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Lübeck, den 29. Juli.

Den Ausbruch lange vorbereiteter Volkskrankheiten auf den Tag zu bestimmen, ist selbst für einen gegenwärtigen Beobachter überaus schwer, und auch unter günstigen Umständen zuweilen unmöglich, denn es fehlt nicht an gewissen Uebergängen verwandter Krankheiten in die Seuche, und an einer Stufenfolge von Erscheinungen, die gewöhnlich schon einige Zeit vorher begonnen haben, und wenn nicht alle Vermuthungen trügen, auch bei der Schweissfieberseuche nicht fehlten, wenn auch freilich von den damaligen Aerzten hierüber keine Rechenschaft zu verlangen ist. Nach dieser allgemeinen Erfahrung sind die folgenden Angaben zu beurtheilen, deren buchstäbliche Genauigkeit wir freilich nach drei Jahrhunderten nicht mehr verbürgen, die aber doch in ihrer Gesammtheit die eigenthümliche, fast wunderbare Art der Verbreitung des Schweissfiebers über Deutschland anschaulich machen können.

In Lübeck, der nächsten Ostseestadt, zeigte sich das Schweissfieber fast um dieselbe Zeit. Denn schon am Freitag vor Petri Kettenfeier (den 30. Juli) wurde es bekannt, dass in der Nacht vorher eine Frau daran gestorben wäre“). In den nächsten Tagen nahmen die Todesfälle reissend zu, und die Krankheit wüthete alsbald so gewaltig, dass man sich wohl noch des schwarzen Todes von 1349 erinnern konnte. Es

starben unzählige Menschen, in der Stadt wie in der

Umgegend, und die Bestürzung war nicht geringer, als in Hamburg *). Am meisten erkrankten, wie überall,

1) Reimar Kock's Chronik von Lübeck.

2) „A, 1529 ist die schwere Kranckheit in Deutschland überall gegangen, in sehr kurzer Zeit und sind in dieser Kranckheit zu Lübeck in der Vornacht Vincula Petri viel die kräftigen und wohllebenden jungen Leute, wogegen die Kinder und die Armen in den Kellern und in den Dachstuben fast ganz verschont blieben *). Nun könnte man, in Voraussetzung einer fortschreitenden Luftveränderung, wie etwa bei den Influenzen, oder wenn an eine Mittheilung von Menschen zu Menschen gedacht werden soll, welche als Hauptursache dieser Volkskrankheit nicht angenommen werden kann, eine allmähliche Verbreitung des Schweissfiebers von Hamburg und Lübeck aus in immer grösseren Kreisen erwarten, in der Wirklichkeit aber ergab es sich nicht so. Denn zunächst brach nun die Schweisssucht am Fusse des Erzgebirges, in Zwickau aus, funfzig deutsche Meilen von Hamburg Zwickau, den entfernt, und ohne vorher die gewerbreiche Handels- * “ stadt Leipzig berührt zu haben. Hier wurden schon am 14. August 19 an ihr Verstorbene beerdigt, und in einer der folgenden Nächte erkrankten daran über 100 °), woraus zu entnehmen ist, dass die Seuche in Zwickau ihre Herrschaft auf eine sehr empfindliche Weise geltend machte. Möglich, dass das grosse Gewitter vom 10. Au- Gewitter, den gust in der Entwickelung unserer über alles denkwür- 10. August. digen Volkskrankheit den Ausschlag gab, denn elektrische Spannungen und Entladungen steigern die Empfänglichkeit für Krankheiten, auch ist nicht zu übersehen, dass am 24. August bei bedecktem Himmel Grosse Hitze, eine unerträgliche Hitze entstand*), welche die Körper o. A. nach lange ertragener nasskalter Witterung erschlaffen

treflicher seiner Bürger gestorben. Regkman, S. 135. – Vergl. Kirchring, S. 143. – Bonn, S. 144.

1) Reimar Kock. – 2) Schmidt, S. 307.
3) S. oben S. 93. und Klemzen, S. 254.

musste, – genug, in den ersten Tagen des September finden wir das Schweissfieber in Stettin, in Danzig und anderen preussischen Städten, in Augsburg, tief unten jenseits der Donau, in Köln am Rhein, in Strassburg, in Frankfurt a. M., in Marburg ), in Göttingen und Hannover *) zu gleicher Zeit ausgebrochen. Die Lage der genannten Städte giebt eine anschauliche Vorstellung von dem unabsehbaren Gebiete, das der englische Schweiss wie durch einen Zauberschlag in Besitz nahm. Es war wie ein sengender Brand, der sich unaufhaltsam nach allen Seiten hin verbreitete, doch gingen die Flammen nicht von einem Heerde aus, sondern sie schlugen, wie von selbst entzündet, überall empor, und begegneten sich aller Orten, und während dies alles in Deutschland und Preussen geschah, wurden auch die Bewohner der übrigen nordischen Länder, Dänemark, Norwegen, Schweden, vielleicht auch Litthauen, Polen und Russland von der Gluth des Schweissfiebers ergriffen. In Stettin zeigte sich die Krankheit am 31. August unter der Dienerschaft des Herzogs *). Am 1. September erkrankte die Herzogin selbst mit vielen Hofleuten und Bürgern in der Stadt, wenige Tage darauf zählte man schon einige Tausend von der Seuche Befallene, und es war keine Gasse, in der nicht. tagtäglich einige Leichen angemeldet wurden. Doch währte diese Schreckenszeit nicht viel länger, als eine Woche, denn gegen den 8. September liess die Seuche in ihrer Heftigkeit nach, sie wurde nicht weiter gefürchtet, und es erkrankten nur noch Einzelne *). An demselben Tage, nämlich am 1. September, war die Krankheit in Danzig, funfzig Meilen weiter östlich, und griff auch hier so vernichtend um sich, dass sie in kurzer Zeit an 3000 Einwohner wegraffte *). Andere sagen sogar 6000, doch gelten diese, für Danzig gewiss zu hohen Angaben wahrscheinlich von einem grössern Theile Preussens. Darf man einem ungenannten Berichterstatter Glauben beimessen *), so liess die Seuche schon nach fünf Tagen nach, und

Allgemeiner Ausbruch um den 1. September.

Stettin, den 31. August.

1) Euric. Cordus.

2) Gruner, It. p. 23.

3) Nämlich Dienstag nach Johannis Enthauptung (den 29. August), die auf einen Sonntag fiel, da Aegidi (den 1. September) ein Mittwoch war. Die Zeitbestimmung ist hier durchgängig nach Pilgram's Calendarium chronologicum.

Danzig, den 1. September.

Ende den

überhob dann die Einwohner der tödtlichen Angst, 6. September,

die bis zur Wiederkehr der Besinnung überall nur
das Unrechte und Schädliche zur Abwendung der Ge-
fahr ergreifen liess.
In Augsburg finden wir das Schweissfieber am
6. September. Es währte auch hier nur sechs Tage,
warf gegen 1500 Einwohner auf das Krankenlager,
und tödtete von ihnen mehr als die Hälfte, man sagt
gegen 800*). In Köln ganz um dieselbe Zeit, wie
aus den Aeusserungen des Grafen von Newen ar,
eines dortigen Prälaten hervorgeht, der seine Schrift
über diese Krankheit am 7. September beendigte *).
In Strassburg aber um etwa zehn Tage früher, näm-
lich den 24. August. Hier erkrankten in einer Wo-
che gegen 3000 Einwohner, doch starben nur sehr
wenige °).
In Frankfurt a. M. wurde -gerade (vom 7. Sep-
tember an) die Herbstmesse gehalten, als dort die

1) Klemzen, S. 255. – 2) Curicke, S. 271.
3) Kronica der Preussen, fol. 191. b.
4) Stettler, II. S. 33. – 5) Bei Gratorol. fol. 74. b.
6) Gruner, It, p. 25., nach handschriftlichen Chroniken.

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Verbreitung.

Schweisssucht herrschte *), woher denn die auch in
neuerer Zeit *) wiederholte Meinung entstand, die rei-
senden Kaufleute hätten die Krankheit von da durch
ganz Deutschland vertragen, und in eben diesem Mess-
verkehr wäre die wesentlichste Ursache der grossen
Verbreitung der Schweissfieberseuche zu finden. Nach
den angeführten Thatsachen bedarf eine so kleinliche
Ansicht keiner Widerlegung. Das Schweissfieber war
flüchtiger, als die damaligen Fracht- und Reisewagen
auf ungebahnten, grundlosen Landstrassen, denn „es
konnte so bald kein Gerücht von der Krankheit wo-
hin kommen, so kam die Krankheit mit *).“
Zwischen den angedeuteten Gränzen blieben wahr-
scheinlich nur einzelne Städte und Dörfer von der
Schweissfieberseuche verschont, und es möchten viel-

leicht nur wenige Jahrbücher dieses an grossen Ereig

nissen so fruchtbaren Zeitalters aufzufinden sein, in denen der gewaltigen Geissel des Jahres 1529 nicht auf irgend eine ausdrucksvolle Weise Erwähnung geschähe. Doch war das Schweissfieber nach der Art grosser Volkskrankheiten ohne allen Zweifel sehr ungleich verbreitet, und es liegt am Tage, dass je weiter nach Süden es im Ganzen desto milder wurde, wie denn auch alle die Orte, in denen es später ausbrach, ohne Vergleich weniger litten, als die in den ersten Tagen des September und in den letzten des August heimgesuchten, denn will man auch die schwüle Hitze nach dem 24. August, die doch wahrscheinlich nicht lange anhielt, weniger in Anschlag bringen, so

1) Franck, fol. 253. a.
2) Von Joseph Frank, in der neuesten Ausgabe seiner

Praxeos medicae universae Praecepta. – Vergl. Gruner, It. p. 28.
3) Klemzen, S. 254.

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