. O.

3) „Primo insultu aliis cervices aut scapulas, aliis crus aut brachium occupavit.“ p. 15. Kaye sagt nicht, was er unter diesem „ occupare“ eigentlich versteht. Aus einer neuern ana

« ZurückWeiter »