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lag doch der Hauptgrund seiner anfänglichen grossen Bösartigkeit in der gewaltsamen Behandlung der Kranken, deren Unzweckmässigkeit man glücklicher Weise bald erkannte. In Marburg erkrankte nur ein Bür- Marburg ger an der Schweisssucht, und auch dieser genas"); in Leipzig aber kam die Seuche entweder gar nicht, Leipzig oder sehr viel später, vielleicht im October oder November zum Ausbruch, denn die dortigen Aerzte geben in ihren Flugschriften ganz deutlich zu erkennen, dass sie die Krankheit gar nicht aus eigener Beobachtung gekannt haben *), und als erst das Gerücht ging, der gefürchtete Feind sei in die Mauern dieser Handelsstadt nicht eingedrungen, so kamen von nah und fern Schaaren von Fliehenden, um hier Schutz und Sicherheit zu suchen, wiewohl der Ort an sich durchaus nicht zu einer Zufluchtsstätte geeignet war, denn die Sumpfluft, die aus seinen Stadtgräben aufstieg, erzeugte schon damals in den engen und finsteren Gassen viele langwierige Krankheiten *).

6. In den Niederlanden.

Es ist auffallend, dass die Niederlande von dem Schweissfieber *) um ganze vier Wochen später heimgesucht wurden, da doch hier der Handelsverkehr mit England, will man diesen überhaupt in erheblichen Anschlag bringen, ungleich bedeutender war, als

in den deutschen Nordseestädten. Denn in Amster- Amsterdam, den 27. September. 1) Dies geht aus einem Briefe von Euricius Cordus an den hessischen Kammersecretair Joh. Rau von Nordeck hervor, am Ende der zweiten Auflage seines Regiments.

2) Magnus Hundt schloss die seinige am 7. October.
3) Bayer von Elbogen, Cap. 7.

4) Man nannte es dort die ingelsche Sweetsieckte, oder die s vve etende Sieckte.

Antwerpen.

dam erschien es erst am 27. September Vormittags, während die Stadt in einen dichten Nebel eingehüllt war"), und ganz gleichzeitig, vielleicht um einen Tag früher, in Antwerpen, wo man am 29. September einen feierlichen Umzug hielt, um durch Gebet noch grösseres Unheil von der Stadt abzuwenden. Es waren nämlich in den letzten Tagen gegen 4 bis 500 Menschen am englischen Schweisse gestorben *). Man könnte glauben, der feuchte Boden Hollands und seine undurchdringlichen Nebel hätten die Seuche noch weit früher angelockt, als das hohe und heitere Land zwischen den Alpen und der Donau, oder das weit entlegene Preussen, aber die Entwickelung der Volkskrankheiten folgt keiner menschlichen Berechnung, keiner ärztlichen Ansicht! In den Städten um Amsterdam soll das Schweissfieber erst nach dem Aufhören des Sterbens in dieser Stadt zum Ausbruch gekommen sein, d. h. fünf Tage nach dem 27. September, und so können wir ohne erheblichen Irrthum annehmen, dass die Seuche in den letzten Tagen dieses Monats und den ersten des October über das ganze Gebiet der Niederlande, mit Einschluss von Belgien verbreitet war *). Alkmaar und Waterland blieben frei *), wie ohne Zweifel auch in England und Deutschland

1) Forest. L. VI. Obs. VII. Schol. p. 157. Obs. VIII. c. Schol. p. 158. – Wagenaar, T. II. p. 508.

2) Pont an. p. 762. – Haraeus, T. I. p. 581. – Antwerpsch Chronykje, p. 31. – Ditmar, p. 473.

3) „Laquelle (la suette) s'estendit par le pays d'Oostlande, de Hollande, Zeelande, et autres des pays bas, on en étoit endedens vingt et quatre heures mort ou guarry, elle ne dura en Zeelande pour le plus que 15 jours, dont plusieurs en moururent.“

Le Petit, T. I. Livr. VII. p. 81.
4) Forest. a. a. O.

einzelne Orte von dem Schweissfieber verschont wor-
den sind.
So wunderbar wie das erste Auftreten des eng-
lischen Schweisses war nun auch aller Orten die
beispiellos kurze Zeit seines Verweilen s.
Denn so wie er in Amsterdam nur fünf Tage, in Ant-
werpen und in vielen deutschen Städten, wie wir ge-
sehen haben, nicht viel länger wüthete, so konnte er
wohl nirgends seine Herrschaft länger, als etwa funf-
zehn Tage behaupten, er offenbarte also auch hierin
seine schon in den früheren Erkrankungen kundgege-
bene Eigenthümlichkeit. In diesen kurzen Zeitraum
kann jedoch nicht das vereinzelte Vorkommen der
Krankheit mit einbegriffen werden, denn wenn ein
glaubwürdiger Zeitgenosse versichert, das Schweissfie-
ber habe einige zweimal, andere dreimal oder selbst
viermal befallen ! ), so möchte schon hieraus auf eine
längere Dauer seines Verweilens zu schliessen sein,
wenn vielleicht auch in einigen Orten die Seuche nach
mehrtägigem Wüthen plötzlich abbrach, so dass keine
vereinzelten Erkrankungen mehr vorkamen.

7. Dänemark, Schweden und
INTO T. Wegen.

Der Ausbruch des Schweissfiebers in Dänemark *) fällt auf die letzten Tage des September, denn am 29sten dieses Monats starben daran in Kopenhagen 400 Einwohner *), auch wurde Helsingör nicht

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Dauer der
Epidemie.

wenig heimgesucht"), und wahrscheinlich um dieselbe Zeit die meisten Städte und Dörfer dieses Reiches. Doch sind die Nachrichten hierüber in den dänischen Zeitbüchern sehr mangelhaft *), weil die Zeitgenossen über die seltsame Flüchtigkeit des tödtlichen Uebels, das die Leiber ihrer Mitmenschen berührte, die gewiss auch dort grossartige Erscheinung der Nachwelt zu beschreiben verabsäumten. Nur aus einigen Angaben ist ganz deutlich zu entnehmen, dass es derselbe wohlbekannte Dämon war, den man auch Dänemark durchfliegen sah. Denn es erkrankten am meisten, wie schon ursprünglich in England, die jungen und starken Leute, weniger die alten und kränklichen, und in vierundzwanzig Stunden, höchstens in zwei Tagen (?)

war über Leben und Tod entschieden. In denselben Tagen verbreitete sich die Schweissfieberseuche über die scandinavische Halbinsel, und brachte in Schwedens Hauptstadt, wo der Bruder des Königs Gustav Wasa, Magnus Erikson daran starb, wie in diesem ganzen Reiche und in Norwegen dieselben stürmischen Erscheinungen bei den Kranken, denselben Schrecken, dieselbe Todesangst bei den Gesunden hervor. Die nordischen Geschichtschreiber geben darüber sprechende Andeutungen, die nach sorgfältiger Durchforschung handschriftlicher Urkunden vielleicht noch an Farbe und Leben gewinnen könn

1) Boesens Beskrivelse over Helsingöer. – Diese Angaben verdankt der Verf der Gefälligkeit des Hrn. Regimentsarztes Dr. Mansa in Kopenhagen.

2) Hr. Dr. juris Baden hat auf Gruner’s Ersuchen vieles durchsorscht und nicht mehr gefunden, als was Huitfeld berichtet. Eine Abschrift seines lateinischen Brieses hierüber an Gruner ist dem Verf ebenfalls durch Hrn. Dr. Mansa zugekommen.

könnten *). Dass die Schweisssucht auch Litthauen, Polen, Liefland, wo nicht auch einen Theil von Russland durchzogen habe, wissen wir nur im Allgemeinen *). Ohne Zweifel sind in diesen Ländern noch geschriebene Urkunden hierüber vorhanden, die noch eines umsichtigen Forschers harren; vorläufig aber ist aus dem frühzeitigen Auftreten der Krankheit in Preussen zu vermuthen, dafs sie dort zu derselben Zeit wie in Deutschland, Dänemark und der scandinavischen Halbinsel geherrscht habe. Nirgends findet sich eine sichere Spur, dass das Schweissfieber noch im December 1529 oder im Januar des folgenden Jahres irgendwo vorgekommen sei. Es verschwand überall nach vierteljähriger Dauer im Ganzen, ohne irgend ein Merkmal seines Daseins in der Entwicke

1) Dalin, D. III. S. 221. Engelske Svetten. – In Tegel's Geschichte des Königs Gustav I., Th. I. S. 267. findet sich nur eine allgemeine Angabe über den englischen Schweiss in Schweden, ohne genaue Zeitbestimmung (Herbst 1529) und Beschreibung der Krankheit, wie dergleichen in deutschen Chroniken unzählige vorkommen. – Sven Hedin schlägt die Sterblichkeit in der Schweissfieberseuche in Schweden offenbar zu hoch an, wenn er sie mit den Verheerungen durch den schwarzen Tod vergleicht. (S. 27.) Er theilt (S. 47.) eine ausführliche Stelle über die Schweisssucht aus Linné's pathologischen Vorlesungen mit. Der grosse Naturforscher hat aber seiner Einbildungskraft freies Spiel gelassen, und kennt wie alle Aerzte der neuern Zeit, die sich über den englischen Schweiss geäussert haben, die Thatsachen viel zu wenig, um richtig urtheilen zu können. (Supplement till Handboken för Praktiska Läkare - vetenskapen, rörande epidemiska och smittosamma sjukdomar i allmänhet, och särdeles de Pestilentialiska. Ista St. Stockholm, 1805. 8.)

2) Aus Reimar Kock's handschriftlicher Chronik von Lübeck und Forest. a. a. O. – Vergl. Gruner's Itinerarium, das überhaupt mit sehr rühmlichem, wenn auch trockenem Fleisse gearbeitet ist, in dem Brownschen Zeitalter aber so wenig Anerkennung fand, dass es schon jetzt zu den Seltenheiten gehört.

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