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keine Nahrung, und nur wenig mildes Getränk zu geniessen, und in ruhiger Lage vierundzwanzig Stunden geduldig auszuharren, bis zur Entscheidung des gefahrvollen Uebels. Die bei Tage befallen wurden, legten sich, um jede Kühlung zu vermeiden, in ihren Kleidern zu Bett, die bei Nacht erkrankten, standen nicht wieder auf von ihrem Lager, und alle hüteten sich sorgsam, eine Hand oder einen Fuss hervorzustrecken. So vermieden sie ängstlich Erhitzung und Abkühlung, um weder durch jene den Schweiss hervorzurufen, noch durch diese zu unterdrücken, denn sie wussten wohl, beides brachte ihnen den sicheren Tod *). Bald ging die Kunde durch das ganze Land, dies Verfahren sei zuverlässig, und so wurden denn bis gegen Neujahr 1486 noch Viele dem Verderben entrissen. An diesem Tage wehete ein gewaltiger Sturm aus Südosten, der durch Erfrischung des Luftmeers die gefahrvolle Spannung in den Leibern der Menschen löste, so dass die Seuche zur Freude des ganzen Volkes spurlos verschwand *).

3. Ursachen.

Es fiel schon damals auf, dass die Schweisssucht nicht über die Gränzen von England hinausging, und während sie ein trauriges Eigenthum der Britten blieb, nicht einmal nach Schottland oder Irland, oder dem brittischen Calais sich verbreitete. Vieles lag ohne Zweifel an der Eigenthümlichkeit des Landes, mehr noch an Veränderungen im Luftmeer, nicht wenig an den Gewohnheiten der Menschen und den Ereignissen

1) Grafton, p. 161, und die übrigen Chronisten.
2) Wood, a. a. O.

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der Zeit. Es zeigte sich in der Folge augenfällig, dass der englische Schweifs ein Gespenst des Nebels war, das in den grauen Wolken seine Schwingen regte. Nun lasten diese Wolken schon in gewöhnlichen Jahren schwer und lange auf England, in feuchten Jahren aber konnten sie der Ge

sundheit um so nachtheiliger werden, weil die dama-

ligen Engländer weder an Reinlichkeit, noch in ihren Bedürfnissen an Mässigkeit und behagliche Verfeinerung gewöhnt waren. Der thierische Genuss des Vielessens wurde von Vornehmen und Geringen hochgehalten, den Weinkrügen wurde über die Gebühr zugesprochen !), und die Landessitte billigte bei Gelagen und Gastmählern ein so verderbliches Uebermaass. Beachtet man nun, dass gerade die kräftigen Männer von der Krankheit am meisten ergriffen wurden, also der Theil des Volkes, der den Freuden der

Tafel und des Schenktisches am zügellosesten fröhnte,

während die Kinder, Weiber und Greise fast ganz verschont blieben, so liegt es nahe, der groben Genussgier dieses Zeitalters einen beträchtlichen Antheil an der Hervorbringung der unerhörten Seuche einzuräumen. Hierzu kam die Feuchtigkeit des Jahres 1485, die in den meisten Zeitbüchern als sehr bedeutend geschildert wird *). In ganz Europa strömte überreichlicher Regen vom Himmel herab, und Ueberschwemmungen waren häufig. Nun wird feuchte Witterung der Gesundheit nicht nachtheilig, wenn sie vorübergehend ist, bleibt aber ein Uebermaass von Re

Nässe.

1) Die schweren griechischen Weine waren in dieser Zeit die beliebtesten, vorzüglich der kretische, der Malvasier und der Muscatwein. Lemnius, de compl. L. II. sol. 111. b. – Reusner, p. 70.

2) Werlich, S. 248.

gen eine Reihe von Jahren hindurch, so dass der Boden ganz durchweicht wird, und die Nebel schädliche Beimischungen aus der Erde anziehen – so kann es nicht fehlen, der menschliche Körper leidet durch die üble Beschaffenheit des Bodens auf dem er lebt, der Luft die er athmet, und die Völker werden von Krankheiten unausbleiblich heimgesucht. Fünf überaus nasse Jahre waren schon vorausgegangen *), 1485 war das sechste; der letzte heisse und sehr trockene Sommer war der von 1479 gewesen *). Von 1480 werden grosse Ueberschwemmungen der Tiber, des Po, der Donau, des Rheins und der meisten übrigen grossen Flüsse (im November) berichtet, mit ihren gewöhnlichen Folgen: Luftverderbniss, Elend und Krankheiten *). Die grösste Ueberschwemmung, deren man sich in England erinnerte, war die der Severn im October des Jahres 1483. Man nannte sie noch lange nachher das grosse Wasser des Herzogs von Buckingham *), weil sie den Aufstand dieses mächtigen Vasallen gegen Richard III., dem er selbst zum Throne verholfen, und somit auch die erste Unternehmung Heinrich’s VII. vereitelte. Sie dauerte volle zehn Tage, und die gewaltigen Zerstörungen, die der reissende Strom verursachte, blieben den Anwohnern noch lange im Gedächtniss.

1) Spangenberg, Mansf. Chr. fol. 395. f.

2) Werlich, S. 236. Spangenberg, a. a. O. 1484 Ueberschwemmung des Lechs, Werlich, S. 239.

3) Franck von Wörd, fol. 211. a.

4) The Duke of Buckinghams great water. Grafton, p. 133., und alle übrigen Chronisten. Short, Vol. I. p. 201. und mehrere andere, auch Schnurrer, setzen diese Ueberschwemmung irrig in das Jahr 1485.

Ueberschwemmungen.

4. Andere Volkskrankheiten.

Während dieser ganzen Zeit wurden die Völker von mörderischen Seuchen vielfältig heimgesucht. Schon 1477 brach die Drüsenpest in Italien aus, und wüthete ohne Unterlass bis 1485*), nicht ohne grössere Naturerscheinungen, wohin namentlich mächtige Heuschreckenschwärme in den Jahren 1478 *) und 1482 gehören, und auffallende Zwischenkrankheiten, wie ein über das ganze Land verbreiteter entzündlicher Seitenstich im Jahre 1482 *). In der Schweiz und im südlichen Deutschland stellten sich in Folge von Theuerung und Hungersnoth (1480 und 81) verheerende Volkskrankheiten ein *), während in Westphalen, Hessen und Friesland Faulfieber mit heftiger Hirnwuth *) herrschten. Man erinnerte sich nie in diesem Lande so viele Irrlichter, wie in diesen Jahren gesehen zu haben, und auch hier erlag das Volk dem Kornmangel, so dass man genöthigt war, Vorräthe fernher, aus Thüringen, herbeizuschaffen *). Frankreich, wo unter der Schreckensregierung Ludwigs XI. Druck und Elend den Segnungen des Himmels Hohn sprachen, wurde nach zweijährigem Misswachs der Schauplatz einer verderblichen Seuche. Es war ein hitziges Fieber mit Wuthanfällen und so gewaltigem Kopfschmerz, dass viele sich die Stirn an den Wänden zerschmetterten, oder sich in die Brunnen stürzten, während andere nach unablässigem Umherlaufen einen kläglichen Tod fanden (1482). Den Vorstellungen des Jahrhunderts gemäss suchte man den Grund dieser wundersamen Erscheinung in astralischen Einflüssen; denn die Hungersnoth allein, welche dem armen Landvolke im Süden der Loire nur noch die VWurzeln wilder Kräuter übrig liess, sein kummervolles Leben *) zu fristen, konnte sie nicht herbeigeführt haben, da auch die Vornehmen häufig erkrankten *). Ohne Zweifel war dieses Fieber von Entzündung der Hirnhäute oder des Hirns selbst begleitet, und vielleicht dasselbe, das gleichzeitig seine Herrschaft im nordwestlichen Deutschland bis an die Gränzen der Nordsee ausbreitete, nur höher gesteigert, durch die grössere Lebhaftigkeit und den angstvollen Zustand der Franzosen, den die Furcht

Italien.

Deutschland.

Frankreich. Hauptkrankheit.

1) Campo, p. 132. Pfeufer, S. 32.

2) Franck v. Wörd, fol. 211. a. An der darauf folgenden Pest sollen in Brixen 20,000, in Venedig 30,000 Menschen gestorben sein.

3) Fracastor, p. 182. Morb. contag. L. II.

4) Wurstisen, S. 474. Kap. 15. Fracastor, p. 136. Spangenberg (Pestilentz) nennt diese über ganz Deutschland, die Schweiz und Frankreich verbreitete Epidemie von 1482 „das phrenitische, schwer hitzig Pestilentz fieber. Vergl. Stumpff, sol. 742. b.

5) Die sogenannte Hauptkrankheit.

6) Spangenberg, Mansfeld. Chr. fol. 396. a.

1) An vielen Orten mussten Frauen und Kinder den Pflug ziehen, weil es an Zugvieh fehlte; auch pflegte man das Feld bei Nacht zu bestellen, um nicht von den unmenschlichen Einnehmern des Königs bemerkt zu werden. Mezeray, Tom. II. p. 750.

2) „Il couroit alors (1482) dans la France une dangereuse et mortelle maladie, qui affligeoit indifferemment les grands et les petits, bien qu'elle ne fut pas contagieuse. C'était une espèce de fièvre chaude et frenetique, qui s'allumoit tout d'un coup dans le cerveau, et le brüloit avec de si cruelles douleurs, que les uns s'en cassoient la teste contre les murailles, les autres se précipitoient dans les puits, ou se tuoient à force de courir gà et là. On en attribuoit la cause à quelque maligne influence des astres, et à la corruption, que la mauvaise nourriture de l'année précédente avoit formé dans le corps; d'autant que les vins et les bleds n'étant point venus à maturité, la disette avoit été si grande, principalement dans les provinces de delà la Loire, que les peuples n'avoient vécu que de racines et d'herbes.“ Mezeray, Tom. II. p. 746.

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