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Schweissfieberseuche gebrochen hatten, und der Verfasser verschweigt nicht, dass man ihn hierüber schon am 7. August von Hamburg aus belehrt habe. Dass durch dies Verfahren nicht nur einzelne Kranke *) gerettet, sondern auch ganze Städte vor allzugrosser Sterblichkeit bewahrt worden seien, wollen wir ihm gern glauben, und wir müssen deshalb um so mehr bedauern, dass die damalige Heilkunst der starren Schulen ihren Beruf als Priesterin des Lebens so durchweg verkannte, dass sie mit ihren abenteuerlichen Arzneien mehr Opfer niederstreckte, als die Seuche je abgefordert haben würde. Wie bald das englische Verfahren die verdiente Anerkennung fand, ist aus einer, der Sache nach fast gleichlautenden lateinischen Schrift zu entnehmen, die ein Auszug aus einigen deutschen Flugschriften zu sein scheint *). Die einzigen hierin empfohlenen, sehr unschädlichen Arzneimittel sind nächst aromatischen Riechwässern Perlen und Korallen in erwärmtem Rosenwasser, esslöffelweise innerlich gegeben. Zur Vorbauung wird der durchweg sehr gebräuchliche Theriak in dem Safte gebratener Zwiebeln, jedoch nur in sehr geringer Gabe empfohlen. – Aehnliche gute Ansichten in Betreff des Schwitzens unterschrieben auch wohl noch andere Aerzte *), und endlich liess der grosse Rath von Bern, noch unter dem 18. December eine zu Geduld und unerschrockenem Gemüth ermahnende Schrift ausgehen, in der der Gebrauch der Federbetten und aller Arzneien während der Krank

1) „Ich habe in meinem Hause sieben ligen gehabt an der selben seuche, von welchen, Gott lob, keiner starb.“ (Aus dem Briefe eines Hamburgers, in demselben Regiment.)

2) Gratorol. fol. 87. b. – 3) Ebend. fol. 90.

Cordus.

heit, ausser etwas Zimmtwasser, ernstlich widerrathen
wurde *). Auch der Hof von Holland empfahl ein
Heilverfahren *), wahrscheinlich das englische – die
beiden einzigen Spuren irgend einer väterlichen Für-
sorge der Regierungen für ihre Unterthanen.
Der gelehrte und schöngeistige Euricius Cor-
dus *) in Marburg hatte, als er schrieb *) noch keine
Kunde von dem heilbringenden englischen Verfahren,
und trat bei aller seiner Berühmtheit doch nur in die
Reihe der gewöhnlichen Rathgeber. Er konnte sich
von den aus Italien mitgebrachten Arzneivorschriften
nicht losmachen, sondern reichte dem einzigen in
Marburg vorgekommenen Schweissfieberkranken einen
zwar sehr gebräuchlichen, aber sehr widrigen Trank
von Benedetto *). Seine Verordnungen zur Vor-

bauung sind sehr überladen, doch ist bei dem häufi

gen Gebrauche der Abführmittel, den in dieser Zeit fast alle Aerzte anrathen, wohl zu erwägen, dass die damalige Völlerei sie im Allgemeinen nothwendiger machte, als vielleicht jetzt. Der Bischoff Ditmar von Merseburg hat der Nachwelt verrathen, der berühmte Mann habe sich vor der neuen Krankheit sehr gefürchtet, und seiner Angst kein Hehl gehabt *).

1) Stettler, Th. II. S. 33.
2) Wagenaar, a. a. O. S. 509.

3) Sein eigentlicher Name ist Heinrich Spaten, wovon Cordus (der Letztgeborne oder Spätgeborne) eine Uebersetzung sein soll.

4) Den 2. September.

5) B'. Pulveris cardiaci (sehr zusammengesetzt aus Edelsteinen und vielen anderen Dingen) 3ij, Pulveris cornu cervi 5j, Seminis Santonici, Myrrhae T 5ß. M. f. pulv. Drachmenweise in erwärmtem Weinessig.

6) Chronic. p. 473.

Von dem gelehrten Augsburger Arzte Achilles Gasser *) besitzen wir noch eine sehr überladene Arzneivorschrift, deren er sich in der Schweissfieberseuche mit jugendlichem Vertrauen bediente *). Wir könnten dieser noch tausend ähnliche zur Seite stellen, wenn es nicht schon am Tage läge, wie wenig die damalige Heilkunde im altgriechischen Gewande dem Bedürfnisse der Zeit entsprach; schwerfällig, unbeholfen und ihres ursprünglichen Geistes längst beraubt, denn so und nicht anders wurde sie an den Hochschulen gelehrt.

In dem breiten Sendschreiben von Simon Riquinus an den Grafen von Newen ar in Köln *), sind zwar Spuren der besseren Grundsätze bemerklich, die sich von Hamburg aus schnell über ganz Deutschland verbreiteten, doch ist die angerathene Vorbauung nicht viel besser, als zu den Zeiten des Kaisers Antonin, wo der Theriak des Andromachus zu den Bedürfnissen des römischen Hofes gehörte. Beiläufig erzählt Riquinus, ein Bauer in der Gegend von Cleve, der vom englischen Schweisse bcfallen worden sei, habe sich eiligst in einen noch heissen Backofen verkrochen, und sei nach einiger Zeit

1) Geb. 1505, + 1577.

2) Es ist das Electuarium liberans Gasseri: B. Spec. liberant. Galen, Spec. de gemm. an. 3j, Pulveris Dictamn, Tormentill, Serpentinae, an. Div, Pimpinell. Zedoariae an. 5ß, Bol. Armen. lot, Terr. sigillat. an. Dij, Rasur. Cornu cervin. Dj, Zingiber. 5ß, Conserv. rosar. rec. Zß, Theriac. veteris Zj, Syrup. acetositatis citri q. s. ut f electuar. spiss. – Velsch. p. 19. – Gasser berichtet in seiner Chronik von Augsburg, es wären dort über 3000 Menschen erkrankt, aber nur 600 gestorben. S. Mencken, Scriptores rerum Germanicarum.

3) Gratorol. fol. 74. b.

Gasser.

Riquinus. ganz ermattet wieder zum Vorschein gekommen !). Eben dieser Umstand beweist, dass der Mann nur an einem eingebildeten, nicht am wirklichen Schweissfieber gelitten; dass aber das Brot, welches man nachher wieder in diesem Ofen gebacken, wie vergiftet gewesen sei, konnte wohl nur die Leichtgläubigkeit des gelehrten Leibarztes erklärlich finden. Der Graf von Newen ar *) äussert sich über das Schweissfieber wie ein gebildeter, mit ärztlichen Dingen nicht unbekannter Mann, und sucht das kritische Wesen des Schweisses durch das häufig erprobte Verfahren von Empirikern zu beweisen, Pestkranke gleich zu Anfang in starken Schweiss zu bringen *), bei welcher Gelegenheit er von einem gewissenlosen Arzte erzählt, er habe sich auf diese Weise der Pest in einem öffentlichen Bade entledigt, die nach ihm Kommenden aber wären sämmtlich angesteckt worden und gestorben. Seiner Angabe nach war der englische Schweiss in und um Köln nicht eben tödtlich *), doch finden wir ihn an den Ufern der Schelde und in den niederländischen Seestädten wieder in seiner alten Bösartigkeit. Man erkennt diese ganz deutlich aus der Schrift eines vielbeschäftigten Arztes in Gent, Tertius Damianus aus Vissenaecken bei Tirlemont *), dessen eigene Frau vom Schweissfieber befallen, und glücklich wieder hergestellt wurde"). Die Zufälle, von denen Damianus Rechenschaft giebt, gehören zu den bedeutendsten, deren nur irgend Erwähnung geschieht, auch scheint es wohl, dass die Krankheit, gegen die Meinung vieler, sie entstände nur aus Furcht, in den Niederlanden eine viel grössere Ansteckungskraft entwickelt habe, als in Deutschland, wozu die erhitzende Behandlung das Ihrige beigetragen haben mag *). Bemerkenswerth ist die eindringliche Weise, mit der Damianus seine Kranken von der Schlafsucht zurückhielt. Er liess ihnen, wenn die gewöhnlichen Mittel nicht fruchteten, ab und zu Haare ausreissen, die Glieder schmerzhaft zusammenschnüren, Essig in die Augen tröpfeln *) – freilich entschuldigte die Gefahr das Mittel, aber die Gewaltsamkeit erzwingt nicht

Newenar.

Damianus.

1) Fol. 85. – Wahrscheinlich weicht dieses Sendschreiben von der besonders erschienenen lateinischen Schweissfieberschrift dieses Arztes nicht wesentlich ab. (De iógottvgsroö seu sudatoriae sebris curatione Liber. Coloniae, 1529.4.)

2) Gratorol. fol. 64. – 3) Fol. 69. b.

4) Widemus, quam multi de sudore convalescant. fol. 66. a.

5) Diese Stadt heisst niederländisch Tienen (Thenae in montibus), von Damianus Decicopolis übersetzt.

leicht den Erfolg. Im Uebrigen weichen die Ansich

ten dieses Arztes nicht von den gewöhnlichen ab, und wenn er über den grossen Wucher der Apotheker Klage führt *), so war dieser wohl eine natürliche Wirkung der üblichen Arzneivorschriften, deren er selbst viele sehr verwerfliche empfiehlt. Was irgend die gelehrte Heilkunde des sechzehnten Jahrhunderts einem so furchtbaren Feinde gegenüber leisten konnte, zeigt sich in der sehr gehaltreichen Schrift Joachim Schiller's *) in Freiburg, die jedoch erst zwei Jahre später erschien, und über die Entwickelung der Seuche im Breisgau leider nicht den gewünschten Aufschluss giebt. Schiller ist in sei

1) Fol. 117. a. – 2) Fol. 109. a. – 3) Fol. 116. b.

4) Fol. 118. a. – Damianus hat seine nicht unwichtige Abhandlung während der Schweissfieberseuche in Gent niedergeschrieben.

5) Er nennt sich Schiller von Herderen, von einem Landgute in dem gleichnamigen Dorfe, dicht bei Freiburg.

Schiller,

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