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Bayer.

zügen und allen seinen Mängeln, auch im Gebiete der Volkskrankheiten, und zwar zum ersten Male in der englischen Schweissfieberseuche seine zahlreichen Blätter entfalten. In den Seestädten geschah von dieser Seite nichts, denn der Ausbruch der Seuche kam zu unvermuthet, und als diese nach einigen Wochen schon wieder vorüber war, so schien es nicht mehr der Mühe werth, darüber das Volk noch zu belehren. Diese Ueberraschung zeigt sich ganz deutlich in der Antwort der an das Krankenbett der Herzogin zusammengerufenen Doctoren und Licentiaten in Stettin: die Krankheit wäre ihnen neu und unbekannt, sie wüssten nichts zu rathen, als herzstärkende Arzneien "). In Mitteldeutschland dagegen, wo das Gerücht von der neuen Pest schon im August alles in Aufruhr brachte, und der Ausbruch der Seuche in Zwickau die Menschen in wilder Flucht durch einander jagte, flatterten die Schweissschriften schon in eben diesem Monate, und noch mehr im September nach allen Richtungen umher. Nach dem wissenschaftlichen Massstabe sind sie fast alle ohne VWerth, viele von ihnen wurden sogar schädlich, und nur sehr wenige verbreiteten gute Ansichten. Die meisten von ihnen sind verloren gegangen, wie z. B. die am 3. September erschienene des Buchdruckers Frantz in Zwickau, in wie grosser Menge sie aber vorhanden gewesen sind, geht schon daraus hervor, dass Dr. Bayer in Leipzig, der mit der seinigen am 4. September hervortrat, deren schon viele gelesen zu haben versichert, und sich über diese „ neuen ungegründten Büchlein“ ereifert, von denen die Leute verführt würden, sich Qualen und Martern anzuthun *). Eben dieser Dr. Bayer schreibt

1) Klemzen, S. 255. – 2) Th. I. cap. 8.

im Sinne eines ganz verständigen Alltagsarztes, schilt
wacker auf die Vorurtheile der Menschen, und den
Unfug der ärztlichen Gewerksleute, auf ihr sinnloses
Aderlassen, wenn der Barbier sein Schild aushängt,
oder ein rothes Zeichen auf der Lasstafel steht; auch
sind einige seiner Rathschläge nicht übel, besonders
wenn vom arabistischen Gebrauch der unschädlichen
Syrupe die Rede ist, – sonst aber bewahrt er red-
lich den Ballast seines Zeitalters, und hält viel von
vorbauenden Aderlässen, Abführungen und starken
Arzneien, deren er so viele vorschlägt, dass seine Le-
ser nothwendig in Verwirrung kommen mussten. Seine
Vorschriften über das Schwitzen sind sehr zweckmä-
ssig, denn er warnt vor dem Erzwingen des Schweisses,
richtet sich nach den Umständen, und beginnt selbst
die Behandlung mit einem Brechmittel, wenn der Zu-
stand des Magens ihm dazu geeignet scheint. Die An-
steckung zu verhüten, empfiehlt er bei der bevorste-
henden Herbstmesse, die Fremden aus „sterben-
den Landen“ in eigenen Herbergen unterzu-
bringen, fleissig zu räuchern, und vor jeder Mess-
bude ein Feuer zu unterhalten.
Eine andere Schrift von Caspar Kegeler in
Leipzig ist ein trauriges Denkmal des ärztlichen Wun-
derglaubens, der sich von Herophilus bis in die
neueste Zeit durch die ganze Heilkunde hindurchzieht.
Sie ist ein wahres Schweissarzneibuch, ohne alle Ein-
sicht in das Wesen der Krankheit abenteuerlich zu-
sammengewürfelt, eine Fundgrube wunderlicher Pillen
und Latwergen aus unzählbaren Bestandtheilen, mit
denen sich dieser „dunkele Ehrenmann“ vorgenommen
hatte, in den Leibern seiner Kranken zu wüthen.
Hätte er nur einen Schweissfieberkranken gesehen,
so würde er mindestens inne geworden sein, wie un-

Kegeler.

Hellwetter.

möglich es gewesen wäre, in vierundzwanzig Stunden
auch nur den hundertsten Theil seiner Büchsen und
Gläser und Schachteln in Anwendung zu bringen. Mit
welchem Beifall dieses Arzneibüchlein von den Aerz-
ten gleicher Einsicht und Gesinnung aufgenommen
wurde, zeigen die acht Auflagen, die es erlebte *),
man kann sich daher des betrübenden Gedankens
nicht erwehren, dass vielleicht Tausende von Kran-
ken mit Kegeler's Arzneien gemisshandelt und hin-
geopfert worden sind. -
Ein dritter Arzt in Leipzig, Dr. Johann Hell-
wetter, versichert in seiner Flugschrift, in fremden
Landen das Schweissfieber kennen gelernt zu haben,
und giebt über das Schwitzen einige ganz gute Rath-
schläge, die von selbsterworbener Kenntniss zeugen,
und an das ursprünglich englische Verfahren erinnern.
Seinem Ausspruche, die Fische seien schädlich, scheint
die Erfahrung zum Grunde zu liegen, dass der anhal-
tende Genuss von Fischen übelriechende Schweisse
hervorbringt, und seine Aufforderung an die Aerzte,
die Kranken doch ja nicht zu fliehen, sondern sie
fleissig zu besuchen und sie zu trösten, giebt der Ver-
muthung Raum, dass wohl einige von diesen feig und
ehrvergessen genug waren, sich zurückzuziehen, oder
den Armen ihren Beistand zu versagen.
Fast alle Aerzte dieser Zeit waren im Besitz von
Geheimmitteln, die sie entweder in allen, oder doch
in den meisten Krankheiten auf eine sehr unziemliche
Weise in Gebrauch zogen, und an deren Heilsamkeit
die süssen Vorspiegelungen ihres Eigennutzes sie nicht
zweifeln liessen. Noch waren nicht die scharfen Me-

tallmittel der eben erst entstehenden spagirischen

1) Gruner, Script. p. 11.

Schule eingeführt worden, doch fehlte es nicht an ge-
waltigen erhitzenden Arzneien aus dem alten Vorrathe
der Empiriker, die fast durchgängig vor den milden
Tränken und Syrupen der Arabisten den Vorzug er-
hielten. Hellwetter verkaufte ein unbekanntes Pul-
ver, und eine Menge erhitzender Tincturen (gebrannte
Wässer), von denen Dr. Magnus Hundt in Leipzig
mit vieler Anpreisung eine Uebersicht giebt. Die Flug-
schrift dieses Arztes gehört in jeder Beziehung zu den
gewöhnlichen, giebt keinen Beweis von verständiger
Auffassung der Krankheit, und gehört in das Gebiet
des niedern ärztlichen Wirkens, welches in Zeiten der
Gefahr dem Volke so leicht zum Gespötte wird, und
die Achtung des ärztlichen Standes, zum grossen Nach-
theile des Gesammtwohles so sehr verringert.
Man glaube indessen nicht, dass diese Flugschrift-
steller von dem Volke, das in so gewaltiger Aufre-
gung Gutes und Schlechtes durcheinander wirft, über-
all so bereitwillig gehört wurden. Die Schrift eines
Dr. Klump in Ueberlingen, der seine Schweissfieber-
kranken im Ausbruche der Krankheit mit Theriak und
allerlei erhitzenden Pestpulvern bestürmte, erregte gro-
fses Gelächter *), und man kann nicht leugnen, das
Volk hatte wenigstens hier und da den Vortheil des
gesunden Sinnes gegen die unendlichen Recepte der
Aerzte auf seiner Seite. Und nun ist es erfreulich zu
sehen, wie dieser gesunde Sinn, der ohne Zweifel von
wackeren Aerzten geleitet wurde, in gar vielen Städ-
ten zum Heile der Leidenden durchdrang. Dies be-

1) „Vix malevolorum cachinnos morsusque praeteriit.“ Schiller, Epist. nuncupator. Den Titel der in der Bibliothek zu Strassburg noch vorhandenen Originalschrift giebt Gruner, Script. p. 12, und einen lateinischen Auszug daraus Gratoroli, fol. 39.

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Wittenberger weist die Flugschrift eines Arztes in Wittenberg " ), *“ die in der Sprache des Volkes geschrieben, höheren ärztlichen Anforderungen so vollkommen entspricht, dass ihrem unbekannten Verfasser noch jetzt der gerechteste Beifall zu Theil werden muss. Denn er zeigt durchweg eine sehr genaue Kenntniss des Schweissfiebers, und grosse Besonnenheit. Sein Verfahren ist durchaus milde und vorsichtig, er verwirft die Federbetten, warnt aber dringend vor jeder Abkühlung, und empfiehlt daher das in dieser Zeit sogenannte Benähen der Kranken, nämlich den Saum der Decke an das Lager mit Nadel und Faden zu befestigen, verordnet den Kranken mässiges, warmes, nicht erhitzendes Getränk *), erfrischt sie mit Rosensyrup, und schärft es seinen Lesern ein, dass die meisten Kranken ohne Arznei gerettet werden. Zur Verhütung der unbedingt tödtlichen Schlafsucht bediente man sich ausser anhaltendem Zuspruch, erfrischender Gerüche von Rosenwasser und Riechessig, dem Kranken in einem nicht zu nassen Tuche vorgehalten, oder vorsichtig die Schläfe damit benetzt. Die Genesenden wurden mit grosser Behutsamkeit gepflegt, und es ist wohl nicht der geringste Vorzug dieser ganz gediegenen Flugschrift, dass sie auch die Zaghaftigkeit der Kranken, mit Gründen einer milden, aber männlichen Religion, wie sie nur irgend dem Sinne dieses Zeitalters entsprach, bekämpfte. – Die hier gegebenen Vorschriften sind im Grunde die ursprünglich englischen, die schon im Jahre 1485 die Gewalt der

1) S. im Bücherverzeichniss: Ein Regiment u. s. w.

2) Irgend ein dünnes, erwärmtes Bier. Warmbier war im nördlichen Deutschland ein allgemein gebräuchliches Getränk. Einmbecker und Bernauer Bier waren schwerere Sorten, und wurden von den Aerzten zur Nachkur empfohlen.

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