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9. Moralische Folgen.

Die Niedergeschlagenheit wurde vermehrt durch den überall thätigen Geist der Verfolgung, mit dem man hoffte, die neue Lehre noch auszurotten. Noch während die englische Seuche wüthete, wurden in Köln zwei Protestanten verbrannt"), in Mecheln, in . Verden, in Paris, loderten in demselben Jahre Scheiterhaufen empor, deren Gluth den alten Glauben gegen die Pest der Gedankenfreiheit schützen sollte. Todesurtheile von Wiedertäufern waren auch in protestantischen Ländern ganz gewöhnlich. Die Universität Leipzig sprach ein solches im Jahre 1529 aus, und in Freistadt wurden 11 Frauen, weil sie sich zu dieser Secte bekannten, nach sogenanntem Urtheil und Recht ersäuft *). Und nun noch bei den Zerwürfnissen und der Unbeholfenheit des Reiches die Furcht vor den Barbaren des Südens, die bereits Ungarn unter ihrem Sultan Soliman erobert hatten, und während der englische Schweiss in den Donauländern ausbrach, Deutschland zu überschwemmen droheten ! Es war eine Zeit der Noth und der Thränen, in der kaum die Muthigsten sich aufrecht erhielten *), aber zum

sten ein falscher, gedichter, fruchtloser, todter glaub im schwanck, und sy meint doch, sy gesehe und sitze im liecht. In summa, sie ist mit siben ärgern schalckhaftigern geistern besessen für den eynigen bäpstischen aussgefarnen teufel, so sy doch meint, sy sey dero loss und seyen all aussgefaren.“ Franck, fol. 248. a. Dieselbe Chronik enthält eine sehr lebendige Beschreibung des Bauernkrieges.

1) Ad. Clarenbach und Peter Flistedt.

2) Schmidt, S. 308.

3) Nusquam pax, nullum iter tutum est, rerum charitate, penuria, same, pestilentia laboratur ubique, sectis dissecta sunt omnia: ad tantam malorum lernam accessit letalis sudor, multos intra ho

Türken vor
Wien.

Augsburgsche Confession.

ewigen Ruhme der Deutschen muss es verkündet wer-
den, sie haben dieses Läuterungsfeuer ehrenvoll und
ihrer würdig bestanden. Denn ihre grossen Geister
erwachten zu unerhörter Kraftäusserung, und während
die Kleinmüthigen verzagten, gaben sie dem Riesen-
werk ihres Jahrhunderts die Weihe der lebendigen,
unerschütterlichen VVahrheit.
Die Belagerung von Wien begann den 22. Sep-
tember, nachdem die englische Seuche in dieser Haupt-
stadt Oestreichs ausgebrochen war. Doch achtete man
nicht der innern Gefahr. Mit rühmlicher Tapferkeit
wurden die Stürme der Türken abgeschlagen, und am
15. October zog Soliman ab, nachdem der engli-
sche Schweiss nicht weniger unter seinen Schaaren
gewüthet hatte, als unter den Belagerten *). Genauere
Nachrichten hierüber fehlen, weil man bei viel grö-
sserer Bedrängniss des Landes auf die Seuche weniger
achtete, doch war die Sterblichkeit in Oestreich unter
so ungünstigen Umständen wohl bedeutender, als in
den Nachbarländern *).
Im nördlichen Deutschland sollte ein anderer
Kampf zur Entscheidung kommen. Vor Kaiser und
Reich wollten die Evangelischen ihren Glauben be-
kennen, das Ziel ihres Strebens enthüllen, die Rein-
heit ihres Bekenntnisses gegen Gefahr und Anfechtung
zur Wehr nehmen. Hierzu bereitete man sich mit
weiser Besonnenheit, und es ist in den Schritten der
Reformatoren zur Befestigung des grossen Werkes
nicht die kleinste Spur von der Angst und dem Be-

ras octo tollens e medio etc. Erasm. Epist. L. XXVI. ep. 58. c. 1477. b.

1) Fuhrmann, Th. II. S. 745.
2) Chronicon Monasterii Mellicensis. Bei Pez, T. I. col. 285.
ben des Volkes in dieser Zeit zu bemerken. Mitten
in einem Lande, dessen Bewohner vor der neuen
Krankheit zitterten, und vielleicht schon von ihr hart
mitgenommen waren, entwarf Luther in Marburg")
die ersten Grundzüge zu dem Glaubensbekenntniss,
das von Melanchthon ausgeführt, der Grundstein
der evangelischen Kirche geworden ist, und im fol-
genden Frühjahr, während seines Verweilens in Co-
burg, dichtete er sein erhebendes Heldenlied: „Eine
feste Burg ist unser Gott.“
Es konnte nicht fehlen, dass der englischen Seu-
che auch in den Glaubenskämpfen dieser Jahre
eine besondere Wichtigkeit beigelegt wurde. Volks-
krankheiten erscheinen dem Menschen in seinem klei-
nen Gesichtskreise gar leicht als Geisseln Gottes, ja
es ist diese Vorstellung von jeher und in allen Reli-
gionen die vorherrschende gewesen. Denn es ist leich-
ter, die immer vorhandenen Sünden der Menschheit,
als die grossartigen, Geist und Körper umfassenden
Regungen des Weltorganismus in Anschlag zu brin-
gen, welche nur eine höhere Anschauung der Dinge
zu ahnen vermag; und noch viel leichter entsteht durch
kleinliche Selbstsucht und Verblendung über die ci-
genen Vorzüge, die ärmliche Ansicht unter den Men-
schen, das höchste VWesen lasse die Seuchen nur ent-
stehen, um ihre anders glaubenden Feinde zu ver-
nichten. Deshalb sprechen nicht nur die meisten Zeitge-
nossen von dem gerechten Zorne Gottes, und der zum
Weltgerichte herangereiften Sündenschuld der Welt *),

1) Die dortige Zusammenkunft der Reformatoren begann am 2. October.

2) Die Flugschrift von Magnus Hundt ist mit einem Holzschnitte verziert, wo unter dem Vorsitze Gottes eine grosse Schaar Engel auf Feuer speienden Löwen und mit langen Schwertern

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sondern es bemühte sich auch die päpstliche Parthei auf alle ersinnliche Weise, die englische Pest als eine Strafe der Ketzerei und eine offenbare Abmahnung von dem siegenden Lutherthume darzustellen. Die Vorfälle in Hamburg, wo der Ausbruch der Schweisssucht der Aufhebung der Klöster fast auf dem Fusse gefolgt war, konnten ihr allerdings bei den Zaghaften und Kurzsichtigen Glauben verschaffen, auch konnte sie in hundert anderen Städten ein ähnliches Zusammentreffen der Umstände zu ihrem Vortheile benutzen, denn 1529 war ein Jahr grosser und schwerer Entscheidung. In Lübeck predigten die Mönche allgemein, der englische Schweiss wäre nur eine Strafe des Himmels für die „Martiner“ – so nannten sie Luther's Anhänger – und das Volk wurde erst enttäuscht, als es mit Verwunderung sah, dass auch Katholiken erkrankten und starben *). Man ging aber noch viel weiter, und scheute sich nicht vor Unwahrheiten und grausamer Rache. So wurde behauptet, die Zusammenkunft der Reformatoren in Marburg (den 2. October) habe deshalb zu keiner Vereinigung geführt, weil die Angst vor der neuen Krankheit die Ketzer ergriffen habe *). Nie kam feige Todesfurcht in Luthers Herz, der bei einem Ausbruche der Pest in Wittenberg (1527) freudig und heitern Muthes auf seiner Stelle blieb, während alles um ihn her floh, und die Hochschule nach Jena verlegt wurde. Ueberdies kam die Schweisssucht, wie wir gesehen haben,

mit den Menschen schlimmer umgeht, als Herodes Soldaten mit

den Kindern zu Bethlehem. 1) Reimar Kock's Chronik von Lübeck. 2) Kersenbroick bei Sprengel, II. S. 687. – Vergl. Slei

dan, L. VI. Tom. I. p. 380., der die Sache ganz schlicht und einfach erzählt.

gar nicht einmal nach Marburg, und die Vereinigung der beiden evangelischen Kirchen misslang aus Gründen ganz anderer Art. In Köln waren die Eiferer der Meinung, man müsse durch Bestrafung der Ketzer den sichtbaren Zorn Gottes zu besänftigen suchen. Dieser blutige, wilder Barbaren würdige Wahn beschleunigte die Verbrennung von Flistedt und Clarenbach ). Und so könnten zur weitern Ausführung des grossen Zeitbildes noch viele kleinere Züge ermittelt werden; doch mögen wir nur noch einen mittheilen. In der Mark Brandenburg verbreitete sich der evangelische Glaube, grosser Hindernisse ungeachtet, täglich mehr und mehr, und die katholischen Priester sahen sich bald vereinzelt. Da hielt, als die Schweisssucht hereinbrach, ein Pfarrer in Friedeberg in der Neumark, eine Predigt voll Eifer und Leidenschaft, und suchte seine abtrünnige Gemeinde zu überzeugen, dass Gott eine neue Plage ersonnen habe, um die neue Ketzerei zu züchtigen. Ein feierlicher Umzug nach altem Brauch und rechtgläubiger Vorschrift sollte am andern Tage gehalten, und so die Gemeinde in den Schoofs der alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden. Aber siehe da, über Nacht starb der Eiferer an einer plötzlichen Krankheit, und die Protestanten verfehlten wahrscheinlich nicht, auch von ihrer Seite diese Begebenheit als ein Wunder darzustellen *). Denn die

Menschen erklären die Donner des Ewigen nur im

1) „Culpam eius rei plerique conserebant in theologos concionatores, qui suppliciis impiorum placandam esse clamabant iram Dei, novo morbi genere nos verberantis.“ Sleidan. a. a. O. p. 380.

2) Haftitz, S. 131. – Angelus, S. 319. – Cramer, Buch III. S. 76. u. m. a. :

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