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Von dem gelehrten Augsburger Arzte Achilles

Gasser, Gasser ') besitzen wir noch eine sehr überladene Arzneivorschrift, deren er sich in der Schweissfieberseuche mit jugendlichem Vertrauen bediente ?). Wir könnten dieser noch tausend ähnliche zur Seite stellen, wenn es nicht schon am Tage läge, wie wenig die damalige Heilkunde im altgriechischen Gewande dem Bedürfnisse der Zeit entsprach; schwerfällig, unbeholfen und ihres ursprünglichen Geistes längst beraubt, denn so und nicht anders wurde sie an den Hochschulen gelehrt.

In dem breiten Sendschreiben von Simon Ri- Riquinus, quinus an den Grafen von Newenar in Köln %), sind zwar Spuren der besseren Grundsätze bemerklich, die sich von Hamburg aus schnell über ganz Deutschland verbreiteten, doch ist die angerathene Vorbauung nicht viel besser, als zu den Zeiten des Kaisers Antonin, wo der Theriak des Andromachus zu den Bedürfnissen des römischen Hofes gehörte. Beiläufig erzählt Riquinus, ein Bauer in der Gegend von Cleve, der vom englischen Schweisse befallen worden sei, habe sich eiligst in einen noch heissen Backofen verkrochen, und sei nach einiger Zeit

1) Geb. 1505, + 1577.

2) Es ist das Electuarium liberans Gasseri: R. Spec. Jiberant. Galen, Spec. de gemm. an. 3j, Pulveris Dictamn., Tormentill., Serpentinae, an. Jiv, Pimpinell. Zedoariae an. 3B, Bol. Armen. lot., Terr. sigillat. an. Jij, Rasar. Cornu cervin. Əj, Zingiber. 3B, Conserv. rosar. rec. ZB, Theriac. veteris 3j, Syrup. acetositatis citri q. s. ut f. electuar. spiss. Velsch.

p.

19. Gasser berichtet in seiner Chronik von Augsburg, es wären dort über 3000 Menschen erkrankt, aber nur 600 gestorben. S. Mencken, Scriptores rerum Germanicarum.

3) Gratorol. fol. 74. b.

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Newenar.

ganz ermattet wieder zum Vorschein gekommen *).
Eben dieser Umstand beweist, dass der Mann nur an
einem eingebildeten, nicht am wirklichen Schweissfie-
ber gelitten; dass aber das Brot, welches man nach-
her wieder in diesem Ofen gebacken, wie vergiftet
gewesen sei, konnte wohl nur die Leichtgläubigkeit
des gelehrten Leibarztes erklärlich finden.

Der Graf von Newenar?) äussert sich über
das Schweissfieber wie ein gebildeter, mit ärztlichen
Dingen nicht unbekannter Mann, und sucht das kri-
tische Wesen des Schweisses durch das häufig er-
probte Verfahren von Empirikern zu beweisen, Pest-
kranke gleich zu Anfang in starken Schweiss zu brin-
gen :), bei welcher Gelegenheit er von einem gewis-
senlosen Arzte erzählt, er habe sich auf diese Weise
der Pest in einem öffentlichen Bade entledigt, die
nach ihn Kommenden aber wären sämmtlich ange-
steckt worden und gestorben. Seiner Angabe nach
war der englische Schweiss in und um Köln nicht
eben tödtlich *), doch finden wir ihn an den Ufern
der Schelde und in den niederländischen Seestädten
wieder in seiner alten Bösartigkeit.

Man erkennt diese ganz deutlich aus der Schrift eines vielbeschäftigten Arztes in Gent, Tertius Damianus aus Vissenaecken bei Tirlemont 5), dessen eigene Frau vom Schweissfieber befallen, und glück

Damianus.

1) Fol. 85. Wahrscheinlich weicht dieses Sendschreiben
von der besonders erschienenen lateinischen Schweissfieberschrift
dieses Arztes nicht wesentlich ab. (De idyonvpetoù seu sudato-
riae febris curatione Liber. Coloniae, 1529. 4.)

2) Gratorol. fol. 64. 3) Fol. 69. b.
4) Videmus, quam multi de sudore convalescant. fol. 66. a.

5) Diese Stadt heisst niederländisch Tienen (Thenae in mon-
tibus), von Damianus Decicopolis übersetzt.

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lich wieder hergestellt wurde'). Die Zufälle, von denen Damianus Rechenschaft giebt, gehören zu den bedeutendsten, deren nur irgend Erwähnung geschieht, auch scheint es wohl, dass die Krankheit, gegen die Meinung vieler, sie entstände nur aus Furcht, in den Niederlanden eine viel grössere Ansteckungskraft entwickelt habe, als in Deutschland, wozu die erhitzende Behandlung das Ihrige beigetragen haben mag ?). Bemerkenswerth ist die eindringliche Weise, mit der Damianus seine Kranken von der Schlafsucht zurück hielt. Er liefs ihnen, wenn die gewöhnlichen Mittel nicht fruchteten, ab und zu Haare ausreissen, die Glieder schmerzhaft zusammenschnüren, Essig in die Augen tröpfeln "3) – freilich entschuldigte die Gefahr das Mittel, aber die Gewaltsamkeit erzwingt nicht leicht den Erfolg. In Uebrigen weichen die Ansich: ten dieses Arztes nicht von den gewöhnlichen ab, und wenn er über den grossen Wucher der Apotheker Klage führt 4), so war dieser wohl eine natürliche Wirkung der üblichen Arzneivorschriften, deren er selbst viele sebr verwerfliche empfiehlt.

Was irgend die gelehrte Heilkunde des sechzehnten Jahrhunderts einem so furchtbaren Feinde gegenüber leisten konnte, zeigt sich in der sehr gehaltreichen Schrift Joachim Schiller's 5) in Freiburg, die jedoch erst zwei Jahre später erschien, und über die Entwickelung der Seuche im Breisgau leider nicht den gewünschten Aufschluss giebt. Schiller ist in sei

Schiller.

1) Fol. 117. a. 2) Fol. 109. a. 3) Fol. 116. b.

4) Fol. 118. a. Damianus hat seine nicht unwichtige Abhandlung während der Schweissfieberseuche in Gent niedergeschrieben.

5) Er nennt sich Schiller von Herderen, von einen Landgute in dem gleichu: migen Dorfe, dicht bei Freiburg.

nen Ansichten gemässigt, er zeigt sich durchweg als einen sehr gebildeten, und in den Griechen bewan. derten Arzt, und wenn auch er von dem Ballaste schwerfälliger Arzneien sich nicht frei halten kann, so mag nicht ihm, sondern dem Zeitalter die Schuld beigemessen werden, welches eben so wie jedes andere seine Dämonen walten liess, und den Genius der Heilkunde init Nebel und Finsterniss umgab den freien und grossen, über menschliche Kurzsichtigkeit erhabenen, der seine Verehrer nur unter den begeisterten Dienern der Natur findet.

12. Bild der Krankheit.

Die Angaben der Zeitgenossen über die Erscheinungen und den Verlauf der Schweisssucht sind zwar in Einzelnen ungenügend und mangelhaft"), doch lässt sich aus der Gesammtheit der noch erkennbaren Züge ein lebendiges und vollständiges Bild ihres Angriffes auf den menschlichen Körper entwerfen, besonders aus den deutschen Beobachtern, die ihre eigenen und die allgemeinen Erfahrungen ihrer Zeit treu und redlich wiedergaben, denn die Engländer haben bis hierher fast nur das Aenssere dieser nun schon zum vierten Male unter ihnen aufgekommenen Volkskrankheit geschildert.

Es ist ausgemacht, dass das Schweifsfieber zwar im Ganzen äusserst hitzig verlief, und die Nachwehen nicht in Anschlag gebracht, in höchstens vierundzwanzig Stunden zur Entscheidung eilte, doch liess es selbst in dieser engen zeitlichen

Be

1) Schiller sagt ganz naiv, die Zeichen der Krankheit wären offenbar, und die er nicht angegeben, müsse man sich-hinzudenken.“ Sect. II. c. 1. fol. 20. b.

Beschränkung sehr verschiedenartige Zufälle hervortreten"), so dass bei einer genaueren Beobachtung, als von den damaligen Aerzten erwartet werden kann, nicht wenige Stufen seiner Ausbildung und Heftigkeit zu unterscheiden gewesen wären. Es zeigte sich sogar eine Form dieser Krankheit, der gerade der wesentlichste Zufall, der schmelzende Schweiss abging ?), wie bei der gefährlichsten Form der Cholera Erbrechen und Durchfall fehlen, und die entweder durch einen allzu gewaltsamen Angriff das Leben innerhalb einiger Stunden vernichtete, oder vielleicht auch irgend eine andere uns unbekannte Wendung nahm.

Vorboten fehlten durchaus, wenn man nicht Vorboten. eine mit Herzklopfen verbundene Beklommenheit hierher rechnen will, welche vielleicht nicht körperlichen Ursprungs war, sondern von der allgemein verbreiteten Todesfurcht herrührte, oder ein ohnmachtäbnliches unwiderstehliches Sinken der Kräfte, das viel. leicht der Krankheit so vorausging, wie es im nördlichen Deutschland als Gesammterscheinung den Ausbruch der Seuche verkündet hatte 3), oder auch rheumatische Leiden verschiedener Art, die im Sommer 1529 häufig vorkamen *), - endlich auch widrigen Geschmack und übeln Geruch aus dem Munde, eine auffallend gewöhnliche Klage in dieser Zeit 5).

Bei den meisten trat die Krankheit, wie die Mehr Frost. zahl der Fieber, mit kurzem Schüttelfroste und

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1) „Habet inconstantes notas morbus.“ Schiller. versos diversimode adoritur.“ Damian. fol. 115. b.

2) S. oben das Remedium, S. 129. Anm. 2. Sudoris aba sentia plurimuin nocebat. Forest. p. 158. Schol.

3) S. oben S. 96. Kleizen, S. 234.
4) Bayer, Cap. 6. - M. Hundt, fol. 5. a.
5) Bayer, a. a. 0.

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