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Westwärts nach Irland drang das Schweissfieber nicht
vor, und eben so wenig überschritt es die schottische
Gränze; die Geschichtschreiber, die über ein so ge-
fürchtetes Ereigniss gewiss berichtet haben würden,
wissen davon durchaus nichts. Das Trauerspiel sollte
sich anderswo entwickeln, andere Völker sollten dar-
in auftreten.
Hamburg war der erste Ort des festen Landes,
wo das Schweissfieber ausbrach. Hier waren die Ge-
müther noch in grosser Aufregung von den Begeben-
heiten der letzten Monate. Die Evangelischen hatten
nach langen und leidenschaftlichen Kämpfen die Päpst-
lichen endlich überwunden. Eben erst hatte man un-
ter Bugenhagens weiser Leitung das grosse Werk
der Kirchenverbesserung vollendet, die Klöster aufge-
hoben, die Mönche entlassen, Schulen eingerichtet, und
der Friede kehrte wieder im Genusse der kirchlichen
Freiheit. Da erschien unvermuthet gegen den
25. Juli die gefürchtete Seuche, von der man schon
so lange und so oft Wunderbares gehört. Sie er-
regte sogleich, wie bisher immer in England, allge-
meine Bestürzung, und bevor man sich noch von Eng-
ländern, oder von Deutschen, die in England gewesen
waren, von ihrer Behandlung so oder so unterrichtet
hatte, tödtete sie täglich 40 bis 60, und im Ganzen
innerhalb 22 Tagen !) gegen 1100 Einwohner, denn
so viele Särge waren in dieser Zeit von den Schrei-
nern verfertigt worden. Die Dauer des grossen Ster-
bens – so wollen wir das stärkere VWüthen der Seu-
che nennen – war indessen bei weitem geringer, und
kann füglich auf etwa neun Tage bestimmt werden,

Ausbruch in

Hamburg, den denn aus dem erhaltenen Bruchstücke eines Briefes aus Hamburg, der von einem dortigen Burgemeister am 8. August nach Wittenberg gesandt wurde, geht hervor, dass schon einige Tage früher niemand weiter am Schweissfieber gestorben war, als einer oder zwei Trunkenbolde, und man um diese Zeit wieder Athem

1) Von Jacobi, den 25. Juli, bis zu Mariae Himmelfahrt, den

15. August. Staphorst, a. u. a. O.

25. Juli.

Sterblichkeit.

Ende um den schöpfte "). Danach ist denn auch die unverbürgte

5. August.

Nachricht zu beurtheilen, dass die Krankheit noch gegen vierzehn Tage länger gewährt habe, und der Menschenverlust auf 2000 gestiegen sei. Jedenfalls kündigte sich aber die Seuche dem Festlande mit derselben Bösartigkeit an, die ihr von Ursprung an eigenthümlich war, und wenn in der Entfernung die Angaben über die Sterblichkeit in Hamburg immer höher und höher gesteigert wurden * ), so war gewiss Grund genug zu Uebertreibungen dieser Art vorhanden, die ohnehin in Zeiten so grosser Gefahr nicht ausbleiben. Die Geschichtschreiber der damals schon mächtigen und gebildeten Handelsstadt haben im Ganzen nur wenig über dieses wichtige Ereigniss berichtet, wie dies wohl leicht erklärlich wird aus der anhaltenden Beschäftigung der Gemüther mit den heiligsten Angelegenheiten des Menschen, und dem altherkömmlichen

1) „Denn so schrieb ein Burgermeister von Hamburg, am Sonnabend fur Laurentii (d. i. den 8. August) M. D. XXIX. iar, Hie stirbt, Gott lob, an der Schwitzenden seuche niemand mehr, und ist auch in etlichen Tagen niemand gestorben, an allein einer oder zwehn trunckenbölt, die sich nicht regiren wollen.“ Ein Regiment u. s. w. Wittemberg,

2) So steht z. B. irgendwo im zweiten Bande von Leibnitz Seriptores rerum Brunsvicensium, es wären in Hamburg 8000 Menschen am Schweissfieber gestorben. – Ein unbekannter Chronist bei Staphorst, Th. II. Bd. I. S. 85. giebt 2000 an.

kurzen Verweilen der Volkskrankheit, die wie eine vorüberschwebende Lufterscheinung rasch und besonnen beobachtet werden musste, wollte man der Nachwelt des Aufzeichnens werthe Angaben hinterlassen. Doch haben sich unter einem Ballast nichtssagender Allgemeinheiten einige Nachrichten über ihren ersten Ursprung erhalten. So soll das Schweissfieber sich nicht eher in der Stadt gezeigt haben, als bis ein Schiffer Hermann Evers gerade um die angegebene Zeit (den 25. Juli) aus England zurückgekehrt sei, und mit ihm am Bord viele junge Leute (ausser den Matrosen wahrscheinlich auch Reisende), von denen in zwei Tagen wohl zwölf an dieser Krankheit gestorben wären "). Diese Verstorbenen waren nach einer andern Angabe nicht in England, sondern unterweges auf dem hohen Meere erkrankt, und die Seuche brach aus, nachdem die noch übrige Mannschaft gelandet war. Hierüber haben wir noch die ganz

glaubwürdige Angabe, dass in der Nacht nach der

1) „Darnegst im Jar 1529 gegen Jacobi hefft Godt alweldig gesandt ene greulicke Kranckheit aver de Stadt van Hamborg, welcke was de schwetende Sicke, de is in negenderley Unterscheding, welcke begunde, als de Schipper Herman Evers quam uth Engelland gegen Jacobi mit velen jungen Gesellen, darvan sturven sulliken in twe dagen wohl 12 Personen, de da bevillen in de Süke, welcke tho Hamborg und in andern Landen was unbekandt gewesen, so dat neen Minsch levede so old, de der kranckheid geliken gedacht hedde.“ Unbekannter Augenzeuge bei Staphorst, Th. II. Bd. I. S. 83. – Ein anderer äussert sich darüber ebendas. S. 85.: „De Anfanck der Kranckheit was uth Engelland, den da was Volck underwegens bevallen, do de up dat Land kämen, und de by de kämen, kregent ock, dat idt so manck dem gemcnen Mann kam.“ – Unbestimmte Angaben finden sich bei Adelung, S. 77. Stelzner, Th. II. S. 219. in der kurzgef, Hamb. Chr. S. 45. und vielen anderen.

Schiff aus
England.

Landung von Hermann Evers vier Menschen in Hamburg am Schweissfieber gestorben seien *). Fassen wir diese an sich sehr werthvollen Nachrichten, an deren vollkommener Glaubwürdigkeit wir keinen Grund finden zu zweifeln, ein wenig schärfer ins Auge, so muss vor allem in Erwägung kommen, dass das Schweissfieber in England schon seit mindestens einem halben Jahre als Volkskrankheit aufgehört hatte –, dass das Vorkommen desselben in einzelnen Fällen zwar nach allgemeinen Ansichten nicht weggeleugnet, aus geschichtlichen Angaben aber durchaus nicht erwiesen werden kann, dass also der Verkehr der Schiffsgesellschaft von Hermann Evers mit irgend einem Schweissfieberkranken in England zu den ganz unbestätigten Vermuthungen gehört. Bringen wir dagegen in Anschlag, dass die Nordsee schon in gewöhnlichen Jahren sehr nebelreich ist, so dass sie bei wehenden Nordwestwinden die dicksten Regenwolken über Deutschland herabsendet, erwägen wir, dass sie im Jahre 1529 noch viel dichtere Nebel als sonst aufsteigen liess, so zeigt sich uns auf ihren Wellen die Hauptursache des englischen Schweissfiebers in ihrer stärksten Entwickelung, wir können daher mit grösster Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Schweissfieberseuche unter der Gesellschaft von Hermann Evers selbstständig und ohne englische Mittheilung ausbrach, vielleicht in ähnlicher Weise, wie einst auf den Schiffen Heinrich's VII. Hierzu

1) „So balde didt Ship tho Hamborch qwam, begunden de Lude auer de gantze Stadt thosteruen, undt der Morgens horde men dadt 4 darinne gestoruen weren.“ – Aus Reimar Kock's handschriftlicher Chronik von Lübeck. (Die Excerpte daraus verdankt der Werf der Güte des Hrn, Professor Dr. Ackermann in Lübeck.)

kommt, dass die Schiffe der damaligen Zeit überaus unreinlich gehalten wurden, und das Leben auf ihnen bei schlechter Kost höchst unbequem und unzuträglich war, so dass selbst bei kleineren Seereisen der Scharbock, der Schrecken der damaligen Seefahrer, leicht zum Ausbruch kam. Endlich haben wir auch noch ganz bestimmte Nachrichten, dass in den nördlichen Meeren Ungewöhnliches vorging, so dass auf stärkere Entwickelung krankmachender Einflüsse in der Seeluft mit vollem Rechte geschlossen werden kann. So bemerkte man während der Fastenzeit in Stettin mit grosser Verwunderung, dass Delphine in grosser Anzahl das frische Haff herüber bis an die Brücke kamen, während die Ostsee viele todte Thiere dieser Art auswarf *). VWas aber nun den Einfluss der von Schweissfiebergeruch durchzogenen Gefährten von Hermann Evers auf die Bewohner von Hamburg betrifft, so ist keinesweges zu leugnen, dass ihr Verkehr mit Menschen in den unreinen und engen Gassen dieser Handelsstadt einen Anstoss zum Ausbruch der Schweissfieberseuche gegeben haben möge, insofern sie den schon vorhandenen Zunder noch entzündbarer machten, oder den ersten Funken hineinwarfen, – doch kann nicht in Abrede gestellt werden, dass unter den obwaltenden Umständen die Schweissfieberseuche auch ohne den Schiffer Evers über Deutschland hereingebrochen wäre, wenn auch vielleicht erst einige Wochen später, und vielleicht nicht zuerst in Hamburg, dessen Bewohner durch die täglichen Nordseenebel zur ersten Aufnahme der mörderischen Krankheit allem Anscheine nach bevorrechtet waren.

1) Klemzen, S. 254. Man glaubte, das Ostseewasser wäre vergiftet.

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