Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

umschreibende form). Da nämlich dieses tempus in der ältern zeit auch die functionen eines gewöhnlichen präteritums hatte (für die präsentische bedeutung bietet das sanskrit nur sehr wenige beispiele), so wurde es neben den beiden andern präteriten, imperfect and aorist, fast überflüssig und wegen der schwierigkeit seiner bildung kam seine weiterentwicklung ins stocken. Die griechische sprache versuchte erst dann dasselbe auf alle verba auszudehnen (was übrigens niemals ganz gelungen ist), als das bedürfniss sich regte, für den perfectbegriff, der bei Homer noch regelmässig durch den aorist ausgedrückt wird, eine besondere form zu gewinnen. Die lateinische und die deutsche sprache, welche dabei blieben, das alte perfectum als präteritum zu verwenden und darüber die beiden andern präterita verloren (denn das lateinische imperfectum ist, von eram abgesehen, eine neubildung der lateinischen sprache), mussten wegen dieses erweiterten gebrauchs zu dem auskunftsmittel zusammengesetzter formenbildung greifen, wo sie es nicht mit alten wurzelverben zu thun hatten (vgl. die lateinischen perfecta auf vi ui uod si, die deutschen präterita auf -te, gothisch da plur. dêdum). In zusammenhang mit diesen andeutungen muss ich auch noch die gewöhnliche, auch von dem vf. (p. 4) ausgesprochene meinung negiren, dass das griechische perfectum niemals als präteritum gebraucht werde; vielmehr zeigt das homerische avwyu an zahlreichen stellen und eben so einige andre perfecta noch deutlich, dass die verwendung desselben als erzählendes tempus der ältern gräcität eben so wenig fremd war, als den verwandten sprachen.

Völlig unbegreiflich ist mir, was den verfasser zu der meinung berechtigen kann, dass in der allerfrühesten zeit dem zweiten aorist die reduplication ein characteristisches und nothwendiges bildungselement gewesen sei, so dass für die nicht reduplicirenden aoriste der epischen sprache ein ausfall der reduplicationssilbe anzunebmen sei, p. 291. Ich begnüge mich diese hypothese za signalisiren, ohne es für nöthig zu halten sie zu widerlegen.

Die gemachten ausstellungen mögen dazu dienen, allen denjenigen, welche, weil ibnen selbständige kenntniss der sprachvergleichung abgeht, geneigt sein möchten der auctorität des vf. zu folgen, einige vorsicht bei benutzung des buches anzuempfehlen.

H. D. M.

3. Indices lectionum et publicarum et privatarum quae in academia Marburgensi per sem. aestivum - MDCCCLXX habendae proponuntur. Praemisssa est Leopoldi Schmidtii de tractandae syntaxis graecae ratione commentatio. Marburgi V. p. 15. 4.

Der vf. vertheidigt seine ansichten über die bedeutung des optativus und coniunctivus ohne und mit äv, welche er 1868 in der abhandlung de omissa apud optativum et coniunctivum äv particula erörtert hatte, gegen die einwürfe Ch. Thurots in der Revue critique d'histoire et de literature 1869, p. 371 f. und des ref. im Philol. Anz. 1869, p. 2 ff. Wenn er Thurot gegenüber festhält, dass jeder form und fügung eine eigenthümliche und von der jeder andern verschiedene bedeutung zukomme, dass wir also nicht auf eine blos äusserliche beobachtung dessen, was vorkommt, beschränkt sind, so hat er ohne zweifel recht. Auch darin, dass der schein, als ob zwei ausdrucksweisen dasselbe bedeuten, darauf zurückgehe, dass der sache nach beide möglich seien, die stimmung des schreibenden aber nun gerade der einen den vorzug gegeben habe. Nur versteht ref nicht, warum dann G. Hermanns verfahren subradiculum genannt wird (p. 3): denn um bei dem beispiel des vf. zu bleiben, dass ñv mit conj. auch da stehen könne, wo wir jetzt el mit dem conj. finden und umgekehrt, so leugnete Hermann das nicht, er sagte nur, dass dann ein etwas anderer sinn darin liege. Und worin unterscheidet sich von der erklärung beider constructionen durch Hermann (p. 3) die psychologica explicatio des yfs, wenn er p. 12 sagt: ab eis locis, ubi el positum reperitur, quidam animi affectus non est alienus ! Ueberhaupt glaube ich nicht, dass subridiculum eine für Gotfrid Hermanns ansichsichten, auch wenn sie unrichtig sind, passende bezeichnung ist.

Wenn ferner feine unterscheidungsgabe als die wesentliche eigenschaft des griechischen geistes auch in den sprachlichen erscheinungen bezeichnet wird (p. 1 ff.), so ist richtig, dass es eine dieser wesentlichen eigenschaften ist, aber eben so sehr wird die gabe in verschiedenen erscheinungen das gemeinsame zu erkennen und statt der verschiedenen bezeichnungen derselben sie unter einer zusammenzufassen, in der sprache erkannt werden müssen, wie sie sich im aufgeben des ablativus locativus und instrumentalis, im allmählichen verschwinden des duals und anderem zeigt.

Aber wenn eine verschiedenheit in der betrachtung und behandlung sprachlicher erscheinungen auf das engste mit dem volkscharakter zusammenhängt und Engländer, Holländer, Franzosen immer mehr sich sorgfältiger äusserlicher beobachtung der thatsachen, Deutsche dem nachdenken über die innern gründe der verschiedenen ausdrucksweisen zuwenden werden, so dürfen doch auch wir uns, so hoch wir unser verfahren stellen mögen, der frage nicht entziehen, welcben einfluss der sprachgebrauch geübt habe. Auch der vf. giebt wohl zu, dass, um auch hier bei verwandtem zu bleiben, die möglichkeit eines vīr äv pohl, nálnoi, róx' ởv note quuóv óleoon in attischer zeit wie in den tagen Homers bestand, aber der gebrauch dagegen entschieden hatte. Wie sollte es also nicht pflicht des grammatikers sein sorgfältig zu erforschen, was etwa von dem sprachlich vollkommen berechtigten in einzelnen zeiten und gattungen durch den gebrauch beseitigt worden sei? Und bei der durchbildung der attischen prosa durch den unendlich viel. fachen gebrauch der gerichte, der volksversammlung, der sophistisch - philosophischen unterhaltung, der komödie hat die festsetzung einer festen, herkömmlichen ausdrucksweise für gewisse Fendangen und gestaltungen des gedankens mit ausschliessung anderer sprachlich sonst durchaus richtiger und möglicher fügangen nichts auffallendes. Lässt sich ein grund sagen, warum Isokrates immer uetá, nie our gebrauchte ? Oder dass ivu damit nie är bei sich hat, wohl aber iva wo? Wie nun aber, wenn die überlieferung der handschriften schwankt? Sollen wir, wenn irgend etwas an einer oder ein paar stellen in schlechten handschriften erhalten ist, was als sprachlich möglich erscheint, dies sofort für richtig halten, wenn die überlieferung guter bandschriften auf einen andern festen sprachgebrauch hinweist und wenn wir wissen, dass nach auffindung guter handschriften in vielen stellen das längst beseitigt ist, was jetzt in einigen wenigen nach schlechten festgehalten werden soll? Oder auch, wenn die besten handschriften einmal, zweimal etwas allenfalls erklärbares haben, während sie an einer menge von stellen das

dem sonst feststehenden sprachgebrauch entsprechende bieten oder das widersprechende selbst beseitigt haben? So freut sich ref., dass auch der vf. ův bei dem optativus futuri im selbstständigen satze verwirft (p. 14), obgleich es an ein paar stellen die handschriften bieten, kann aber für üv mit dem indic. futuri weder dem vereinzelten är i Fre bei Plat. Civ. 10, 615 D und noch we. niger dem optativ mit üv abhängiger sätze bei Lys. I, 22 und Xen. Cyr. 7. 3, 10, die vf. p. 14 f. beibringt, irgend eine be. weiskraft zugestehn. Bei Plato hat ref. schon zu Lykurg p. 98 úrnšer vermuthet und findet dies, das ja gar keine änderang ist, auch jetzt noch dem zusammenhang durchaus entsprechend. In der stelle Xenophons hätte Abradatas in jedem fall nicht gesagt τι αν ποιήσας Kύρω χαρίσομαι, wie der vf. meint, sondern xupioõuau: da nun die handschriften in der abbängigen rede ti år - yaplooito haben, so muss man das für einen gewöhnlichen fehler statt xupiouito halten. Bei Lysias hat ref. freilich zu Lykurg p. 97 auch oidèv üv - Xutuhri youto vertheidigt, aber xuruhan Buveiv und der ganze zusammenbang zeigen, dass Tūr žrındaíwv masculinum sei und I. Bekker also mit der leichten änderung oùdéva recht hatte. So bewährt es sich denn, denkt ref., dass die stelle Platons geändert werden müsse, 80 gut als die von L. Herbst (über üv beim futur im Thukydides. Hamburg 1867, p. 23) angeführte stelle des Xenophon An. 2, 5, 13 äv xoduseofa, wo Hertlein xohúoulote hergestellt hat, weil sie in ihrer vereinzelung dem sonst feststehenden sprachgebrauch gegenüber nichts beweisen können. Denn ref, will einmal zugeben, dass úv mit ind. fut. möglich sei; ob es das sei, was ref. bezweifelt, gehört nicht hierher. In so weit, aber auch nur in 80 weit hat ref. in der anzeige der früheren abhandlung des vfs. von einem entscheiden nach der zahl der stellen gesprochen und muss auch noch jetzt daran festhalten, obgleich er sonst dem urtheilen nach mehrheiten nicht minder als der vf. p. 14 abgeneigt ist.

So wünschte ref. noch über manche punkte und einzelne stellen sich mit dem vf. auseinanderzusetzen, aber die anzeige ist schou so zu lang geworden.

H. S.

4. Grammatische studien. Eine sammlung sprachwissenschaftlicher monographien in zwangloser folge. Zweiter theil. Die syntax von Quom und die entwicklung der relativen tem. pora im ältern latein. Von Eduard Lübbert. 8. Breslau, Ferdinand Hirt. 1870. - 1 thlr. 15 sgr.

Die vorliegende schrift kann mit bestem gewissen als eine würdige fortsetzung des bekanntlich vor drei Jahren mit der optersucbung über den conjunctiv perfecti und das futurum exactum im älteren latein begonnenen unternehmens bezeichnet werden. Auch diese arbeit ist mit dem sorgfältigsten fleisse, vorzüglicher methode, seltenem scharfsinn ausgeführt, sie ist in derselben klaren und liebenswürdigen sprache geschrieben und bietet gleichfalls sichere und höchst werthvolle resultate, mittelst deren zum ersten male die entwicklungsgeschichte der partikel quom ganz ins reine gebracht wird.

Die resultate, deren übersicht durch die practische zusam. menstellung der belege nebst dem critischen apparate in der beilage wesentlich erleichtert ist, sind folgende. Für Plautus zunächst ergiebt sich als ganz unzweifelhaft, dass bei demselben quom in jedweder bedeutung, temporaler, explicativer, causaler, adversativer, an und für sich den indicativ bei sich hat; ist ein conjunctiv damit verbunden, so ist derselbe entweder ein freier oder durch den eigfluss der abbängigen rede oder durch assimilation an einen anderen conjunctiv veranlasst, nicht durch quom bedingt. Von den dieser regel widersprechenden stellen sind Asio. 395. Stich. 31. Merc. 980 augenscheinlich corrupt (sollte an letzterer stelle nicht der versausgang gelautet haben redduxi (vix] domum ?), Mil. gl. 1287 ist lückenhaft überliefert, Epid. I, 2, 8 gehört einer durch den Ambrosianus als unecht er. wiesenen verrgruppe an (in der neuesten ausgabe steht freilich anch hier der indicativ temperas statt des conjunctive temperes der vulgate ohne jede andeutung einer abweichung der handschrif. ten, ob auf grund der benutzten Studemundschen collation des Vetus oder nur in folge bekannter Geppert'scher akribie?), Truc. II, 4, 30 heilt dieselbe handschrift, für Truc. I, 2, 61 schliess. lich ist ausser dem von Lübbert für die änderung des überlieferten conjunctiv in den indicativ beigebrachten grunde zu beachten, dass gerade in diesem stücke mit den endungen und zumal im versschlusse in der schlimmsten weise umgesprungen wird. Für Terenz wird dasselbe gesetz durch eine so grosse zahl von stellen bestätigt, dass die drei von Lübbert als demselben wider

« ZurückWeiter »