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lung anderer Krankheiten zurückzulassen, zwischen denen es hindurchging, wie ein Komet durch die Planeten – ohne auch in das Gebiet des französischen Hungerfiebers, oder des italienischen Fleckfiebers einzudringen; für alle späteren Jahrhunderte ein sprechendes Bild gemeinsamer Erschütterungen des Völkerlebens, und für die Zeitgenossen eine furchtbare Geissel.

8. Schreck.

Die Erschütterung der Gemüther in Deutschland war über alle Beschreibung heftig, und gränzte an wahnsinnige Verzweifelung. Sobald die Seuche sich auf dem festen Lande gezeigt hatte, gingen haarsträubende Erzählungen von den unerhörten Qualen der Kranken und der Gewissheit ihres Todes wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund. Von bleichem Schreck wurden die Sinne benommen, und die Einbildung vergrösserte das Uebel, das wie ein jüngstes Gericht hereinzubrechen schien. So hörte man nur überall vom englischen Schweiss, und erkrankte jemand an irgend einem andern Fieber, so musste es dieser Dämon sein, der dem Geiste seine Schreckbilder unablässig vorgaukelte. Zugleich entstand der unglückselige Wahn, wer irgend von der englischen Seuche ergriffen, dem Tode entrinnen wollte, der müsste vierundzwanzig Stunden unablässig schwitzen !). So brachte man nun die Kranken, war es der englische Schweiss oder nicht, – denn wer wäre bei Besinnung gewesen, dies zu unterscheiden – auf der Stelle zu Bett,

1) „Darnach war von etlichen fürgeben, es müsste einer vierundzwanzig Stunde aneinander schwitzen, und in mittlerweil kein lufft an sich gehen lassen, dieses bracht manchen menschen umb seinen hals.“ Chronik von Erfurt.

bedeckte sie mit Federbetten und Pelzen, und während der Ofen stark geheizt wurde, verschloss man Thüren und Fenster mit grosser Sorgsamkeit, um jedes kühle Lüftchen abzuhalten. Damit nun auch der Leidende, war er etwa ungeduldig, seine heisse Last nicht abwerfen möchte, so legten sich noch einige Gesunde über ihn her, und beschwerten ihn so, dass er kein Glied rühren konnte, und endlich in diesem Vorspiel der Hölle, in Angstschweissgebadet, seinen Geist aufgab, wenn er vielleicht bei einiger Besonnenheit seiner allzu hülfreichen Verwandten ohne Mühe hätte erhalten werden können *). In Zwickau lebte ein Arzt – wir wissen nicht mehr den Namen dieses Ehrenmannes – der gegen - diesen tödtlichen Wahn voll menschlichen Eifers auftrat. Er ging von Haus zu Haus, und wo er einen Kranken in heisse Betten vergraben fand, da riss er diese mit eigener Hand hinweg, verbot überall die Kranken mit Hitze zu martern, und rettete durch sein entschiedenes VWesen viele, die ohne ihn gleich anderen hätten ersticken müssen *). Es geschah in dieser Zeit oft, dass wenn in Kreisen von Freunden der Schweisssucht nur mit einem Worte gedacht wurde, einer und der andere, von peinlicher Angst ergriffen, so dass das Blut ihm

1) Chronik von Erfurt, und gleichlautend bei Spangenberg, M. Chr. fol. 402. b., Pomarius, S. 617. und Schmidt, S. 305. – Von den Niederlanden berichtet Gemma, L. I. c. 8. p. 189, nach den Erzählungen seines Vaters, der die Schweisssucht selbst überstanden hatte: „Consuti (benäht) et violenter operti clamitabant misere, obtestabantur Deum atque hominum fidem, sese dimitterent, se suffocari iniectis molibus, sese vitam in summis angustiis exhalare, sed assistentes has querelas ex rabie proficisci, medicorum opinione persuasi, urgebant continue usque ad 24. horas.“ etc.

2) Schmidt, a. a. O.

Arzt in Zwickau.

Furcht.

ins Stocken gerieth, still und seines Verderbens gewiss, nach Hause schlich, dort sich legte, und nun wirklich ein Raub des Todes wurde "). Diese tödtliche Furcht ist eine schwere Zugabe zur Geissel schnelltödtender Volksseuchen, und im eigentlichen Sinne des Wortes eine hitzige Gemüthskrankheit, die in ihren nächsten Wirkungen auf den Geist mit dem Alpdrücken einige Aehnlichkeit darbietet. Sie verwirrt den Verstand, so dass er unfähig wird, die äusseren Dinge in ihrem wahren Verhältniss zu beurtheilen, sie macht die Mücke zum Ungeheuer, eine ferne unwahrscheinliche Gefahr zu einem grausen Gespenst, das sich in die Einbildungskraft fest einklammert; alle Handlungen werden verkehrt, und bricht etwa in diesem Zustande der Zerrüttung eine andere Krankheit aus, so glaubt der Kranke dem gefürchteten Todesübel verfallen zu sein, wie die Unglücklichen, die nach dem Biss unschädlicher Thiere der eingebildeten Wasserscheu zur Beute werden. So mögen in dem angstvollen Herbste von 1529 gar viele von eingebildeter Schweisssucht befallen worden sein, und manche von ihnen in hoch aufgethürmten Betten ihr Grab gefunden haben *). Andere dieser Gemüthskranken, die das Glück hatten, von körperlichen Uebeln verschont zu bleiben, – viele von ihnen rühmten sich gewiss ihrer Standhaftigkeit – verfielen ohne Zweifel durch den heftigen Sturm in ihren Nerven in jahrelange Hypochondrie, welche sich unter Umstän

1) – „Animos omnium terrore perculit, ade out multis metus et imaginatio morbum conciliarit.“ Erasm. Epist. L. XXVI. ep 56. c. 1476. a. – Spangenberg, a. a. O.

2) „Mancher schwitzt vor forcht, und meynt er hab den Engelischen schweys, wenn er darnach aussgeschlaffen hat, so erkennet er aller erst seyn narheyt.“ Bayer v. Elbogen, Cap. 8.

den dieser Art durch Hautkrampf und Angstgefühl bei der blossen Erwähnung des ursprünglichen Schreckbildes auszeichnet, wenn von diesem selbst auch keine Spur mehr aufzufinden ist"). Man sah noch jüngst einen solchen Gemüthskranken bei der falschen Nachricht von dem Wiederausbruche der neuesten Weltseuche sich den Tod geben *) – mit noch grösserem Frevel, als sich feige Soldaten, wenn der Geschützdonner beginnt, leichte VWunden beibringen, um nicht an den Gefahren des Kampfes Theil zu nehmen. Um diesen Zustand der Gemüther auch in seinen Vorbereitungen ganz zu begreifen, gedenke man nur der ungeheueren Ereignisse in Deutschland. Zwölf Reformation. Jahre früher war das Riesenwerk der Reformation von dem grössten Deutschen dieses Jahrhunderts begonnen, und bis hierher mit der göttlichen Kraft des Evangeliums siegreich durchgeführt worden. Die Aufregung war ohne Gränzen. In Städten und Dörfern schlug die neue Lehre Wurzel, aber auch überall wucherte der tödtlichste Hass der Partheien, und wie dies in Zeiten so leidenschaftlicher Unruhe zu geschehen pflegt, die Selbstsucht bemächtigte sich auf beiden Seiten der Begeisterung, und ergriff die Fackel des Glaubens, um für ihre unreinen Zwecke die Welt in Feuer und Flammen zu setzen. Schon im Jahre Falsche Pro1521, während Luthers Verborgenheit in den Mauern pheten, 1521. der Wartburg erhoben sich falsche Propheten *), und wollten das Werk, dessen Geist sie nicht begriffen,

1) Einige wunderliche Beispiele dieser Art könnte der Verf. aus seinem eigenen Wirkungskreise anführen.

2) Es war ein Gemüsehändler in Paris. Berliner Vossische Zeitung vom 2. September 1833.

3) Carlstadt, Nic. Storch, Marcus Thomä, Marcus Stübner, Martin Cellarius und Thomas Münzer.

Bauernkrieg.

ohne den grossen Meister, ohne die Seele dieses Zeitalters vollenden. Sie brachten die wildesten Leidenschaften auf die Bahn, aber ohne innern Halt, und unfähig sich selbst zu zügeln, wurden sie Brandstifter und Bilderstürmer. Bald darauf entflammte sich der unselige Bauernkrieg, eine Nachwirkung althergebrachter Willkühr und Bedrückung, für welche die Wortführer von Dr. Eck's Gesinnung Luther'n selbst verantwortlich machen wollten, ohne zu erkennen, dass die Aufregung der Zeit und die falschen Propheten den Aufruhr veranlasst hatten. Es geschahen Dinge, von denen sich das menschliche Gefühl noch in der Erinnerung abwendet, nie war Deutschlands schöner Boden der Schauplatz grösserer Grausamkeiten, und nachdem die Rache ihr sinnloses Spiel ohne Hinderniss getrieben, war das Ende, dass Hunderttausende einst friedlicher und grossentheils verleiteter Bauern unter dem Schwert der Landsknechte und Henker fielen, und ihre zahllosen Hinterbliebenen der Noth der folgenden Jahre preisgegeben wurden. Die Schlacht bei Frankenhausen am 15. Mai 1525 und Münzer's nachherige Hinrichtung beschloss diese blutigen Auftritte, die Nachwehen innerer Erschütterung blieben jedoch noch lange fühlbar, und trugen, abgesehen von ihrem höchst nachtheiligen Einfluss auf den Wohlstand des Volkes nicht wenig zu der Abspannung der Gemüther bei, deren Merkmale die Kenner dieser Zeit ganz deutlich angeben ! ).

1) „Dann alle lieb ist in allen völckern erkalt. Die axt liegt an der Wurzel des baums, die straff ist schon angangen, niemant merckts. Dann die welt ist mit dicker blindheit geschlagen, der glaub aussgelescht, alle eynigkeit und gotsforcht auss dem land getriben für über, und nichts dann im Bapstthumb falsche, heuchlerische, scheinende werck, und in andern secten am mei

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