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Niederlande.

mer nach ihren Wünschen und ihrer kleinlichen Gesinnung.

10. Die Aerzte.

Dem ärztlichen Stande wurde unter diesen Verhältnissen eine äusserst schwierige Aufgabe, deren sehr mangelhafte Lösung ihm nicht geradehin zum Vorwurfe gereichen kann. Das Wirken eines gelehrten und hülfreichen Arztes ist in den wechselnden Gestaltungen des Menschengeschlechts gewiss eine der edelsten Erscheinungen. Denn er vereinigt in sich die Macht der Einsicht in die Werke der Natur mit der Ausübung reiner, von seinem Berufe unzertrennlicher Menschenfreundlichkeit. Männer dieser idealischen Art lebten aber um diese Zeit nur wenige, und ihr mildernder Einfluss auf die mächtige Volkskrankheit war ohne Zweifel nur sehr gering. Denn diese war gewöhnlich schon vorüber, bevor sie noch dem neuen Feinde scharf ins Auge sahen, und wohlerwogenen Rath ertheilen konnten. Desto geschäftiger waren die ungebildeten und erwerblustigen Aerzte, welche – von jeher die Mehrzahl ihres Standes – diesen auch immer in seiner sittlichen Würde beeinträchtigt haben. Sie traten der Schweisssucht mit kecken Behauptungen entgegen, ängstigten das Volk mit vorlauten Schilderungen, priesen die Unfehlbarkeit ihrer Arzneien, und wurden die Verbreiter schädlicher Vorurtheile. In den Niederlanden – so versichert Ty engius, den wir zu den gelehrten und hülfreichen Aerzten rechnen – starb eine übergrosse Anzahl Kranker an den Wirkungen verderblicher Flugschriften, mit denen die Schweisssucht von eben jenen Unberufenen bekämpft werden sollte, die zum Theil in England gewesen zu sein vorgaben, den Einwohnern ihre Erfahrung, ihre Geschicklichkeit anrühmten, und mit ihren Pillen und „höllischen Latwergen“ von Ort zu Ort umherflatterten *), besonders wo reiche Handelsherren, wenn sie genesen würden, ihnen Berge Goldes versprachen *). Eben so war es in Deutschland, wo zu Deutschland. Anfang der gesunde Verstand des Volkes vor aller dieser Geschäftigkeit nicht zur Besinnung kommen konnte, und in einer Fluth von kleinen Schriften, die zum Theil selbst von Nichtärzten verfasst waren, heftig wirkende Arzneien als zuversichtliche Heilmittel empfohlen wurden. Aus dieser unlautern Quelle kam die Verordnung des gewaltsamen vierundzwanzigstündigen Schwitzens *), die man in den Rheinlanden „das niederländische Regiment“ nannte *), und es ist nicht zu entschuldigen, dass die Aerzte die ältere Erfahrung der Engländer, welche der Besonnenheit und dem zweckdienlichsten Verhalten das Wort redete, entweder gar nicht kannten, oder mit hochfahrendem Dünkel unbeachtet liessen. Begreiflich wird England.

1) „Verum quamplarimi, tam nobiles quam populares viri ac mulieres, hoc morbo misere suffocati sunt, ob libellos erroneos, ab indoctissimis hominibus in vulgus emissos, qui in eiusmodi lue curanda peritiam et experientiam jactabant, multosque in Anglia aliisque regionibussese curasse dicebant, cum omnia falsa essent. Tales inquam minima pietate sulti erga aegrotos, illorum loculos tantum expilabant, ac in sui commodum convertebant, nullam dealiorum damnis nec morte ipsa curam gerentes, sed quae sua sunt tantum curantes, nulla arte instructimiseros aegros, passim sua ignorantia trucidabant.“ Forest. L. VI. Obs. 8. p. 158. a.

2) „Ditissimi negotiatores, lectis adfixi medicos ad se vocabant, montes auri promittentes, si curarentur.“ Ditmar. p. 473.

3) „Nam occlusis rimis omnibus, et excitato igne copioso, opertisque stragulis, quo magis tutiusque sudarent, aestu praesocati sunt.“ Forest. a. a. O. p. 157. b.

4) Wild, bei Baldinger, S. 278.

Federbetten.

diese Vernachlässigung, die nur erst wieder gut gemacht wurde, als schon Tausende begraben waren, aus dem tadelnswerthen Stillschweigen der englischen Aerzte, von denen seit 1485, als wäre England von der Morgenröthe wissenschaftlicher Bildung noch nicht erhellt gewesen, kein einziger die Schweisssucht beschrieben, oder ein vernünftiges Heilverfahren dagegen angegeben hatte. Zwischen England und Deutschland bestand indessen ein lebendiger Verkehr, und es ist unglaublich, dass jenes Verfahren, welches nicht von einer starren ärztlichen Schule, sondern von dem gesunden Sinne des Volkes erfunden worden war, diesseit der Nordsee nicht früher hätte bekannt werden sollen. Es kann hier die Gewohnheit und häusliche VWeise der Deutschen nicht unberücksichtigt bleiben, denn diese begünstigte nicht wenig das verderbliche Vorurtheil des Erhitzens, für welches wir die Aerzte durchaus nicht ganz verantwortlich machen wollen. Die Hausfrauen sorgten schon damals mit allzugrosser Emsigkeit für hohe Betten, welche die Federn der verzehrten Gänse alljährlich aufnahmen. Auf die Behaglichkeit der Federbettwärme hielt man sehr viel, und am wenigsten wollte man sie den Kranken versagen. Hierdurch steigerten sich alle hitzigen Krankheiten zu viel grösserer Bösartigkeit, weil ein solches Lager entweder trockene Hitze bis zur Fieberwuth, oder nutzlosen erschlaffenden Schweiss verursacht. Dem entsprach der weit verbreitete Missbrauch der heissen Badstuben, und nicht weniger die Sitte, sich allzuwarm zu bekleiden. Ueberhaupt war in der ärztlichen wie in der Heilkunde des Volkes der Gedanke vorherrschend, dass die Krankheiten durch Wärme und Schweisstreiben bekämpft werden müssten. Wie nun aber die neuen Volkskrankheiten immer mit den herrschenden Begriffen und Gewohnheiten empfangen werden, denn die grosse Menge, der sich die meisten Aerzte gern zugesellen, lebt und webt ja in ihnen, so gerieth nun auch die Schweisssucht auf einen Boden, in dem sie ihre bösartigsten Angriffe auf das Leben entwickeln konnte. Doch wurde man nach vielen Trauerfällen schon in den ersten Tagen des begangenen Fehlers inne. In Zwickau starb am 5. September als ein Opfer seines eigenen Vorwitzes, ein Lobredner des vierundzwanzigstündigen Schwitzens, der ohne Arzt zu sein, dieses Verfahren in einem eigenen Schriftchen gepriesen hatte *). Einige Tage nach ihm ein Apotheker, ebenfalls in heissen Betten. Da liessen denn die Aerzte sogleich nach, verordneten den Kranken nur fünf oder sechs Stunden, und nicht mehr so gewaltig zu schwitzen, und wahrscheinlich fand der ehrenwerthe Ungenannte, dessen wir vorhin gedachten, beifälligen Glauben. Auch in Hamburg überzeugte man sich von der Schädlichkeit der Federbetten, und gab den wollenen Decken den Vorzug *). Denn das englische Verfahren wurde alsbald bekannt, und einsichtsvolle Menschenfreunde, die seine offenbare Heilsamkeit sahen, gaben davon in Briefen nach allen Seiten hin Nachricht *). In Lübeck hielt sich zur Zeit des Schweissfiebers ein gelehrter protestantischer Engländer auf, Dr. Antonius Barus, der mit grosser Menschenfreundlichkeit überall die englische Behandlung des Schweissfiebers bekannt machte. Er wurde aber nach beendigter Seuche aus der Stadt verwiesen, weil er den streng katholischen Rath um Duldung seiner Glaubensbrüder gebeten hatte. Viele wurden durch ihn gerettet, denn es war auch in dieser Stadt üblich, die Kranken „todt zu schmoren“*). In Stettin hörte man noch zur rechten Zeit vom englischen Verfahren, und zwei reisende Handwerker, welche von Hamburg dorthin gekommen waren, wurden den Einwohnern dieser Hauptstadt dadurch hülfreich, dass sie die Federn aus den Oberbetten zu nehmen riethen, und bekannt machten, wie man die Krankheit mit Glück behandelt habe. Sie hatten selbst Kranke gesehen, und konnten daher die an der wahren Schweisssucht Leidenden von den nur von dem Angstfieber Ergriffenen am Geruche unterscheiden. Sie waren beständig umlagert von Fragenden und Hülfe Suchenden, und während der grössten Noth wurden des Nachts die Gassen hell von den Leuchten der in Angst hin und her laufenden Angehörigen der Kranken *). Der Abscheu vor den Federbetten und der heissen Behandlung folgte nun auch der blinden Empfehlung des vierundzwanzigstündigen Schwitzens so rasch, dass man im Allgemeinen schon um die Mitte des Septembers, in vielen Orten wohl auch noch früher, zu besseren Ansichten gekommen war, und einige einsichtsvolle Männer nach den gemachten traurigen Erfahrungen die Gelegenheit ergriffen, besser auf das Volk einzuwirken, als ihre vorlauten Vorgänger, welche nun schon die Kirchhöfe so reichlich mit Leichen versehen hatten. Zu diesen hülfreichen Aerzten im wahren Sinne des Wortes gehört Peter Wild in Worms *), der 1) Reimar Kock's Chronik von Lübeck. 2) Klemzen, S. 255. 3) Bei Gratoroli: Petrus, Protomedicus. fol. 90.

1) Der Buchdrucker Frantz. Schmidt, S. 307. 2) Stelzner, Th. II. S. 219. 3) Dies geht aus dem Wittenberger Regiment hervor.

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