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4. Waffen, Pferde und sonstiges Kriegsmaterial der Königl. hannoverschen Armee werden von besagten Offizieren und Beamten an preußische Commissare übergeben.

5. Auf speziellen Wunsch Sr. Excellenz des Herrn comman. direnden Generals v. Arentschildt wird auch die Beibehaltung des Gehaltes der Unteroffiziere der Königl. hannőversdien Armee speziell zugesagt.

Langensalza, den 29. Juni 1866. gez. v. Arentschildt,

gez. Freiherr v. Manteuffel, Generallieutenant, commandirender General Gouverneur in den Elbherzogthümern, der Hannoversdien Armee.

Generallieutenant und Generaladjutant Sr.

Majestät des Königs von Preußen.

Am 30. Juni begann der Rücktransport der einzelnen Abtheilungen der Hannoverschen Armee über Magdeburg nach Hildesheim und Celle; am 4. Juli traf Generallieutenant v. Arentsdildt in Hannover ein und entlic daselbst sein Hauptquartier; am 5. Juli war die Auflösung der hannő verschen Armee beendet. Sie hatte einen schönen Tod gehabt; ruhmreich

, wie sie gelebt, jo starb sie; niody im Untergehn hatte sie gesiegt.

Schlußbetrachtung.

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NS bleibt nod) cine Sdluß. betrachtung. Die Tage, die dem Gefecht und der Capitu: lation von Langensalza vor ausgingen waren, ebenso wie Tage mühsamer Märsche, so auch Tage eines diploma. tischen Schachspieles. Es war eine Doppelpartie. Auf dem

strategischen und diploma. tischen Felde wurde hin und her gezogen. Das eine Spiel becinflußte das andere.

In unsrer bisherigen Darstellung, um nicht zu verwirren, haben wir lediglich die strategischen Züge gegeben; wir zeigten, wie von Tag zu Tag der Kreis fich enger schloß, bis am 28. Abends der matt und müde gemachte Gegner wie in einem Kessel stand. Er war umstellt, sein Loos entschieden. Al dies haben wir zu schildern gesucht.

Es ist aber unerläßlich, eh wir zu einem andren Abschnitte übergehn, der begleitenden diplomatischen Verhandlungen in aller Kürze Erwähnung zu thun.

Hannoverscherseits ist nämlich jederzeit behauptet worden, daß es nicht an seinen cignen Fehlern, auch nicht an der Gesdicklichkeit oder Tapferkeit seines Gegners, sondern lediglich an preußisder List und an bairischer Untreue zu Grunde gegangen sei. »Unsre Feinde täuschten uns und unsre Freunde ließen uns im Stich.“ Also: Verrath überall.

Wir halten dies für grundfalsch und die Anklage nach beiden Seiten hin für völlig unberechtigt.

Preußen soll hinter Verhandlungen seine anfängliche militairische Schwäche gedeckt haben, um Zeit zu gewinnen; Baiern soll Zusagen gemacht und aus Nancüne oder Jndolenz diese Zusagen nicht gehalten, den Bundes. genossen geopfert haben. Aussagen und Anklagen aller Betheiligten stehen sich schroff einander gegenüber.

Ohne unter diesen Aussagen abwägen zu wollen, treten wir, die

gegnerische Anschauung zunächst als Basis nehmend, an die streitige Frage heran, an die Frage: woran scheiterte Hannover? Gut also, es soll erwiesen sein, daß Preußen nur unterhandelte, um Zeit zu gewinnen und es soll feststehen, daß Baiern ausblieb, trobem e8 kommen konnte. Beide Zugeständnisse können Hannover nicht freisprechen, denn es hatte bis zulegt das Spiel in der Hand; es ging weder an List, noch an Untreue zu Grunde, sondern an cigener Unentschlossenheit. Wir knüpfen daran feinen Vorwurfi aber das dürfen wir fordern, daß die Schuld nicht auf Schultern gelegt wird, die nicht gebunden sind, sie zu tragen. Das wahrste Wort, das in dem endlosen Durcheinander laut wurde, ist doch das Wort des vielgeschmähten Prinzen Karl von Baiern, der einfach aufstellte: >20,000 Mann können sich unter allen Umständen durchschlagen.« ®)

Unter allen Umständen, auch unter den ungünstigsten. Und wie günstig umgekehrt lagen die Umstände für Hannover! Bis zum 20. stand auf der Linie Gotha - Eisenach wenig oder nichts; bis zum 24. war das, was da war, eine Coulisse, die spielend durchstoßen werden konnte; am 25. und 26., wo immer man auch den Durchbruch versuchen mochte (ob bei Gotha oder bei Eisenach), war man im Stande, in dem Verhältniß von 2 zu 1 aufzutreten und selbst am Abend des 27. noch, wenn man sich zu einem kühnen Entschlusse aufraffen und die Kräfte aufs äußerste hätte anspannen wollen, wär es möglich gewesen, an dem en déroute zurückgehenden Detachement Flies vorbei, oder auch durch dasselbe hindurch den Thüringer Wald und die Vereinigung mit den Baiern zu gewinnen. Aber man zögerte und schwankte, schwankte und zögerte von Anfang bis zu End und trat gern in jede Verhandlung ein, einmal weil sie den Entschluß ersparte oder hinausschob, andrerseits weil nicht Preußen blos seine arrière pensées hatte (wenn es sie hatte), sondern das hannoversche Hauptquartier nicht minder. Wenn wir auf Beyer warteten, so warteten die Hanno. veraner auf die Baiern. Wir waren nidyt listiger als unser Gegner, aber wir waren glüdlicher. Ein Geschick vollzog sich. Es sollte so sein.

Seitdem wir das Vorstehende schrieben, hat die fortgesepte Contro. verse das Material bereichert und die Situation geklärt. Die Anklage

*) General v. d. Tann sagte später, im Einklange mit diesem Ausspruche, sehr richtig: „ Man wirft der bairischen Führung vor, die Hannoveraner im Stich gelassen zu haben, man hätte mehr Recht, ihr vorzuwerfen, ihren ursprünglichen Plan dem Hirngespinnst König Georgs geopfert zu haben. Prinz Karl hatte vollkommen Recht, als er einem Abgesandten der Hannoveraner erwiederte, daß eine Armee von 20,000 Mann sich überall durchschlagen müßte. Aber wenn diese Armee fidh gar nicht durch zuschlagen braucht, sondern einfad) durch in arschiren fann und es nicht thut, so kann man uns doch feinen Vorwurf madjen.“

Hannover8 ist inzwischen auf das bestimmteste dahin formulirt worden: »daß ein am 24. Nachmittags durch den Herzog von Coburg veranlaßtes, einzig und allein dem preußischen Jnteresse dienendes Telegramm, das Entkommen der Hannoveraner gehindert habe.« Die Anklage richtet sich also nur noch mittelbar gegen Preußen; in erster Reihe trifft sie den Herzog. Bei der Wichtigkeit der Sache gehen wir auch nachträglich noch auf die Streitfrage ein.")

Die Situation am 24. Nachmittags 3 Uhr war die folgende:

Die hannőversche Armee hatte sich von Langensalza aus gegen Eise. nach gewandt, tas nur von zwei preußischen Bataillonen gehalten wurde. Die Avantgarde des Gegner8 stand bereits an den Zugängen der Stadt; hannoversche Geschüße nahmen Position auf den Höhen im Norden. Oberst v. Bülow, Führer der Avantgarde, war eben im Begriff vorzugehn und den Durchbruch zu erzwingen, als von dem in Gotha anwesenden hannő. verschen Major v. Jacobi ein Telegramm eintraf, dahin lautend, »daß Feindseligkeiten zu vermeiden seien, nachdem die in den Verhandlungen von Hannover gestellten Bedingungen auf preußischer Seite Annahme gefunden hätten. Auf dies Telegramm hin unterblieb alle weitre Action; eine Waffenruhe wurde verabredet; in der Nacht trafen preußische Verstärkungen ein; am andern Morgen war die Wegnahme von Eisenach mindestens er: heblich erschwert. Der richtige Moment war verpaßt. Ursache: das durch den Herzog von Coburg inspirirte Telegramm des Majors v. Jacobi.

So weit Uebereinstimmung. Aber nun beginnt die Controverse über den heiflen Punkt: in welchem Sinne und zu welchem Zweck wurde jenes Telegramm erlassen? - Die Hannoveraner sagen: um den Durchbruch zu hindern; die Preußen, beziehungsweise die Coburger, behaupten: um den Conflict zu hindern.

Wer hat Recht? Wir wollen den Hannoveranern ihre Auffassung nicht verübeln, aber sie werden zulegt selber zugeben müssen, daß über die Intentionen eines Wortes schließlich doch derjenige am ehsten und besten wird Auskunft geben können, der dies Wort gesprochen hat. Ist der, der es sprach, noch dazu ein deutscher Fürst, so ist es mit bloßen Suppositionen und Interpretationen nicht gethan, so lange nicht Thatsad) en vorliegen, die jenes Wort Lügen strafen. An solchen Thatsachen aber gebrid)t es durch aus. Es ist wahr, daß ein um Mittag beim Herzoge eintreffendes Schreiben aus dem hannoverschen Hauptquartier die Verhandlungen als abs

*) Jm Uebrigen, wie immer man sich zu dieser Frage stellen und ob man an preußisd). coburgische List glauben will oder nicht, unter allen Umständen halten wir den S. 36 ausführlicher behandelten Saß aufrecht, daß es sowohl vor wie nad jener Episode, die wir, wenn es denn mal so sein soll, als die „Ueberlistungs- Episode“ bezeichnen wollen, durchaus bei Hannover lag, sich selber zu helfen. Vor dem 25. leicht, nach dem 25. (dywer. Aber immerhin, eine volle Kraft und Energie vorausgeseßt, nicht ohne jegliche Aussicht auf Erfolg.

gebrochen bezeidznete, aber in eben diesem Schreiben erklärte sich der König Georg erbötig, »mit fem von Sr. Majestät dem König von Preußen ihm zugesendeten Generaladjutanten v. Alvensleben in Verhandlungen einzutreten, um allem Blutvergießen und dem Bedrucke der Einwohner möglichst vorzubeugen.« Eine Verhandlung war also abgebrochen, um in der nächsten Stunde schon wieder aufgenommen zu werden. Eine Art Zwischenzustand lag vor, den es doch mindestens erlaubt sein mußte, ebenso gut für hoffnungs voll als für hoffnungslos anzusehn. Der Herzog, wie es ihm als Vermittler zukam, hoffte eben und in diesem Sinne handelte er. Es liegt kein Grund vor, dieser Auslegung oder Erklärung zu mißtraun. Ein Verhängniß war über Hannover. Unbestimmtheit, Unklarheit des Wollens lähmten von vornherein alle Action, gestatteten dem einen diese, dem andern jene Auffaffung von den Intentionen des Königs, und führten endlid) zu jener Katastrophe, »deren Ursachen man sich nicht entschließen fonnte, in der eigenen Brust zu suchen.“ Freiherr v. Seebach, der die Verhandlungen theilweis leitete, sagte später mit Recht: »... Zu jeder Zeit hat man in Fällen, wie der vorliegende, die Arglist und den Verrath heraufbeschworen, und um so lieber als sie den Betrogenen adeln und den Starken verächtlich machen. Der Schlüssel zu allem Unheil, das über das Haus Hannover kam, liegt einfach in den Worten v. d. Tanns ausgesprochen: » König Georg wollte sein Land nicht verlassen, – das ist die Auflösung des ganzen Räthsels. Er hätte geruht, die bairische Hülfe anzunehmen, um die Preußen aus seinem Lande hinauszujagen; aber sich und seine Armee dem Bundesfeldherrn unterzuordnen, das war ihm ein unerträglicher Gedanke.«

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